Satire

Zwischen Wechselunterricht und Radlerwadln:
Neues von der Durchschnittslehrkraft


Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Dr. Söder, lieber Herr Staatsminister Professor Piazolo,

Sie sehen es mir nach, wenn ich diesmal „lieber“ als Anrede für Sie schreibe, Herr Minister. In all den Pressekonferenzen, TV-Diskussionsrunden und sogar in den vereinzelten Tweets seit dem Dreikönigstag sind Sie mir so vertraut geworden, dass ich mich Ihnen ganz nah fühle. Ich habe mir sogar einen eigenen Twitter-Account angelegt, um nicht so lange auf die KMSse warten zu müssen. Die Wortwahl soll aber natürlich auch keineswegs ausdrücken, dass ich Sie „lieber“ hätte als unseren hochverehrten Herrn Ministerpräsidenten. Gerade von Ihnen, Herr Dr. Söder, erwarte ich mir nach dem Knalleffekt der Pressekonferenz am Dreikönigstag nach der MPK* am 10.2. (*auch ich erfreue mich inzwischen an diesen Abkürzungen, die zeigen, dass ich am Puls der Zeit bin!) ein besonderes Zuckerl. Nein, ich meine nicht die Streichung der Osterferien. Auch wenn ich sicher bin, dass viele Menschen dankbar wären. So entfiele die lästige Planung, wie man die Tage füllen könnte. Die Schwiegermutter besuchen? Mit den Kindern Ostereier anmalen? Ich sage es ehrlich: Meine Mittlere sitzt – mit Unterricht, Hausaufgaben und Freizeit – inzwischen durchschnittlich 9 bis 10 Stunden pro Tag vor dem Computerbildschirm. Abends sitzt dann der Bildschirm vor ihr auf dem Boden: Da findet per Videokonferenz ihr JiuJitsu-Training statt. Sie interessiert sich kaum noch für Haptisches – als ich den Vorschlag einer Radpartie gemacht habe, wollte sie wissen, in welchem Kanal ich die App dazu eingestellt habe. Ich verstehe das: Seit Beginn des reinen Distanzunterrichts am 16.12. ist sie deutlich gewachsen – mindestens zwei Kleidergrößen.

Ich hingegen finde, dass mein Leben wieder an Tempo gewonnen hat: Nach nur einer Woche Wechselunterricht bin ich wieder bei meiner alten Form angelangt, weil ich in Zwischenstunden aufs Rad springe, um den Distanzunterricht vom heimischen Privatgerät zu machen. Es hilft sehr, die Corona-Kilos wieder runter zu kriegen – im Gegensatz zu meinen Kollegen betrachte ich das im Sinne der Lehrergesundheit als ein Zeichen ihrer Fürsorge als Dienstherr. Sicher stärkt es auch die Abwehrkräfte gegen die Aerosole der Q12-Schüler mit ihren selbstgehäkelten MNBs. Bitter nur für den Kollegen B., der 30 km Anfahrt an die Schule hat – das lässt sich in der 5-Minuten-Pause einfach nicht regeln, und nach zwei nicht ganz billigen Strafzetteln hat man ihm jetzt den Führerschein wegen einer nicht unerheblichen Geschwindigkeitsüberschreitung entzogen. Warum er nicht von der Schule aus den Unterricht in die Kinderzimmer gestreamt hat? Das wäre selbst mit dem angekündigten leistungsfähigen Lehrerdienstgerät schwierig gewesen, weil die Übertragung ab der dritten Videokonferenz aus dem Schulhaus zusammenbricht. Deswegen beschult er seine 31 Matheschüler jetzt aus dem Lehrerzimmer mit MS Teams über sein Mobiltelefon. Sie sehen, durch den Digitalisierungsschub in den Schulen, von dem Sie so gerne sprechen, sind wir wirklich endlich auf Augenhöhe mit unseren Schülern.

Zurück zu meinen Radlerwadln: Seit ich frisch durchgelüftet nach meinem Rad-Spurt von der Schule nach Hause vom heimischen Computer aus ins virtuelle Klassenzimmer sende, ist auch das Feedback der Eltern, die an meinem Unterricht teilnehmen, positiver geworden. Dank des Wechselunterrichts mit verschärften (digitalen) Mitteln ist mein Kreislauf nämlich in Schwung. Vorher hatte ich noch diese Elternmail mit einem Verbesserungsvorschlag an meinen Schulleiter, Herrn OStD L.-T. weitergeleitet:

Damit kann auch mein Schulleiter von den Segnungen des kollaborativen Arbeitens profitieren. Ich habe ihm gleich den Verweis auf die Urlaubsverordnung mitgegeben, in der Hoffnung auf ein Incentive in Form von 3 Tage zusätzlichen Urlaubs, die ich natürlich so lange in Ferien legen würde, bis die wieder mal stattfinden. Im Vertrauen: Dem Personalrat habe ich lieber nichts von meinem Vorschlag gesagt. Ich dachte mir, dass Ihnen beiden das sicher lieber ist, wenn diese Bedenkenträger außen vor bleiben.

Kollege B musste sich übrigens mit Beschwerdemails als Feedback herumärgern. Die Eltern haben ihm mitgeteilt, dass sie die Übertragung der übrigen aus dem Lehrerzimmer gesendeten Videokonferenzen in Latein und Musik spannender gefunden hätten. Wenn Herr L. T. das erfährt ….

Überhaupt: Die dienstliche Beurteilung…

Solange da noch keine Kriterien und Standards für qualitätvollen Distanzunterricht existieren, sollen ja (eigentlich!) keine beurteilungsrelevanten Unterrichtsbesuche stattfinden. Dabei stimmt das gar nicht. Die Kriterien gibt es schon. Herr L.-T. hat angemerkt, dass man am Bildschirm schon sehen könnte, dass ich am Hals die ersten Falten bekomme und ich sollte doch den Systembetreuer deswegen kontaktieren. Der Systembetreuer lehnt die Einrichtung von Weichzeichnern ab. Seitdem trage ich Halstücher à la Hohlmeier.

Weniger relevant ist für die Beurteilung meines digitalen Unterrichts, ob die Schüler teilnehmen. Sie dürfen während der ursprünglichen Ferienwoche in Urlaub fahren und dem Unterricht fernbleiben. Ich kann das gut verstehen, so eine Pause vom Bildschirm täte uns allen gut. Für die, die keine Reise gebucht hatten, gibt es dank Ihnen, lieber Herr Piazolo, auch eine Lösung. Sie können ja nichts dafür, dass ihre Eltern sich wegen der Kurzarbeit keine Reise leisten konnten und sollen sich nicht diskriminiert fühlen: Sie dürfen dank Ihres KMS vom 29.1. am digitalen Distanzunterricht auch „von außerhalb ihres Wohnortes“ teilnehmen, also zum Beispiel bei der Tante am Bodensee (übrigens ein vorzügliches Weinanbaugebiet – habe ich schon erwähnt, dass mein Weinhändler sich wegen Burn Out eine Auszeit nehmen musste?). Mit dem Schülerlaptop der Schule nehmen sie dann von Lindau aus an meiner Stunde zum Thema „Die Bedeutung des Bienenhighways für die Artenvielfalt in Bayern“ teil. Auch Ihr Platz – Herr Dr. Söder – ist ja – wie Sie immer wieder betonen – in Bayern! Während ich mich vor der Kamera meines privat erworbenen Computers als Showmaster übe, lassen die Schüler ihre Bildschirme aus. So werde ich nicht durch die Idylle im Hintergrund abgelenkt.

Ab und zu versetzt mich diese Reinform des Frontalunterrichts in Nostalgie. So war es zu meiner Jugendzeit: Da hatte ich als Schülerin auch oft den Eindruck, dass die Lehrkraft mich nicht sieht – damals war ich allerdings anwesend. Da kann man sich als Lehrkraft heute nicht mehr so sicher sein. Marie reagierte auf meine empathische Ansprache „Marie, sprich mit mir! Lebst Du noch? Muss ich den Notarzt zu Euch bestellen?“ mit einem erschreckten „Oh, Frau D-L., können Sie die Frage noch mal wiederholen? Mein Internet hat gewackelt!“

Sie sind ja so brav. Keiner hat bisher einen Troll eingeladen oder ein Zoombombing bestellt. Unsere Stunden sind friedlich: Ich spreche, teile Dokumente mit meinen Schülern, aus 30 Wohn- und Kinderzimmern kommt ein beruhigendes, regelmäßiges „Ping“, das mir zeigt, dass sie tatsächlich noch leben, meine wunderbaren unsichtbaren Kinderlein –denn wer noch parallel den WhatsApp Chat bedienen kann, atmet auch noch.

Das wird jetzt alles anders: Mit den neuen Dienstgeräten, die Sie, Herr Piazolo, uns allen versprochen haben, werden 60 Prozent von uns endlich ausgestattet sein, um fulminante Unterrichtsstunden auf Distanz gestalten zu können, sodass alles andere verblasst. Über die Einschaltquoten eröffnen sich dann auch wahrhaft innovative und gleichermaßen valide Beurteilungskriterien. Wer mit den Grundsätzen der parlamentarischen Demokratie und bürgerlichen Freiheitsrechten bessere Einschaltquoten erzielt als GNTM könnte als Anerkennung in Zukunft auch Unterricht von außerhalb des Wohnorts erteilen dürfen.

Hochachtungsvoll

D. L. (Durchschnittslehrkraft)

 

Hier finden Sie den ersten Brief der Durchschnittslehrkraft