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Bayerisches Handlungskonzept gegen Rechtsextremismus

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Besuch von KZ-Gedenkstätten

Besuch von KZ-Gedenkstätten als Teil der Werteerziehung unserer Demokratie
Anmerkungen zum MM-Artikel „Pflichtbesuch in KZ-Gedenkstätten“ vom 09.01.2008

Es ist dringend notwendig, die Anregung von Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle in den Kontext der Bildungs- und Erziehungsauftrag unserer Schulen einzuordnen. Damit muß der Verzicht auf Schlagworte wie „Pflichtbesuch“, „Schock- und Betroffenheits-pädagogik“ oder die Abwertung der unter dem Art. 131 der Bayer. Verfassung zu sehenden Berufsethik von Lehrern einhergehen.

Konkret: Jeder bayerische Lehrer kann mit seiner Klasse oder Kursgruppe die KZ-Gedenk stätten in- und außerhalb Bayerns in seinen Unterricht einbeziehen. Er kann gemäß der Förderrichtlinien in der aktuellen Fassung vom 24.01.2008 mit Haupt- und Förderschülern ab Jgst. 8, „mit Schülern aller anderen Schularten ab Jgst. 9“ einen Zuschuß für solche außerunterrichtliche Schulveranstaltungen beantragen. Nach vorliegender Statistik für 2007 haben 788 Schulen mit knapp 49 000 Schülern an den Gedenkorten Dachau/Kaufering und Flossenbürg Gebrauch gemacht, weitere haben den Gedenkort Nürnberg (ehem. Reichsparteitagsgelände) besucht. Dies sind die wegen der Nutzung der Zuwendungen des Freistaats registrierten Besucherzahlen, nicht erfasst sind Klassen und Kursgruppen mit Lehrkräften, die´diese Lernorte besucht und eigenständig ihre Gruppen dort geführt haben – was für den Groß raum München und Oberbayern genauso wie für Flossenbürg eine deutliche Ausweitung bedeuten dürfte.

Dennoch: die Anregung, solche Lernorte noch mehr in das eigene Unterrichtsprogramm einzubeziehen, ist notwendig. Es sollte unter allen Umständen vermieden werden, dass es sich hier um eine „Zwangsvorführung“ (Peter Koch) handelt. Dem ist hinzuzufügen, dass ein verordneter Antifaschismus à la DDR“ sich nur kontraproduktiv auswirken dürfte. Beobachtungen von undisziplinierten Gruppen bei Gedenkstättenbesuchen lassen erahnen, welche negativen Begleiterscheinungen hier nur schwer in den Griff zu bekommen sind.

Erinnert sei deshalb an die „Fünf Thesen“ zum schulischen Besuch von KZ-Gedenkstätten als Teil des Unterrichts (!) von Phil. C. Langer (2006), die im Themenheft 1/2008 der „Einsichten und Perspektiven“ der Bayer. Landeszentrale für politische Bildung jedermann zugänglich sind. Eine „Erziehung nach Auschwitz“ folgt einer Grundsatzaussage von Hannah Arendt: „Man kann nicht erziehen, ohne zugleich zu lehren. Eine Erziehung ohne Lernen ist leer und degeneriert daher besonders leicht in in ein moralisch-pathetisches Gerede. Aber man kann sehr wohl lehren, ohne zu erziehen und man kann bis ins späte Altern lernen, ohne erzogen zu werden.“ Für uns Lehrer gilt dieser Grundsatz, ohne uns auf die x-te Variante einer Fachdiskussion über den umstrittenen Begriff der „holocaust education“ einzulassen. Und es muß in der Entscheidung der (Fach-) Lehrkraft bleiben, wann und mit welcher Lerngruppe sie einen Besuch des Lernorts KZ-Gedenkstätte als geeignete Methode den Varianten Zeitzeugen Vortrag und –gespräch, Dokumentarfilm oder Spielfilm vorzieht. Ob Geschichtslehrer, politischer Bildner, Religions-, Ethik oder Deutschlehrer – er/sie wird den geeigneten Zeitpunkt und die geeignete Methode wählen, um neben Faktenwissen auch den Focus der Menschenrechte zu beachten, kurz: „Herz und Charakterbildung“ als wichtiges Erziehungsziel sehen.

Willi Eisele, OStD,
Landesvorsitzender des BGLV e.V. und der Fachgruppe Geschichte/Sozialkunde im Bayer. Philologenverband, Kiefernweg 1, 82515 Wolfratshausen

Fachlehrplan Geschichte

Eigenständigkeit der Fächer G/Sk steht für Unterrichtsqualität: Notwendige Anmerkungen zum Fachlehrplan Geschichte für die Oberstufe der Gymnasien in Bayern

Der Bayerische Geschichtslehrerverband e.V. und die Landesfachgruppe G/Sk im bpv e.V. haben sich erneut mit dem zum 01.08.2009 umzusetzenden Fachlehrplan Geschichte befasst, der durch einen aktuellen Feuilletonbeitrag in die öffentliche Kritik geraten ist. Auf den heftigen Schlagabtausch möchten wir sachlich und konstruktiv-kritisch reagieren, zumal das Pressereferat des BayKM inzwischen Kürzungen beim Oberstufenlehrplan zugegeben hat. Nicht der Sache dient allerdings ein Aufrechnen, wann welches Thema in Geschichte und in Sozialkunde, ggf. auch noch in weiteren Fächern behandelt werden könne oder wenn erstmals vom “Lehrplan von 2004“ die Rede ist. Fakt ist, dass der Fachlehrplan jahrgangsstufenweise (!) konzipiert und ein Oberstufenlehrplan erst 2009/2010 aufgesetzt werden soll. Eingriffe aus der Amtsspitze in Bezug auf Kürzungen hatten einen Dominoeffekt, der die Arbeit der Fachkommission belastet hat. Eine Bewertung eines Gesamtlehrplanwerks wird auch erst mit Erscheinen neuer Fachbücher möglich sein, so dass derzeit eine Zurückhaltung im Hinblick auf den „großen Wurf“ anzuraten ist. Leider sind diskussionswürdige Defizite dem Druck von Kürzungen vorschnell geopfert worden.

Ein Fachlehrplan für Geschichte am Gymnasium muß zuallererst das Ziel gymnasialer Arbeit im Blick haben: eine vertiefte Allgemeinbildung und die Studierfähigkeit, die eine solide Fachbildung, die Heranführung an eine Kritikfähigkeit im „Denkfach Geschichte“, ein Fundament im Grundwissen mit ansteigendem Niveauanspruch. Daß hierfür zunächst für die gymnasiale Oberstufe in der Stundentafel drei (!) Wochenstunden im Fach Geschichte vorgesehen waren, war sachlich begründet und die Grundlage für einen Lehrplanentwurf, der zeitlich und nun auch in den Fachinhalten gekürzt wurde – übrigens nicht nur in Bezug auf Themen wie Nationalsozialismus oder die deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte (Bsp. nur ca. 7 WS für die Ge schichte der zweiten Diktatur auf deutschem Boden, der DDR – ein Zufall?).

Unsere konstruktive Kritik richtet sich daher gegen jede Form von Beliebigkeit, Verharmlosung und (verordnetem) Vergessen, bezogen auf ein weites Themenspektrum und deutlich zurückreichend vor das 20. und 19. Jahrhundert bei Themen, die im Kontinuum und in Brüchen der Geschichte konstitutiv für unsere Werteordnung sind: „Wer wenig weiß, nimmt Tendenzen nicht wahr, wie Diktaturen entstehen – wer nichts weiß, muß alles glauben!“ Wissen über Geschichte belastet nicht, sondern es schützt unsere Jugend gegen ideologische Manipulation.

Kürzungen im Fach Geschichte lassen Strukturen und Zusammenhänge auf Module schrumpfen, die ein Schüler eigenständig nicht sinnvoll vernetzen kann. Damit wird der Bezug zu aktuellen „lebensweltlichen“ Zusammenhängen nicht mehr vermittelbar. Begriffe wie „Entsorgen, Entmüllen, Entrümpeln“ verbieten sich deshalb für das Fach Geschichte und alle Fächer, die eine vertiefte Allgemeinbildung ihr Bildungs- und Erziehungsziel nennen. Positiv ist daher am Oberstufenlehrplan für das Gymnasium in Bayern, dass er die Verengung auf das 20. Jahrhundert aufbricht und gesellschaftliche und politisch-philosophische Grundlagen für die Gegenwart aufgreift, die konstitutiv für die geschichtliche und politische Bildung sind.

Gegenüber den Entscheidungsträgern steht nach wie vor das Angebot, unseren Fachverstand in die aktuell notwendige Debatte einzubringen.

Für die Landesvorstände des Bayerischen Geschichtslehrerverbandes e.V. und die Landesfachgruppe Geschichte/Sozialkunde im Bayer. Philologenverband e.V. – gez. Willi Eisele