EINE MAHNUNG ZU GESCHLECHTERSENSIBLER ERZIEHUNG

bpv-Kommentar zum OECD-Bericht The ABC of Gender Equality in Education

„Der OECD-Bildungsbericht über den unterschiedlichen Schulerfolg von Jungen und Mädchen in Deutschland ist in erster Linie als Appell an die Verantwortung von Eltern zu einer geschlechtersensiblen Erziehung zu verstehen“, kommentiert der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbandes (bpv) Max Schmidt die heute vorgestellte Studie. Diese bestätigt, dass es in Deutschland wie in vielen anderen Ländern ein ausgeprägtes Gefälle bezüglich der Einstellung von Schülerinnen und Schülern zu den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) gibt. Die Geschlechterdifferenzen begründeten sich jedoch lt. OECD „nicht durch angeborenes (Un)Vermögen, sondern vielmehr durch eine erworbene Haltung gegenüber der Materie, der Schule, beziehungsweise dem Lernen ganz allgemein“. In diesem Zusammenhang verwies Schmidt auf frühere Studien wie die des Wissenschaftszentrums Berlin, die – scheinbar paradox – die besseren Schulleistungen von Mädchen in vielen Fächern mit deren negativem Selbstbild erklären: Infolge traditioneller geschlechtsspezifischer Zuschreibungen des Elternhauses und der Gesellschaft würden Mädchen ihr Leistungspotenzial und ihre tatsächlichen Fähigkeiten oft zu gering einschätzen, während Jungen sich eher überschätzten. Daraus resultiere eine größere Anstrengungs- und Lernbereitschaft und – in der Folge – bessere Schulnoten seitens der Mädchen; Jungs dagegen glaubten, sie müssten sich nicht anstrengen, um erfolgreich zu sein oder gute Leistungen zu erzielen. „Jungs und Mädchen sind gleich leistungsfähig, aber nicht gleichermaßen leistungswillig“, brachte Schmidt die sich mit den Erfahrungen vieler Lehrkräfte deckenden Studienergebnisse auf den Punkt. Insofern müsse die OECD-Studie als Aufruf an die Elternhäuser angesehen werden, sich von überholten Sichtweisen auf eine angeblich von Natur aus fachspezifisch unterschiedlich ausgeprägte Leistungsfähigkeit von Jungen und Mädchen zu verabschieden und Töchter wie Söhne von Anfang an ganzheitlich zu fördern und zu motivieren.

Negativ an dem heute vorgestellten OECD-Bericht merkte der bpv-Vorsitzende allerdings an: „Die Aufforderung an eine geschlechtersensible Erziehung seitens der OECD ist zwar richtig, aber die Begründung stößt mir sauer auf: Ich sehe es nicht als erste Aufgabe unserer Schulen an, einseitig Menschen für den Wirtschaftskreislauf zu „produzieren“, die ein möglichst hohes Gehalt erzielen sollen; der umfassendere Anspruch unserer Gymnasien besteht vielmehr darin, junge Menschen auf vielfältige Weise darin zu unterstützen, ein persönlich erfüllendes Leben in der und für die Gesellschaft führen zu können.“

Für den Inhalt verantwortlich:
Peter Missy, Bayerischer Philologenverband,
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