Satire


Danksagung – oder wie man sich die aktuelle Lage schöntrinken kann

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Herr Dr. Söder,
hoch geschätzter Staatsminister Professor Piazolo,

soeben – es ist der Abend des Dreikönigstages 2021 und ich sitze bei einem Glas Wein daheim – möchte ich mich endlich einmal persönlich bei Ihnen beiden bedanken. Mein Leben als Lehrkraft hat sich dank Ihrer Fürsorge qualitativ erheblich verbessert. Es ist schön zu sehen, wie Sie Versäumnisse der letzten Monate wiedergutmachen und mit welcher Wertschätzung Sie uns Lehrerinnen und Lehrer überschütten. Gerade habe ich auf Sie angestoßen. Haben Sie es gehört?

So haben wir heute über die Pressekonferenz des Ministerpräsidenten (ich habe Sie, Herr Piazolo, da schmerzlich vermisst) erfahren, dass die „Faschingsferien“ (offiziell „Winterferien“) abgesagt seien. Das finde ich nur konsequent. Endlich kommt uns Lehrkräften der Gesundheitsschutz zugute, den wir zu Zeiten von Präsenz- und Wechselunterricht eingefordert hatten. Na gut – wir hatten gedacht, FFP2-Masken für Lehrkräfte, Luftreinigungsgeräte und Dienstlaptops für das Home-Office und Unterricht unter Nutzung der Digitalität wären die geeigneten und erforderlichen Mittel für die Sicherung des Präsenzunterrichts. Sie haben jedoch in großer Weisheit schnell erkannt, dass das zu kurz greift. Wieso den Einzelnen schützen, wenn doch Infektionsquellen andernorts drohen? Nein, lieber kein Gesundheitsschutz in den Schulen, sondern daheim durch Distanzunterricht, jetzt, wo die Zahlen dies rechtfertigen! Und besonders durch die Streichung der Ferienwoche im Februar sorgen Sie dafür, dass nicht nur die Lehrkräfte in ihrem Virenumfeld bleiben, sondern auch die Schülerinnen und Schüler. Damit kann niemand auf dumme Gedanken kommen. Wir als Lehrer neigen in unterrichtsfreien Zeiten zum Beispiel zu so dummen Gedanken wie dem Korrigieren von Klausuren und Seminararbeiten, die Vorbereitung von Unterrichtsmaterialien für digital gestützten Unterricht und die dazu gehörenden Fortbildungen und das Nacharbeiten von Verwaltungspflichten. Der eine oder andere nutzt Ferien auch, um seine eigenen Kinder zu betreuen oder andere unsinnige Dinge zu tun (Erhaltung der eigenen Gesundheit …). Positiver Nebeneffekt Ihrer Verlautbarung ist auch, dass die Bevölkerung unsere Arbeit überhaupt wahrnimmt. In der öffentlichen Wahrnehmung ist ja der Lehrer im Homeoffice eigentlich im Urlaub, während der Schulferien sowieso. Nur deswegen konnten Ihre Äußerungen ja auch den Eindruck erwecken, dass Distanzunterricht eigentlich fast dasselbe wie Ferien seien – das wissen Sie ja gottlob besser.

Der Unterricht mit digitalen Mitteln und vorzugsweise über Videokonferenzportale - ist auch ein Grund zum Danken. Schließlich kann bekanntermaßen beileibe nicht jeder Schüler an Unterricht per Videokonferenz teilnehmen. Sei es die schlechte Internetverbindung, sei es die Sensibilität bezüglich der persönlichen Daten (Bild und Stimme), Schüler haben da ja mehr Rechte als Lehrer. Deswegen steht ja auch in der Bayerischen Schulordnung, dass die Lehrer dafür sorgen müssen, dass gleichwertiger Distanzunterricht bei jedem Schüler ankommt. Wie schön, dass Sie (ohne vertieftes Wissen bezüglich schulischer und datenschutzrechtlicher Gesetzmäßigkeiten und Rahmenbedingungen) primär die Durchführung von Videounterricht erwarten. Die Schüler, die diesen nicht empfangen können oder wollen, müssen zusätzlich alternativ beschult werden, zum Beispiel telefonisch. Das war ein wichtiger Hinweis, lieber Herr Piazolo! Die moderner ausgestatteten Kollegien verfügen ja seit dem Jahreswechsel über Dienst-E-Mail-Accounts und es ist schön, dass Sie darauf hinweisen, dass auch diese Accounts für den ergänzenden Unterricht verwendet werden können. Lehrer lieben pragmatische Lösungen. Und wenn wir die Stunden mehrfach halten, geht uns im Lockdown wenigstens unser Sozialleben nicht so ab. Noch besser wird es sicher werden, wenn wir zusätzlich die ausgeweitete Notbetreuung übernehmen (jetzt ja für alle Kinder möglich, seit alle Eltern systemrelevant sind).

Es stimmt uns zuversichtlich, dass in Sachen digitaler Infrastruktur so zukunftsweisend vorgeplant wird. Die Winterklausur der Bundes-CSU muss ja immer noch auch analog stattfinden – am Alexanderplatz in Berlin. Aber das wird sicher nicht mehr nötig sein, wenn die dort diskutierten Digitalisierungspläne Wirkung zeigen, also schon in etwa 30 Jahren. Denn spätestens dann wird das geforderte Schulfach „Programmieren“ Bayern und Deutschland in Sachen Vernetzung auf die vorderen Ränge katapultiert haben. Ich bin sicher, dass die deutschen Trockenlehrgänge (Programmierunterricht ohne Netz, W-Lan und datenschutzsichere Konferenztools) ein USP (unique selling point) der deutschen Bildungspolitik sein werden. Dann besuchen die Finnen mal uns. Bis dahin telefonieren wir gerne unsere Schüler ab, vom privaten Telefonanschluss, was wiederum die fehlenden sozialen Kontakte während des Lockdowns kompensiert: Als Lehrkraft am Gymnasium in Vollzeit unterrichte ich wöchentlich etwa 180 Schülerinnen und Schüler. Während ich das rasch erledige, können auch meine eigenen Kinder endlich an den Computer für ihre eigenen Schulaufgaben.

Last but not least dürfen wir uns und unseren Unterricht jetzt endlich nicht nur als systemrelevant betrachten, sondern als Teil des Katastrophenschutzes. Denn bisher ging es ja in den Presseerklärungen von Ihnen, Herr Söder, mehr um unsere Betreuungsleistung zur Entlastung der familiären Situationen und weniger um Bildung und Zukunftsperspektiven unserer Schülerinnen und Schüler. Die doch eher kurzfristige Absage von Schulferien trotz bestehender Ferienordnung oder gar Berücksichtigung der 75 Ferientage für Schüler und die Dienstverpflichtung der Lehrkräfte zur Gefahrenabwehr kann ja nur durch das Bayerische Katastrophenschutzgesetz und die Pflicht zur Katastrophenhilfe begründet sein, die auch die Dienststellen des Freistaats Bayern trifft. Oder sollten Sie sogar noch Zeit gefunden haben, die Personalvertretung der Lehrkräfte einzubinden, um die üblichen (wenn auch überschätzten) Usancen in Sachen Beteiligung und Mitbestimmung anzustoßen? Das würde mich selbst bei Ihrer Tatkraft wundern.

Zu guter Letzt noch ein Lob am Rande: das Verbot, vor Weihnachten die anberaumten und vorbereiteten Leistungsnachweise abzunehmen und auch die komplette Streichung von zwei Unterrichtstagen waren ein guter Schachzug. So konnten sich die Schülerinnen und Schüler noch mehr erholen (wir Lehrer waren ja dienstverpflichtet und haben uns während des vorgezogenen „Ferienbeginns“ in e-sessions fortgebildet), um Kräfte zu sparen für den (digitalen) Unterrichts- und Prüfungsmarathon, der nun bevorsteht. Ohne diese Maßnahme hätten gerade die Abiturienten die geballte Häufung, die nun nötig ist, nicht bewältigt. Für eine so augenfällig sinnvolle Entscheidung korrigieren wir nach dem Distanzunterricht über die diversen Kanäle und den Telefonaten mit „abgetauchten“ Schülern daheim gerne nachts noch schnell Klausuren, Schulaufgaben und Abiturprüfungen. Dass Sie uns zutrauen, diese Belastungen gut zu überstehen, macht uns stolz. Ich möchte nicht maßlos wirken, aber vielleicht können Sie die Wertschätzung sogar noch etwas steigern: noch eine Leistungsprämie für unsere Schulleiter – quasi stellvertretend für uns alle – wäre ein Ritterschlag für mich und für jeden meiner Kollegen an der „Unterrichtsfront“.

Eines darf ich Ihnen beiden noch verraten. Es bleibt ja unter uns. Der Anstieg des Umsatzes des Einzelhandels ist – zumindest in meinem Fall – auch Ihnen zu verdanken. Mein Weinhändler profitiert von Ihren richtungsweisenden Entscheidungen mindestens genauso wie ich :-)!

Hochachtungsvoll

D.L. (Durchschnitts-Lehrkraft)

Der Verfasser ist dem bpv bekannt. Rückmeldungen werden weitergeleitet.