Wirtschaft funktioniert auf ethischer Grundlage

Auch Wirtschaft funktioniert nur auf ethischer Grundlage

Der ehemalige Goldman-Sachs-Manager Greg Smith erhebt in einem Buch schwere Vorwürfe gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber, von Finanzexzessen und skrupellosen Hedgefonds-Managern ist darin die Rede. Gleichzeitig suchen Banken und Sparkassen Hände ringend nach Lehrlingen zum einst begehrten Beruf des Bankkaufmanns: Das Vertrauen in die Wirtschaft ist im Moment von Skandalen und Krisen zerrüttet, nachdem Jahrzehnte lang der Homo Oeconomicus Maß der Dinge und der Wirtschaftsnobelpreise war. Genau an dieser Stelle setzt Julian Nida-Rümelins „Philosophie einer humanen Ökonomie“ an: Die Wirtschaft müsse in einen kulturellen, moralischen und sozialen Rahmen eingebettet sein.

Der Ex-Staatsminister und vielleicht prominenteste lebende deutsche Philosoph beschäftigt sich an der LMU im Moment hauptsächlich mit Fragestellungen der Ethik, politischen Philosophie und Ökonomie und berichtete darüber in einem Vortrag vor Lehrern, der am Deutschherren-Gymnasium Aichach im Rahmen des Projekts „VerANTWORTung LEBEN“ von der Fachgruppe Ethik des Bayerischen Philologenverbands organisiert wurde. In einem thematisch dichten Gespräch veranschaulichte Prof. Dr. Nida-Rümelin die Bedeutung „intrinsischer Motive“ auch für Optimierungsprozesse, wie sie in der Wirtschaft jeden Tag zum Nutzen der Akteure, in der Theorie sogar zum Nutzen (hoffentlich) aller Beteiligten ablaufen: Wenn einem mit vielen Millionen operierenden Fondsmanager zu hohe Boni in Aussicht gestellt werden, schadet sich der Fonds selbst, da für den Manager dann irgendwann nicht mehr der Nutzen seines Arbeitgebers, sondern nur noch der eigene Bonus im Zentrum steht. Der Fonds hebt also mit dem Ziel kurzfristiger Gewinne den eigenen Angestellten aus seinem sozialen Kontext, nämlich der Verwurzelung in eben diesem Unternehmen. Die (Er-)Folge waren, so Nida-Rümelin, mit höchstem Risiko ohne Rücksicht auf ihren Arbeitgeber spekulierende Individuen bei Goldman-Sachs, der französischen Société Générale und anderswo. Damit aber wurden Misstrauen und Illoyalität gesät. Gleichzeitig versuchten nicht wenige Privatanleger an den Gewinnaussichten solcher Methoden zu partizipieren – mit unterschiedlichem Erfolg.

Das Ergebnis solchen Handelns fällt aber nicht mehr nur in den Bereich der Volks- und Betriebswirtschaft, sondern auch in den der Ethik: Wenn nämlich die Mitglieder einer gegebenen Gruppe kein Vertrauen ineinander haben (können), so erläuterte der Philosoph, kommt es durch das gegenseitige Misstrauen mitunter zu schlechteren Entscheidungen für alle Beteiligten, wie das berühmte Gefangenen-Dilemma der Spieltheorie zeigt:

Wenn jeder der beiden Gefangenen A und B seine Entscheidung allein nach seinem individuellen Nutzen trifft und in Misstrauen gegenüber dem anderen, mit dem er sich nicht absprechen kann, dann hoffen beide auf 4 Elemente (Monate Haftverkürzung oder was auch immer), bekommen aber nur 2, weil auch der andere auf Option 2 (a2 bzw. b2) gesetzt hat. Hätten sie unabgesprochen aufeinander vertraut und jeweils Option 1 gewählt, hätten beide je 3 Elemente bekommen können. Und damit wiederum ergibt sich, dass zur wirklichen Nutzenmaximierung zumindest unter bestimmten Umständen Vertrauen erforderlich ist. Damit aber ist eine Grundannahme der modernen Wirtschaftstheorie widerlegt, dass nämlich die individuelle Nutzenmaximierung zum Besten aller Beteiligten sei.

Zu demselben Ergebnis führt jenseits der Spieltheorie auch eine genauere Betrachtung innerbetrieblicher Kommunikation, ohne die kein Unternehmen funktioniert: Wenn man mit einem Kollegen spricht, geht jeder, so Nida-Rümelin, in der Regel von ehrlichen und vertrauenswürdigen Informationen aus. Sähe er in seinem Gegenüber in diesem Moment einen konsequenten, egoistischen Nutzenmaximierer, der beispielsweise bei der Besprechung von Schüler- oder Eheproblemen nur seinen eigenen Vorteil in dieser Sache verfolgt, würde so manches Gespräch sinnlos und die Zusammenarbeit unmöglich.

In Anlehnung an das berühmte Diktum des ehemaligen Verfassungsrichter Böckenförde schlussfolgert Julian Nida-Rümelin daher, dass auch der Markt von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht schaffen kann. Es sei daher durch Kontrollen und Vorgabe von Rahmenbedingungen auch im Interesse der Marktteilnehmer sicherzustellen, dass diese Voraussetzungen, nämlich Vertrauen und wahrhaftige Kommunikation, erhalten bleiben, indem die ökonomische Praxis kulturell und ethisch eingebettet wird. Aus eben diesem Grunde, vermutet der Philosoph, seien eben auch die ortsverbundenen, kundennahen Sparkassen und Genossenschaftsbanken, denen sich risikoreiche oder zynische Aktivitäten eher verboten, weit besser durch die Finanzkrise gekommen als anonyme Institute mit langen, unpersönlichen Vertriebswegen.

Abschließend empfahl der Referent als Lektüre zum Thema Fernando Pessoas Erzählung „Ein anarchistischer Bankier“, die seit 1926 nichts von ihrer Aktualität verloren habe, und er ermunterte die Zuhörer zur Auseinandersetzung mit Philosophie in ihrem Unterricht: „Die Philosophie gehört in die Schulen“, aber nicht als Ersatz oder Konkurrenz zur Religion. Die anschließende, vertiefende Diskussion leitete seine Assistentin, die bereits für ihre Lehre ausgezeichnete Dr. Christine Bratu souverän.

Michael Lang