MEHR ZEIT AM GYMNASIUM!

Der Bayerische Philologenverband (bpv) stellt Eckpunkte für ein neues neunjähriges Gymnasium vor

Eine Bestandsaufnahme nach mehr als zehn Jahren Erfahrungen mit Beschleunigung und Verdichtung im achtjährigen Gymnasium bei einer zunehmend heterogenen Schülerschaft zeigt, dass viele Schülerinnen und Schüler eine allgemeine Hochschulreife mit mehr Zeit besser erreichen könnten. Über den Winter hinweg hat der Bayerische Philologenverband (bpv) deshalb Eckpunkte für ein neues neunjähriges Gymnasium entwickelt. Diese wurden heute in München im Rahmen einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt.


Paradigmenwechsel: Unterstütztes Überspringen statt begleitetes Wiederholen

Der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbands (bpv) Max Schmidt stellte die Grundprämissen und Grundgedanken des Konzepts vor: „Zehn Jahre Erfahrung mit dem G8 in Bayern haben gezeigt: Viele Schülerinnen und Schüler würden von einer verlängerten Gymnasialzeit profitieren. Viele Eltern wünschen sich die Möglichkeit eines neunjährigen Gymnasiums für ihre Kinder. Viele Lehrkräfte sehen die Notwendigkeit für eine zeitliche Entzerrung des Bildungsgangs. Wir nehmen mit unserem pädagogischen Ansatz diese Wünsche auf und fordern einen echten Paradigmenwechsel für das Gymnasium in Bayern. Grundsätzlich soll es neun Jahre dauern. Der jetzige Lehrplan soll insgesamt entzerrt werden, dabei liegt der besondere Fokus auf der Mittel- und Oberstufe. Besonders leistungsfähige und -bereite Schülerinnen und Schüler können das Gymnasium aber auch in acht Jahren durchlaufen. Damit wird die jetzige, durch das Flexibilisierungsjahr gegebene Situation vom Kopf auf die Füße gestellt: In Zukunft sollen nicht mehr die schwächeren Schülerinnen und Schüler begleitet wiederholen, sondern die guten Schülerinnen und Schüler können eine Jahrgangsstufe unterstützt überspringen! Wir denken also das G8 vom G9 her und schaffen so eine Flexibilisierungsmöglichkeit, die Chancen eröffnet, anstatt dass nachgebessert werden muss, wenn Schwierigkeiten auftreten. So entstehen gymnasial-spezifische Zusatzangebote für besondere Begabungen bei einer gleichzeitigen Entzerrung der Inhalte für alle!“


Die Eckpunkte

Es geht dem bpv darum, die Qualität des bayerischen Gymnasiums auf hohem Niveau weiterzuentwickeln. Eine allgemeine Hochschulreife setzt neben einer hohen wissenschaftspropädeutischen Bildung, basierend auf fachlichem Wissen, auch die Fähigkeit zu eigenverantwortlichem Lernen und die Einbindung der modernen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten voraus. Die vertiefte Allgemeinbildung muss dabei auch die Verantwortung für nachhaltige Entscheidungen im Zusammenhang mit der Zukunft unserer Gesellschaft in den Fokus nehmen.

Als Eckpunkte führte Schmidt aus: „Die Unterstufe wird zunächst in den Jahrgangsstufen 5 bis 7 von allen Schülerinnen und Schülern nahezu unverändert gegenüber dem G8 durchlaufen, die Stundentafel soll sich nicht mehr als nötig ändern. Die Übertrittsentscheidung fällt somit für das Gymnasium und nicht für eine acht- oder neunjährige Form. Erst in der um ein Jahr erweiterten Mittelstufe soll dann durch eine deutliche Entzerrung der Inhalte und Stundentafeln ein entscheidender Umbau erfolgen. Gleichzeitig erhalten besonders leistungsfähige Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit des unterstützten Überspringens. Dieses Überspringen bietet auch die Möglichkeit, ein Schuljahr im Ausland zu verbringen. Im Rahmen eines institutionalisierten Fördersystems werden zentrale Inhalte der übersprungenen oder im Ausland verbrachten Jahrgangsstufe in die vorausgehende vor- bzw. in die nachfolgende nachgezogen. Die Oberstufe bzw. Qualifikationsphase ist dann für alle Schüler wieder gleich, auch hier sollen aber Inhalte entzerrt werden. Gleichzeitig wollen wir die Möglichkeit zu stärkerer Profilbildung für den einzelnen Schüler schaffen.“


Ziel: Mehr Zeit und gleichzeitig die Möglichkeit eines achtjährigen Bildungswegs

Schmidt erläuterte, dass die Ideen seines Verbandes der Mehrheit der Schülerinnen und Schüler mehr Zeit am Gymnasium erlaubten: „Diese steht dann für den Erwerb von Wissen, Kompetenzen und echter Hochschulreife, für Persönlichkeitsentwicklung und Freiräume, für individuelle Förderung, für ästhetische Bildung und für außerschulische Lernerfahrungen zur Verfügung. Und gleichzeitig wird die Option einer achtjährigen Gymnasialzeit – also eines integrierten individualisierten gymnasialen Bildungswegs – beibehalten. Die für viele Schülerinnen und Schüler hohe Belastung in der Mittel- und Oberstufe wird reduziert. Die Problematik der inhaltlichen Verdichtung, die in der Mittelstufe auf die pubertätsbedingt sensible Phase der persönlichen Entwicklung trifft, wird aus dem Weg geräumt. Gymnasiale Bildung wird für unsere Kinder und Jugendlichen wieder möglich mit einer nachhaltigen Festigung der Inhalte, mit Vertiefung und mit individueller Profilbildung. Wir sichern und festigen die allgemeine Studierfähigkeit für unsere Schülerinnen und Schüler. – Ich bin zuversichtlich, dass mit einem Gymnasium auf der Basis dieser Ideen die Dauerdebatte und nicht endende öffentliche Kritik an unserer Schulart beendet werden kann!“


Wege anderer Bundesländer sind kein Weg für Bayern

Die letzten Monate waren geprägt von diversen Lösungsversuchen der Probleme des achtjährigen Gymnasiums in einer ganzen Reihe von Bundesländern. Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes (DPhV) Heinz-Peter Meidinger erklärte, warum die dortigen Modelle keine überzeugenden Vorbilder für Bayern sind: „In Nordrhein-Westfalen wird versucht, das G8 mit weiteren Lehrplankürzungen zu entschärfen. Das kann für uns keine Option sein, denn solche Kürzungen führen zu einer inneren Entkernung des Gymnasiums, einem Qualitätsverlust des Abiturs und zu einer Gefährdung der Studierfähigkeit unserer jungen Leute. Auch die Parallelführung von G8- und G9-Zügen an einzelnen Schulen bzw. innerhalb einer Schule wie z.B. in Baden-Württemberg oder Hessen ist keine Option. Sie führt zu Ungleichheit, Unübersichtlichkeit, organisatorischen Problemen und der Konkurrenz zwischen Gymnasien. Für Familien bedeutet sie eingeschränkte Mobilität. Nicht zuletzt ist auch eine flexible Oberstufe bzw. ein „Abitur der zwei Geschwindigkeiten“ keine Option, denn so lässt sich keine Entzerrung der verdichteten Mittelstufe erreichen, das Gymnasium kommt nicht zur Ruhe und hinsichtlich des Abiturs besteht keine Vergleichbarkeit mehr.“


Vorteile der bpv-Ideen

Der stellvertretende Vorsitzende und Referent für Bildungs- und Schulpolitik des Bayerischen Philologenverbandes (bpv) Michael Schwägerl fasste die Vorteile der bpv-Ideen so zusammen: „Im Gegensatz zu anderen Lösungsversuchen liegen für mich die Vorteile unserer Eckpunkte klar auf der Hand: Unsere Schülerinnen und Schüler müssen sich nicht früh auf acht oder neun Jahre festlegen, Bayern hat ein Gymnasium. Alle Gymnasiasten haben bayernweit die gleichen Chancen. Es kommt zu einer spürbaren Entlastung, insbesondere in der Mittelstufe mit maximal 30 bis 32 Wochenstunden. Damit stehen mehr Zeit und Ruhe für Vertiefen und Verstehen zur Vefügung. Wichtige Zeitfenster entstehen für die Bewältigung gymnasialer Herausforderungen der Zukunft wie Migration, Inklusion, neue Medien oder Unterrichtsentwicklung. Positive G8-Elemente wie Intensivierungsstunden, individuelle Förderung und integrierte Lehrerreserve werden erhalten und eingebaut. Die Ausweitung eines vielfältigen Wahlangebots und damit die stärkere Berücksichtigung von Interessen, Neigungen und individuellen Profilwünschen der Schülerinnen und Schüler werden möglich. Und schließlich unterbleiben Eingriffe in lokale Strukturen: Einzelne Schulprofile, z.B. Ganztagsschulen und Zweigangebote, können weitergeführt werden.“


Umsetzung und Kosten

Abschließend erläuterte der bpv-Vorsitzende Schmidt, die Umsetzung der Eckpunkte brauche eine angemessene Planungsphase: „Ein Hauruck-Verfahren darf es nicht geben! Die Details müssen in Ruhe und auf breiter Basis durchdacht werden, bevor es dann zu einer flächendeckenden Umsetzung kommt. Und: In Ballungsräumen halte ich Gymnasien in gebundenem Ganztagsbetrieb bei entsprechendem Bedarf durchaus auch achtjährig für denkbar. Was die Kosten unseres Konzepts anbelangt, so entstehen in den Jahrgangstufen 5, 6 und 7 keine zusätzlichen Kosten, in den Jahrgangsstufen 8, 9 und 10 entstehen durch die Reduzierung der Stundentafel sogar Kapazitäten. Die Kosten für ein zusätzliches Jahr sind nicht wegzudiskutieren, aber durch den zu erwartenden Schülerrückgang beherrschbar.“ Als Perspektive für den weiteren Weg sagte Schmidt: „Die Weiterentwicklung des Gymnasiums schließt unabdingbar folgende Aspekte mit ein: erstens die Weiterentwicklung der Oberstufe, zweitens die Weiterentwicklung der gymnasialen Bildungsinhalte und drittens die Weiterentwicklung von Didaktik und Methodik des Gymnasialunterrichts und der Gymnasialpädagogik. Unser Verband wird dazu noch vor der Sommerpause einen Gymnasialkongress durchführen, der sich mit diesen Fragen beschäftigen wird!“

Die bpv-Eckpunkte für die Weiterentwicklung des Gymnasiums stehen für Sie hier zum Downloaden bereit.

Pressekomentare:

Mehr Zeit am Gymnasium!

Der bpv stellte seine Eckpunkte für ein neues neunjähriges Gymnasium vor


Erfreulich positiv fielen die Reaktionen der Pressevertreter auf die vorgelegten Eckpunkte aus (s. auch Seite 8f.):

Für die Süddeutsche Zeitung attestierte Tina Baier dem bpv, „ein klares und mutiges Konzept“ vorgestellt zu haben, es stelle eine „kluge Diskussionsgrundlage“ dar. Jürgen Umlauft befand in Der neue Tag: „Der Vorschlag der Philologen für eine Reform des bayerischen Gymnasiums könnte ein echter Befreiungsschlag in dieser seit Jahren verfahrenen Debatte werden. (...) Sicher gibt es an manchen Stellen noch Diskussionsbedarf, aber insgesamt ist das Konzept schlüssig.“ Henry Stern schrieb in Mainpost und Augsburger Allgemeine: „Der Philologenverband hat einen Vorschlag vorgelegt, der nicht nur inhaltlich schlüssig ist, sondern der CSU auch argumentative Brücken baut. Für die Schüler ist zu hoffen, dass die CSU diese Brücken nun auch nutzt.“ Im Donaukurier kommentierte Gerd Schneider: „Die Abkehr vom ungeliebten achtjährigen Gymnasium, unter Stoiber anno 2003 in einer Hauruck-Aktion eingeführt, erscheint unausweichlich. (...) Der gestern publizierte Reformvorschlag des Bayerischen Philologenverbandes könnte eine Grundlage für die Reform der Reform sein.“ In den Nürnberger Nachrichten äußerte sich Michael Husarek: “Die Philologen sind schlau genug, die im Nachhinein hinzugefügten positiven Aspekte der Stoiber’schen Hauruck-Reform zu betonen (... ) Seehofer dürfte es leichtfallen, mit dem Philologenverband den Schulterschluss zu suchen – und für den Volksentscheid der Freien Wähler einen ähnlich lautenden Vorschlag
zu präsentieren.“

pmy