Rezensionen & Buchbesprechungen

Geschichte der USA

Volker Depkat: Geschichte der USA. Stuttgart 2016: Kohlhammer-Verlag. 373 S., € 49,-

Volker Depkat, habilitiert im Fach Neuere und Neueste Geschichte, hat an der Universität Regensburg eine Professur für Amerikanistik inne. An seiner aktuellen Publikation arbeitete es die letzten 10 Jahre. So handelt es sich nicht um eine Aktualisierung seiner eher experimentell angelegten „Geschichte Nordamerikas“ von 2008, sie folgt vielmehr einem neuen, eher konventionell nationalgeschichtlich Ansatz. Dieser wendet sich speziell an ein deutsches Publikum, dessen Kenntnisse über die Geschichte der USA dem Verfasser vor allem für die Zeit vor 1917 zu wenig differenziert erscheinen.

Wenn er deshalb die Perioden „Voreuropäische Zeit und Kontaktphase, Kolonialzeit, Revolution, Frühe Republik und Bürgerkrieg, Beginn des Durchbruchs der Moderne“ vor dem „‚kurzen 20. Jahrhundert“ und den 21. Jahrhundert ausführlich behandelt, dann aus der Überlegung heraus, dass die spezifische Modernität der USA nicht zu verstehen ist, wenn man die Kolonialzeit, die Amerikanische Revolution und die Geschichte des 19. Jahrhunderts ausblendet bzw. nicht genügend würdigt: „Die USA sind nicht nur ein Land der Zukunft, sondern auch ein Land mit Geschichte“ (S. 338). Periodisierungsproblematiken thematisiert er durchaus. Depkat entfaltet die Etappen des Aufstiegs der USA zur Weltmacht, indem er die vielschichtige Geschichte entlang von thematischen Grundlinien auffächert. Am Anfang stand das revolutionär begründete Experiment in Sachen Demokratie, das bis heute nicht abgeschlossen ist. Alles Andere als geradlinig entwickelten sich die USA zur Super- und Hegemonialmacht der Welt, wobei dieser Aufstieg im Zeichen des "Empires of Liberty" auch missionarische Züge aufweist. Ein weiterer Schwerpunkt der Darstellung besteht darin, aufzuzeigen, wie aus der nordamerikanischen Kontaktzone unterschiedlichster Kulturen und Ethnien neue dezidiert amerikanische Wertideen und ein moderner konsumorientierter, technologiegesättigter Lebensstil, der "American Way of Life", hervorgingen, die keineswegs den bestehenden ethnisch-kulturellen Pluralismus der Gesellschaft einebneten. Über die Themenachsen Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur entfaltet der Band die Entwicklungslinien der Geschichte der USA, die auf vielen Feldern für unsere moderne Welt wegweisend war und ist. Heute werden die USA üblicherweise als einzig verbliebene Supermacht in einer zunehmend unübersichtlichen Welt bezeichnet - weitere Entwicklung offen.

Depkats wissenschaftliche Darstellung ist erfreulicherweise auch für ein nicht streng akademisches Publikum dank erzählenden Charakters gut lesbar. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis einschließlich Internetquellen ergänzt das Buch. Für Lehrer im historisch-politischen Bereich sowie für Schulbibliotheken erscheint diese Publikation unverzichtbar, sie würden sich lediglich eine ergänzende Quellensammlung wünschen.

Theo Emmer



Der Mann, der mit Ludwig II. starb

Alfons Schweiggert, Der Mann, der mit Ludwig II. starb: Dr. Bernhard von Gudden, der Gutachter des bayerischen Königs,
Husum, 2014, 224 S., Bildteil S. 113-120, diff. Literaturverzeichnis, 16,95 €
ISBN 978-3-89876-723-1

Der Zufallsfund der Totenmaske Dr. Bernhard von Guddens (1999) regte den Leiter des Städtischen Museums Rosenheim, Walter Leicht an, sich 2011 an Alfons Schweiggert (*1947) zu wenden, der sich in den Jahren 1995 bis 2012 einen Namen als Fachmann zur Biographie König Ludwigs II. von Bayern gemacht hatte. Als Kurator der Ausstellung im Maierhof des Klosters Benediktbeuren (15. Mai bis 17. Juli 2014) hat Alfons Schweiggert den vorliegenden, brillianten Buchkatalog verfasst.

Die Totenmaske von Guddens steht im Zentrum der museumsdidaktisch akribisch vorbereiteten Prä sentation von 80 Bildtafeln, ergänzt durch Einzelobjekte aus dem Leben des Arztes sowie einer filmischen Dokumentation, die hilft, Leben und Wirken des 1824 in Kleve (Niederrhein) geborenen und mit König Ludwig II. im Starnberger See am 13. Juni 1886 zu Tode gekommenen, für seine Zeit fortschrittlichen Fachvertreters der Psychiatrie als „Neuroanatom“ nachzuzeichnen.

Band und Ausstellung beschränken die Persönlichkeit nicht auf die „sechs Tage“ im Juni 1886, an denen sich die Meinungsbild bisher erheblich widersprochen hat und gelegentlich zur „Totalverurteilung“ des Arztes führte. In der wohl überlegten Anlage des Buchkatalogs berücksichtigt Alfons Schweiggert die Lebensstationen und fünf Rollen des Dr. Bernhard von Gudden auf: Konsens besteht danach heute im Hinblick auf seine Orientierung am wissenschaftlichen Fortschritt seiner Disziplin, seiner Gewisenhaftigkeit als Lehrer, Forscher und humaner Anstaltsleiter. Der Autor stellt auch Positiv- und Negativbewertungen gegenüber (Übersicht S. 28) und lässt auch zeitgenössische Kritiker wie Emil Kraepelin oder Oskar Panizza zu Wort kommen. Umstritten bleibt von Guddens
Gutachtertätigkeit und seine Verwicklung in die Entmündigung des bayerischen Königs: das sehr kurzfristig erstellte „Ärztliche Gutachten über den Geisteszustand S.M. König Ludwigs II. von Bayern“ vom 8. Juni 1886 trägt weitere Unterschriften von Dr. Friedrich Wilhelm Hagen (Erlangen), Dr. Max Hubrich (Werneck) und Dr. Hubert Grashey (Würzburg). Ihr Fazit: „Seelengestört, geisteskrank, leidet unter unheilbarer Paranoia und sei deshalb auf Dauer regierungsunfähig“ (Anhang, S. 196-207). In den Text flossen Auffälligkeiten im Verhalten Ludwigs II. ein, die Dr. Bernhard von Gudden seit 1874 registriert habe, weshalb Fachleute in der Dt. Medizinischen Wochenschrift 132, 2007 zu der Bewertung kommen, dass es sich beim Guddenschen Gutachten „nicht um eine Gefälligkeitsdiagnose aus Gründen der Staatsräson oder aus Willfährigkeit gegenüber etwaigen Wünschen der Minister“ (handelte), andererseits erwähnt der Autor auch die Zweifel der Gutachter, als Ludwig II. auf Schloß Berg interniert war, wo er sich „relativ normal“ verhalten habe, „eben wie ein Kind, harmlos und liebenswürdig“ - „verlässliche Erkenntnisse“ so von Gudden an Ministerpräsident Johann Frhr. von Lutz in einem Telegramm vom 13. Juni 1886 – könnten erst aus einer Langzeitbeobachtung erbracht werden. Was kurz darauf zur Katastrophe beim Spaziergang am Starnberger See führte, erscheint in den Aussagen der drei Nervenärzte vor dem Landtag (Anhörungstermin vom 21. bis 26. Juni 1886) widersprüchlich: Trotz Zweifeln an der Schwere der Erkrankung und deren Unheilbarkeit bleiben Hagen, Hubrich und Crashey bei ihrer Unterschrift – aus Selbstschutz, zum Erhalt der fachlichen Reputation? Aus der Distanz zum Gutachten und zu den Geschehnissen in Berg vor 128 Jahren zeugt es von Mut des Autors und Ausstellungskurators, an dieser Stelle einen Blick auf ärztliche Fehldiagnosen früher und heute zu werfen (Übersicht der Vorwürfe gegen von Gudden und fachliche Gegenargumente, S. 131-133), ergänzt durch Klärungsversuche in neun Thesen zum Tod des Nervenarztes. Enträtselt wird auch das Entstehen und Wiederauffinden der Totenmaske Dr. Bernhard von Guddens – und im Sinne der Chronistenpflicht werden auch Tod, Bestattung, letzte Ruhestätte und Nachrufe behandelt. Den „Phasen der Verteufelung“ dieses Mannes und der „Nachwirkung“ seiner Gutachtertätigkeit gelten die Schlusskapitel, abgerundet von Prof. Dr. Hans Fröstls (TU München) Würdigung von Guddens als Schrittmacher der modernen Psychiatrie.

Willi Eisele
Wolfratshausen

Adenauer hatte recht

Konrad Löw,
Adenauer hatte recht – Warum verfinstert sich das Bild der unter Hitler lebenden Deutschen?
London/Berlin, Verlag Inspiration UnLimited, 2014, br., 204 S., Nachwort von Alfred de Zayas,
14,90 €, ISBN 978-3-98121108-5

Der Jurist und Politikwissenschaftler Konrad Löw (*1931) widmete sich als Zeitzeuge ein Forscherleben lang der Umsetzung der Menschen- und Bürgerrechte in Deutschland und Europa. Seine Thesen belegte er stets nach sehr gründlicher Quellenrecherche und widerlegte in seinen Publikationen
materialreich jene, die als Verfechter der Kollektivschuldthese unter dem Vorzeichen einer political correctness Beifall in den Medien im main stream suchten und gelegentlich auch – wie der Autor belegt – amtlicherseits und aus Kreisen der Fachwelt unwidersprochen blieben.

Konrad Löw spannt im vorliegenden Band den Bogen von der Erklärung des ersten Nachkriegskanzlers, Dr. Konrad Adenauer vor dem Plenum des Dt. Bundestags am 27.09.1953 und der Erklärung der deutsch-israelischen Schriftstellerin Inge Deutschkron ebenda am 30.01.2013. Adenauers Aussage erfolgte nicht im Alleingang, war „mit Repräsentanten des Judentums abgestimmt“ und lautete im Klartext: „Die Bundesregierung und mit ihr die große Mehrheit des deutschen Volkes sind sich des unermesslichen Leides bewusst, das in der Zeit des Nationalsozialismus über die Juden in Deutschland und in den besetzten Gebieten gebracht wurde. Das deutsche Volk hat in seiner überwiegenden Mehrheit die an den Juden begangenen Verbrechen verabscheut und hat sich an ihnen nicht beteiligt“. Laut Protokoll gab es „lebhaften Beifall im ganzen Haus außer bei der KPD und auf der äußersten Rechten“ [SRP]. Der Autor hinterfragt zurecht den Dissens zwischen Adenauers und Deutschkrons Aussagen, der trotz jahrzehntelanger zeitgeschichtlicher Forschung und Aufklärung 2013 unwidersprochen blieb und erwartet von Norbert Lammert, dem Präsidenten des Dt. Bun destages eine Klarstellung, um zu vermeiden, dass sich hieraus ein „deutsches Schulddogma gegen Adenauer und den Dt. Bundestag von damals verfestigt, das nicht mehr hinterfragt werden darf“.

Löws Publikationen zur „Frage aller Fragen“ der deutschen Zeitgeschichte (Götz Aly, 2011) bieten nicht nur unbekannte Quellen, die unverdächtig sind, als Belege für revisionistische Thesen herhalten zu können: Schlüsselzitate von Zeitzeugen wie Victor Klemperer mit dem Tagebucheintrag vom 04.10.1941 („Fraglos empfindet das Volk die Judenverfolgung als Sünde“ ) oder die auf S. 13 zitier-te Einschätzung von Löws Forschungsertrag in dem Buch „Deutsche Schuld 1933-1945? Die ignorierten Antworten der Zeitzeugen“ (2011) durch Günther Heydemann lassen aufhorchen, wenn man bedenkt, dass dem Autor „Makulatur, Verleumdung und Boykott widerfahren“ sind. Sie bestätigen u.a. das Urteil Martin van Crevelds von der Hebräischen Universität in Jerusalem: „In der deutschsprachigen Welt, und nicht nur dort, stehen die bei Weitem höchsten Hürden für das freie Denken um den Nationalsozialismus und den Holocaust“ (Focus 39, 2010).

In der aktuellen Monographie setzt sich Konrad Löw u.a. auseinander mit einer „Bewältigungsindustrie“ und erwähnt exemplarisch: das nach einem Verfahren im Petitionsausschuß des Dt. Bundesta-ges seit 2009 nicht mehr durch die BZpolB ausgelieferte Werk Robert Gellately's „Hingeschaut und weggesehen. Hitler und sein Volk“ (dt. Lizenzausgabe von „Backing Hitler. Consent and Coercion in Nazi Germany“ [engl., 2001]), die Kontroverse um die Dokumentation zur Berliner Ausstellung „Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen“ (DHM, 2010) oder die noch anhaltende Debatte über eine Auftragsarbeit (880 S.) zum Thema „Das Amt und die Vergangenheit. Die deutschen Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik“ (Initiator war Außenminister Joschka Fischer; publiz. 2010), v.a. hinsichtlich der These, das AA habe am 17.09.1941 die „Initiative zur Lösung der Judenfrage auf europäischer Ebene“ ergriffen. Dass Walter Scheel in dieser Situation „für mehr Diskussionskultur“ plädiert (FAZ vom 21.03.1012), ist ein klarer Hinweis darauf, dass zwischen dem Anspruch und den Ergebnissen des in 6 Aufl. abgesetzten Werkes erheblicher Erklärungsbedarf besteht - Warum ist die Publikation (trotz Mängeln) dennoch ein Verkaufsschlager?

Der Jurist Konrad Löw setzt ausgewählten Einzelbeispielen amtlicher Dokumente von damals und Belegen einer politischen Tendenz aus der jüngsten Zeitgeschichte sein Bekenntnis zur Detailprüfung im Einzelfall gegenüber, um an den Begriffen Schuld und Verantwortung aufzuzeigen, wie sehr widerständiges Verhalten in der NS-Diktatur ein sicheres ethisch-moralisches Fundament so handelnder Personen damals und hinsichtlich der Interpretation, rechtlichen Bewertung und historischen Deutung nach 1945 voraussetzt: (Nicht-) Wahrnehmung von Unrecht, Relativierung der Maßstäbe durch die Kollektivschuldthese oder die „Dämonisierung“ Hitlers, „Wegschauen“ damals und „Weglassen und Nichtbeachtung, ja Ignorieren von Zeitzeugnissen“ heute – auch dokumentiert am Umgang mit dem Autor, der zeitweise als „Ketzer stigmatisiert“ und dessen Thesen (hier: Bsp. im Anhang S. 181-199) durch die Bundeszentrale für politische Bildung „makuliert“ wurden (Or. im Deutschland Archiv 2, 2004, 239 ff.) oder anhand eines Schlaglichts aus der Lehrplan- und Schulbucharbeit, wo sich unter dem Vorwand moderner Didaktik in jüngerer Zeit geradezu ein Furor aus perniziösem Vereinfachungsdrang („Entlastung“) und inhaltlicher Kürzungen „von oben“ zwangsläufig ergeben hat, dem deutlich Einhalt geboten werden müsste.

Zusammenfassend sieht der Autor Anlass zur Hoffnung („noch ist Deutschland nicht verloren“) und erwähnt namhafte Zeitzeugen, die ihm Mut machten wie Klaus von Dohnanyi, Joachim Fest, Alfred Grosser, Niels Hansen oder Alfred de Zayas, die seine Publikationen mit Vor- und Nachworten empfehlend bedacht haben. Aufhorchen lassen in diesem Kontext auch die aktuellen Thesen von Chri-stopher Clark über die Vorgeschichte des 1. Weltkriegs, von dem „eine direkte Linie in den 2. Weltkrieg und in den Kalten Krieg führte“ (zit. nach Berthold Seewald: „Besessen von der deutschen Kriegsschuld“, Die WELT vom 25.10.2013) und seine Reaktion auf fünf Historiker, die ihn dafür angegriffen haben: „Nur in Deutschland wird mir vorgeworfen, ich wäre deutschfreundlich“ (S. 143).

Konrad Löws persönliches Fazit: „Die Wahrheit ist zumutbar!“ - Er sieht die Notwendigkeit, die hi-storische Wahrheit aus den schriftlichen Quellen und Zeitzeugenberichten herauszuarbeiten und appelliert an die Fachwelt: „Ad fontes!“ Denn die zentrale Frage, „wie es kam, dass ein so zivilisiertes, fortschrittliches Volk wie die Deutschen etwas so Barbarisches wie die Entrechtung, Vertreibung und Ermordung der Juden dulden und ins Werk setzen konnte“ bedarf noch intensiver, multiperspektivischer Forschung. In seinem Nachwort begrüßt Alfred de Zayas „die Aufrichtigkeit Löws, 'die Frage aller Fragen' zu stellen. Er sieht in dem aktuellen Werk Löws ein “ehrliches Buch, so aktuell und notwendig, einen Appell für eine umfassende Kontextualisierung der Geschichte gegen Pauschalierung und Verallgemeinerung“ (S. 180). Der Rezensent empfiehlt diesen Band auch deshalb für die Hand des Geschichtslehrers wegen der vorurteilsfreien Berücksichtigung eines breiten Fächers von Zeitzeugenaussagen, die für eine individuelle Urteilsbildung von Schülern, Studenten und zeitgeschichtlich Interessierten hilfreich sind. Das Buch dient auch in hohem Maße der politischen Bildungbelegbar an den ausgewählten positiven wie deutlich zu hinterfragenden Beispielen zu den Grundwerten Forschungs- und Meinungsfreiheit.


Willi Eisele
Wolfratshausen

Der Erste Weltkrieg eine europäische Katastrophe

Bruno Cabanes, Anne Duménil, Hrsg.,
Darmstadt, Wiss. Buchgesellschaft, 2013, geb., 480 S., über 500 Abb., Auswahl-Bibliogr., Zeittafel, Personen-und Sachregister, ISBN 978-3-534-25637-2, Preis: 49,95 €

Eine Geschichte des Ersten Weltkrieges wie diese hat es auf dem deutschen Buchmarkt noch nicht gegeben“ (Gerd Krumeich, Vorwort). Die vorliegende Gesamtdarstellung in der jungen „Schule“ des international und interdisziplinär besetzten Forschungszentrums des „Historial de la Grande Guerre“ (Péronne, Somme) nimmt eine kulturhistorisch-zivilistische Perspektive ein, um die Ent-wicklung zwischen 1912 und 1928 (!) in ihrer „unauflöslichen Verwobenheit von Front und Hei-mat“ zwischen Vorkriegszeit, Kriegsgeschehen an den Fronten und Kriegsfolgen zu dokumentieren.

Die Herausgeber Bruno Cabanes (Yale University) und Anne Duménil (Paris/München/Amiens) und die weiteren Autoren legen ihrer Präsentation 68 Entwicklungsschritten über 51 Monate in
Bildern zugrunde, die aus den internationalen Beziehungen, dem Gang der politischen und militäri-schen Entscheidungen, der (Kriegs-) Wirtschaft und der Umorientierung nationaler Gesellschaften und Kulturen genommen sind – präsentiert wie in einer Ausstellung in hoher (museums-) pädagogi-scher und visueller Bildqualität.

Gezeigt wird, wie die Situation im „Pulverfass Balkan“ zwischen dem 18.10.1912 und dem 28.06. 1914 eskalierte (Bruno Cabanes), wie das Attentat auf den österreichischen Thronfolger die Mobil-machung und den Kriegsausbruch bestimmten (Anne Duménil), welche Rolle der Zusammenprall zwischen dem deutschen Kaiserreich und dem russischen Zarenreich bei Tannenberg 1914 (Vejas Gabriel Liulevecius) oder das „Wunder an der Marne“ (Anne Duménil) spielten und wie der Aufruf von 93 deutschen Intellektuellen vom 04.10.1914 für den Krieg europaweit zur geistigen Mobilma-chung beiträgt und zur Anklage Romain Rollands (1919) führte (Leonard V. Smith).

Anne Duménil beschreibt, wie im Spätherbst 1914 auf 280 km der „Bewegungskrieg“ in den „Stel-lungskrieg“ zwischen der Schweizer Grenze und Verdun, später Ypern umschlug und die Versuche, 1915/16 die Front wieder aufzubrechen: Materialschlachten, Giftgasangriffe, Kriegsfreiwillige als Kanonenfutter. Andere Beiträge sind dem Seekrieg, der „neue Fronten“ eröffnete (Dardanellen, U-Bootkrieg, Luftkrieg) gewidmet oder der Rolle der „Heimatfront“ (Ressourcenknappheit, Frauen in Männerberufen, Ersatzprodukte als Lebensmittel). Die Autoren klammern Reizthemen nicht aus: die Versenkung der Lusitania, den Völkermord an den Armeniern, die Rolle der Kriegspropaganda.
Exemplarisch werden Akte von Kriegsgreuel (Edith Cavell), Ausbeutung, Zwangsarbeit und Depor-tationen sowie Hintergründe des irischen Bürgerkriegs („Easter Rising“, 1916) behandelt.

Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ (Kriegstagebuch, 1916, Picardie) verdeutlicht, wie kriegstechni-sche Neuerungen wie die schweren Artilleriegeschütze in den Materialschlachten an der Somme, die Entwicklung der britischen Tanks (Mark I) mit „infernalischen“ Bedingungen für die Panzerbe-satzungen oder die Eisenbahngeschütze mit großer Reichweite das Schicksal von Hunderttausenden
als kriegsinvalide Überlebende oder Gefallene bestimmten, wie den „schwindelerregenden Massen an Feldpost“ zwischen Front und Heimat entnommen werden kann (Bruno Cabanes).

Der Band dokumentiert auch Kriegsmüdigkeit und Friedenssehnsucht: erwähnt sei der „kollektive Disziplinverstoß“ von sechs französischen Infanteristen am „Chemin des Dames“ (1917), nach dem
Militärstrafrecht von 1857/72 ein Akt der „Meuterei“, der den Krieg an sich in Frage stellt, gefolgt von Forderungen nach Waffenstillstand und Frieden, oder Streikaktionen in Betrieben, verbunden mit Arbeitszeit- und Lohnforderungen (Paris, 1917). Zwischen deutlicher Verurteilung des Krieges seit seinem Amtsantritt als Papst (1914) und der Friedensnote Benedikts XV. vom 01.08.1917 an die „kriegführenden Staatsoberhäupter“ liegen seine Initiativen für eine Kriegsgefangenenhilfe, um die Kriegsfolgen medizinisch und sozial zu mildern und die Erkenntnis, dass mit dem Kriegseintritt der USA allein die geistliche Autorität eine weitere Eskalation der Gewalt verhindern helfen könnte. In seinen „14 Punkten“ wird Präsident Woodrow Wilson am 08.01.1918 jenen „covenant“ (Pakt) vor-schlagen, um „nicht nur den Weltkrieg zu beenden, sondern den Krieg als solchen, und zwar ein für allemal“ (Leonard V. Smith) – ein „Völkerbund“ auf der Basis „universeller demokratischer Werte“.

Das Jahr 1918 sollte noch eine lange Leidensstrecke an den Fronten bringen, u.a. verursacht durch die „Michael-Offensive“ im Westen und drei Grippeepidemien, die sowohl über die Lazerette als auch über die Zivilbevölkerung als „Spanische Grippe“ (heute H5N1) hereinbrach. Nach den Revo-lutionen im russischen Zarenreich (1917) folgte der Zusammenbruch der österr.-ungarischen Monar chie, die Abdankung Kaiser Wilhelms II. im Zug der Novemberereignisse im Deutschen Reich und
die Richtungsentscheidung zwischen Räterepublik und parlamentarischer Demokratie, während die prägenden politischen Kräfte nach Bekanntwerden der Bedingungen einig waren in der Ablehnung der Klauseln der Pariser Vorortverträge – die Symbolik des Datums 28.06. und des Ortes (Spiegel-saal von Versailles) verstärkte die Wirkung der von Clemenceau „ausgeklügelten Inszenierung“.

Bruno Cabanes geht auf die Siegesparaden ein, die in Paris (14.07.), London (19.07.), Brüssel (22. 07.) und New York (10.09.1919) stattfanden – neben dem Jubel über heimkehrende Soldaten steht die Trauer über die Lücken, die in vier Kriegsjahren in die Familien gerissen wurden. Der Autor weist auf die Problematik hin, die sich aus der Entlassung der Soldaten nach dem Dienst an der Front ergaben: 5 Mill. Franzosen (1914: 3,6 Mill.), 6 Mill. Deutsche (1914: 4 Mill.) mussten ins Zivilleben wieder eingegliedert werden, denn die wirtschaftlich prekäre Lage in den kriegführenden Staaten bedeutete eine unsichere berufliche und private Zukunft als „Normalität“. Sabine Kienitz thematisiert die Versorgungslage von jenen, die „verstümmelt, blind, entstellt“ (1,5 Mill. Deutsche Kriegsinvaliden) und von 1,7 Mill. Kriegerwitwen und -waisen auf der Grundlage des vom Reichs-tag einstimmig (!) angenommenen Reichsversorgungsgesetzes vom 20.05.1920 ein: die Wunden, die der „moderne Krieg“ bei 8 Mill. auf Dauer behinderter Europäer hinterlassen lassen hat, werden zum Gradmesser für die junge Solidargemeinschaften. Ob in Sieger- oder Verliererstaaten: kriegsver sehrte Veteranen verkörpern als „lebende Kriegerdenkmäler“ (Joseph Roth) die „kollektive Erfahr-ung von Tod, Zerstörung und (persönlicher) Niederlage“.

Nachdem die Briten bereits seit 1917 ein „Imperial War Museum“ vorbereitet hatten, konnte König George V. und seine Gattin am 09.06.1920 diese Institution der Gedenkpolitik eröffnen. In Frank-reich initiierte Henri Leblanc 1914 eine Privatsammlung, stiftete sie 1917 dem Staat als „Kriegsbib-
liothek“, die 1925 im Château de Vincennes als Einrichtung der Volksbildung und zur Förderung der „gehobenen Geschichtswissenschaft“ eröffnet wurde. 1915/17 hat der Berliner Kaffeehändler Richard Franck seine „Kriegsbibliothek“ als Privatinitiative gegründet, die seit 1921 in Stuttgart als öffentliche „Bibliothek für Zeitgeschichte“ (des 20. Jhdts.) zugänglich ist. Sinn machen solche Grün dungen mit neuen Fragestellungen an die (Kriegs-) Geschichte, wenn es Historikern und Museums-pädagogen gelingt, „den Zivilisten den Krieg zu veranschaulichen“ (Bruno Cabanes). Dem dreifa-chen Auftrag „Dokumentation, Bildung und Gedenken“ widmet sich das 1992 eröffnete „Historial de la Grande Guerre“ (Péronne, Somme), Forschungszentrum und Museum in einer Einrichtung, die weniger dem Kult als der (Massen-) Erfahrung über nationale Trennwände hinweg dienen will mit dem Ziel einer „erschöpfend vergleichenden Gesamtgeschichte eines Krieges, dessen Nachwir-kungen weltweit zu spüren waren“. Als weiterer Facette der Gedenkpolitik geht der Band auch auf das Gedenken am „Grabmal des Unbekannten Soldaten“ (Paris/London 11./18.11.1920) ein, ein Ge denkort stellvertretend für alle Gefallenen und besonders die Vermissten, denen eine würdige Ruhe-stätte versagt blieb. Die Gedenkpraxis fand Nachahmer: in den USA, Italien, Portugal und Belgien (1921), in der CSSR und Jugoslawien (1922), in Rumänien (1923) und in Deutschland (Tannenberg, 1927). Es bleibt offen, inwieweit Formen des kollektiven Gedenkens an Kriegsopfer (Soldatenfried-höfe, Ewige Flamme, Beinhäuser, z.Bsp. Douaumont bei Verdun, 1932) einen Ersatz für private Trauer verkörpern können. Anne Duménil wendet sich in diesem Kontext auch dem Thema „Flucht und Vertreibung“ zu: Fridtjof Nansen war 1920 als Hochkommissar des Völkerbunds für die Rück-führung von Kriegsgefangenen in ihre Heimatländer beauftragt worden, denen der 1. Weltkrieg und der Bürgerkrieg in Sowjetrußland den Weg zurück abschnitt. Der nach ihm benannte „Nansen-Paß“ für Staaten lose als Dokument einer humanitären Diplomatie brachte seinem Initiator den Friedens-nobelpreis ein (1922). Historisch wird hieraus eine Legalisierung von (ethnisch oder religiös moti-vierten) Zwangsumsiedlungen, was einen Beigeschmack für Völkerbundsmaßnahmen zum Schutz von Flüchtlingen weltweit hat.

War die militärische Besetzung des Ruhrgebiets am 11.01.1923 durch französisches und belgisches Militär logisch in der Umsetzung der Bestimmungen des Versailler Vertrags, bedeutete diese Begrün dung für Deutschland einen Akt der Sieger-Willkür und eine Reaktion auf den deutsch-russischen „Rapallo-Vertrag“ (16.04.1922) und die Erklärung der deutschen Regierung gegenüber den Repara-tionsbehörden, die materiellen Bestimmungen von Versailles nicht erfüllen zu können. Frankreich ordnete darauf die Sicherung seiner Reparationsforderungen durch die „Besetzung produktiver Pfän der“ ein (Industrieanlagen an Rhein und Ruhr), ließ 47 000 Soldaten einmarschieren und riskierte den „Ruhrkampf“. Deutschland reagierte mit Generalstreik und passivem Widerstand ab13.01.1923, der auch zum Konflikt zwischen Krupp-Arbeitern in Essen und der Besatzungsmacht und Sabotage-akten mit aktivem Widerstand (Bsp. Leo Schlageter) führt. Folgen waren eine Hyperinflation zu La-sten der Bevölkerung, existenzgefährdende Produktionsausfälle und nackte Not, so dass Reichskanz ler und -außenminister Gustav Stresemann am 26.09.1923 den „Abwehrkampf“ einstellte. Innenpo-tisch kommt es zu gefährlichen Zuspitzungen durch Extremisten von rechts (NSDAP) und links (KPD), wirtschaftspolitisch rettete die „Rentenmark“ die Situation, und Reichskanzler Wilhelm Marx (Zentrum) gelingt es, die von Frankreich unterstützten Separatisten zurückzudrängen. Frank-
reichs militärisch und wirtschaftspolitisch motivierter Vorstoß scheitert: Abwertung des Franc, aus-senpolitisch isoliert geht der französische Außenminister Aristide Briand auf Gustav Stresemann zu und eröffnet einen Kurs der Annäherung (Vertrag von Locarno, 1925).

Bruno Cabanes zieht abschließend eine Bilanz für 1914 bis 1927/28: Unter Bezug auf die Erfahrun-gen eines französischen Kriegsveteranen, René de la Porte, stellt der Herausgeber fest, dass seine Landsleute „orientierungslos“ gewesen seien, dass es einer Zeitspanne von zehn Jahren bedurfte, bis die Trauer abklingen und „die Welt den Großen Krieg allmählich hinter sich lassen“ konnte. Es ist das Jahr 1928, in dem Erich Maria Remarque`s Anti-Kriegswerk „Im Westen nichts Neues“ veröf-fentlichte, und die Veteranen sich als „génération du feu“ oder - wie Vera Brittain als Femistin und Pazifistin - sich als Angehörige der „lost generation“ sah (Testament of Youth, 1933). Die Bilanz des Ersten Weltkriegs schlug in der Demographie Europas wie ein Schwert durch: 9-10 Mill. Gefallene, 3 Mill. Kriegerwitwen und 6 Mill. Kriegswaisen. In den Veteranenverbänden organisierten sich da-nach die ehemaligen Frontkämpfer und wurden auf kommunaler Ebene in sozialer Hinsicht und auch parteipolitisch im Interesse des Pazifismus aktiv: „Nie wieder Krieg!“ - der Erste Weltkrieg möge der „der(nier) des der(nier)s“ sein! Anknüpfend an Ernst Jüngers „Der Kampf als inneres Erlebnis“ (1922) sieht der Herausgeber mit George Mosse auf der deutschen Seite eine gegenläufig Bewegung, in deren Umfeld der „Mythos des Kriegserlebnisses“ zunehmend einen der Grundpfeiler der NS-Ideologie bildete.

Es ist ein breiter Fächer von ausländischen Historikern, die die beiden Herausgeber im vorliegenden Band zusammenführten. Ihr differenzierter Blick auf den Ersten Weltkrieg stellt eine „große und begrüßenswerte Bereicherung unserer eigenen Perspektiven“ dar (Gerd Krumeich). Es sind bemer-kenswerte Details, die für April bis Juli 1918 aufzeigen, dass ein „Kippen“ an den Fronten zu Gun-sten des deutschen Heeres im Bereich des Möglichen lag, andererseits auch erklären helfen, warum der Vorwurf an die OHL und die Politik, „von der Heimat im Stich gelassen worden zu sein“ den Nährboden für die „Dolchstoß-Legende“ bilden konnte. Auf der Grundlage der hier gebotenen Fak-ten und Bildbelege versteht der Leser die Zusammenhänge für 1912/14-1927/28 besser.

Willi Eisele
Wolfratshausen

Heilige Einfalt

Olivier Roy,
Heilige Einfalt: Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen,
München, Siedler, 2011, 335 S., kt., 14,99 €
ISBN 978-3-570-55151-6 (Erstauflage, frz., Paris, 2008)

Zu den Herausforderungen für die Religionswissenschaft in ihren Erklärungsmustern für moderne und traditionelle Gesellschaften zählt ein Phänomen, das in dem weltweit zu beobachtenden Anstieg von Parallelkulturen, aber auch in der Vielfalt von „Glaubensformen“ seinen Niederschlag findet. Olivier Roy (*1949), Politik- und Islamwissenschaftler, beobachtet seit den 60-er Jahren, wie individueller Glaube und die öffentliche Religionspraxis in ihrer Binnenstruktur sich zunehmend den Gesetzen der Kommunikation und des Marktes anpassen oder wie neben den traditionell festen Organisationsstrukturen sich Individuen zu Kleingruppen, „Stämmen“ oder „Freikirchen“ zusammenschließen, um sich – getreu dem Grundsatz „Der Weg ist das Ziel“ - Freiräume für eine eigene Wahrnehmung und Praxis durch einen unmittelbaren, emotionalen Zugang zu „ihrer Religion“ zu schaffen. Seine Analyse dieser Wege entwickelte der Autor seit 1965 aus seiner protestantischen Jugendzeit (La Rochelle), als er in den Folgejahren zwischen Evangelikalismus und einen strengen, kompromißlosen proletarischen Internationalismus, der chinesischen Kulturrevolution und Erscheinungsformen des Islam (Jemen, Afghanistan) und dem orthodoxen Judentum „geriet“, die ihm zur „Erforschung der dunklen Seite der Heiligkeit“ den Anlass boten.

Olivier Roy führt den Leser in das „Wechselspiel von Kultur und Religion“ein, erörtert die Rolle von Konvertiten und Missionaren und zeigt auf, ausgehend vom französischen Leitbegriff der „civilisation“, wie sich in Europa seit der Aufklärung der Weg in die Zivilgesellschaft anbahnte und wie sich im 20. Jahrhundert für die westliche Welt unter den politischen Zielen Demokratie und Menschenrechte ein neuer universeller Anspruch auf Gültigkeit der eigenen Werteskala ergab, deren Durchsetzung auch durch direkte Intervention weltweit gerechtfertigt sei. In dieser Zivilisation, so zitiert der Autor kirchliche Autoritäten, seien die ethischen Normen der (christlichen) Religion integriert: Papst Paul VI. in seinem Schreiben über die „Evangelisierung der Welt“ (1975), Papst Johannes Paul II. spricht von der „Lebendigmachung des Evangeliums in den Kulturen“ (1990), Papst Benedikt XVI. betont nach Erfahrungen mit der „Befreiungstheologie“ als Kulturtheologie „de facto die westliche Dimension des Christentums“. Roy`s Fazit aus solchen Beispielen: „Dominierende Religionen waren hervorragende Apparate zur Produktion von Kultur“. Autonomie von Religiosität sei nur durch eine Distanz zur jeweiligen Kultur erreichbar. Wo Religion, Ethnie oder Nation als einigendes Band der Identität wirken, könne allerdings ein „Wechselspiel“ zwischen religiösen und kulturellen Wegweisern („marker“) prägend sein, wie der Autor an Erscheinungsformen im Nahen und Mittleren Osten, in Zentralasien, bei Afro-Amerikanern, den Tataren (16.-20. Jhdt.) oder einem aktuellen Beispiel aus Ägypten belegt, wo ein Gericht 2008 zum Islam konvertierten Kopten die Rück kehr zu dieser Form des Christentums gestattete: Ausdruck der Religionsfreiheit oder Zuschreibung einer dauerhaften kulturellen Identität?

Für heute konstatiert der Autor praktisch durchgängig einen „Bruch zwischen Religion und Kultur“, den die Religionsgemeinschaften zunehmend verkraften müssen: Für die Katholische Kirche erwähnt Roy das Beispiel der Piusbruderschaft unter Bf. Lefèbvre (seit 1970/75) oder die „stille Abwendung von Priestern und Gläubigen, die der Kirche den Rücken kehren, ohne auszutreten“, für den Islam nennt der Autor die zunehmende Radikalisierung gegen „Abtrünnige“ (seit den 70-er Jahren), während er für den Protestantismus neben den verfassten Großkirchen die „Wahlmöglichkeiten“ zwischen Bekenntnisgruppen (u.a. Freikirchen) bestehen, wo sich allerdings an Themen wie Homosexualität erhebliche Friktionen zeigten. Für das Judentum belegt der Verfasser Formen der Spaltung zwischen Reformierten (Liberalen), Konservativen, Orthodoxen und Ultraorthodoxen seit dem 19. Jhdt., um mit der Staatsgründung Israels (1948) aufzubrechen, als den Orthodoxen das Monopol auf die Religionspraxis im Alltag (u.a. Endogamie) und die Rabbinergerichte (u.a. die pulsa danura/Kompetenz der Verfluchung) zugesprochen wurde.

Dass zur Gründung einer Glaubensgemeinschaft heute sowohl religiös als auch kulturell charakteristische „marker“ notwendig sind, um die eigene Gruppe multikulturell einzubetten, führt dazu, dass Religion(en) sich heute zu einer „Subkultur“ transformieren – neben der Arbeiterkultur, der Frauenbewegung, der Kultur von Schwulen und Lesben oder – nach den Regeln der „political correctness“ - aller Minderheiten – gegen religiös „Erkaltete“ stellt man evangelikal eine „Christian pride“ neben die „gay pride“ (Paris, 2008). Demografisch eine Minderheit, bleibt man in streng laizistischen Staaten unter sich und zeigt nur intern Flagge (eigene Etikettierung, moderne Kommunikationsmedien, Meditations- und Begegnungsorte, Pilgerreisen).

Der Weg von der Ablehnung der profanen Kultur in einer Zivilgesellschaft wird – laut Olivier Roy – begleitet von „Mißtrauen auch gegenüber dem religiösen Wissen“ (vgl. die Einschätzung von „Mehr Wissen“ in der chinesischen Kulturrevolution als „Klassenarroganz“): Es genügt zu wissen, dass „man“ zu den Erlösten gehört, weil das Wort Gottes den Strenggläubigen direkt erreiche oder weil „Wissen vom wahren Glauben ablenken“ könne. Dem gegenüber sei an Marie von Ebner-Eschenbach`s Zitat erinnert: „Wer nichts weiß, muss alles glauben!“ Pfingstler kennen das biblische „Reden in Zungen“ (Glossolalie) aus der Präsenz des Hl. Geistes – ohne Vermittlung durch Sprache. In der Überzeugung, Sprache als Objekt und Instrument des Wissens sei zugunsten des Wortes, der Eingebung „von oben“ verzichtbar, liegt für Olivier Roy „das stärkste Beispiel für die heilige Einfalt“. Ohne religiös-theologisches Wissen kommen daher auch Anhänger von Gruppen aus, die subjektives Erleben von Gemeinschaft, alle Formen der Freude durch Extase. Meditation oder Zen als Ziel ihrer Religiosität ansehen. Sie scheuen auch nicht die Isolierung, manche Dogmatiker schirmen sich nach außen ab (vgl. „Zwölf Stämme“, Amish People, Ultra-Orthodoxe Juden).

Religionsfreiheit als zentrale Forderung im Katalog der Menschen- und Bürgerrechte wirkt sich nach den Gesetzen des modernen Marktes zunächst in der Vielfalt des Angebotes aus, gewissermassen einem „großen Basar der Rituale und Zeichen“. Dem widerspricht nur scheinbar, dass gleichzeitig eine Standardisierung des Religiösen durch die Kraft religiöser und staatlich-gesellschaftlicher Institutionen, aber auch eine „Uniformisierung von außen“ zu beobachten ist: Rigide, verschärf te Normen im Inneren betreffen weniger die Glaubensinhalte, sondern die Praxis der Religiosität des Einzelnen oder seiner Religionsgemeinschaft: Katholiken suchen die Lösung in einer (neuen) Vereinheitlichung der Liturgie oder der Rückkehr zum tridentinischen (lateinischen) Ritus unter dem Vorzeichen einer weltweit (global) wirkenden Kirche, der Islam fördert das Tragen religiös definierter Kleidung (Kopftuch) und anderer äußerer Symbole (Moscheebauten) – in der Öffentlichkeit ist dies als „eine Bewegung von unten“ durch neue „Mantras“ mit klarer Grenzziehung gegen den „religiösen Relativismus“ im Alltag zu beobachten.

Olivier Roy stellt bei aller Grenzziehung fest, dass religiösen Erneuerungsbewegungen das Problem der Weitergabe ihrer Religion zu schaffen macht: Ihre Missionierung dringt gerade auch in die „Gegenkulturen“ ein (Bsp. Hippies, USA), um dort den „Paradigmenwechsel“ als Erfahrung zu erleben:
Sexuelle Befreiung religiös instrumentalisiert (Bsp. „Flirty Fishing“), Drogenmißbrauch in jeder Intensität, politischer Extremismus - Auswüchse aus dem flower-power-Milieu? Der Autor erwähnt Benny Lévy, den Gründer der Proletarischen Linken in Frankreich, Cat Stevens, der den Namen Yusuf Islam als bekennender Salafist trägt. Wie schwer es trotz allem Idealismus für Anhänger von Erneuerungsbewegungen fällt, auf Kurs zu bleiben, belegt der Autor u.a. an den Pfingstlern: eine Vertragsreligion auf Gegenseitigkeit - „Gott hält sein Versprechen, wenn der Mensch (Gemeindemitglied) sein Versprechen hält“, d.h. Karteileichen gibt es nicht. Zum Bruch führen: Befehlsverweigerung, Regelverletzungen, burn out wegen zu hoher (beruflicher) Anforderungen zwischen Routine und „revival“, denn „an der Sünde zerbricht das System“, weil die (jugend-) kulturelle Orientierung stärker ist als der verblassende, rein religiöse „marker“ - obwohl versucht wird, gerade die Jugend in „ihrer“ Sprache, Musik- oder Essensgewohnheiten anzuwerben. Zu erwarten, dass „Aussteiger“
in dieser Situation zu traditionellen Gewohnheiten in Familie oder Freundeskreis zurückkehren würden, ist unrealistisch, denn die Eltern- und die Jugend-Generation (vgl. Thom Rainer, „The Bridger Generation“ (1997), betrifft zwischen 1977 und 1994 Geborene) profitierte v.a. von den (sozialen) Errungenschaften aus dem letzten Drittel des 20. Jhdts. - Werte wie Emanzipation, informationelle Selbstbestimmung, Freiheit als Selbstverwirklichung sind unverzichtbar, während traditionelle Werte wie Familie oder Religion oft mit Verboten verbunden werden. Im allgemeinen Umbruch der (Post-) Moderne registriert Olivier Roy auch eine „Krise des Religiösen“, die „auch eine Krise der Kultur ist“. Für die „heilige Einfalt“ sieht der Autor allerdings eine „große Zukunft“.

Fazit: Unter Rückgriff auf G.W. Leibniz (1648-1716) ist an die Rationalität unserer Mitbürger zu appellieren, im Loyalitätsbekenntnis zur modernen, demokratischen Zivilgesellschaft die Bindewirkung von Religion nicht zu unterschätzen, sie allerdings gegenüber religiösem Fundamentalismus und politischen Formen des Extremismus abzuschirmen, indem deutlich gemacht wird, daß Bildung und Erziehung durch ihre wertorientierten Inhalte vor negativen Erfahrungen aus Orientierung an „heiliger Einfalt“ durch die Förderung auch selbstkritischer, starker Persönlichkeiten bewahren können.

Zu empfehlen ist der flüssig lesbare Band für Lehrkräfte der Fächer der historisch-politischen Bildung ebenso wie für Religions- und Ethiklehrer aller Schularten.


Willi Eisele
Wolfratshausen


Germany and the Holy Roman Empire

Whaley, Joachim
vol. I: Maximilian I to the Peace of Westphalia (1493 – 1648), geb., 2 Kt., 722 S.,
vol. II: The Peace of Westphalia to the Dissolution of the Reich (1648 – 1806), geb., 747 S.
Oxford University Press, inc., Oxford, 2012,
ISBN 978-019-873101-6 (vol. I), 978-019-969307-8 (vol. II),
Preis (lt. Angebot, bd. Bde.) 155,90 €

Joachim Whaley (*1954) lehrt als Germanist und Historiker in Cambridge mit dem Schwerpunkt auf der Frühen Neuzeit. Mit der zweibändigen, gewichtigen Publikation „Germany and the Holy Roman Empire“ stellt der Autor seine Forschungsergebnisse zur Geschichte des „Alten Reichs“ zwischen 1493 und 1806 vor, von den spätmittelalterlichen Reichsreformen bis zur unwiderruflichen Auflösung durch Franz II. unter dem Druck Napoleons. Er legt in 67 Abschnitten dar, dass und wie dieser Organismus in einer Art von „constitutional balance“ funktionierte: „Kaiser und Reich“ stellten trotz partikulärer und zentrifugaler Eigeninteressen seiner Glieder den Anspruch eines Zusammenhalts dar – in Reichsinstitutionen wie dem Reichskammergericht, dem Reichstag, den Reichskreisen, der Reichspost oder der Reichssteuern, der Grundtatsache folgend, dass die Fürsten zwar „overlords of their people, but never sovereigns“ waren.

Whaley`s Botschaft auf 1469 Seiten: Entgegen allen radikalen Revisionen in der (nationalen) Ge-schichtsschreibung seit dem 19. Jahrhundert ist für den behandelten Zeitraum ein roter Faden kennzeichnend, der als Botschaft verstanden werden kann, derzufolge die Geschichte bis 1806 keine Blaupause für das Europa des 21. Jahrhunderts bereitstellt, sehr wohl aber dem Verständnis dient, „wie Deutschland und Europa zu dem wurden, was sie heute sind“.

Dem Autor gelingt der Spagat zwischen fachlicher Detailverliebheit und dem Blick auf die großen Linien: von der Zustandsanalyse für das 15./16. Jahrhundert unter Berücksichtigung der räumlichen und politischen Grenzen, den Herausforderungen für das Kaisertum zwischen Reichsreformen und Krisen (Habsburger), die Territorien auf dem Weg der Staatsbildung (u.a. durch Konfessionalisierung) und die Reichskirche durch die Reformation (zwischen der Dominanz der Lutheraner gegenüber alternativen Richtungen), den Versuchen der Wahrung des inneren und äußeren Friedens durch Geltendmachung des Kontextes von Frieden und Recht. Whaley zeichnet dabei die Problemfelder mit Akribie nach und weicht Risiken der Interpretation nicht aus: Außenpolitik für das Reich in Europa unter dem Aspekt divergierender Interessen der spanischen und deutsch-österreichischen Habsburgerdynastie vor und nach 1648, der Frage nach dem Charakter des 30-jährigen Krieges („religion was never the sole motivating force“), bestimmt durch Pamphlete der Kriegspropaganda (Flugblätter) und die Art der Kriegführung (u.a. Wallenstein, Ernst von Mansfeld oder Bernhard von Sachsen-Weimar als „Kriegs-Unternehmer“), schließlich des Westfälischen Friedens, der das Ende jeden Versuchs bedeutete, eine einheitliche „deutsche Monarchie“ als Zentralstaat zu begründen, in dem in den „instrumenta pacis“ von Münster und Osnabrück Schlüsselbegriffe wie „deutsche Liber tät“ und „Herrschaft des Rechts“ die Textauslegung bestimmten.

Es ist ein Vorteil des Werks von Joachim Whaley, dass er dem Leser eine Gesamtdarstellung aus einer Hand – und aus einem Guss bietet. Der Autor setzt auch im 2. Band sein Gliederungsprinzip konsequent um: In 6 Kapiteln lässt er die Entwicklung des Alten Reichs von 1648 bis 1806 Revue passieren: zwischen inneren Problemkonstellationen (u.a. Immerwährender Reichstag als Gesandtenkongreß, das Verhältnis zwischen Habsburg und kleineren Territorien), äußeren Bedrohungen und Konfliktlagen („neue Türkengefahr“ im Südosten, die „Schlesischen Kriege“, Frankreich als „Reichsfeind“, 1689), kulturgeschichtliche Entwicklungen (u.a. Barock und die katholische Volksreligiosität, die Position des Corpus Evangelicorum in Bezug auf „a territorialized faith“, die Rolle von protestantischer, katholischer und jüdischer Aufklärung, Josefinismus und staatliche Reformen) einschließlich der Fragestellung, ob Reformschritte (Wirtschafts-, Steuer-, Sozial- und Bildungssystem) gegen Revolution(en) immunisieren können. Im Schlußkapitel stellt Whaley „Kontinuität und Wandel“ im Alten Reich zwischen 1792 und 1806 als Konsequenz aus den Ereignissen der „Revolu tionskriege“ in den Blickpunkt: die Habsburger kurz vor dem finanziellen Bankrott und ohne Aussicht, die Führungsrolle im Reich nach dem Frieden von Lunéville (1801) wiederzuerlangen, für die Reicchstände sollte sich eine Kompensation für Gebietsverluste durch Säkularisation und Mediatisierung abzeichnen, was jede Motivation für mögliche Sympathien für Vorstellungen einer (letzten) Reform des Reichs abstürzen ließ – seien es die Pläne deutscher Jakobiner oder Ideen akademischer Staatstheoretiker zu „Reichsbürgerrecht“, „Reichsbürgerschaft“, „freier Religionswahl“ oder „Volks souveränität“. Der mit dem Reichsdeputationshauptschluß (1803) verbundene Schnitt war für das Alte Reich gleichbedeutend wie die Französische Revolution für das „Ancien Régime“ (1789 ff.): Die Saekularisation war bereits 1802 in der Methode ein Kulturkampf, wie Whaley es an Beispielen aus dem oberbayerischen Kloster Rottenbuch dokumentiert (betr. Gemälde, Bibliotheksbestände, Gebäude als Baumaterial). Die Wieskirche bei Steingaden – heute Weltkulturerbe – war zum Abbruch für 20000 fl. freigegeben und konnte nur durch die Spenden „ignoranter Bauern“ gerettet werden. In der Rechtsgeschichte stellt die formelle „Abdankung“ von Kaiser Franz II. einen Verfassungsbruch dar (Gerd Kleinheyer, 1987), während Joachim Whaley diesen Vorgang politisch wertet: Damit wurde ein Interregnum ausgeschlossen, zudem verhindert, daß die Reichskrone in die Hände Napoleons I. oder eines der Kurfürsten fiel. Fazit: Ob das Vorgehen von Kaiser Franz II. (il-) legal war, es ändert nicht das Faktum, dass am 06.08.1806 das Hl. Römische Reich Dt. Nation „erledigt“ war („extinguished irrevocably“).

Der Autor zieht für seine Schlußfolgerung zwei Zeitzeugen heran: Joseph Anton von Vahlkampf, Protonotar am Reichskammergericht in Wetzlar (1806) und Wilhelm von Humboldt (1813). Ihre Reaktionen bewegen sich zwischen Schock und Perspektive für neue Realitäten, mit denen Joachim Whaley sein Werk ausklingen lässt: „It lies in the natural composition of things that in the feelings of its inhabitants and in the eyes of their neighbours, Germany will remain, within frontiers either enlarged or contracted according to circumstances, One Nation, One People, One State.“

Joachim Whaley hat mit diesen beiden Bänden einen großen Wurf gewagt, der im Sprachduktus sehr flüssig, in seinem dt.-engl. Glossar der Fachbegriffe und einer sehr reichhaltigen Bibliographie und einem umfangreichen Register für den Nutzer leicht lesbar ist. Fachlich regt er zu einer Vertiefung an und kann ohne Einschränkung als ein wertvolles Handbuch für Geschichtslehrer, Studenten und Journalisten dienen. Es ist wohl britisches understatement der OUP, diese Arbeit „nur“ für den englischen (!) Sprachraum gedacht zu haben. Es wäre wünschenswert, wenn die beiden Bände nicht nur die Regale von Instituts- und Fachbibliotheken bereichern würden – der Rezensent empfiehlt das Werk für die Hand des am historisch-politischen Entwicklungsgang Deutschlands in Europa interessierten Mitbürgers, für die Bibliotheken an Gymnasien und Volkshochschulen.

Willi Eisele
Wolfratshausen
Bayer. Geschichtslehrerverband e.V. ,
Landesfachgruppe G/Sk im bpv

Materielle Grundlagen der Diplomatie

Häberlein, Mark, Jeggle, Christof, Hrsg.,
Materielle Grundlagen der Diplomatie – Schenken, Sammeln und Verhandeln im Spätmittelalter und Früher Neuzeit
Irseer Schriften N.F., Band 9, Konstanz, UVK, 2013, 293 S., br., Personen-, Orts- und Sachregister, sw-Abb., 8 Farbtafeln,
ISBN 978-3-86764-364-1, 39,00 EURO

Die Geschichte der internationalen Beziehungen stellt sich in der Historiographie seit dem 19. Jahrhundert unter dem Leitbegriff des „Primats der Außenpolitik“ nach Etablierung der Wirtschafts- und Sozialgeschichte zunehmend differenzierter dar. Eine Fachtagung des „Irseer Arbeitskreises für vor-industrielle Wirtschafts- und Sozialgeschichte“ (27.-29.03.2009, Schwaben-Akademie Irsee) focussierte die komplexe Diplomatiegeschichte auf ihre materielle Dimension und bietet damit Raum für ein „facettenreicheres Bild der Geschichte der internationalen Beziehungen, als es der Historismus vermochte“.

Der nun vorliegende Berichtsband dokumentiert die Irseer Tagung in Beiträgen, die der diplomatischen Kommunikation zwischen dem 13. und dem 18. Jahrhundert zuzuordnen sind. Ulf-Christian Ewert (Münster) und Jan Hirschbiegel (Kiel) wählen William Shakespeare's Drama Heinrich V. (1599), um anhand dieses literarischen Vorbilds eines französisch-englischen Gabentausches historische Koordinaten als Handlungsoptionen zur Zeit des Hundertjährigen Krieges einzuführen: über den „schönen Schein“ hinaus erweist sich der Austausch als „diplomatisches Geschenkspiel“, bei dem aus Annahme oder Ablehnung ein Kooperationswille oder im Gegenzug eine Bloßstellung oder gar der Abbruch der Beziehungen oder Kriegsabsichten abzuleiten sind. Aus dem Mechanismus der Spieltheorie erklärt sich nicht nur der Anreiz eines (Luxus-) Geschenks und dessen Symbolkraft, sondern auch eine berechenbare Stabilisierung diplomatischer Beziehungen.

Michael Jucker (Luzern) zeigt in seinem Beitrag auf, wie Raubgüter (Kunstwerke, Luxusgeschen-ke als Beutestücke, geraubte Reliquien) in Geschichte (13.-16. Jhdt.) und Gegenwart zu diplomatischen Irritationen führen können. Im Umgang mit Geschenken und Raubgütern zeige sich, sei es in der rituellen Nutzung, der Zerstückelung oder Einschmelzung oder einer Platzierung zu Repräsentationszwecken ein erwarteter ideeller oder materieller Mehrwert in der Reziprozität von Gabe und Gegengabe mit dem Blick auf einen Markt zwischen Schatzkammern und Auktionshäusern bei An- und Verkauf von Kunstsammlungen.

Harriet Rudolph (Regensburg) sieht in den Schenkakten im diplomatischen Verkehr „Elemente der politischen Kultur im Alten Reich“ als „wichtige Mittel zur Verfolgung politischer Interessen“. Ausgetauscht „von Hof zu Hof“, übergeben bei Herrschertreffen und politischen Großereignissen (Bsp. Reichstagen) sind die Objekte in Schenkverzeichnissen der Reichsstädte, in den Beständen adliger Bibliotheken und Kunstkammern ebenso verzeichnet wie in der diplomatischen Korrespondenz in den Archiven nachgewiesen. Geschenkakte werden darüber hinaus institutionell kodifiziert (Zeremoniell) und begrifflich differenziert (polity, politics, policy). Harriet Rudolph wählt exemplarisch neben öffentlichkeitswirksamen Nürnberger Schenkakten bei Kaisereinzügen zwischen 1400 und 1650, wobei der Besuch des Herrschers, seine Investitur und/oder die Huldigung Anlässe sein konnten, Beispiele des Rituals zwischen einem Reichsfürsten und dem Kaiser (Bsp. Dresden, 1575 und 1617). Zwischen diesen exempla wird eine Mehrdimensionalität des Schenkens nach Akteurstypen (Kaisertum, Reichsstadt, Fürst) herausgearbeitet.

Evelyn Korsch (Venedig) schließt diese Erörterungen mit einem Beitrag über den Besuch Heinrichs III. in der Adelsrepublik Venedig (1574) ab. Historisch zugeordnet wird sowohl das Gastgeschenk Venedigs (Prunkkutsche) als auch von Geschenken, die im Namen Heinrichs III. im Rahmen der rites de passage an venezolanische Akteure übergeben wurden (Diamantring für den Dogen, Silbergeschirr, Goldketten, Kunstgegenstände im Gesamtwert von ca. 16 000 Dukaten). Der Besuch des roi très chrétien bei der „Serenissima“ (Venedig) bedeutet für die Adelsrepublik nach Lepanto (1571) und dem Frieden mit den Osmanen (1573) ein „göttliches Geschenk, auch wenn es die Staatskasse den Gegenwert eines Kriegszugs gekostet hat“.

Die II. Sektion der Fachtagung in Irsee befaßte sich mit den Akteuren des Geschenkwesens. Susanne Kubersky-Piredda (Rom) und Salvador Salart Pons (Detroit) behandeln in einem externen Beitrag das Geschenkwesen am spanischen Hof unter König Philipp II. (1556-1598), das sich mit „Gonzalillo“ (Gonzalo de Liano), einem Hofnarren und Kammerdiener als Mittelsmann entwickelte, der in fünf mehrmonatigen Reisen „Kunstwerke, Kuriositäten und Informationen“ aus Italien nach Spanien brachte. Seine Berichterstattung i.S. einer (Doppel-) Agententätigkeit ist in einem umfangreichen Briefwechsel dokumentiert.

Corinne Thépaut-Cabasset (London) beschreibt den europäischen Handel mit Luxuswaren, v.a. Textilien, der im späten 17. Jhdt. von diplomatische Agenten organisiert wurde. Luxusmöbel und Mode, aber auch technische Innovationen des Grand Siècle wurden europaweit durch Presse (u.a. Le Mercure Galant), Adreßbücher und Reiseführer seit 1670 bekanntgemacht, der europäische Adel ließ durch Bankiers, Agenten und Diplomaten in Paris nicht nur die Expektanzen für Familienbande vorklären (Bsp. Frankreich-Bayern), sondern auch die technisch-materiellen Voraussetzungen für einen exquisiten Warenaustausch erörtern. Kleiderlisten, Lieferantenquittungen und Zolldokumente belegen die Ankäufe des „Blauen Kurfürsten“ zwischen 1680 und 1687 in Paris: Gewänder, Stoffbahnen, Accessoires, Kosmetik- und Toilettenartikel, Möbel, Kunstgegenstände und Schmuck, Equi pagen, Jagd- und Zierwaffen, Musikalien und Kunstwerke. Die ausgestellten Pässe dienten lediglich der Dokumentation bei der Grenzpassage, nicht aber dem Zweck der Zollkontrolle, da die vorgelegten Listen ohne Wertangaben sind. Es war somit ein Akt der Gunst des Souveräns, wenn für solche Luxusgüter mit der Expresspost von Paris über Straßburg nach München „liberté, securité et sauf-conduit“ für eine Reisedauer von 12 Tagen zugesichert wurden. Dokumente aus dem HStA München belegen, daß seit dem Ende des 17. Jhdts. die Kleidung das öffentliche Erscheinungsbild der fürstlichen Autoritäten absichern sollte („dressed to rule“), aber auch, wie der Konsum von Luxusgütern aus Paris zunehmend die Handelskreisläufe zwischen den Adelshäusern bestimmte.

Martin Pozsgai (Einsiedeln) befasst sich mit der Rolle zweier Kunstagenten am französischen Hof des Gesandten Daniel Cronström (Schweden, +1719) und des Juristen und Literaten Ernst Ludwig Carl (Brandenburg-Ansbach), die für Kontakte zur höfischen (Ausstattungs-) Kunst in Frankreich im 17./ 18. Jhdt. als „Chargés d' Affaires“ tätig waren. Der Aufgabenbereich erstreckte sich sowohl auf die Innenarchitektur der Residenzen („tapisseries, gobelins“, Vergoldung von Möbeln) als auch die Uniformmode („livrées“).Der Kunsttransfer zwischen Frankreich, Schweden und Ansbach-Bayreuth unterscheidet sich in den Personalien: Während Schweden französische Künstler engagierte, arbeiteten die Werkstätten in Ansbach (Residenz, Orangerie) mit eigenem Künstlern, ggf. im Austausch mit Fachkräften aus Preußen (Potsdam).

Christina Koch (Dresden) nimmt Bezug auf ihre Dissertation (2010) über den Aufbau der „Brühlschen Sammlungen“ (1738-1764). Als Direktor der Königlichen Sammlungen (1738) war Oberkammerherr Heinrich Graf von Brühl auch zuständig für den Erwerb von Skulpturen, Kunstwerken, Kupferstichen, Büchern, Mineralien, physikalischen Instrumenten und Pferden für das Sächsische Königshaus, und er streckte seine Fühler nach Madrid, Rom, Venedig und Paris, dem wichtigsten Kunstmarkt aus, wo bis 1763 zwei Agenten für Sachsen wirkten. Von Brühls engmaschiges Netz von Kunstagenten, die damit die Dresdener Schätze einschätzen konnten, existierte auch 1763, und seine Agenten horchten auf, als auf Veranlassung einer königlichen Finanzkommission (1765) von Brühl des „Vergreifens an landesherrlichen Cassen sowie der Anmaßung und der Majestätsbeleidigung“ beschuldigt wurde. Bevor es zum Prozeß gegen von Brühl kam, einigte man sich mit dessen Erben in Würzburg auf einen Vergleich: Aus dem Brühlschen Erbe sei „ein Aequivalent von mehr als 6 Tonnen Goldes zu verwilligen“, um die Schuldenlast Sachsens zu tilgen. Damit stand nach Aufhebung der Sequestration der größte Kunstverkauf im 18. Jhdt. an, für den sich der Hof und der Kunstmarkt in St. Petersburg, London, Paris und Potsdam lebhaft interessierte. 1768/69 gingen aus einem Verkauf der Familie von Brühl etwa 450 Gemälde aus Dresden nach St. Petersburg, wo ein Teil in „sehr schlechtem Zustand“ ankam (Jakob Stählin, 1769). 346 Gemälde wurden in die Zarensammlungen der Eremitage aufgenommen. Die Brühlschen Erben verkauften noch 174 Gemälde an das Auktionshaus Christie's (1770). Auch das Kupferstichkabinett wurde durch Vermittlung von Brühlschen Nachlaßverwaltern und russischer Agenten von Zarin Katharina II. (1769/70) erworben. Eine unsichere Aktenlage und der Hektik um mehr oder weniger verdeckte Verkaufsverhandlungen dürften mitverantwortlich für Unklarheiten hinsichtlich des Schicksals von Teilbeständen der Dres-dener Sammlungen aus jener Zeit sein.

Johanna Beate Lohff (Castrop-Rauxel) erörtert in der III. Sektion („Objekte“) zwei Beispiele von Bildern auf Stein als Diplomatengeschenke, darunter Antonio Tempestas „Perlenfischer“, entstanden vor 1630 (Paris, Louvre) und Pietro da Cortonas „Anbetung der Hirten“ (vor 1659; Madrid, Prado). Die Verbindung von wertvollem Material und kunstvoller Malerei ließ Bilder auf Stein entstehen (Öl auf Lapislazuli): ausgesuchte Gastgeschenke für Diplomaten in Südeuropa.

Magdalena Bayreuther (Bamberg) geht auf die Pferdezucht und -haltung in der frühen Neuzeit ein und beschreibt die Rolle des „edlen Tiers“ für die Aristokratie in Europa: Politik wurde aus dem Sattel, gewissermaßen einem „beweglichen Thron“ gemacht, das Glück des Siegers wurde erreicht und gefeiert „auf dem Rücken der Pferde“, Schlachten wurden jahrhundertelang mit der Kavallerie entschieden, und die Pferde waren als Kriegsbeute sehr geschätzt. Es entwickelte sich neben der repräsentativen Funktion der Kutschfahrten im Mehrspänner und einer Reitkunst („Spanische Hofreitschule“, Wien) auch die „Exklusivität der 'Ware' Pferd“ zwischen lokalem Pferdemarkt, gut betuchten Pferdeliebhabern, Pferdetauschaktionen zwischen gekrönten Häuptern sowie Pferden als diplomatischem Geschenk als Symbolakt der Anerkennung von Rang und Loyalität, dem „equinen Schenkungsverkehr“ zwischen den Zweigen des Hauses Habsburg vor 1700 oder der Übergabe des persönlichen Reitpferds als unnachahmliches Zeichen der Zuneigung – nicht zu vergessen die Exklusivität des Reitsports in England (Ascot) bzw. in den USA (Kentucky Derby) und den Rang der Tradition von Hengstparaden in arabischen Staaten. Bayreuther erinnert an Pferde als Objekt des ältesten Staatsvertrags zwischen England und Portugal (1386/1986) und erwähnt als besondere Belege für die Bedeutung des Pferdes für die Diplomatie zur Zeit des Kalten Krieges : das Staatsgeschenk Nikita Chruschtschows an Königin Elizabeth II. (1957) und deren Ankauf von zehn Warmblütlern aus dem ehemaligen Hofgestüt Moritzburg für die königliche Garde der Windsors (1987). Hofgestüt Moritzburg für die königliche Garde der Windsors (1987).

Ulrike Kirchberger (Bayreuth) widmet ihren abschließenden Beitrag der Tradition des Gabentausches zwischen indianischen Ethnien und europäischen Kolonisten in Nordamerika im 18. Jahrhundert. Sie erläutert die starke Symbolkraft von Tauschhandlung und -objekten innerhalb eines festen Rituals zwischen Grußformel, Ausdruck von Wünschen und Forderungen. Die rechtliche Verbindlichkeit von Reden, Verträgen und Bündnissen stand immer in Verbindung mit „Wampum“, einer gürtelartigen Muschelkette, die vom Gesprächspartner getragen und zum Zeichen der Rechtsgültigkeit ggf. übergeben wurde. Bisher wenig erschlossen, ergibt sich hieraus ein Forschungsbereich, um die Adaption der indianischen Kommunikationssysteme und Lebensformen durch europäische Gesprächspartner für die Praxis des 19./20. Jhdts. zu bearbeiten (Metaphern der Anrede, Technik der Wiederholungen, Austausch des Wampum, „condolence gifts“, gegenseitiger Gabentausch). Exem-plarisch untersucht wird im Beitrag die Geschenkpolitik im „Siebenjährigen Krieg“ (1754-1766), als im Tal des Ohio britische und französische Interessen zu Spannungen eskalierten, um sich der Gefolgschaft der jeweiligen Ethnien zu versichern.

Die Herausgeber des Berichtsbandes hoffen, mit der Tagungsfolge in Irsee und Trier und deren Ergebnissen interdisziplinär weitere Forschungsprojekte für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Politik- und Kunstgeschichte anregen zu können.

Willi Eisele, Wolfratshausen

Späthumanismus, Absolutismus und ...

Späthumanismus, Absolutismus und moderne Geschichtswissenschaft:
Aufsätze zu Ehren Peter Baumgarts, hrsg. von Peter Herde und Anton Schindling, in: Würzburger Diözesan-Geschichtsblätter 75, 2012, S. 13-145, Bilder- und Fotogalerie

Im Rahmen einer akademischen Feierstunde aus Anlaß des 80. Geburtstags von Peter Baumgart (*1931, Berlin) haben Freunde und Wegbegleiter des Jubilars im Bistumsarchiv an dessen wissenschaftliches Wirken zwischen dem Charlottenburger Schloss, an der Universität Würzburg zwischen der „Academia Julia“ an der Domerschulstraße, Sanderring und Hubland erinnert. Peter Herde und Anton Schindling, bekannt als die Herausgeber der Festschrift für Peter Baumgart anlässlich seines 65. Geburtstags (1996), die Beiträge zur Bildungsgeschichte am Beispiel der Geschichte der Alma Mater Herbipolensis zusammenfasste, arrangierten auch die aktuelle Festgabe.

Anton Schindling vergegenwärtigt Forschung und Lehre Peter Baumgarts über Themen der Mittleren und Neueren Geschichte seit 1967 von „Sehepunkten“ seiner akademischen Laufbahn aus: Berlin, Würzburg und das bikonfessionelle Schlesien als „Land der Friedens- und Gnadenkirchen“ und einer „sprichwörtlichen Toleranz“ sind für Baumgart prägende „Erinnerungspunkte“, die für sein Schaffen „vielfach inspirierend und impulsgebend“ waren. Seine Sicht auf das Bild Preußens in der Geschichte hebt sich „wohltuend ab vom Tunnelblick der Preußenverklärung oder der Preußenverdammung“, in dem er die Rolle der „drei großen Hohenzollern“ aus dem jeweiligen Kontext der europäischen und der Reichsgeschichte verständlich macht und auch die Integration Schlesiens in den preußischen Staat oder die Königsberger Königskrönung nach diesem Maßstab bewertet. Baumgarts „landeskundliche Bodenhaftung“ bewahrte ihn „vor den Übertreibungen einer preußischen Gesamtstaatsideologie“ – Landesgeschichte betrachtet er als „Korrektiv gegen allzu viel Borussismus“. In diesem Sinne ordnet Baumgart die Hohenzollern in den Kreis der Kurfürsten und Fürsten des Reiches ein und bewertet den Übertritt der Brandenburger zum reformierten Bekenntnis (1613) als „Berliner konfessionellen Sonderweg“. Peter Baumgart zeigte schließlich in der um 2000 geführten Historiker-Debatte für den Leitbegriff des Absolutismus Flagge, indem er den Streit quellenbasiert und nach Belegen aus der Fachliteratur als „verfehlt und überflüssig“ bezeichnete. Bildungs- und Konfessionsgeschichte bilden seit seiner Dissertation (FU Berlin, 1956) einen Orientierungsrahmen für sein Werk: die Universitätsgründungen in Marburg (1527), Helmstedt und Würzburg (1575) oder die späte Gründung einer Jesuiten-Universität in Breslau (Leopoldina, 1710) zeichnen den Bogen der Universitätsgeschichte zwischen Territorialstaatsbildung, Fürstensouveränität und Konfessionalisierung nach.

Manfred Rudersdorf (Leipzig) geht in seinem Beitrag auf die Problemkonstellation einer Profilbildung der Universität zwischen dem Anspruch des Landesherrn bei der Ausprägung einer effektiven Verwaltung seines Territorialstaats, dem Bildungs- und Erfahrungshorizont eines vom Humanismus geprägten akademischen Lehrkörpers und dessen Konfessionsbindung an Rom, Wittenberg oder Genf ein. Für die Universität Leipzig (gegr. 1409) nennt Rudersdorf neben dieser Prägung als weiteres Element die – nach Martin Luther „vom Mammon und vom Geiz“ geprägte, urbane Gesellschaft in einer weltoffenen Messe- und Handelsstadt als fruchtbaren Nährboden für Mentalitäten und moderne Denkmuster, die einer obrigkeitsstaatlichen Vereinnahmung und jedem Bekenntnis- und Uniformitätszwang zuwiderliefen. Mit der Grossen Universitätsordnung von 1580 setzte der Landesherr als „Summepiscopus“ die „reine unverfälschte Lehre“ an beiden Landesuniversitäten durch: „Wohlbestellte Universitäten und Schulen sind in einem Lande gar zwei schöne, herrliche Kleinod, sofern sie Gottes Wort rein und lauter lehren“ – als klare Absage an die Reformierten. „Philippisten“ waren im „Theologengezänk“ (1574) polemisch als „Kryptokalvinisten“ beschimpft worden. Im Ergebnis wurde die „Vernunft als Regulativ zwischen Glauben und Philosophie“ zum Bindeglied von humanistischer Bildung durch „Verstetigung der Inhalte“ (Bildungskanon) und lutherischem Bekenntnis, exemplarisch umgesetzt an der Universität Leipzig, der „neuen evangelischen Musteranstalt in Mitteldeutschland“ zur Herausbildung einer Elite in Staat und Kirche. Auf diese Weise wurde ein intellektuelles Kräftepotential freigesetzt, das den „Modernitätssprung der europäischen Aufklärung“ über Konfessionsgrenzen hinweg maßgeblich mitprägte. Wer heute die Prägekräfte des Transformationsprozesses zwischen der Vormoderne am Ende der frühen Neuzeit erforscht, wird dankbar den kreativen Einstieg der Fragestellungen Peter Baumgarts nachhaltig nutzen können.

Werner Buchholz (Greifswald) greift mit seinem Beitrag zur Festschrift mutig in den aktuellen Streit unter Historikern über die Handhabung des Fachbegriffs Absolutismus ein. Er läßt die Begriffssprache seit dem 19. Jhdt. Revue passieren: Als „politisch-polemischer Kampfbegriff“ nach 1830 gefaßt und in enger Verbindung mit einem weiteren Kampfbegriff in der politischen Debatte v.a. durch den Liberalen Carl von Rotteck in der Kombination „Restauration durch die Reaction“ gebraucht, wurde in dem Ruf nach Absolutismus populistisch eine politische Forderung aus Furcht vor der „allgemeinen Umwälzung“, als „vermeintlich letzte Zufluchtstätte gegen Anarchie und Revolutionsgreuel“ gesehen. Von dieser politisch-publizistischen Zuspitzung weicht ein wissenschaftlicher Typenbegriff des Nationalökonomen Wilhelm Roscher (Leipzig) ab, der in seinem Dreistufenmodell von einer Phase des konfessionellen, des höfischen und des aufgeklärten Absolutismus (1874) sprach, das von Gerhard Oestreich (1969) weiter entwickelt wurde. Aus dem Abstand zur Emotionalität des politischen Kampfbegriffs wurde Absolutismus als „analytische Kategorie und Epochenbezeichnung“ auch gegen den Fachbegriff Totalitarismus (20. Jhdt.) abgegrenzt und differenziert gehandhabt: „Die absolute Monarchie war keineswegs in der Lage, die überkommenen politischen Privilegien der in ihren Dienst gestellten ständischen Gesellschaft aufzuheben oder die umfangreichen Rechte lokaler Herrschaft zu beseitigen“. Parallel zu dieser Definition setzte Gerhard Oestreich seine Wortschöpfung „Finanzstaat“, was sich für das 15.-17. Jhdt. anbiete, da sich die Staatsfinanzen über die Bewilligung von Steuern als „Dreh- und Angelpunkt der Kommunikation zwischen dem Monarchen und den Landständen“ erwiesen. Bewilligung von Fall zu Fall oder Steuerfestsetzung auf Dauer markieren in den Quellen deshalb auch das Ende des Finanzstaats (vgl. den Landtagsrezeß vom 26.07.1653 in der Mark Brandenburg). Fürst und Landstände stellten – so Oestreich – kein Gegensatzpaar dar, sondern prägten als Exponenten den Territorialstaat. Er widersprach damit Fritz Hartung (1961), der in der ständischen Mitsprache lediglich einen „Hemmschuh“ für obrigkeitliche Planungen, v.a. im Bereich der Staatsfinanzen und des Militärs, und im ständischen Widerstandsrecht sogar eine „Gehorsamsverweigerung“ sah. Neben die Begriffe Absolutismus und Finanzstaat treten deshalb als kategoriale Funktion bei Oestreich unter Berufung u.a. auf den Frühsozialisten Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) auch die Begriffe von Sozialregulierung und Sozialdisziplinierung.Für Ronald G. Asch und Heinz Duchhardt (1996) steckt hinter dem traditionellen Epochenbegriff Absolutismus lediglich ein Mythos, erstmals in dieser kritischen Sicht formuliert durch den britischen Historiker Nicolas Henshall (1992). Werner Buchholz belegt in seinem Beitrag im Gegenzug für den Absolutismus in Europa die These, daß es im Unterschied zu England auf dem Kontinent keinen „starren Gegensatz zwischen Fürst und Parlament gegeben“ habe. Er lehnt deshalb die pauschalen Einschätzungen von Henshall/Asch/ Duchhardt für Europa ab. Wie Werner Buchholz referiert, setzte sich mit den Ergebnissen eines Symposiums an der Universität Münster (1994), dessen Ziel als „Abschied vom Absolutismus“ vorgegeben war, auch Peter Baumgart (2009) mit kritischen Gegenfragen auseinander, nachdem keiner der dreizehn Referenten im Berichtsband über die Münsteraner Tagung (publ. 1996) konkrete Belege vorlegen konnte. Falls eine ex post gehandhabte Begriffsfindung wissenschaftlich als ein Epochenbegriff nicht handhabbar sein sollte, müsse ebenso die vorgeschlagene Alternati-ve „Barock“ als ein eher kunst- und kulturgeschichtlicher Epochenbegriff entfallen. Dabei greift Werner Buchholz in seiner Argumentation auf ein Konsenspapier von Fritz Hartung und Roland Mousnier zurück, die bereits anlässlich des Internationalen Historikertages (Rom, 1955) sechs Kennzeichen der „monarchie absolue“ formuliert hatten, auf die Gerhard Oestreich 1969 in Abgrenzung zu von Rotteck zurückgreifen konnte, um so einer Innenansicht der absoluten Monarchie den Vorrang zu geben, die neben der Perspektive des absoluten Monarchen auch den „pouvoirs intermédiaires“ (Gerhard Ostreich), d.h., dem „Nichtabsolutistischen im Absolutismus“ einen Stellenwert verschaffen könne (Peter Baumgart).

Fazit: Der absolutistische Staat hat seinen Herrschaftsanspruch eben nicht bis ganz nach unten hin „durchgestellt“. Sein Einfluß blieb auf die Zentralfunktionen begrenzt, „denn auf der regionalen und der lokalen Ebene, insbesondere auf letzterer, hatte (er) nichts zu bestellen“ (Gerhard Oestreich). Es spreche alles dafür – so Werner Buchholz abschließend – den 1955 von Hartung und Mousnier angestoßenen und seither auf der Basis wissenschaftlicher Empirie differenziert fortgeführten Diskurs in der Stände- und Absolutismusforschung weiterzuführen – und zwar unter Beibehaltung des von Gerhard Oestreich definierten Absolutismus-Begriffs.

Peter Herde (Würzburg) greift in der Festgabe seine Arbeit zu einem Forschungsprojekt über die Universität Würzburg in der ersten Hälfte des 20. Jhdts. auf, dem Mitglieder der Historischen Kommission der Universität unter der Leitung von Peter Baumgart zuarbeiteten, und deren Ergebnisse 2002 „ungeachtet wenig ermutigender Umstände“ publiziert wurden. Herdes Beitrag bezieht sich auf die Personalia der Geschichtswissenschaft (Alte Geschichte, Neu ere und Neueste Geschichte) zwischen Nationalsozialismus und demokratischem Neubeginn (1945/55). Nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur entließ nach einer Anordnung der US-Militärregierung Adam Stegerwald als unterfränkischer Regierungspräsident am 26.07.1945 die drei Lehrstuhlinhaber Wilhelm Engel (1905-1964), Eugen Franz (1892-1947) und Wilhelm Enßlin (1885-1965). Die Entlassungsverfügung gegen den Althistoriker Enßlin wurde bereits am 12./23.09.1945 zurückgenommen. Herde zeigt am Beispiel des Konkordatslehrstuhls gem. Art. 4 § 2 eine Besonderheit der Berufungen seit 1924 auf: Er ist mit einem Kandidaten zu besetzen, „gegen den hinsichtlich seines katholisch-kirchlichen Standpunkts keine Erinnerung (durch den Ortsbischof) zu erheben ist“. Bereits 1926 zeigte sich am Beispiel der Berufung Max Buchners (1881-1941), wie stark diese Regel vom Beziehungsgeflecht der konkurrierenden Kräfte abhing, als Bischof Matthias Ehrenfried „Erinnerungen“ gegen den Kandidaten äußerte: Buchners Rolle als DNVP-Publizist wog beim Bayer.Ministerpräsidenten Held in Absprache mit dem Münchner Nuntius Eugenio Pacelli schwerer als die Bedenken gegen den „Antisemiten, Antiparlamentarier und Antidemokraten“. Da er „mehr politischer Publizist als Wissenschaftler war“, unterstrichen Gutachter die Berufungen in Würzburg und München als Fehlbesetzung, die nur durch politische Intervention erklärbar war. Auch hinsichtlich Buchners Weigerung, seinen Hauptwohnsitz in Würzburg zu nehmen, drängt sich ein Vergleich zu einem Berufungsvorgang nach 1945 auf (Karl Bosl). Die Nachfolgebesetzung auf den Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte zum WS 1937/38 erfolgte ohne formelles Berufungsverfahren: Wilhelm Engel, Archivar aus Meiningen, beheimatet in der fränkischen Landesgeschichte, NSDAP-Mitglied, war nur eine Interimslösung und konnte den Aufgabenrahmen des Lehrstuhl nicht ausfüllen, da er 1939 zur Wehrmacht eingezogen wurde. Mit Eugen Franz, der sich 1930 in München mit Studien zur Nürnberger Außenpolitik habilitiert hatte, folgte nach Herde bis zur o.e. Entlassung 1945 ein weiterer „guter Forscher, freilich eher mäßiger Historiker“ auf den Lehrstuhl.

Exemplarisch behandelt wird auch das akademische Wirken von Alexander Schenk Graf von Stauffenberg (1905-1964), älterer Bruder des Hitler-Attentäters, als Althistoriker an der Universität Würzburg. Seine vorübergehende „Teilidentifikation“ mit dem NS-System schwankte zwischen einer Akzeptanz der Unterstützung seiner Karriere, abstoßend empfand er Angriffe auf seine Frau als „Mischling ersten Grades“, aber auch die ideologisch motivierte Kritik an seinen Ausführungen über Theoderich d. Gr. auf dem Erfurter Historikertag (1937) durch Rudolf Buchner (1908-1985). Seine Tätigkeit an der „Reichsuniversität“ Straßburg währte wegen des Kriegseinsatzes und seiner Sippenhaft wegen des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 nur kurz. Aus der Gruppe der „Sonderhäftlinge des Führers“ am 08.04.1945 in Niederbayern von US-Truppen befreit, verbrachte von Stauffenberg drei Jahre in einem Stefan George-Kreis am Bodensee, bevor er 1948 an die LMU München berufen wurde. Sein Nachfolger in Würzburg war Wilhelm Enßlin (1885-1965), von 1910-1930 als Altphilologe im höheren Schuldienst an Gymnasien in Bromberg, Posen, Frankfurt/Main und Marburg (OStD). Seine wissenschaftliche Karriere führte ihn von Marburg über Graz und Erlangen (1936) nach Würzburg (1943). Selbst nie NSDAP-Mitglied, trat er dem NS-Dozentenbund in Erlangen bei und lehnte Rufe nach Breslau und Jena ab, um mit kurzer Unterbrechung anlässlich der systematischen Entlassungsverfahren durch die US-Militärregierung bis zu seiner Emeritierung (1952) in Erlangen und Würzburg zu lehren. Enßlin, in den Kriegsjahren der „einzige, voll einsatzfähige Historiker“ in Erlangen, stand 1945/46 in Würzburg als einziger für die Kontinuität der Geschichtswissenschaft zur Verfügung und wirkte als einziger Historiker bei der Lehrstuhlneubesetzung in der philosophischen Fakultät mit.

Mit der Berufung Michael Seidlmayers (1902-1961) auf den Lehrstuhl für Mediävistik und Landesgeschichte als Konkordatsposition (1946) treffen wir auf einen Hochschullehrer, der an der LMU München als Dozent (1933-1945) aus religiöser Überzeugung dem NS-System widerstanden und seine Geradlinigkeit auch später gegenüber aus der NS-Zeit belasteten Kollegen bewiesen hat, u.a. gegenüber Ulrich Noack (1899-1974), Friedrich August Freiherr v.d. Heydte (1907-1994), Rudolf Buchner (1908-1985) und Karl Bosl (1908-1993), wobei das Wirken und die ideologische Orientierung jeder Personalie differenziert betrachtet werden muss. In seinem Résumée stellt Peter Herde fest, daß „fast alle sich aus einem unsezierbaren Gemisch von Überzeugung und Opportunismus mit dem verbrecherischen (NS-) System teilidentifiziert und mit ihm kooperiert haben, aber keine fanatischen Nationalsozialisten waren. Die NS-Ideologie scheint an der Universität Würzburg in der Geschichtswissenschaft weniger stark durchgedrungen zu sein als anderswo.“

Peter A. Süß (Würzburg) zieht eine Bilanz der Studienreisen unter Leitung von Peter Baumgart (1983-1999), die er als Teamleistung des Historischen Seminars mit seinen Hauptseminaristen vorstellt, um zu belegen, warum historische Forschung sich nicht auf die Arbeit mit Quellen und Fachliteratur begrenzen kann. Historische Überreste, das Aufnehmen von „Spuen“ erfolgt daher an (möglichst authentischen) Schauplätzen. Peter Baumgarts und Peter Herdes mehrtägige Exkursionen führten nach Sizilien (1983; späte Stauferzeit, Friedrich II.), nach Israel (1985; Emigration der dt. Juden, Geschichte der Kreuzzüge), nach Apulien (1987; Stadtstaaten in Italien, Friedrich II.), nach Rom/Vatikan (1988; Deutsche in Rom im Spätmittelalter und in der Renaissance), nach Zentralspanien (1990; Themen der spanischen Geschichte vom 13.-20.Jhdt.) und nach Oberitalien (1999; Oberitalienische Staatenwelt und die Habsburger im 18. Jhdt., Das Reich und Italien im 13./14. Jhdt.). Regelmäßig nutzen die Teilnehmer diesen Wissensspeicher der Erinnerung für ihre fachliche Arbeit.

Abgerundet wird die Festschrift mit einer Publikationsliste Peter Baumgarts (1998-2012). Sie ergänzt das Schriftenverzeichnis von 1956-1998, abgedruckt in der Festschrift zum 65. Geburtstag des Jubilars, hrsg. von Peter Herde und Anton Schindling (1998), publiziert als Band 53 der Quellen und Forschungen zur Geschichte des Bistums und Hochstifts Würzburg (1998).

Willi Eisele
Wolfratshausen