Corona

Kolumne zum Thema: „Corona-Gedanken einer Studentin“

von Katharina Weber (Studierendenvertretung bpv)

19. April 2020



Es war in der ersten „Isolationswoche“, als ich mich zusammen mit meiner Mitbewohnerin zu Fuß auf den Weg gemacht hatte, um Lebensmittel für die bevorstehende Woche einzukaufen – öffentliche Verkehrsmittel vermieden wir da schon eine ganze Weile und außerdem war der Weg zum nächsten größeren Supermarkt eine gute Gelegenheit, trotz Ausgangssperre auf eine gesunde Schrittanzahl zu kommen – , als sie plötzlich nach einer längeren Gesprächspause stehen blieb und zu mir meinte: „Du, ich fühl mich gerade so befreit. Ich weiß, das hört sich jetzt total blöd an, aber ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so unbeschwert war wie gerade.“

Hm. Was sollte ich darauf sagen? Im Grunde ging es mir ja ähnlich …

Nicht ganz genauso. Schließlich hatte ich mein Erstes Staatsexamen nicht – wie sie – schon erfolgreich in der Tasche, sondern saß gerade vor dem riesigen und scheinbar unbezwingbaren Berg, der sich Zulassungsarbeit nennt. Aber ich konnte nichtsdestotrotz gut genug nachvollziehen, wie sie sich in dem Moment fühlte. Denn auch mein „Hamsterrad“ aus universitären Veranstaltungen, Nebenjob I, Nebenjob II, Ehrenamt hier, Nachhilfe da, Sport am Morgen, Freunde am Abend … war mit der Schließung öffentlicher Einrichtungen und dem Beschluss der Ausgangssperre zur Einschränkung des Corona-Virus nun das erste Mal seit Beginn des Studiums langsam zum Stillstand gekommen. Nur zum richtigen Verständnis: Freilich beinhalteten die vergangenen neun Semester auch unzählige, ganz wunderbare Tage und Wochen, in denen man das berüchtigte Studentenleben in vollen Zügen genossen hatte. Aber im Hintergrund hatte sich das Hamsterrad ja dennoch unermüdlich weitergedreht und wer Nächte durchfeierte, der musste sich am nächsten Morgen im Büro eben entscheiden, ob er auf die besorgte Frage seines Chefs, ob alles ok sei, ehrlich antwortete oder sich irgendeine gute Ausrede einfallen ließ. Am besten eine andere als die von letzter Woche …

Und dann verkündete unser bayerischer Ministerpräsident also: Schulen und Unis offiziell geschlossen. Auch Bibliotheken bis auf weiteres nicht mehr zugänglich. Und: Zu Hause bleiben, auf Kontakte verzichten, zwei Meter Sicherheitsabstand zu allem und jedem! Bevor man selbst überhaupt realisieren konnte, was da gerade passierte, galt es schon, die besorgten Eltern am Telefon zu beruhigen: nein, das Essen wird uns auch wirklich nicht ausgehen, ja, wir haben genug Fiebersenkmittel für den Notfall da. Glücklicherweise beschränkten sich in meinem Fall die universitären Pflichten ja wirklich „nur“ auf die Zulassungsarbeit, sodass mir zumindest die schlaflosen Nächte erspart blieben, die einige meiner Studienkollegen aufgrund der Unsicherheit hinsichtlich des weiteren Verlaufs ihrer unterbrochenen Staatsexamensprüfungen durchleben mussten.

Aber im Prinzip war alles gut, alles klar. Und jetzt? Erst mal freie Zeit zu Hause also. Wie aufregend! Das hat ja wohl niemand von 2020 erwartet. Endlich Zeit für so viele liegengebliebene Dinge! Die will möglichst optimal ausgenutzt werden, also gleich nach dem letzten „herabschauenden Hund“ die Yogamatte wieder aufgeräumt, das obligatorische Blogger-Bananenbrot noch schnell aus dem Ofen geholt und ran an den Frühjahrsputz, aber so richtig, volles Programm mit Vorhänge-Waschen ... auch zum ersten Mal seit Studienbeginn. Abends heißt es dann: Treffpunkt Küche zum Gourmetrezepte-Nachkochen mit der Mitbewohnerin und anschließendem Zelebrieren der kulinarischen Ergebnisse im Candlelight-Dinner-Stil, weil: zusammen is(s)t man schließlich weniger allein. Und dank Wäscheständer, Plastikbecher und Gruppenvideo-Anrufen mit der Crew ist selbst die Hausparty am – Moment: welcher Tag war heute doch gleich nochmal? … Naja, eigentlich auch egal – gerettet jedenfalls!

Parallel dazu aber auch: eine unglaubliche Flut an Informationen von allen Seiten. Pressekonferenzen, Nachrichtensendungen, Extra-Shows und natürlich sämtliche Social-Media-Kanäle berichten über die sich stündlich verändernde Lage, die wirtschaftliche Totalkatastrophe, die steigende Anzahl der Infektionen, die immer strikter werdenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens, Grenzschließungen, Lebensmittel- und Klopapierengpässe, nicht vorhandene Lebensmittelengpässe und unverantwortliche Hamsterkäufe, währenddessen immer mehr Todesfälle in Italien, Spanien, New York, wo gerade zwei Freunde festsitzen, Prognosen über ausgelastete Krankenhäuser mit zu wenig Betten und Beatmungsgeräten und dazu verschreckende Bilder von überarbeiteten Ärzten beim verzweifelten Kampf um Menschenleben.

Und weil man so viel Zeit zum Nachdenken hat, kommen sie plötzlich alle ganz unverblümt hoch, diese Gefühle. Ganz viel von diesem sogenannten Weltschmerz, innerliches Mitleiden mit den Betroffenen und ihren Angehörigen und das schlechte Gewissen gegenüber Menschen, die gefühlt alle mehr arbeiten, helfen und sich für andere engagieren als ich, die Studentin, mit meinem wöchentlichen Senioren-Einkauf. Und auf der anderen Seite wieder ganz egoistisch die Sorge um die eigenen Familienmitglieder mit einer ordentlichen Portion Einsamkeitsgefühl wegen der fehlenden echten, sozialen Kontakte, aber auch Freude über die zusätzlich zur Verfügung stehende Zeit, Zeit für sich und lange vernachlässigte Bedürfnisse und Dankbarkeit für die eigene Gesundheit – ein Hoch auf Ingwer-Kurkuma-Shots!

Wie lange lässt sich dieses tägliche, innere Auf-und-Ab wohl noch aushalten? Da wünsch‘ ich mir doch langsam mein Hamsterrad wieder zurück. Da drin war’s nämlich eigentlich auch ganz schön. Obwohl eines klar ist: es wird nicht mehr so werden, wie es vorher war. Denn etwas hat sich verändert. Das hinter den Masken hervorblitzende Lächeln fremder Menschen auf der Straße, das zufällige Gespräch mit der alten Omi am Hauseingang, die Pfannkuchen mit selbstgemachter Marmelade von der Nachbarin, die kleinen Balkonkonzerte in unserem Häuserblock, die Gute-Nacht-Umarmungen mit der Mitbewohnerin – in schweren Zeiten sind es stets kleine Gesten wie diese, die mir dann so oft den Tag retten und zeigen, was den Unterschied ausmacht. Was bis zum Schluss noch zählt, was bleibt, ist Menschlichkeit.