Es hat sich fast nichts geändert:

Vom richtigen Umgang mit Sozialen Netzwerkdiensten



Gefragter Professor für Medienethik spricht am Deutschherren-Gymnasium


Aichach (lm) – Während regelmäßig Meldungen über Cyber-Mobbing und die Veränderung zwischenmenschlicher Beziehungen durch die sogenannten Sozialen Netzwerke durch die Medien gehen, gab einer der gefragtesten Fachleute zu diesem Thema, der Münchener Professor für Medienethik Alexander Filipović, bei seinem Vortrag in Aichach zunächst Entwarnung: Bei einer von der Fachgruppe Ethik des Bayerischen Philologenverbandes unter der Leitung von Michael Lang organisierten Lehrerfortbildung und Schülerveranstaltung berichtete der bislang einzige Professor für Medienethik mit philosophischem Schwerpunkt, dass sich durch die von Jugendlichen und jungen Erwachsenen intensiv genutzten Netzwerkdienste wie Facebook, WhatsApp und Twitter weniger ändere als oft unterstellt.

Zwar sieht Filipović wie auch andere das Internet als die größte Revolution in den Medien seit der immerhin 500 Jahre zurück liegenden Erfindung des Buchdrucks, weit wichtiger also als beispielsweise die Einführung des Fernsehens vor 50 Jahren. Kommunikation werde jedoch von jeher durch die verfügbaren Techniken beeinflusst und wandele sich daher ständig, wodurch sich das Handeln der Menschen aber nur wenig ändere. Problematisch sieht er in erster Linie die fehlende Gestaltung und Kontrolle des Internets und der Sozialen Netzwerkdienste durch Staat und Gesellschaft: „Wenn man sieht, wie wenig die Gestaltung des Internets zum Beispiel in Wahlkämpfen eine Rolle spielt: Das ist eine Katastrophe.“ Im Übrigen werde das soziale Handeln durch die Erreichbarkeit zahlloser anderer über beliebige Distanzen lediglich unübersichtlicher und erhöhe so den Bedarf an ritueller Selbstinszenierung, was manche zunächst befremdlichen Statusmitteilungen erkläre und entschärfe: Sie seien also nicht wörtlich zu verstehen, sondern lediglich als Erkennungszeichen bestimmter Gruppen, vergleichbar graphischen Symbolen wie dem Peace-Zeichen früher auf Jacken.




Große Veränderungen sah der Referent indes für die Medien selbst und veranschaulichte dies am Beispiel der gedruckter Nachrichtenmagazine, deren Leser und Inserenten inzwischen zunehmend zu weniger gründlich recherchierten, aber kostenlosen Nachrichtenportalen und Blogs im Internet abwanderten: „Man kann ihnen beim Sterben zuschauen.“ Allerdings entstehe durch die Vorfilterungen von Suchmaschinen, Webshops und Nachrichtenportalen, die jedem Nutzer möglichst nur die Nachrichten, Bücher etc. zuleiten, die seinen Interessen und seinem bisherigen Nutzerverhalten entsprechen, die Gefahr von „Filterblasen“. Der Konsument drohe mit ihn und seine Interessen bestätigenden Nachrichten und Unterhaltungen ruhig gestellt zu werden, während er womöglich Wichtigeres nicht erfahre und mangels neuer Anregungen sich weniger weiterentwickele. Diese Gefahr gebe es bei von Journalisten ausgewählten klassischen Zeitungsnachrichten nicht, die eben dafür aber auch bezahlt werden müssten.

Als Grundregel empfahl Filipović daher Lehrern wie Schülern einerseits die möglichst sparsame Preisgabe von Daten an Suchmaschinen, soziale Netzwerkdienste und Online-Händler. Wie der Philosoph an zahlreichen Aussagen bekannter Netzaktivisten belegte, sei das Internet durch die verdachtslose Überwachung staatlicher Nachrichtendienste und den privaten Datenhandel großen Stils durch Google, Facebook und andere Firmen in eine neue Phase der Überwachung eingetreten: Wenn Facebook im Februar für den Kauf des kostenlosen und folglich zunächst nicht gewinnbringenden Netzwerkdienstes WhatsApp 19 Milliarden Dollar ausgab, so sei dies nach Expertenmeinung hauptsächlich für die von WhatsApp aus den Handy-Telefonbüchern seiner Kunden gesammelten 99 Prozent aller Telefonnummern der Welt geschehen. Andererseits dürfe man sich auch nicht täuschen lassen von der scheinbaren Freiheit des Netzes, da die Formen der Kommunikation von den Betreibern der Netzwerkdienste vorgegeben seien und damit auch die Inhalte beeinflussten.


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