Wir haben nachgefragt

Wie es Studierenden und Dozenten ohne Präsenzveranstaltungen ergeht


Prof. Dr. Sabine Anselm, LMU

Leiterin der Forschungsstelle „Werteerziehung und Lehrerbildung“
Studiengangskoordinatorin für die Didaktik der deutschen Sprache und Literatur


Seit dem Start ins Digitalsemester ist ein knappes Vierteljahr vergangen. Die Herausforderungen bleiben trotz aller agil erworbenen Routinen weiterhin gewöhnungsbedürftig: Seminarveranstaltungen finden immer noch ausschließlich medial vermittelt statt und Vorlesungen werden als asynchron zu konsumierende Screencasts zum Download produziert. Für beides waren und sind improvisierte Aufnahmesettings sowie professionelle Nachbereitungen nötig. Die Formel dafür lautet: Doppelter Aufwand und halb soviel Feedback. Nach einer inhaltich-konzeptionellen Gestaltung erfolgt jeweils die mediale Umsetzung. Zunehmende Übung erleichtert zwar die Aufnahmen und die Postproduktion, doch die Motivation dazu muss auch noch nach 3 Monaten einem internalisierten Arbeitsethos entspringen. Eine Belebung durch mehrdimensional-multisensorische Begegnungen im Hörsaal fehlt weiterhin. Ganzheitliche Wahrnehmungen mit spezifischen Raumeindrücken, Geräuschen und Gerüchen bleiben weitgehend auf das Homeoffice beschränkt und die meisten Kommunikationsteilnehmer*innen sind oftmals unsichtbare Beobachter*innen, denn die Kameras vieler Studierenden bleiben ausgeschaltet. Die face-to-face Kommunikation wird zu einer face-to-screen Kommunikation. Jede Form der Interaktion muss geplant und versprachlicht werden – auch in allen anderen Teambesprechungen. Ganz besonders fehlt der spontane und motivierende Blick-Kontakt, der Grundlage für inspirierende Kommunikationsräume gemeinsamen Verstehens ist. Letztlich lacht und spricht jeder und jede für sich allein bzw. tatsächlich nicht mit und zu, sondern vor anderen – um es mit der Klassifikation der Bildungsstandards des Faches Deutsch zu formulieren. Dazu trägt nicht zuletzt die Stummschaltungsfunktion der Mikrofone bei.

Laura Ruhland

Universität Passau
Studienfächer: Englisch, Geographie und Ethik


Aufstehen, zurechtmachen, schnell alles für die Uni packen und dann, je nach Zeit- und Wetterlage, mit dem Fahrrad, Moped oder Bus in die Uni oder Arbeit fahren. So sah bei mir jeder Semestermorgen in den letzten Jahren aus. In den längeren Mittagspausen habe ich mich oft mit Freunden zum Essen und Reden getroffen, bin in die Arbeit gefahren oder hab mir einen Platz in der Bibliothek gesucht, um zu lernen. Doch dieses Semester ist alles anders; ich stehe auf, mache mir manchmal noch ein Frühstück und setzte mich dann sofort vor den Laptop, um über Zoom einer Vorlesung oder einem Seminar beizutreten. Und ich muss sagen, es funktioniert besser als gedacht. Ich hatte anfangs so meine Zweifel, doch nachdem ich bereits in der ersten Semesterwoche ein Referat samt PowerPoint-Präsentation halten musste und alles reibungslos verlaufen ist, finde ich langsam gefallen an dem „Online-Semester“. Ich kann in der halben Stunde, die zwischen den Vorlesungen und Seminaren liegt, einfach mal schnell die Wäsche waschen, das Geschirr abspülen, Staub wischen oder Einkaufen fahren. All das mache ich normalerweise, wenn ich abends von der Uni nachhause komme und eigentlich nur noch etwas kochen sowie mich für den nächsten Tag vorbereiten möchte. Trotz der organisatorischen Vorteile im Alltag, vermisse ich das reale Campusleben doch sehr. Neben den sozialen Aspekten, wie mit Freunden treffen oder sich mit seinen Kommilitonen nach dem Seminar auszutauschen, fehlt es mir auch, mich in den Pausen in die Bibliothek zu setzten. Dort zu lernen oder mir ganz einfach Bücher ausleihen zu können, ohne dass ich diese erst vorreservieren und zur Abholung einen Termin buchen muss. Außerdem finden etwa 1/3 meiner Vorlesungen asynchron statt, d.h. in meinem Fall PowerPoint Präsentationen mit oder ohne Audiodateien + Literatur des Dozenten + eigene Literatur. Dabei nicht den Überblick zu verlieren und das Relevanteste herausfiltern zu können, ist manchmal schon etwas schwierig. Mein Nebenjob an der Berufsschule fällt im Moment auch völlig weg, das bedeutet zwar mehr Zeit für die Uni, aber gleichzeitig auch einen finanziellen Nachteil.

Vor ein paar Tagen haben wir erfahren, dass die Lehre für das komplette Sommersemester digital bleibt, also in diesem Semester keine Präsenzlehre mehr stattfinden wird. Das war zwar vorherzusehen, stimmt mich selbst aber doch etwas traurig. Zum Thema Prüfungen haben wir bisher noch nicht viele Informationen bekommen, da heißt es abwarten und Tee trinken.