Fachgruppe Kunsterziehung

Stellungnahme des bpv zum Fachlehrplan Kunst im neuen LehrplanPLUS auf der Grundlage von Beiträgen der Fachgruppe

NEUE CHANCEN FÜR DEN KUNSTUNTERRICHT!

Im Neuen Museum von links nach rechts: Helmut Sacha, Sebastian Schnackenburg, Peter Gigglberger, Dr. Harald Knobling, Christiane Bauer, Manfred Leeb, Christian Odato, Markus Freidl, Edith Einwachter-Dorner

Die Jahrestagung 2015/16 der Fachgruppe Kunst fand diesmal in Nürnberg statt, denn mit dem Neuen Museum hat die Frankenmetropole ein bemerkenswertes Forum für Gegenwartskunst, Design und Architektur, das Sammlungen der freien und der angewandten Kunst zusammenführt. Dies lässt Übereinstimmungen, aber auch Bruchstellen zwischen den künstlerischen Ansätzen und den ästhetischen Erfahrungen deutlich werden, was eine unabdingbare Voraussetzung zur Klärung des Problems der Kunst in der Postmoderne darstellt. Claudia Marquardt, Leiterin der Museumspädagogik, empfing die Mitglieder der Fachgruppe, erläuterte das Konzept des Hauses und die kunstpädagogische Betreuung von Schulklassen. Anschließend führte ein Rundgang durch die aktuellen Sammlungspräsentationen.

Der Wechsel vom fachwissenschaftlichen Teil im Museum zu den fachpolitischen Themen war impliziert. Der Lehrplan PLUS, der 2017/18 am Gymnasium in Kraft treten soll und seit einiger Zeit als Entwurf auf der ISB-Seite steht, gibt klar und gut nachvollziehbar die Kompetenzerwartungen und die Inhalte für einen Unterricht vor, der sich auf die Gegenstandsbereiche Bildende Kunst, Architektur und Design sowie Kommunikation und Interaktion bezieht. Breite Zustimmung fanden in der Diskussion die Ausführungen zum Selbstverständnis des Faches und die Bestimmungen zu den prozessbezogenen Kompetenzen, die über die Jahre systematisch aufgebaut werden sollen, beispielsweise über das eigene Gestalten, insbesondere das Zeichnen. Die Fachgruppe sieht im Lehrplan PLUS eine solide Basis für einen zeitgemäßen Unterricht gesetzt. Bedenkt man die ehemaligen Versuche, unter einem vermeintlichen Zwang der Rechtfertigung, die Kunsterziehung in die höheren Jahrgangsstufen hinein immer stärker zu einem Theoriefach umgestalten zu müssen, ist diese Rückbesinnung auf die Stärken und Kernanliegen unseres Fachs zu begrüßen. Diese notwendige Korrektur haben wir immer wieder gefordert - sie wurde auch in der Lehrplanumfrage 2011 angemahnt.

Leider muss festgestellt werden, dass beim Modellversuch Mittelstufe Plus unter der Vorgabe, die Schüler zu entlasten, vorgeschlagen wurde, den Kunstunterricht zweimal für jeweils ein ganzes Schuljahr zu unterbrechen. In der 9. und 10. Jahrgangsstufe soll auf den Kunstunterricht gänzlich verzichtet werden. Diese „Löcherregel“ ist völlig unverständlich, zumal Kunst von den Schülern nie als Belastung empfunden wurde und die Kontinuität eine Grundvoraussetzung für die systematische Einübung der künstlerischen Verfahren darstellt. Schließlich sollen sich die Lernerfahrungen festigen und das eigene künstlerische Potenzial gefunden und weiterentwickelt werden. Dies ist auch ganz klar immer wieder in den Lehrplänen für das Gymnasium folgerichtig anvisiert. Wenn dieser Vorgang zweimal für ein ganzes Jahr in der äußerst sensiblen Phase der Pubertät, in der die körperlich-seelische Entwicklung auf Hochtouren läuft, unterbrochen wird, besteht die große Gefahr, dass dieses Leistungsvermögen und viele für die Heranwachsenden förderliche Faktoren verloren gehen.
Von Nachteil wäre auch, dass Lehrplaninhalte in eine frühere Jahrgangsstufe vor verlagert werden müssten und dass der Ausfall in der 10. Jahrgangsstufe zum einen ungünstige Auswirkungen auf die Einrichtung eines Additums in der Oberstufe und zum anderen auf den Anteil des wissenschaftlichen Unterrichts hätte.

Ein Schreiben unseres Verbands und ein Schreiben in Abstimmung mit dem BDK, die die Problemlage darlegten, an Herrn Staatsminister Dr. Spaenle trafen auf wohlwollendes Verständnis. In seiner Antwort verwies er auf einen Bescheid, der kurz vor Beginn des Pilotprojekts den Modellschulen, die darum gebeten hatten, gestattete in der Versuchsphase die Zahl der Fächer künftig nur noch um eins zu reduzieren. Kunst könnte damit weiterhin kontinuierlich unterrichtet werden! Allerdings sehen wir mit Sorge, dass die Gestaltungsfreiheit, die die Schulleitungen bekommen haben, an mehreren Schulen dazu geführt hat, dass keine der Poolstunden dem musisch-ästhetischen Bereich zugestanden worden ist. Ob Kunst also wieder zum Verlierer einer neuerlichen Schulreform wird oder man der von Staatsminister Dr. Spaenle in seinem Antwortschreiben geäußerten Zuversicht folgt, dass dieser Bereich zukünftigt „hinreichend repräsentiert“ sein wird und die „spezifische Bedeutung für den ganzheitlich-umfassenden Bildungsanspruch“ den Schulleitungen in ihrer Bedeutung bewusst ist, bleibt abzuwarten. Wir werden die Entwicklungen im Auge behalten und kritisch begleiten.

Einen Denkanstoß gibt ein interdisziplinäres Forschungsprojekt. Warum zeichnen, malen und schreiben wir? Welchen Gewinn bringt es uns, wenn der Stift in der Hand unsere Wahrnehmungen, Erlebnisse und Gedanken begleitet und entwickelt? Gefördert von der Staedtler Stiftung hat eine Forschungsgruppe der Friedrich-Alexander Universität und der Technischen Hochschule Nürnberg jetzt die Ergebnisse veröffentlicht. Die zentrale Rolle des Schreibens und kreativen Gestaltens für die Entwicklung des Menschen wurde aus unterschiedlichen Perspektiven untersucht. Die künstlerische Betätigung in der Schule baut eine positive Grundhaltung auf, steigert die allgemeine Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung, baut Stress ab und ist identitätsstiftend und wertvoll für die Persönlichkeitsentwicklung. Der vollständige Inhalt des Buchs ist unter http://opus4.kobv.de/opus4-fau/home abrufbar.

Hoffnung macht auch die seit einigen Jahren stark erhöhte Aufnahmezahl von Lehramtsstudenten an den beiden Kunstakademien und die zusätzliche Nachqualifizierung bereits diplomierter Künstler der freien Studiengänge an der Kunstakademie in München. Eine Besserung der angespannten Personalsituation ist also zu erwarten – vorausgesetzt es folgen auch die notwendigen Einstellungen.