„Ab wann ist ein Mensch ein Mensch?“

Vortrag vor Schülern im Anschluss an die RLFB


Schauspieler und Behindertenvertreter im Deutschen Ethikrat Dr. Peter Radtke sprach am Deutschherren-Gymnasium Aichach über „Probleme, die alle Menschen betreffen", und kritisiert die Tendenz zur ethischen „Nivellierung auf Minimal-Niveau“.

Aichach (lm) Der Münchner Schauspieler, selbst von Osteogenesis imperfecta (OI bzw. Glasknochenkranheit) betroffene Behindertenvertreter und Regisseur referierte auf Einladung des Fachgruppenvorsitzenden Michael Lang am Deutschherren-Gymnasium Aichach bei einer Lehrerfortbildung der Fachgruppe Ethik des Bayerischen Philologenverbandes zur „Arbeit des Deutschen Ethikrats am Beispiel der Präimplantationsdiagnostik (PID)“.

Der Deutsche Ethikrat
Anlass der schon länger geplanten Veranstaltung war das Votum des Deutschen Ethikrates zur PID und deren bereits vorher erwartbare anschließende Freigabe durch den Bundestag. Dieses Gremium vereint seit 2008, wie nur noch wenige wissen, die vorherige Enquete-Kommission des Bundestages „Recht und Ethik in der modernen Medizin“ und den „Nationalen Ethikrat“, den die Regierung Schröder 2001 als Konkurrenz dazu geschaffen habe, „um ihre wissenschaftsliberale Haltung [zum Import embryonaler Stammzellen] durch ein Gremium von Fachleuten zu stützen“. Die 26 Mitglieder des Deutschen Ethikrats werden daher seitdem zur Hälfte vom Bundestag wie die frühere Enquete-Kommission, zur anderen Hälfte aber von der Bundesregierung benannt. Außer zur Präimplantationsdiagnostik äußerte sich der Rat im ablaufenden Jahr u. a. zu Fragen der Arzneimittelforschung an Kindern und zur Schaffung von Mensch-Tier-Mischwesen in der Forschung.

Dr Peter Radtke vor Lehrern

Selektion lebenswerter Embryonen bei der PID
Besonders augenfällig werden die Folgen des medizinisch Möglichen, dem ihm keine rechtlichen Schranken gesetzt werden, am aktuellen Beispiel Präimplantationsdiagnostik (PID). Diese war in Deutschland verboten, bis der Bundesgerichtshof 2010 die alte Regelung aufhob, weshalb der Deutsche Ethikrat im März dazu Stellung bezog, bevor der Deutsche Bundestag im Juli über eine Neufassung abstimmte: Dürfen Embryonen aus künstlicher Befruchtung vor der Einpflanzung auf Erbkrankheiten untersucht und nach deren Nichtvorhandensein ausgewählt werden? Der Referent äußerte ausdrücklich Verständnis für jedes betroffene Paar, machte aber die Folgen auf gesellschaftlicher Ebene deutlich: Die Selektion defekter Embryonen als minderwertig bedeute auch eine Abwertung lebender Behinderter und ihrer Eltern. Bezeichnenderweise sei bei der Zulassung in bestimmten Fällen vom Gesetzgeber kein Katalog erstellt worden, welches denn diese Fälle seien, nachdem ein solcher schon einmal in den „Einbecker Empfehlungen“ 1986 für großes Aufsehen gesorgt hatte, die damals unter anderem auch die Glasknochenkrankheit als Grund einschätzten, Embryonen abzutreiben oder an Neugeborenen passive Sterbehilfe zu leisten. Die letztlich vom Bundestag in Einklang mit einem denkbar knappen Votum des Ethikrates erteilte „begrenzte“ Freigabe beurteilt Radtke als „lediglich ein Placebo für Kritiker, die ihr Gewissen beruhigen wollen“.

Ein neues Menschenbild?
Eine Alternative zu einer solchen, zunehmenden Entsolidarisierung und Leistungsorientierung sieht der Behindertenvertreter im Verzicht auf EIN Menschenbild, das zwangsläufig immer die Pluralität der Individuen wie ein Prokrustesbett normiere, es führe zu Gleichmacherei und benachteilige Auffällige, Behinderte seien dabei nur ein Beispiel. Nötig sei stattdessen ein Bekenntnis zur Individualität im Sinne Richard von Weizsäckers: „Es ist normal, verschieden zu sein.“ Demgegenüber fühle er sich, gab Radtke einem Fragesteller Recht, im Deutschen Ethikrat eher als „moralisches Feigenblatt“, da er regelmäßig zur immer gleichen Minderheit der Ablehnenden gehöre.

Michael Lang