Satire

Der K.-H.-Placebo-Effekt

Sehr geehrter Herr Gesundheitsminister Holetschek, Hoffnungsträger, Lichtgestalt in spe,

sehr geehrter Herr Ministerpräsident Dr. Söder, Landesvater, Kanzlerkandidat der Herzen mit Dauerkarte in Bayern,

eines habe ich in den letzten Monaten gelernt: Die Hierarchie, die sich über einer bayerischen Durchschnittslehrkraft entfaltet, ist viel komplexer als gedacht: Früher dachte ich, mein Schulleiter sei an allem schuld, was ich in der Schule schlecht geregelt finde. Mit wachsender Erfahrung weitete sich mein Blick, sodass auch der Kultusminister und das Kultusministerium in mein Sichtfeld rückten. Mit dem Beginn der Coronakrise glaubte ich dann zu erkennen: als Ministerpräsident sind der eigentliche Verantwortliche Sie, Herr Söder. Aber erst mit dem Weggang von Frau Huml aus dem Gesundheitsressort wurde mir endlich klar: Das Gesundheitsministerium ist das wichtigste und höchste, dem KM quasi überübergeordnete Ministerium.

Verehrter, lieber Herr Holetschek, erlauben Sie mir daher, Ihnen auch nachträglich auf diesem Wege zum Amtsantritt zu gratulieren! Die ersten Pressekonferenzen mit Ihnen waren eine echte Freude: Ihre beruhigende Ausstrahlung, der feste Blick aus den staatstragend und dem Anlass entsprechend umschatteten Augen, nicht zuletzt der Umstand, dass selbst unser Ministerpräsident mit Ihnen keine Scherze vor den Journalisten treibt – Sie sind der richtige Mann am richtigen Platz!

Dass das übliche Pressekonferenzen-Triumvirat auch ein bißchen wie eine „Ehe zu dritt“ wirkt, also durchaus Konfliktpotential birgt, ist demgegenüber zu vernachlässigen. Und schließlich muss in jeder Ehe einer der Bestimmer sein. Ich als Durchschnittslehrkraft und als medizinische Laiin hätte natürlich gewünscht, dass Sie als Bestimmer auf die Impfung von Lehrkräften im Präsenzunterricht, also in Abschlussklassen, gesetzt hätten, eventuell sogar gleichzeitig mit den Kollegen an der Grundschule, die seit Wochen aus dem Homeoffice arbeiten. Dass jetzt Herr Söder stattdessen die rasche Impfung der Abschlussschüler ab Juni einleiten will, damit nach dem Abitur die traditionellen Feiern und Fahrten stattfinden können, ist allerdings auch ein durchaus bedenkenswerter Vorschlag und wäre ein positiver Beitrag zur Brauchtumspflege im Sinne von Art. 131 III der Bayerischen Verfassung.

Aber als Gesundheitsminister mit dem analytischen Geist eines studierten Juristen kennen Sie sich mit medizinischen Themen schon „qua Amt“ besser aus, haben das Fachwissen sozusagen mit der Vereidigung inhaliert. Seien wir ehrlich: Die meisten Lehrkräfte verstehen die Genialität des Arbeits- und Gesundheitsschutzes in der Schule nicht wirklich: die Nutzung Ihres persönlichen Placebo-Effekts als Dreh-und Angelpunkt. Als naturwissenschaftsaffine Durchschnittslehrkraft und persönlicher Fan habe ich Ihr Licht natürlich unter dem Scheffel der Bescheidenheit hervorgeholt und in unserer letzten digitalen SchiLF besprochen. Der Grad der Lernzielerreichung war überwältigend. Ich stelle ihn Ihnen hiermit gerne vor:

Die drei Phasen des K.H.-Placebo-Effekts:

Die Beschwichtigungsphase: Diesen Teil übernimmt Ihr Kollege, Herr Prof. Piazolo. Die Gesundheit stehe an oberster Stelle. Durch Selbsttests werde mehr Sicherheit gewährleistet, da sie spätestens mit Auftreten der ersten Corona-Symptome in der Regel zutreffende Ergebnisse liefern. Die Schulen seien kein Infektionsherd, die Ansteckung über Schüler weniger wahrscheinlich als ein stundenlanges Beisammensein von Angehörigen aus 20 bis 30 Haushalten außerhalb des Schulhauses – sonst müsste ja bei jeder Unterrichtsstunde die Polizei anrücken. Die Schulfamilie lauscht erschöpft der Pressekonferenz und hofft, dass etwas umso wahrer wird, je öfter man es hört. Vorteil: Wichtige Steuermittel für die wissenschaftliche Untersuchung des Infektionsgeschehens und der Präventionsmaßnahmen in der Schule können eingespart werden, da nicht sein kann, was nicht sein darf.

Die Symbolphase: Im Einklang mit dem schulischen Rahmenhygieneplan schnallen wir Lehrer uns medizinische Masken vor den Mund und halten unsere Schülerinnen und Schüler dazu an, ihre MNLs (Mund-Nasen-Läppchen) korrekt zu tragen. Auch bei 5 Grad Außentemperatur lüften wir die Klassenräume alle 10 Minuten. Positiver Nebeneffekt: Das fächerübergreifende Lernen, erfahren unsere Schülerinnen und Schüler doch, wie sich eine Gänsehaut bildet, welche Abwehrmechanismen der Körper sonst gegen Kälte hat (Zittern, Zähneklappern, Bibbern), dass ein Luftaustausch ohne Temperaturgefälle beim Lüften nicht stattfindet und wie wir mit dem Heizen der Außenluft den Klimawandel befördern können. Eine gelungene Mischung aus Infektionsschutzmaßnahme und Biologie, Physik und Geographie.

Seit Ostern zählt zur Symbolphase auch die „Jugend forscht“-Aktion mit den Selbsttests unter dem Motto „Erforsche Deine Nasenschleimhaut“. Fast magisch verbindet sich ein ganzheitlich-handlungsorientierter Unterrichtsansatz mit einer archaischen Zauberformelerfahrung: Mit eigens adaptierten Wäscheklammern werden die kleinen Kunststoffreagenzgefäße mit der Pufferlösung aufgeständert, Teststäbchen mit zitternden Fingern entnommen, das MNL vom Gesicht gezogen bevor jeder Proband mit dem Wattestäbchen in seine Nase eintaucht, dann einhändig das MNL wieder aufsetzt bevor! er das Wattestäbchen in die bereitgestellte Pufferlösung eintunkt, ausdrückt, eintunkt, ausdrückt - exakt 5 mal. Hieß es früher Krötenschleim und Spinnenbein, so wird in der Corona-Hexenküche heute Nasenschleim und Wattebausch zu einer Verbindung gebracht. Ein bißchen Hogwarts in unseren nüchternen Hallen. Wem würde das nicht zusagen. Und schon stellt sich das Gefühl ein, etwas getan zu haben. Der Erfolg ist sichtbar. Siehe: EIN Strich hat sich in der Testkassette gebildet. Der Zauber hat gewirkt und wir sind sicher.

Die Symbolphase ist die wichtigste Phase, suggeriert sie doch, dass wir dem Virus etwas Reales entgegensetzen. Es kann daher nötig sein, sie anzureichern mit Verhaltensmaßregeln wie dem Verbot, Gegenstände herumzugeben, auch wenn das die Durchführung der Selbsttests erschwert.

Die Evaluationsphase: Sinn und Zweck der Placebo-Aktion ist ohne Kontrollgruppen und Evaluation natürlich nicht sichtbar. Was also läge näher, als eine selbstverständlich ungeimpfte Lehrer-Schüler-Gruppe auch ohne Tests ins Rennen zu schicken. Dann zeigt sich ja erst, wie wirksam der K.H.-Placebo-Effekt ist. Schon aus Fürsorgegesichtspunkten werden hier Personen ausgewählt, die besonders geeignet sind (also ein Infektionsrisiko bergen), die Schule aber bald verlassen werden und so im Falle der Erkrankung keinen Unterricht versäumen: Die Abiturienten. Die Idee ist genial: Ohne verpflichtende Corona-Tests, als isolierte Vergleichsgruppe, stellen sie sich freiwillig als Probanden zur Verfügung. Die Versuchsanordnung? Schüler mit freiwilligen Selbsttests, Schüler ohne Tests, Schüler mit KP-1-Status auf Freigang aus der Quarantäne und Schüler mit hoher „Vulnerabilität“ werden in jeweils isolierten Testumgebungen für mehrere Stunden verwahrt – zum Zeitvertreib dürfen sie währenddessen Abiturklausuren schreiben – um die Auswirkungen der Aerosolanreicherung unter Laborbedingungen zu beobachten. Hier endlich zeigt sich die Genialität des K.H.-Placebos: Die wissenschaftliche Auswertung der Auswirkung mehrstündiger Kasernierung junger Erwachsener und einer heterogenen Lehrerschaft kann unter kontrollierten Bedingungen endlich erforscht werden. Was hätte demgegenüber eine von einer Universität oder Infektiologen begleitete wissenschaftliche Untersuchung gekostet!

Charakteristisch für den K.H.-Placebo-Effekt ist, dass die Phasen sich überlappen – insbesondere die Beschwichtigungsphase hält meist bis in die Evaluationsphase hinein an. Die Kontrollgruppe der bereits geimpften Lehrkräfte ist zwar noch zu klein, um valide Ergebnisse liefern zu können, dieser Mangel der Versuchsanordnung ist aber insgesamt vernachlässigenswert.

Lieber Herr Minister Holetschek, sehr geehrter Herr Minister Piazolo, mein Kollegium betrachtet es als Ehre, dem Wohl der Forschung dienen zu können! Sehr verehrter Herr Ministerpräsident, wir am Durchschnittsgymnasium schlagen hiermit Herrn Klaus Holetschek, Erfinder des K.-H.-Placebo-Effekts und Herrn Professor Michael Piazolo als maßgeblichen Mitstreiter, für den Bayerischen Verdienstorden vor – in einer Reihe mit Django Asül und Michl Müller!

Hochachtungsvoll,

D.L. (Durchschnittslehrkraft)

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