Satire

Fit in die Ferien?

Die Durchschnittslehrkraft am Ende (des Schuljahres)

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Politik macht Schule

Sehr verehrte, liebe Frau Landtagspräsidentin Aigner,
hochgeschätzter Herr Kultusminister Professor Piazolo,

die Sommerferien stehen vor der Tür, und ich stehe vertrauensvoll vor der Ihren, um zu berichten, wie es um mich als Durchschnittslehrkraft am Ende dieses und an der Schwelle des nächsten Schuljahres steht. Schließlich reden ja alle über Rückblick und Ausblick – wobei „alle“ natürlich Minister, Verbandsvorsitzende, Gewerkschaftler und Vorsitzende von Elternverbänden sind. Da dachte ich, dass auch eine einfache Durchschnittslehrkraft – quasi aus der Mitte der Schulfamilie – etwas beitragen könnte. Ein paar gute Ideen für die Sommerschule und das Programm gemeinsam.Brücken.bauen habe ich auch und hoffe auf Ihrer beider Unterstützung.

Positiv ist in jedem Fall, dass selbst ich inzwischen geimpft bin – das zweite Mal steht kurz bevor, und bis zum Ende der Sommerferien werde ich einen Immunschutz haben. Mein OSK-Kollege am DG (=Durchschnittsgymnasium) ist sogar schon viermal geimpft, mit jedem zugelassenen Impfstoff einmal. Er ist ja noch systemrelevanter als ich. Bis das neue Schuljahr mit der ASV fertig geplant ist, muss er „an Deck“ bleiben. Da geht er auf Nummer sicher. Seine psychosoziale Gesundheit erscheint mir allerdings trotz Impfung deutlich gefährdet. Wenn er nicht unterrichtet, sitzt er Tag und Nacht vor dem PC und schimpft mit einem angeblichen unsichtbaren Kobold, der bei der Zeugniserstellung für die Q11 die gespeicherten Noten der W-Seminare verschwinden lässt oder ändert und die Berichte-Erstellung viertelstundenlang ausbremst. Inzwischen hat er sogar schon einen echten Kobold-Jäger gefunden, der zwar Tag und Nacht auf der Lauer liegt, die Probleme aber trotz hohem Einsatz auch nicht alle lösen kann. Wer jetzt an die Ghost Busters denkt, hat die Anspannung im Oberstufenbüro unterschätzt. Meine eigene banale Vermutung, es handele sich nicht um einen Kobold, sondern um Fehler in der Software gekoppelt mit absurd hoher Arbeitsbelastung und Schlafmangel seinerseits, weist er strikt zurück. Ich mache mir Sorgen um ihn.

Fast völlig untergegangen ist, dass die Richtlinien für die Beurteilung 2019 - 2022 für uns Lehrkräfte vor Schuljahresende in Kraft getreten sind. Die Annahme, dass Lehrer selbst nicht bewertet würden, ist ja irrig. Ganz im Gegenteil: Seit der Corona-Pandemie werden wir außer von der Schulleitung nicht nur von unseren Schülern bewertet (mit Feedbackformularen und Gesprächen, meist aber einfach implizit), nein, auch Eltern, Großeltern, Haushaltshilfen und weitere uns nicht näher bekannte Menschen machen sich ein Bild über unsere Fähigkeiten, in Videokonferenzen anonym auftretende Schülerinnen und Schüler zu motivieren und zu inspirieren. Wer jetzt an BigBrother denkt, hat übersehen, dass bei dieser Qualitäts-Doku-Serie eines deutschen Privatfernsehsenders alle Protagonisten sicht- und hörbar waren. Beim Distanzunterricht ist das nicht der Fall, denn für die Schülerinnen und Schüler galt und gilt die DSGVO. So erfährt niemand, wie beschwerlich es für Tamara ist, morgens nach dem Einloggen mit dem Leih-I-Pad der Schule wieder ins Bett zu kriechen um dort per Superlearning im Schlaf die Lernziele in ihr Hirn diffundieren zu lassen. Nicht auszudenken, welche Verletzungsgefahren von klassischen PCs im Bett ausgegangen wären. Insofern war die Bereitstellung von mobilen Schülergeräten durch den Freistaat ein seltenes Zeichen von Weitblick. Der Bund der Steuerzahler wird sicher bestätigen: Selbst Luftfilteranlagen im Klassenzimmer würden keine so hohen Lernerfolge bewirken, da der Lernschlaf in der Schule durch den Gong immer wieder unterbrochen wird. Zugegeben: Das Superlearning ist eine Methode des letzten Jahrhunderts. Andererseits gehen die Uhren in Bayern bekanntlich anders – und für die Verfechter des Dauerlüftens im Winter unter den Sachaufwandsträgern ist das höchst erfreulich.

Aber eigentlich war ich ja bei der dienstlichen Beurteilung von Lehrern wie mir. Die Richtlinien beschreiben, auf welche Art sich meine Schulleitung einen Eindruck von meinem Unterricht machen soll, um eine beförderungsrelevante Beurteilung erstellen zu können. Dabei kann Unterricht bewertet werden, der gehalten wurde, ebenso wie Unterricht, der nicht gehalten wurde, zum Beispiel, weil eine Lehrkraft seit 6 Jahren ausschließlich Familienarbeit verrichtet. Letzteres verdient ganz ohne Ironie Anerkennung. Wer unter Kapitel 7 der Richtlinien nachliest, staunt dennoch: Nach den Selbsttests in der Schule hat die Magie nun auch Einzug in die Personalführung gehalten. (s. dazu die Rolle der Magie beim K. H.-Placebo-Effekt) Die Möglichkeit, eine dienstliche Beurteilung für jemanden zu erstellen, der seit Jahren nicht am Arbeitsplatz erschienen ist, scheint wirklich Hexen- nein: Koboldswerk zu sein. Damit das ganze dennoch glaubwürdig wirkt, werden sicherlich Verwaltungsvorschriften erdacht, ausführliche KMSse der (Söderschen) ‚Exegese‘ durch die Schulleitungen zugeführt, Formulare entworfen werden…. Und alles dank Ihrer vorausschauenden Arbeit, hat der Landtag doch als Gesetzgeber mit der fiktiven Laufbahnnachzeichnung der Bewertung einer ebenso fiktiven Unterrichtstätigkeit den Weg geebnet. Darf ich es aussprechen? In diesem Fall ist Bayern seiner Zeit wirklich voraus!

Eher am Rande zu bemerken ist, dass auch die Lehrkräfte ihre Vertreter gegenüber dem Dienstherren neu gewählt haben: die Personalräte treten also mit dem neuen Schuljahr eine neue Amtsperiode an – so wie Sie ja auch regelmäßig nach Landtagswahlen. In der Schule nutzen wir solche Anlässe gerne, um fächerübergreifende Ziele des Lehrplans vertieft zu behandeln, diesfalls Demokratieerziehung und die grundrechtlich geschützte Interessensvertretung, aber auch die Personalvertretung. Mit diesem Thema hat auch mein Vorschlag für die Sommerschule zu tun:

Selbst wenn sich noch keine repräsentative Gruppe von Mitgliedern des Landtags für eine Untersuchung der psychosozialen und weiteren Folgen der Corona-Pandemie auf Politiker der Regierungsfraktionen wie der Opposition gefunden hat, ist doch davon auszugehen, dass das Programm gemeinsam.Brücken.bauen auch hier gewinnbringend eingesetzt werden kann. Schon die Abqualifizierung eines Expertengremiums wie der StIKo durch Herrn Ministerpräsidenten Söder als Laienvereinigung im Gegensatz zu den „Profis“ bei der EMA lässt auf deutlichen individuellen Förderbedarf schließen. Herrn Dobrindts Reaktion auf den Protest der StIKo (medizinische Empfehlungen hätten unabhängig von politischen Zielen zu sein), er könne den Aussagen „nicht folgen“, weist auf erhebliche Defizite in der Rezeptionsfähigkeit hin. Und Herrn Aiwangers Wunsch nach Öffnung unabhängig von Impfungen zeigt Förderbedarf auf beiden Gebieten, dem sozialen wie dem kognitiven. Diese Beispiele mögen den eklatanten Handlungsbedarf aufgrund der Corona-Kontaktbeschränkungen im sozialen wie im kognitiven Bereich belegen. Sie als Landtagspräsidentin könnten doch die Freiräume der Sommerpause einer sinnvollen Nutzung zuführen und die Demokratieerziehung wie auch die Sozialkompetenzen bei Politikern der Regierungsfraktionen fördern. Die Organisation ist für unsere Schulleitung kein Problem, solange die kultusministeriellen Schreiben zur Durchführung bis Freitag abend eintreffen. Meine Schulleitung hat bestätigt, dass Sie im Rahmen des Förderprogramms gemeinsam.Brücken.bauen mit den zu fördernden Mitgliedern des Landtags herzlich am Durchschnittsgymnasium willkommen sind. Das macht mich natürlich stolz.

Übte Kultusminister für das Programm gemeinsam.Brücken.bauen?

Mein Vorschlag wäre, dass Sie, Herr Piazolo, im Rahmen der Sommerschule als Tutor unterstützend tätig werden. Ich als Profi (!) für Schule und Bildung weiß, dass Vorbilder aus der peer-group in der Regel sehr authentisch sind und zu einer wesentlich höheren Akzeptanz bei den Lernenden beitragen. Ein wesentlicher Vorteil wäre zudem, dass Sie mit dem RHP (Rahmenhygieneplan) für die Schulen vertraut sind und damit die Sinnhaftigkeit der Corona-Regeln beim teambildenden Sportprogramm einsichtig machen könnten. (Es hat sich als fast unmöglich erwiesen, Externen den Zusammenhang zwischen der Absperrung jedes zweiten Pissoirs und der Verbesserung des Infektionsschutzes in den Duschen, die sich in geschlossenen Räumen befinden, zu erklären. (S. RHP vom 5.7.2021, Nr. 7.2.2 a)

Sie möchten wissen, wie ich als Durchschnittslehrkraft die Sommerferien verbringen werde? Nein – ich habe da gar keine Datenschutzbedenken und gebe gerne Auskunft: Den Absturz aus dem Digitalisierungsturbo und der Gewöhnung an den täglichen Distanzunterricht werde ich mit einigen E-Sessions der ALP und des ISB abfedern und so in einen begleiteten Entzug aus der Computersucht einsteigen. Zur Abmilderung des Entzugs arbeite ich mich zudem in das neue Videokonferenztool Visavid ein, quasi das Methadon des computersüchtigen Lehrers. Wie auch für andere Substitutionstherapien gilt zwar, dass es nicht so gut wie das Original ist, besser als nichts ist es aber doch. Kollege Meier und ich haben zudem eine Woche für die Selbsthilfegruppe der LfL („Lehrer für Lufthygiene“) reserviert. Da werden wir mit anderen Kollegen, die ihre Urlaubsreisen nach Spanien stornieren mussten, Entlüftungsanlagen in unsere Klassenzimmer einbauen. Die Do-It-Yourself-Anleitung des Max-Planck-Instituts aus dem Internet wirkt machbar, und solange die Baumärkte trotz der steigenden Infektionszahlen noch genügend Material haben … Neben einigen der Erholung gewidmeten Tagen belege ich dann noch einen Schnellkurs zur Qualifizierung als „Impfassistent“. Diesmal bin ich vorbereitet, wenn wir Lehrkräfte nach dem Einsatz in Gesundheitsämtern als Contact-Tracer und in den Schulen als Corona-Tester als nächstes für die flächendeckenden Impfangebote für unsere Schülerinnen und Schüler requiriert werden.

Liebe Frau Landtagspräsidentin Aigner, lieber Herr Kultusminister Professor Piazolo, aufgrund der bahnbrechenden bildungspolitischen Vorschläge für die Zielgruppe der Landtagsabgeordneten erlaube ich mir, mein Schreiben zuständigkeitshalber auch den Mitgliedern des Bildungsausschusses zuzuleiten. Bitte unterstützen Sie dieses Bauen gemeinsamer Brücken zwischen Politik und Schule. Ich bin sicher, dass alle Teilnehmer von realistischen Einblicken in die Grenzen und Möglichkeiten von Lehrkräften, Schülern und Schulen nur profitieren können!

Mit den besten Wünschen für die Sommerwochen, die für Sie genauso entspannt und erholsam wie für uns Lehrkräfte sein mögen!

Ihre

D.L.

(Durchschnittslehrkraft)

 

Hier finden Sie den ersten Brief der Durchschnittslehrkraft

Hier finden Sie den zweiten Brief der Durchschnittslehrkraft

Hier finden Sie den dritten Brief der Durchschnittslehrkraft