„Freiheit schließt Determination nicht aus“

Prof Dr Thomas Buchheim

In der Diskussion mit Teilnehmern


Philosophieprofessor Dr. Thomas Buchheim widerspricht am Deutschherren-Gymnasium Aichach den Schlussfolgerungen der Neurowissenschaft.



Aichach (lm) Der Münchner Philosoph und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität referierte am Deutschherren-Gymnasium Aichach anlässlich einer Lehrerfortbildung der Fachgruppe Ethik des Bayerischen Philologenverbandes. Thema der Veranstaltung war die Frage, inwieweit sich Freiheit und Determination vereinbaren lassen.

Der Einsatz bei dieser Diskussion ist hoch, leiten doch Neurobiologen wie Wolf Singer und Gerhard Roth aus ihren Forschungen weit reichende Schlussfolgerungen ab bis zu einer völligen Neukonzeption des Strafrechts, da sie von einer Determination und damit Schuldunfähigkeit jedes Menschen ausgehen. Mit diesen Thesen erlangten sie nicht zuletzt hohe mediale Aufmerksamkeit.

Prof. Dr. Thomas Buchheim trat in Aichach an mit dem Anspruch, nicht nur philosophische Forderungen aufzustellen, sondern auch „die Rechnung zu bezahlen“, also zu zeigen, dass seine Gedanken am Ende aufgehen. Er verwies dabei zunächst auf das erstaunliche Alter der Debatte, die sich bis zu Epikur und sogar der Goldenen Kette der Verhängnisse bei Homer zurückverfolgen lässt. Buchheim selbst folgt in seiner Annahme eines libertarischen Freiheitsbegriffs, der dennoch mit einem gewissen Determinismus kompatibel sei (libertarischer Kompatibilismus), eher Leibniz als dem stärker rezipierten Kant, der zwar Willensfreiheit, aber nicht Handlungsfreiheit postulierte.

Allerdings sei die Festlegung auf eine Handlungsalternative durch eine beliebige Zahl guter Argumente zwar eine Determination, aber keine Beschneidung der libertarischen Willens- und Handlungsfreiheit, da das Zurechtlegen dieser Argumente zuvor bereits eine eigene Entscheidung sei, sodass sie nicht am Willen vorbei wirken. Vielmehr sei eine die Freiheit beendende Determination erst dann gegeben, wenn der Wille zu etwas plötzlich und ungesteuert da sei. Das genau schlussfolgern Singer und Roth zwar aus den von ihnen gemessenen, der bewussten Entscheidung eines Probanden um einige Sekunden vorausgehenden neuronalen Aktivität, die sie als – unbewusste, unsteuerbare – Gedanken interpretieren. Genau diese Deutung von messbarer Aktivität als Gedanken sei aber, so der Referent, „völlig unbeweisbar“. Die neuronale Aktivität korreliere mit Denken nur auf eine nicht erklärbare Weise.

Stattdessen fordere aber selbst der umfassende, libertarische Freiheitsbegriff als zwei seiner Merkmale stets auch den Rechtfertigungsdruck des Handelnden und die Kontrolliertheit des Handelns, die im Grunde das Handeln teilweise determinierten. Selbst die oftmals angeführte Verkettung solcher Determinanten sei aber stets nur eine Eindeutigkeit, keine Notwendigkeit und damit nicht das Ende der Freiheit. Der unlängst verfolgte Weg zur Rettung der chilenischen Bergleute beispielsweise sei zwar durch technische Gegebenheiten eindeutig vorgezeichnet gewesen, seine Begehung jedoch keineswegs notwendig gewesen und der Dank der Geretteten an die Retter, die auf diesem Weg alle Anstrengungen unternahmen, durchaus angemessen. Dieser Gedankengang ist in der Tat plausibel.

ml

Prof Dr Thomas Buchheim

Literatur zum Thema:

- Christian Geyer (Hrsg.), „Hirnforschung und Willensfreiheit: Zur Deutung der neuesten Experimente (edition suhrkamp)“. Suhrkamp, 7. Auflage 2004
- Thomas Buchheim, „Unser Verlangen nach Freiheit. Kein Traum, sondern Drama mit Zukunft“. Felix Meiner Verlag 2006
- Emmanuel J. Bauer (Hrsg.), "Freiheit in philosophischer, neurowissenschaftlicher und psychotherapeutischer Perspektive". Wilhelm Fink Verlag 2007