Viele Akteure - viele Interessen

An der Debatte um die Selbstständige Schule beteiligen sich die unterschiedlichsten Akteure mit unterschiedlichsten Interessen. Entsprechend vielfältig sind die Veränderungsvorschläge, die die Akteure für jeweils vordergründig halten und die aus ihrer Sicht den „unverzichtbaren Leitcharakter“ der Reform darstellen (sollten). Der Mannheimer Bildungsforscher Matthias Rürup verweist in einer empirischen Vergleichsstudie zur Schulautonomie (2007) auf vier dominierende Hauptrichtungen:

Erstens wird Selbstständige Schule als pädagogische Reform der Lehr- und Lernorganisation verstanden. Der Fokus liegt hierbei auf der Stärkung der Professionalität der Lehrerschaft, da man im kollegialen Zusammenwirken die beste Möglichkeit sieht, Unterricht und Erziehung zu verbessern. Diese Perspektive vertreten vor allem pädagogische Berufverbände, Erziehungswissenschaftler und Bildungsforscher.

Selbstständige Schule wird zweitens als Ermöglichung direkter Teilhabe an der konkreten Gestaltung des sozialen Miteinanders gedeutet. Dabei ist Schule der Ort und Teilhabe das Mittel der Demokratieerziehung. Teilhabe und Engagement gelten als eigenständige Werte. Vertreter dieses Blickwinkels finden sich größtenteils in Eltern- und Schülervertretungen und in Parteien wie Bündnis 90/Die Grünen und in Teilen der SPD.

Drittens wird Selbstständige Schule als Organisationsreform der öffentlichen Verwaltung verstanden und weist dabei stark betriebswirtschaftlich-effizienzorientierte Bezüge auf. Der Fokus liegt auf der Optimierung des Mitteleinsatzes bei gleichzeitiger Steigerung der Produktivität und Qualität im Staatsbetrieb. Verfechter dieser Position finden sich insbesondere in der Finanzpolitik. Ihr Ziel ist es, Reserven in den öffentlichen Haushalten auszuschöpfen, etwa in den Bereichen Personal- und Lernmittelausstattung, schulische Infrastruktur und Gebäudebewirtschaftung.

Eine vierte dominante Sichtweise auf die Selbstständige Schule ist die generelle Neugewichtung bildungspolitischer Gestaltungsstrategien von Schule. Gemeint ist damit die grundlegende Neugestaltung des Verhältnisses „Staat – Schule“. Der Fokus liegt auf neuen staatlichen Steuerungskonzepten sowie einer Dezentralisierung und Erweiterung der Verantwortung, indem Einzelakteure einbezogen werden. Auf diese Weise soll der politische Einfluss gestärkt und gleichzeitig der öffentliche Erwartungsdruck reduziert werden, um letztendlich die gesellschaftlichen Funktionen besser zu erfüllen. Dieser Ansatz findet vor allem unter Bildungspolitikern und in den Grundsatzabteilungen der Bildungsadministration seine Vertreter.

Die Attraktivität der Selbstständigen Schule für die Politik
In der Praxis ist die Reform meist eine pragmatische Verknüpfung der verschiedenen, oben aufgeführten Ansätze und Intentionen, aus zwei Gründe: Zum einen bringt die Vielzahl der schulpolitischen Akteure und Interessen die Notwendigkeit mit sich, eine Position einzunehmen, die alle Beteiligten des Bildungswesens besänftigt und dadurch öffentlicher Kritik Stand halten kann. Zum anderen lassen sich viele der Maßnahmen nicht trennscharf den einzelnen Ansätzen zuordnen. Vielmehr lassen sie sich problemlos an die unterschiedlichen Diskussionskontexte anknüpfen. Das Instrument „schuleigene Lehrereinstellungen“ etwa kann einerseits als Verwaltungsoptimierung, im Sinne einer Mangelverarbeitung, interpretiert werden. Andererseits lässt sich darunter auch die pädagogisch orientierte Schaffung von einzelschulischen Gestaltungsspielräumen verstehen. Gerade durch diese „Multi-Verwertbarkeit“ einzelner Maßnahmen erhält die Idee der Selbstständigen Schule besondere politische Attraktivität und Durchschlagkraft.

In den letzten Jahren wurden vor allem neue Strukturen der systematischen Rechenschaftslegung eingeführt (Bildungsstandards, zentrale Lernstandsuntersuchungen, Bildungsberichte, Schulinspektionen usw.). Was die Idee der Selbstständigen Schule also zunächst impliziert – mehr Frei- und Gestaltungsräume für Lehrer und Schulen – wird durch die hohe Anzahl an neuen Überprüfungsmechanismen konterkariert!

Welche Auswirkungen dies auf die einzelne Lehrkraft hat, lesen Sie HIER.


Quellenangaben und weiterführende Literatur


(C) bpv - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken