BILDUNGSEXPERTEN-GIPFEL

Differenziertes Schulsystem stärken – schulartspezifische Lehrerbildung ausbauen – gymnasiale Herausforderungen aktiv gestalten

Das Gymnasium als wichtige Säule des differenzierten Schulsystems muss und kann die Herausforderungen der Zukunft bewältigen – wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Zu diesem Ergebnis kamen Bildungsexperten beim internationalen „Bodenseetreffen“, einer jährlich stattfindenden Austauschplattform von Lehrkräften höherer Schulen aus Baden-Württemberg, Bayern, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz. Zur Bewältigung der Herausforderungen benötigen Lehrkräfte jedoch mehr Freiraum im Unterrichtsalltag, etwa zum gegenseitigen Hospitieren, und Vielfalt in den Inhalten.

Schulartspezifische Lehrerausbildung stärken

Die Herausforderungen, vor denen das Gymnasium als Schulart steht, sind für den Bayerischen Philologenverband (bpv) nur durch eine schulartspezifische Lehrerausbildung in Universität und Referendariat zu stemmen. Michael Schwägerl, Vorsitzender des bpv, dazu: „Für die Aufgaben der Zukunft – mit Digitalisierung, politischer Bildung, MINT-Förderung und Persönlichkeitsentwicklung sind nur einige Stichpunkte genannt – brauchen wir fachliche und pädagogische Spezialisten als Lehrkräfte an den Schulen. Jede Form der Angleichung geht auf Kosten der Qualität, und das können und dürfen wir unseren Kindern nicht zumuten.“

Freiheit in der Bildung als höchstes Gut

Für Josef Kraus, Ehrenvorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes (DL), steht Freiheit in der Bildung als Gut vor der Gleichheit. Den Egalitarismus, der mit der Gemeinschaftsschule in das Bildungssystem Einzug hält, bezeichnete er während des Bodenseetreffens als „Ersatzreligion“. „Schule ist keine Einrichtung zur Herstellung von Gleichheit, sondern zur Förderung von Verschiedenheit, von Individualität.“ Und daher sei es wichtig, in allen gesellschaftlichen Bereichen auch Eliten auszubilden.

Guter Unterricht entsteht, wenn Praktiker von Praktikern lernen

Handfeste Kritik an den eigenen Fachkollegen kam von Rainer Dollase, Professor für Erziehungswissenschaft: Die Grenzen der empirischen Bildungsforschung lägen darin, zwar allgemeine Aussagen zu treffen, aber sich nicht an Praxis zu orientieren: „Statt die Lehrerausbildung zu reformieren, müsste man die Professoren in die Schulen schicken.“ Guter Unterricht könne sich nur entwickeln, wenn Praktiker von Praktikern lernen, also durch Hospitieren, Freiraum für gegenseitige Unterstützung und kollegiales Feedback. Angesichts des differenzierten Schulsystems ging er noch einen Schritt weiter und prophezeite, dass Differenzierung und Individualisierung in Zukunft eine noch stärkere Rolle spielen würden.

Breite Bildung statt Orientierung am scheinbar Praktischen

Konrad Liessmann, Universitätsprofessor aus Wien, betont die Grundbedingungen für gelingende Bildung: Freiheit und Vielfalt des Stoffangebots. Nur durch eine breite Bildung und nicht nur die Orientierung am scheinbar Praktischen – z.B. dem Ausfüllen einer Steuererklärung – sei gymnasiale Bildung weiterhin möglich. Sonst passieren weitere Fehler, wie bei der Bologna-Reform: „Die verschulte Universität in vielen Bachelor-Studiengängen ist die Fortsetzung der Grundschule mit anderen Mitteln.“ Hoffnung sieht Liessmann zum Beispiel in einem gemeinsamen europäischen Literatur-Kanon, der zum Überwinden von Grenzen beitragen kann.

Beim 58. internationalen
Bodenseetreffen in Bregenz trafen sich über 100 Lehrkräfte an höheren Schulen aus Baden-Württemberg, Bayern, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz. Das Motto der Tagung, die von der Österreichischen Professorenunion (ÖPU) ausgerichtet wurde, war „Gymnasiale Bildung – Fundament unserer Zukunft“.