40 JAHRE FACHOBERSCHULE (= FOS) – (SCHON) EIN GRUND ZUM FEIERN
Es mag vermessen sein, in einem Berufsverband mit einer weit über hundertjährigen Tradition und einer noch längeren Geschichte des Gymnasiums auf „erst“ 40 Jahre Fachoberschule hinzuweisen. Gleichwohl: die besonders in den letzten zehn Jahren rasante Entwicklung der bayerischen Fachoberschulen gestattet zu diesem runden Geburtstag Rückblick und Ausblick auf eine wichtige Schulart des bayerischen Bildungswesens.
Gründungsanlässe Was führte zur Gründung dieser Schulart? Gegen Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts zeichnete sich bereits ein wachsender Bedarf an gut ausgebildeten Diplomingenieuren ab, die im Vorfeld schon Kenntnisse in der Praxis erworben haben sollten. Das Bildungsangebot richtete sich damit an Jugendliche, die in der damals noch jungen Realschule oder auch am Gymnasium in der Mittelstufe ihre Vorliebe für praktisches Tun entdeckt hatten und diesen Weg auf hohem Niveau weiter in ihrem zukünftigen Beruf gehen wollten. In den neuen Fachoberschulen bekamen sie von Anfang an eine qualifizierte Anleitung in einer fachpraktischen Ausbildung, ergänzt durch einen Oberstufenunterricht in vier Ausbildungsrichtungen, der zur Fachhochschulreife führte. Gleichzeitig galt das neue schulische Angebot denjenigen, die nach einer abgeschlossenen Lehre feststellten, dass sie in ihrem Bildungsdrang noch nicht zufriedengestellt waren und den Weg weiter zu einem Fachhochschulstudium gehen wollten. Damit war das Bildungsziel klar vorgegeben: Es ging und geht auch heute noch um die Vermittlung von Studierfähigkeit zuvörderst für Diplomstudiengänge; nach deren Abschaffung ist allerdings eine Neufindung eines spezifischen Studiengangs immer noch nicht richtig abgeschlossen.
Fachoberschule stellt sich dem Wandel der Zeit Das mag damit zu tun haben, dass sich das Ausbildungs- und Bildungsverhalten in der bundesdeutschen Gesellschaft in den letzten 40 Jahren geändert haben. Einerseits wird von Arbeitgebern verstärkt auf eine tragfähige, breit angelegte Bildung Wert gelegt, andererseits hat sich das Feld der dualen beruflichen Ausbildung und hier besonders die Ausbildungs- bzw. Übernahmewilligkeit der Betriebe stark verändert.
Einheit für die Vielfalt der Schülerschaft Die Fachoberschule hat sich dem gestellt: Ihr Bildungsangebot richtet sich nun auch an leistungsstarke Hauptschüler, seit zwei Jahren schließt es nach einem Schulversuch die fachgebundene bzw. allgemeine Hochschulreife für – wiederum leistungsstarke – Fachoberschüler ein. Gerade das war nicht selbstverständlich, sollte doch auf alle Fälle vermieden werden, dass neben dem Abitur am Gymnasium an einer anderen Schulart ein „Abi light“ erworben und dadurch eine unerwünschte und ungerechte Konkurrenz entstehen würde.
Das ist gelungen, denn die Schülerinnen und Schüler, die die Fachoberschulen und seit 14 Jahren auch die mit ihnen zusammengeschlossenen Berufsoberschulen besuchen, haben ganz eigene Biographien. Oft stellt sich bei ihnen erst in der oberen Mittelstufe ihre besondere Eignung zu einer Studienvorbereitung und einem Studium heraus, was neuerdings noch durch besondere Förder- und Brückenmaßnahmen gestützt wird.
Stärkung der Durchlässigkeit Außerdem ist die Berufliche Oberschule, wie sie seit zwei Jahren heißt, ein sehr wichtiges Bindeglied im vielgliedrigen bayerischen Bildungswesen und für dessen Durchlässigkeit. Wer über sie ausführlich informiert ist, weiß, dass es nach der vierten Klasse nicht nur den Weg zum Gymnasium gibt, um letztlich an einer Hochschule oder Universität studieren zu können; die Berufliche Oberschule leistet maßgebliche Hilfe bei einer möglichen, notwendigen Neuorientierung im Alter von 14 bis 16 Jahren oder nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung.
Es ist besonders zu begrüßen, dass im Bayerischen Philologenverband Überlegungen angestellt werden, in die obere Mittelstufe des Gymnasiums Brückenangebote für Gymnasiasten einzubauen, die sich vom Gymnasium weg entscheiden wollen.
Wurzel „Berufliche (Aus-)Bildung“ Ihrem Wesen nach sind Fachoberschule und Berufsoberschule so etwas wie Geschwister. Sie werden zukünftig in der 13. Jahrgangsstufe in den allgemeinbildenden Fächern zusammengeführt werden können; dies stärkt die Geschlossenheit dieser Schulart. Die beiden Schularten werden unter dem gemeinsamen Dach „Berufliche Oberschule“ nun zusammen weitergeführt. Sie ist ursächlich im beruflichen Schulwesen angesiedelt. Ihre genuine Schülerschaft bringt entweder eine berufliche Ausbildung schon mit, oder aber sie soll unter qualifizierter Anleitung eine hoch spezialisierte fachpraktische Ausbildung durchlaufen, deren erfolgreiches Bestehen Voraussetzung für die verschiedenen Hochschulreifen ist. Die Berufliche Oberschule vermittelt somit, gestützt auf Lehrpläne mit für FOS und BOS deckungsgleichen Lerninhalten, Studierfähigkeiten für Fachhochschulen, Hochschulen und Universitäten.
Zur Bedarfssituation Dafür benötigen beide Schularten die gleiche hochwertige Schulausstattung, die nur dann wirklich sinnvoll genutzt werden kann, wenn beide Schularten zusammen eine Mindestschülerzahl nicht unterschreiten. Stetig steigende Schülerzahlen schaffen zwischenzeitlich in den Schulen deutlich Mehrbedarf in jeder Hinsicht. Andererseits darf dies nicht die Versuchung erzeugen, jedem Wunsch nach einer Neugründung unreflektiert nachzukommen. Die Schulen müssen langfristig Bestand haben. Knapp 90 staatliche Berufliche Oberschulen – verteilt über ganz Bayern – sind – nach baulichen Erweiterungen – ausreichend.
Berufliche Oberschule muss selbstständig sein und bleiben Die Selbstständigkeit der Beruflichen Oberschule im dreigliedrigen Schulsystem, dem sich Bayern verpflichtet fühlt, ist ein hohes Gut. Die Tatsache, dass beide Schularten dem gleichen, sehr kompakten Schuljahresrhythmus folgen, der sich an einigen Stellen (Probezeiten, Prüfungen, Seminare etc.) aber erheblich von anderen Schularten unterscheidet, ist nicht zu unterschätzen. Wünschen nach Angliederungen der Teilschulen FOS einerseits womöglich an Realschulen (als R6+1), oder der BOS andererseits an große Berufsschulzentren, wo sie Gefahr laufen, zur Marginalie zu verkommen, muss schon deshalb eine Absage erteilt werden.
Lehrermangel nicht zu Lasten der Schulqualität bekämpfen Auch die Überlegung, Lehrkräfte über die Schulartengrenzen für einige Stunden abzuordnen, führt zu erheblichen Schwierigkeiten in der Organisation und zu Belastungen bei den betroffenen Kolleginnen und Kollegen. Damit sind die Lehrkräfte angesprochen, die die anspruchsvollen Lerninhalte mit den jeweils geeigneten didaktischen und methodischen Instrumenten in beiden Schularten unterrichten. Das können zwingend nur Lehrkräfte sein, die für das höhere Lehramt an Gymnasien bzw. an beruflichen Schulen qualifiziert sind. Alle anderen Konstruktionen in den Lehrerkollegien bedeuten automatisch ein Mehr an fachlicher Weiterbildung und Nachbetreuung. Die schnell wachsenden Schülerzahlen haben den Bedarf an Lehrkräften ansteigen lassen. Er konnte in den letzten Jahren nicht gedeckt werden. Die Folge: Zu große Klassen mit den bekannten Belastungssymptomen für Lehrer und Schüler. Aber auch hier gilt: Das Heil liegt nicht darin, einfach neue Berufliche Oberschulen zu gründen.
„Geburtstagswünsche“ Es wäre schön, wenn wieder vermehrt junge Lehrkräfte für das gymnasiale Lehramt den Weg in die Berufliche Oberschule finden könnten, vielleicht sogar, nachdem sie in der Referendarzeit schon einmal die Gelegenheit bekommen hatten, da „hineinschnuppern“ zu dürfen. Eine Feier für vierzig Jahre FOS? Das mag man vom jeweiligen Standpunkt aus ganz individuell beantworten. Ein bisschen Hochachtung hätte sie immerhin verdient, denn wenn man den „Gründungsmythen“ glaubt, so hatten die Väter der FOS nicht gerade viel Vertrauen: die Schulen wurden mit einer Minimalversorgung an Haushalt und Personal in die Welt gesetzt. Nach vierzig Jahren besuchen ca. 58 000 Schüler die Berufliche Oberschule. So sei es denn gestattet, zumindest die bereits begonnene Wunschliste fortzusetzen. Erstens: Die Berufliche Oberschule ist aus den Kinderschuhen heraus und hat sich etabliert, was heißt, dass man ihr nicht mehr so häufig „neue Schuhe anpassen“ muss, oder ganz einfach ausgedrückt, man kann auch mal einige Jahre mehr ins Land gehen lassen, ohne fortwährend an oder in ihr zu reformieren. Ein Zweites ist aber noch viel nachhaltiger und führt wieder zum Gründungswunsch zurück: das ehemalige Flaggschiff der Beruflichen Oberschule, die Ausbildungsrichtung Technik, leidet unter der gesamtgesellschaftlich zu beobachtenden Distanz zu Naturwissenschaften und Technik. Es wäre an der Zeit, das Interesse an Fächern wie Mathematik, Physik und Chemie, zusammen mit den damit verwandten praxisbezogenen Fachgruppen, zu wecken und zu stärken. Dann bräuchte einem um die Zukunft der Beruflichen Oberschule nicht bange zu sein.
Irmgard Kunzfeld Referentin für Fachober-, Berufsober- und Wirtschaftschulen sowie Kollegs des Bayerischen Philologenverbandes
Juni 2010
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