KEINE FREIGABE DES ELTERNWILLENS!

PHILOLOGENVERBAND MIT BILDUNGSFORSCHERN EINIG: FREIGABE DES ELTERNWILLENS BEIM GRUNDSCHUL-ÜBERTRITT VERGRÖßERT SOZIALE UNTERSCHIEDE

Der Bayerische Philologenverband (bpv) ist gegen die heute wieder erhobene Forderung des Bayerischen Grund- und Hauptschullehrerverbandes BLLV nach der Freigabe des Elternwillens beim Übertritt von der Grundschule auf die weiterführenden Schularten: „Solche Forderungen werden auch durch Widerholung nicht sinnvoller“, kritisierte der bpv-Vorsitzende. Es sei ein „folgenschwerer Irrtum zu glauben, dass es gerechter zugeht, wenn die Eltern frei über die weitere Schullaufbahn ihres Kindes entscheiden. Dies würde bestehende Unterschiede beim Zugang von Kindern aus unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft zu den weiterführenden Schularten verstärken anstatt zu verringern.“

So betont der ehemalige Leiter der deutschen PISA-Studie und Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Prof. Dr. Jürgen Baumert, „die Lehrerempfehlung (ist) sozial gerechter, als wenn Eltern die Übergangsentscheidung allein treffen.“ Akademikerfamilien, so erläutert Prof. em. Dr. Klaus Klemm von der Universität Duisburg-Essen, hätten ein sehr großes Interesse, ihren Nachwuchs aufs Gymnasium zu schicken. Bei einer Freigabe des Elternwillens seien vor allem sie es, die sich eher über die Grundschul-Empfehlungen hinwegsetzen. Migrantenfamilien oder sozial schwache Elternhäuser seien da oft viel zurückhaltender. Das, so Schmidt, sei aber nicht im Sinne der Schüler wie der Gesellschaft: „Ziel des Übertrittsverfahrens muss es bleiben, die für den einzelnen Schüler und seine Fähigkeiten und Anlagen perspektivisch geeignetste Schulart zu finden; die Schulart, die die beste Förderung für sein Leistungspotenzial erwarten lässt – und zwar unabhängig von sozialer oder ethnischer Herkunft.“ Dass dieser Anspruch auch insgesamt gut eingelöst wird, bestätigen Bildungsforscher wie Baumert in der letzten Auswertung von PISA 2000, indem sie feststellen: „In gegliederten Schulsystemen erfolgt die Schulformzugehörigkeit primär auf der Basis von Leistung und Fähigkeit, auch wenn zusätzlich sekundäre soziale Disparitäten auftreten.“

Auch die Kritik des BLLV an dem heuer erstmals praktizierten Übertrittsverfahren teilt Schmidt nicht: „Die Gymnasien bestätigen uns, dass gerade Eltern aus sogenannten eher bildungsfernen Schichten durch die Neuregelung, diesmal allen Viertklässlern eine Übertrittsempfehlung zu geben, dazu ermutigt wurden, ihr Kind an einer Realschule oder einem Gymnasium anzumelden. Sie ist damit ein durchaus geeignetes Mittel, noch mehr Schüler als bisher an den Vorteilen unseres differenzierten Bildungsangebotes teilhaben zu lassen.“