„Ohne Sinn kann man nicht leben“


Mitten in der Krise der Finanzmärkte referierte der bekannte Berliner Philosoph Wilhelm Schmid am 6.10. vor über fünfzig Lehrerinnen und Lehrern zum Thema „Glück und die Frage nach dem Sinn des Lebens“. Die Veranstaltung im Deutschherren-Gymnasium Aichach war eine von der Bezirksfachgruppe Ethik in Schwaben organisierte Regionale Lehrerfortbildung.

„Glück“ ist für den modernen Ethikunterricht ein ebenso schwieriges Thema wie die Frage nach der „Sinnfindung“, welche der Lehrplan der achten Klasse des G8 zwar behandelt, aber kaum zu beantworten weiß: Welches Glück und welchen Lebenssinn kann man Schülern jenseits modernen Existenzialismus und kurzfristiger Flow-Erlebnisse auf gesicherter Grundlage weisen?
Der im heutigen Krumbacher Ortsteil Billenhausen geborene Prof. Dr. Wilhelm Schmid hat es sich zur Aufgabe gemacht, als Philosoph den Menschen Antworten auf diese Fragen zu geben, wobei „Glück“ der einfachere der beiden Begriffe zu sein scheint. Schmid unterscheidet dabei mehrere Formen, von denen insbesondere das Zufallsglück, das Wohlfühlglück und das Wohl der Fülle nähere Beachtung verdienen. Die beiden ersteren sind auch Schülern bereits vertraut, bedürfen aber der Hinterfragung: Weder das Zufallsglück, das als unverdienter günstiger Zufall wie z. B. ein Lottogewinn oder auch „Glück“ an der Börse das Leben günstig zu beeinflussen vermag, noch das heute meist unter Glück verstandene Wohlfühlglück vermag den Menschen dauerhaft zu befriedigen, obwohl zu letzterem sowohl John Lockes „pursuit of happiness“ als auch Mihály Csikszentmihályis „Flow“ zu rechnen sind. Früher oder später holen einen das Pech, der Misserfolg oder auch nur die Normalität des Alltags wieder ein. Erst das „Glück der Fülle“, so Schmid, das die Gegensätze des Lebens anerkennt und sowohl positive wie auch negative Phasen als dessen notwendige Teile akzeptiert, vermöge den Menschen dauerhaft zu befriedigen, wogegen die Beschränkung auf das Positive nur möglich sei um den Preis, eben nur „das halbe Leben zu haben“. Dies sei auch eine immer wiederkehrende Erfahrung seiner langjährigen Tätigkeit als philosophischer Seelsorger in einem schweizer Spital gewesen.

Während aber diese Ausführungen zum Thema Glück noch an andere Quellen wie den Zivilisationsprozess nach Norbert Elias erinnern, stellte der Referent insbesondere zur Notwendigkeit einer Antwort auf die Sinnfrage bedenkenswerte Thesen auf. Überdies ist, wie schon bei Camus anklingt, eine Antwort auf diese Frage notwendig, um eben jene negativen Phasen geringeren Wohlgefühls auszuhalten. Laut Schmid gilt: „Wenn Sinn da ist, dann ist automatisch auch Glück da“, „Sinn [aber] ist Zusammenhang“, wozu er mehrfach auf die sonst nur fälschlich aus dem Englischen entlehnte Formulierung zurückgriff, einen Sinn zu „machen“. Demnach finde der Mensch Sinn immer dann, wenn er einen Zusammenhang, eine Beziehung z. B. zu einem anderen Menschen herstellt, wofür ihm mehrere Dimensionen zur Verfügung stünden. So könne man schon allein mit allen Sinnen eine Beziehung zur Umwelt herstellen, was beispielsweise den Entspannungseffekt von Naturerfahrungen erkläre, gleichzeitig aber auch die Problematik der Sinnfrage in einer heute für viele Menschen entsinnlichten Welt, die im Rahmen von Zivilisation und Arbeitsteilung kaum noch unmittelbare sinnliche Erfahrungen anbiete.

Ebenso könnten aber auch gefühlte Zusammenhänge Sinn stiften wie in der Liebe. Notwendig sei dazu jedoch, dass solche Beziehungen zu einem oder mehreren Menschen, einer Aufgabe oder einer Heimat dauerhaft genug seien für eine belastbare Sinnstiftung, um nicht gerade in jenen Phasen ihre orientierende Kraft zu verlieren, in denen diese am nötigsten sei. Als dritte sinnstiftende Ebene bot Schmid seinen Zuhörern die geistige Sinnstiftung an, gedeutete und gedachte Zusammenhänge. In diesem Verständnis vermöchten auch Deutungen literarischer Werke und erkannte logische Zusammenhänge wie in der Mathematik oder den Naturwissenschaften Sinn zu stiften, was schließlich auch für das eigene Leben als Ganzes gelte: Dieses werde als sinnhaft erfahren, wenn es sich deuten und auf ein Ziel beziehen lasse. Hilfreich hierfür wäre natürlich auch ein transzendentes Lebensziel als vierte und letzte Sinnebene, wie es klassischerweise die Religion stiftet.

Als Einstieg in diese Thematik empfahl der Referent, der es selbst regelmäßig Studenten nahe bringt, den Einstieg über die sinnliche Ebene beispielsweise von Naturerfahrungen, wofür bereits Grundschüler zu erreichen seien – was zudem mit dem Kapitel 5.1 „Wahrnehmung“ des Ethiklehrplans korrespondiert. Auf jeden Fall aber sei eine Anleitung zur Sinnfindung notwendig, da Glück und Sinn in einer individualisierten Welt nicht mehr von selbst entstünden, sondern erst wieder neu geschaffen werden müssten. Schmid warb auf Nachfrage aus dem zahlreichen Auditorium in diesem Zusammenhang für eine Ermutigung zur Kontinuität und zu längeren Zusammenhängen, denn „Kontinuität ist einer der stärksten Sinnstifter“.

Michael Lang

Buchrezension:

Wilhelm Schmid, „Glück. Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist“, Insel-Verlag 2007, 80 Seiten, 7,00 Euro, ISBN 3-458-17373-1

Schmids Buch zum Thema Glück ist nach Ausstattung und Untertitel ein Erbauungsbuch, ein Mitbringsel für Krankenbesuche und ähnliche Gelegenheiten. Als solches ist es offenbar recht erfolgreich, wie die zeitweilige Aufnahme in die Sachbuchbestsellerliste sowie das Erreichen mehrerer Auflagen binnen eines Jahres zeigen.

Es hat aber inhaltlich weit mehr zu bieten als Allgemeinplätze und fromme Anregungen: Ähnlich dem Aichacher Vortrag (s.o.) aufgebaut, leistet es eine ebenso verständliche wie tiefschürfende Analyse der Begriffe „Glück“ und insbesondere „Sinn“. Angesichts dieser Eigenschaften bietet es sich vorzüglich als Lektüre im Rahmen des Ethikunterrichts der Mittelstufe an, wodurch gleichfalls dem KMS zur Leseförderung in allen Fächern von 2007 Rechnung getragen wäre wie – in Ermangelung aktueller Lehrbücher zum Lehrplan des G8 – auch dem Bedarf an angemessenen, wissenschaftlichen und doch ebenso verständlichen wie knappen Texten.

ml