SCHULISCHE INTEGRATION

TÜRKISCHE JUGENDLICHE HINKEN SCHULISCH DREI JAHRE HINTERHER - UNBEKANNTE PISA-TEILUNTERSUCHUNG NENNT GRÜNDE

Philologenverband fordert konsequente Sprach- und Leseförderung im Deutschen

In der Debatte um die schulische Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund fordert der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbandes (bpv) Max Schmidt „eine systematische, qualifizierte und ganz konsequente Sprach- und Leseförderung im Deutschen von klein auf." Für Schmidt ist das die Schlussfolgerung aus den spektakulären Befunden einer noch weitestgehend unbekannten PISA-Teiluntersuchung. In der Studie mit dem sperrigen Titel „Herkunftsbedingte Disparitäten im Bildungswesen“ beschäftigen sich die PISA-Forscher eingehend mit dem mangelnden Schulerfolg von Schülern mit Migrationshintergrund.

Türkische Schüler: Chance auf Gymnasialbesuch rund 80 Prozent geringer...
Danach hinken, so die Forscher, türkische Jugendliche in ihren Schulleistungen ihren gleichaltrigen Kameraden ohne Migrationshintergund umgerechnet rund drei Jahre hinterher. So verwundert es nicht, dass ihre „relative Chance eines Gymnasialbesuchs (....) um über 80 Prozent geringer“ ausfällt als bei Schülern ohne Migrationshintergund.

...aber bei gleichen Leseleistungen sind die Chancen gleich gut!
Dieses erschreckende Bild ändere sich allerdings vollkommen bei vergleichbaren Leseleistungen: „Bei Kontrolle der Leseleistungen der Jugendlichen verschwinden die Benachteiligungen der Migrantengruppen gegenüber der deutschen Vergleichsgruppe. Bei vergleichbaren Leseleistungen in der Verkehrssprache haben [sie] ähnliche Chancen wie Schülerinnen und Schüler ohne Migrationsgeschichte, eine Realschule oder ein Gymnasium zu besuchen.“

PISA-Forscher: „Ethnisch segmentierte Gemeinden“ eine mögliche Ursache für Defizite
Als mögliche Ursachen für die schlechten deutschen Sprachkenntnisse türkischer Schüler nennt die Untersuchung das Leben in „ethnisch segmentierten Gemeinden“, „einen höheren Grad der Schließung türkischer Familien“ und die „geringere kulturelle Orientierung der türkischen Migranten an der Aufnahmegesellschaft“. Generell gelte für Migranten, dass Kinder von Eltern, die sich selbst als ‚Gastarbeiter’ mit vorübergehendem Aufenthalt in Deutschland definieren, schlechtere Leistungen zeigen als Kinder von Eltern, die dauerhaft hier leben wollen.

bpv-Vorsitzender Schmidt: Integration kann gefördert, aber nicht erzwungen werden
Angesichts dieser Befunde plädiert der bpv-Vorsitzende für Realismus im Hinblick auf das Erreichbare: "Die von den Wissenschaftlern identifizierten Bildungshemmnisse lassen erkennen, dass der eigentliche Schlüssel zur Integration in den Zuwandererfamilien selbst liegt. Das zeigt auch das entgegengesetzte Beispiel der Kinder aus vietnamesischen Familien: Sie wechseln in Bayern zu 60 Prozent auf das Gymnasium, obwohl sie häufig ebenfalls mit ungünstigen Startbedingungen zu kämpfen haben. Allein staatliche Maßnahmen, die - zurecht - kein Zwang sein und nicht massiv in die Familien eingreifen wollen, werden immer nur eine begrenzte Wirksamkeit entfalten können. Das entbindet den Staat und damit vorschulische und schulische Einrichtungen aber keineswegs von der Verpflichtung, noch aktiver und mit großem Nachdruck die sprachliche Integration der Migranten voranzutreiben!"

Der bpv-Vorsitzende Max Schmidt ist Lehrer für Mathematik und Physik sowie Oberstufenkoordinator am Gymnasium Grafing. Im Medienrat der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) vertritt er die bayerischen Lehrerverbände.