FORDERUNGSKATALOG FÜR DIE LEHRERBILDUNG


Prof. Dr. J. Kahlert - Prof. Dr. M. Prenzel - Prof. Dr. W. Schreiber – Prof. Dr. Dr. W. Wiater:


Expertenbeirat des Bayerischen Philologenverbandes stellt Forderungskatalog für die Lehrerbildung in Bayern vor

„VIEL WISSEN IST DIE VORAUSSETZUNG FÜR KREATIVEN UNTERRICHT“


Vor dem Hintergrund der angekündigten nochmaligen Reform der Lehrerbildung in Bayern hat der Expertenbeirat des Bayerischen Philologenverbandes heute in München seinen Forderungskatalog der Öffentlichkeit präsentiert. Ihm gehören mit Prof. Dr. Joachim Kahlert (Ludwig-Maximilians-Universität München; Dekan der Fakultät für Psychologie und Direktor des Lehrerbildungszentrums sowie Beauftragter der Hochschulleitung für Fragen der Lehrerbildung), Prof. Dr. Manfred Prenzel (Technische Universität München; Nationaler Projektmanager für PISA 2003 und 2006, Gründungsdekan der neuen Fakultät TUM School of Education), Prof. Dr. Waltraud Schreiber (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt; Beauftragte für Lehrerbildung und Bildungsforschung, Professorin für Theorie und Didaktik der Geschichte) und Prof. Dr. Dr. Werner Wiater (Universität Augsburg; Lehrstuhlinhaber für Schulpädagogik, Vizepräsident für Lehre und Studierende an der Universität Augsburg) ausgewiesene Fachleute auf dem Gebiet der Lehrerbildung an.

Im Rahmen einer Pressekonferenz in München präsentierte Prof. Dr. Prenzel die Vorstellungen des Expertenbeirats für eine gute Lehrerbildung in Bayern:

  • Schulartbezogene Lehrerausbildung - Die Lehrerbildung muss schulartbezogen erfolgen, denn sowohl pädagogisch als auch fachwissenschaftlich stellen die unterschiedlichen Schularten unterschiedliche Anforderungen an die Lehrkräfte.
  • Personelle und finanzielle Ausstattung - Die Staatsregierung muss sich zu ihrer Verantwortung bekennen und die Gymnasien, Seminarschulen, Universitäten und Hochschulen personell und finanziell so ausstatten, dass sie ihre Aufgaben erfüllen können.
  • Sinnvolle Betreuungsrelationen an Schulen und Universitäten - Die Betreuung der Praktika für Studierende an Schulen und Universitäten macht Zeitkontingente für die Betreuenden notwendig. In allen Bereichen ist dafür zudem eine deutliche Absenkung der Betreuungsrelationen nötig.
  • Verbesserung von Lehre - Eine notwendige, stärker individualisierte Rückmeldung über Eignung und Befähigung für das angestrebte Berufsziel ist nur möglich, wenn das Lehrpersonal aufgrund der Zahl der Teilnehmer in den Lehrveranstaltungen dazu in der Lage ist.


Prof. Dr. Manfred Prenzel: „Potenzial der Fachdidaktiken noch nicht ausgereizt“

Einig sind sich die Experten auch darin, dass den Fachwissenschaften in der Ausbildung von Gymnasiallehrkräften eine besondere Bedeutung zukommt, wie Prof. Dr. Prenzel stellvertretend formuliert: „Gerade Gymnasiallehrer brauchen ein hohes Maß an Fachwissen. Es ist eine Voraussetzung für einen kreativen Unterricht, von dem Schüler profitieren. Guter Unterricht braucht aber mehr. In unserem Konzept an der TUM School of Education kommt daher der Fachdidaktik eine zentrale Rolle zu. Gerade im Bereich der gymnasialen Lehrerbildung sind hier noch Verbesserungen möglich. Unsere Studierenden sollen lernen, wie sie ihren Unterricht noch variabler und schüleraktivierender gestalten und damit das selbstständige Lernen stärker anregen können. Hier sehe ich an deutschen Gymnasien Potenziale, die noch nicht ausgereizt sind.“

Max Schmidt: „Gymnasiallehrer nicht schlechter als Master-Absolventen stellen“

Der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbandes (bpv) Max Schmidt wandte sich gleichzeitig gegen Vorstellungen, Lehrer müssten in ihrem fachwissenschaftlichen Studium nur noch den Schullehrplan abarbeiten: „Bei Niveau und Studiendauer dürfen zukünftige Gymnasiallehrer nicht von der Entwicklung fachidentischer Master-Studiengänge abgehängt werden. Als Lastenheft für einen Beruf, der junge Menschen auf ein wissenschaftliches Studium und die anspruchsvollsten beruflichen und gesellschaftlichen Aufgaben vorbereitet, ist der Schullehrplan eindeutig zu wenig. Erst auf einem breiten fachwissenschaftlichen Fundament können die fachdidaktischen und psychologisch-pädagogischen Kenntnisse und Fähigkeiten, über die jeder Lehrer verfügen muss, sinnvoll eingesetzt werden. Die Feststellung erfolgreicher Unternehmer ‚Kreativität hat mit Wissen und Ausbildung zu tun. Wer viel weiß, kann gezielt Wissen vermitteln und sichtbar machen’, weist uns auch in der Lehrerbildung den Weg zum Erfolg.“ Nach Überzeugung des bpv-Vorsitzenden müssen sich die besonderen Anforderungen an das gymnasiale Lehramtsstudium nicht nur in seinem spezifischen Niveau, sondern auch in der Studiendauer niederschlagen: „Der Gleichklang zwischen fachidentischen Masterstudiengängen und dem gymnasialen Lehramt muss gewahrt bleiben. Ein zehnsemestriges Studium ist für zukünftige Gymnasiallehrkräfte absolut angemessen.“ Angesichts der Überlegungen des Wissenschaftsrates, ob zehn Semester für einen anspruchsvollen Master-Studiengang überhaupt ausreichen, hält der Vorsitzende des Lehrerverbands für die Gymnasien und beruflichen Oberschulen diese Festlegung nicht nur für vertretbar, sondern geradezu für notwendig.

Als weitere Neuerung möchte der Philologenverband nach Studium und Referendariat eine professionell betreute Berufseingangsphase als dritten Teil der Lehrerbildung installiert wissen, wie sie auch von deutschen Bildungswissenschaftlern befürwortet wird. „Berufsanfänger“, so Schmidt, „sind in den ersten Jahren des Berufseinstiegs besonders heftig am Rudern. Sie wären dankbar, in dieser Phase zielgerichtete Unterstützung bei der Bewältigung von Schwierigkeiten des realen Schulalltags zu finden.“ Ein obligatorisches Veranstaltungspaket zusätzlich zur vollen Unterrichtsverpflichtung ist aber unmöglich zu schultern.“ Die feste Installierung der dritten Phase der Lehrerbildung müsse daher mit einer adäquaten Reduzierung des Stundendeputats einhergehen.

Keinen Änderungsbedarf sieht der Philologenverband dagegen in Sachen Staatsexamen und Dauer des Referendariats: Sowohl das Staatsexamen als auch das zweijährige Referendariat haben sich als qualitätsfördernde Regelungen hinweg bewährt. Als Schulpraktiker möchten wir daher daran auch nichts ändern.“ Dringend verbesserungsbedürftig, so Schmidt abschließend, seien allerdings die Arbeitsbedingungen während des Referendariats: „Der Ausbildungscharakter des Referendariats muss wieder stärker betont werden. Dazu muss die Unterrichtsverpflichtung für Seminarlehrer und Referendare auf das früher übliche Maß zurückgeführt werden: 12 – 13 Stunden eigener Unterricht pro Woche sind für Ausbilder und Auszubildende genug. Dann wird auch wieder mehr Zeit für eine intensivere Berufsvorbereitung bleiben, von der unsere Schüler nur profitieren würden! Diese für die Lehrerbildung so zentrale Phase darf nicht zu einer anonymen Massenveranstaltung werden!“


Prof. Dr. M. Prenzel und M. Schmidt, Vorsitzender des bpv