SCHWARZER TAG FÜR DAS BAYERISCHE GYMNASIUM

Erschüttert zeigt sich die Referendar- und Jungphilologenvertretung (rjv) im Bayerischen Philologenverband hinsichtlich der Einstellung neuer Lehrkräfte an den bayerischen Gymnasien zum neuen Schuljahr. Laut Pressemitteilung des Kultusministeriums vom 16.07.15 werden 350 Lehrerinnen und Lehrer neu an den Gymnasien eingestellt. Das ist für die Vorsitzende der rjv Lisa Fuchs eindeutig zu wenig: „Mit 534 neuen Stellen war schon der September 2014 ein schlecht bedienter Jahrgang, dass nun nur 350 Neueinstellungen vorgenommen werden sollen, ist nicht nur zutiefst bedauerlich. Diese Absicht ist auch vor dem Hintergrund, dass allein etwa 700 Stellen durch Pensionierungen, Altersteilzeit oder Beurlaubungen frei werden, überhaupt nicht nachvollziehbar.“ Dabei, so Fuchs, erklärten Politiker landauf, landab, dass die Stellen im Schulsystem blieben. „Anscheinend aber nicht am Gymnasium, dessen Stellenwert höchstens in Sonntagsreden hervorgehoben wird“, ergänzt der stellvertretende rjv-Vorsitzende Maximilian Schmieding. Schmieding ist aktuell selbst Betroffener der restriktiven Einstellungspraxis: Trotz sehr guter Leistungen im gerade abgeschlossenen Referendariat hat er kein Angebot des Freistaats erhalten. Viele frei werdende Stellen werden derzeit unter Hinweis auf die demografische Rendite und zurückgehende Schülerzahlen nicht dauerhaft, sondern lediglich durch sog. Einsatzreferendare ausgefüllt. Dabei bestünde eigentlich ein unvermindert großer Bedarf an Nachwuchslehrkräften: Insbesondere an den Gymnasien in Ballungsräumen sind die Klassen häufig immer noch groß und die Übertrittsquoten an das Gymnasium unvermindert so hoch, dass z.B. München den Ausbau und Neubau von Gymnasien plant. Auch wenn aufgrund des Zustroms an Flüchtlingen viele Lehrerstellen an den Grund-, Mittel- und Berufsschulen benötigt werden, darf dies nicht zu einem Stellenabzug vom Gymnasium führen. Für die rjv steht fest: Die Lösung des Problems kann nicht darin bestehen, die eine Schulart auf Kosten der anderen mit Stellen zu versorgen. Stattdessen müssen zusätzlich Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, um die Bedürfnisse aller Schularten befriedigen zu können.

Einstellungskorridor nur Tropfen auf dem heißen Stein – Notenschnitt 1,0 nicht gut genug für Staatsstelle?

Selbst der sogenannte Einstellungskorridor, der den besten Absolventen jeder Fächerkombination ein Stellenangebot einräumen soll und überaus begrüßenswert ist, scheint nur mehr auf dem Papier zu bestehen: Wie ist es sonst möglich, dass Spitzenabsolventen aus dem aktuellen Jahrgang zum Beispiel mit der Note 1,0 in den Fächerkombinationen Englisch/Spanisch oder Latein/Schulpsychologie, die vor einigen Jahren noch mit Handkuss eingestellt worden wären, nun auf der Straße stehen?

Teilweise deutlich daneben lagen auch die Lehrerbedarfsprognosen für das Jahr 2015, auf die das Ministerium immer wieder hinweist: Noch 2010, also in dem Zeitraum, in dem die jetzt fertig ausgebildeten Lehrer im Studium waren, wurden für 2015 820 Neueinstellungen am Gymnasium vorhergesagt. Zusammen mit den 232 Einstellungen vom Februar sind es heuer aber lediglich 582, was nur ca. 70% der prognostizierten Zahl entspricht.

Große Herausforderungen für das Gymnasium

Dabei stehen dem Gymnasium viel größere Herausforderungen bevor, als noch vor einigen Jahren absehbar: Inklusion, individuelle Förderung für leistungsschwache und -starke Schüler, die neue MittelstufePlus, die sich ab kommenden Schuljahr in der Erprobung befindet, und nicht zuletzt erhöhter Bedarf durch die Beschulung von Flüchtlingen sind Aufgaben, die nur mit mehr statt weniger Lehrkräften umgesetzt werden können.

Stattdessen werden immer mehr Stunden an den bayerischen Gymnasien durch befristet angestellte Lehrkräfte aufgefangen, die teilweise sogar in den Ferien kein Gehalt beziehen, von einer sicheren Perspektive ganz zu schweigen. So werden diejenigen Absolventen, denen man am Vortag keine Planstelle angeboten hat, am nächsten Tag in unterhälftige Verträge gedrängt, die sie oftmals aus Verzweiflung annehmen. Dies ist mitunter die einzige Möglichkeit, überhaupt im erlernten Beruf zu arbeiten und nicht auf Hartz IV-Leistungen angewiesen zu sein.

Sogar die sog. Integrierte Lehrerreserve, die eigentlich eingeführt wurde, um erkrankte oder schwangere Lehrkräfte zu vertreten, ist so knapp bemessen, dass sie oft bereits am Schuljahresanfang verbraucht ist, berichten verschiedene Schulen.

Lehrernachwuchs geht dem Gymnasium verloren

„Es kann nicht angehen, dass der Freistaat sieben oder acht Jahre lang mit viel Steuergeld Lehrkräfte ausbildet, die er dann im Regen stehen lässt. Es muss sich endlich eine weitsichtige und nachhaltige Einstellungspolitik durchsetzen, sonst kehren noch mehr Lehramtsabsolventen dem bayerischen Gymnasium den Rücken“, verlangt Fuchs. Sie verweist damit auf den Umstand, dass immer mehr Absolventen aufgrund der miserablen Aussichten in andere Bundesländer, Schularten oder auch Berufsfelder wechseln und damit für das bayerische Gymnasium dauerhaft verloren sind.


Verantwortlich für den Inhalt:
Lisa Fuchs, Vorsitzende der rjv,
Benedikt Mayer, Pressesprecher der rjv (presse.rjv@bpv.de)