Zahlen, Zahlen, Zahlen...

SCHULSTATISTIK UND ERFORDERNISSE FÜR DIE ZUKUNFT EINES BAYERISCHEN GYMNASIUMS NACH MAß UND VON QUALITÄT

Mehr Schüler brauchen mehr Lehrer
Im Vergleich zum Schuljahr 2008/09 ist die Schülerzahl an den staatlichen Gymnasien in Bayern von 312.532 auf nunmehr 319.164 gestiegen – die genannten Zahlen sind Zahlen aus dem Kultusministerium. Dieser Zuwachs von 6.632 Schülern entspricht der Schülerzahl von acht Gymnasien mit jeweils über 800 Schülern! Der Zuwachs beruht zum einen auf der inzwischen auf nahezu 40 % gestiegenen Übertrittsquote, ist aber bei genauerer Betrachtung darauf zurück zu führen, dass vor allem in den 7. und 10. Jahrgangsstufen mehr Schüler sitzen als im Vorjahr. So haben heuer 42.791 Schülerinnen und Schüler in der 5. Klasse ihre gymnasiale Laufbahn begonnen – 771 mehr als im Vorjahr. In den 7. Klassen sitzen heuer 1.521 mehr Schüler, die 10. Klasse besuchten zum Stichtag 1. Oktober 2009 insgesamt 34.241 Schülerinnen und Schüler – 4.167 mehr als im Vorjahr! Die Zahlen der 7. Klassen sind dadurch erklärbar, dass es 2007 über 1.700 mehr Eintritte in die 5. Klassen gab als 2006. Die Zunahme in der 10. Klasse ist auf die Einführung von G 8 (= des achtjährigen Gymnasiums) zurückzuführen. Die jetzigen 10.-Klässler bilden den zweiten G 8-Jahrgang, der erste G 8-Jahrgang bekam sehr wenige Wiederholungsschüler aus dem letzten G 9-Jahrgang.
Für die steigende Zahl an Schülerinnen und Schülern an Gymnasien brauchen wir mehr Lehrkräfte – mehr Planstellen für das Gymnasium, um dem Anstieg der Schülerzahlen Rechnung tragen zu können. Die Planstellenzahlen für die Gymnasien sind im nächsten Doppelhaushalt deutlich nach oben zu korrigieren. In vielen Bereichen besteht Nachholbedarf: Freistellungen für die Personalräte, Anrechnungsstunden für Zusatzarbeiten, Lehrerreserve, Klassenstärken – vor allem das Absenken der Klassenstärken ist nun überfällig, jetzt, wo in vielen Fächern wieder genügend ausgebildete und qualifizierte Lehrkräfte für das Lehramt an den Gymnasien zur Verfügung stehen.

Abbau von Klassen über 30 fortsetzen
Hoch anzuerkennen ist, dass bis auf die 10. Klassen in den niedrigeren Jahrgangsstufen die durchschnittliche Schülerzahl in den letzten Jahren – ausgehend von 2006 – durchgehend gesunken ist: In den 9. Klassen von 27,8 auf 26,5, in den 7. Klassen von 28,1 auf
27,1, in den 5. Klassen von 29,2 auf 28,1.

Von den 8.437 Klassen in 5 mit 10 haben „nur“ noch 1.405 Klassen (Vorjahr 1.643) mehr als 30 Schüler. Im Interesse der dort unterrichtenden Lehrkräfte, vor allem aber zum Wohl der zu unterrichtenden Kinder, sind der Bayerische Landtag und die Staatsregierung darin zu bestärken, den Weg, die Zahl der übergroßen Klassen vorrangig abzubauen, weiter zu gehen. Dass geringe Klassenstärken den Schulerfolg günstig beeinflussen, zeigen die steigenden Übertrittsquoten. Bei 20 Schülerinnen und Schülern in der Grundschule kann so optimal gefördert werden, dass immer mehr Kinder den Übertritt ans Gymnasium ins Auge fassen können. Den Grundschulen seien diese niedrigen Klassenstärken gegönnt, den Kindern an den Gymnasien sollte in naher Zukunft Ähnliches in Aussicht gestellt werden – ein lohnendes Ziel der Politik. Und die Lehrkräfte an den Gymnasien sowie der Bayerische Philologenverband würden diesen Fortschritt auch nicht verschweigen, sondern lobendst hervorheben.

Der „planmäßige“ Unterrichtsausfall ist von 1.505 Wochenstunden (WStd.) auf 592 reduziert worden. Positiv hervorzuheben ist auch die Zunahme beim Wahlunterricht von 9.952 auf 9.794, im Durchschnitt 32 WStd. pro Gymnasium. Wahlunterricht ist ein Qualitätsmerkmal für ein Gymnasium. Hier können die vorhandenen Begabungen und Neigungen individuell berücksichtigt werden, Hochbegabte gefördert werden. Im Wahlunterricht werden 2.161 WStd. von nebenberuflichen Lehrkräften erteilt. Die nebenberuflichen Lehrkräfte geben 20.006 WStd. Pflichtunterricht. Die Studienreferendare tragen ebenfalls zur Unterrichtsversorgung bei: 28.043 WStd. wurden von den 1.752 Studienreferendaren erteilt, das sind im Vergleich zum Vorjahr 5.202 WStd. mehr – dies blieb leider nicht ohne Einfluss auf die Einstellungssituation im Februar 2010 und wird sich noch einmal auf die Situation im Herbst 2010 auswirken.

88,8 % des Unterrichts wird von den hauptamtlichen bzw. hauptberuflichen Lehrkräften erteilt. Die Grafik zeigt den Altersaufbau. Bei den Jüngeren ist der Anteil an Frauen deutlich höher. In den nächsten Jahren gehen pro Jahr durchschnittlich fast 700 Kolleginnen und Kollegen in den Ruhestand – die im Kabinettsentwurf vom 26.01.2010 enthaltene beabsichtigte Anhebung der Lebensaltersgrenzen (s. Leitartikel von Dagmar Bär im letzten Heft) ist dabei nicht berücksichtigt. Diese beabsichtigte Erhöhung trifft Lehrkräfte überproportional. Während bei einigen Berufsgruppen keine Anhebung der Altersgrenzen geplant ist, werden andere um zwei Jahre angehoben. Bei Lehrkräften – je nach Geburtsdatum – aber um 2, 5 bzw. 3 Jahre! Hier ist dringender Korrekturbedarf gegeben. Welchen Sinn es macht, Lehrkräfte bis zum 67. Lebensjahr in den Unterricht zu schicken, wird die Zukunft zeigen. Sarkastisch kann man dies nur für Lehrkräfte der Fakultas Geschichte für sinnvoll erachten.

Sorge macht die Entwicklung der Lehrerarbeitslosigkeit, im Februar 2010 mit einem Paukenschlag niedriger Einstellungsquoten wieder ins Bewusstsein gerückt. Hier ist es kontraproduktiv, dass die Älteren länger arbeiten müssen und die Jüngeren deswegen nicht eingestellt werden können. Vielleicht lässt sich der Bayerische Landtag doch noch überzeugen. Es gibt kaum noch Berufe und Betriebe, in denen der Großteil der Beschäftigten die gesetzliche Lebensaltersgrenze erreicht – die meisten haben ihr Berufsleben vor dem 65. Lebensjahr beendet. Mit Altersteilzeit ist dies vom Gesetzgeber auch den bayerischen Beamten ermöglicht worden – ein Lichtblick am Ende eines anstrengenden Lehrerlebens.

Zur Interpretation der Grafik
Der hohe Anteil an jungen Frauen bei den Einstellungen lässt in der nächsten Zeit einen hohen Vertretungsbedarf für Schwangerschaften und Erziehungszeiten erwarten. Nachdem auch vermehrt Männer die „Vätermonate“ nutzen, wird es dringend notwendig, den Aufbau einer integrierten Lehrerreserve endlich in Angriff zu nehmen. In vielen Fächern stehen dafür inzwischen genügend gut ausgebildete und qualifizierte Lehrkräfte zur Einstellung bereit. Vor zwanzig Jahren hatte man dies versäumt, die Geburtsjahrgänge 1962 mit 1966 waren die Leidtragenden mit all den Konsequenzen: Sie hatten lange Beförderungswartezeiten nach A 14, für die Vergabe von Funktionen standen nicht genügend Lehrkräfte in A 14 zur Verfügung. Lehrkräften in A 13 wurden Ämter übertragen, was zu Turbulenzen bei Funktionsvergaben führte. Der Angriff, dadurch die Anzahl der Beförderungsstellen an den Gymnasien reduzieren zu können, konnte abgewehrt werden. Ohne berufliche Perspektiven gewinnt man keine qualifizierten Lehrkräfte für das Gymnasium.
Was erwartet die neu eingestellten Kolleginnen und Kollegen in den nächsten vierzig Jahren? Die Berufsanfänger, in der Regel mit einem Abitur an einem neunjährigen Gymnasium, wissenschaftlichem Studium an einer Universität und einem Referendariat bestens ausgebildet und vorbereitet, werden vermutlich die letzten sein, die auf diese Ausbildung zurückblicken können. Demnächst werden Lehrkräfte mit Bachelor- und Masterabschlüssen ihre Berufsausbildung abschließen. Wollen wir hoffen, dass die fachliche Qualität nicht darunter leiden wird. Die Formel „Lehrer = Lehrer“ trägt den unterschiedlichen Anforderungen an die Lehrkräfte für die verschiedenen Schularten nicht Rechnung. Sowohl vom Alter der Unterrichteten aus gesehen als auch von den zu vermittelnden Lerninhalten her gibt es große Unterschiede. Es ist ein großer Unterschied, Sechsjährige oder Sechzehnjährige zu unterrichten, es ist ein großer Unterschied, den verschiedenen Fächern und Anforderungsniveaus Rechnung zu tragen. Ein Einheitslehrer taugt vielleicht als „Arrangeur von Lernprozessen“, aber nicht als Lehrer im Sinne einer echten Lehre mit einem Wissensvorsprung, der Vorbild ist, dem man nacheifern will.
Die Bestrebungen, eine längere gemeinsame Schulzeit an einer Schule für alle durchzusetzen, werden bundesweit vorangetrieben. Hier ist Bayern gefordert, den Weg eines begabungsorientierten Bildungssystems weiterhin selbstbewusst zu beschreiten. Bildungspolitik wird zwar von Abiturienten dominiert, unsere Gesellschaft braucht aber nicht nur Akademiker. Die Steigerung der Abiturientenquote allein ist kein Qualitätsmerkmal von Schule und für die Gesellschaft bzw. Politik. Immer mehr Abiturienten mit gleicher Bildungsqualität? Vor dem Absinken der Anforderungsniveaus aufgrund der übergroßen Zahl der zu Beschulenden sei daher nachdrücklich gewarnt.

Zur Flexibilisierung der Eingangsstufen der Grundschule
Jahrgangsstufenübergreifender Unterricht wird derzeit wieder einmal als großer Fortschritt gefeiert und stolz von diversen Grundschulen propagiert; er wurde schon vor ein paar Jahren bei MODUS und i.s.i. als große Innovation herausgestellt. – Ältere sehen darin ein Problem, da sie zum Teil aus eigener Erfahrung den Grundschulunterricht in zusammengelegten Klassen 1 und 2 bzw. 3 und 4, manchmal sogar in 1 mit 4 und 1 bis 8 noch in Erinnerung haben.
Ein großer Fortschritt scheint die Wende bei der Festlegung des Einschulungs- und Jahrgangsstufenalters, das nicht mehr immer weiter vorverlegt werden soll, sondern umgekehrt wieder flexibel sein kann. Dazu wird die flexible Grundschule gepriesen. Kinder sollen die Grundschule künftig in drei, vier oder fünf Jahren absolvieren können. Dies legt Analogien nahe: Wenn die Eingangsphase des Schülerlebens flexibilisiert wird, kann man auch die letzten Jahre der gymnasialen Schullaufbahn flexibilisieren.

Individuelle Förderung durch Flexibilisierung der Oberstufe vorsehen
Es sollte also den Abiturienten frei gestellt werden, die Oberstufe in zwei oder drei Jahren zu absolvieren. Die einen erreichen das Abitur in zwei Jahren, andere nehmen sich für die Erlangung der allgemeinen Hochschulreife drei Jahre Zeit. In dieser Zeit könnten sie z. B. Auslandsaufenthalte ohne Beeinträchtigung absolvieren oder Zeit finden, Lücken aus der Mittelstufe aufzufüllen. In anderen Ländern gibt es Vorbereitungskurse fürs Studium – diese könnte man doch an den Gymnasien durchführen, dort sind die Lehrkräfte vorhanden! In der derzeitigen Oberstufe ist die Zahl der Fächer, die man wählen kann, sehr beschränkt. Jedes Fach wird künftig in drei Varianten angeboten: Variante A und B entsprechen den Inhalten der letzten beiden Jahrgangstufen, Variante Z ist das „Zusatz“-Angebot zur Vertiefung des Faches. Damit wäre es für das evtl. nötige Bestehen der Hochschuleingangsprüfungen sogar von Vorteil, wenn man nicht nur die Pflichtfächer in beschränkter Zahl absolviert hat. Ein „Portfolio“ mit einer Vielfalt von Fächern würde die Prüfer der Hochschulen bei der Vorstellung beeindrucken. Mit creditpoints für absolvierte Kurse wird man auf das Bachelor-Studium vorbereitet, die richtige Auswahl der Fächer könnte ein (kostenpflichtiges?) Vorbereitungsjahr an der „Elite“-Universität vermeiden helfen.
Konfliktminimierung und Konsensorientierung: Elternarbeit kontinuierlich fortsetzen – Vertrauenskultur schaffen!
In Gesprächen mit Eltern und deren gewählten Vertretern ist Aufklärungsarbeit von den Lehrkräften zu erbringen. Waren früher Eltern meist ein Rückhalt für die Lehrkräfte, nimmt die Zahl der Eltern zu, die sich eher kritisch äußern. Interesse und Engagement der Eltern für Schule und ihre Kinder ist grundsätzlich zu begrüßen. Eltern sind umfassend zu informieren. Man kann nicht erwarten, dass Eltern alle Feinheiten von Schule bekannt sind. Wenn aber Eltern gut informiert sind und vor möglichen Konflikten eine Vertrauensbasis geschaffen worden ist, können diese bereits im Vorfeld vermieden werden.

Im Zuge der angekündigten Einführung der eigenverantwortlichen Schule werden Eltern und deren Vertreter mehr Verantwortung und Rechte bekommen – Mitbestimmung bei der Durchführung von Fahrten, Verteilung der Geldmittel im Rahmen eines Schulbudgets, Mitbestimmung bei der Auswahl der Schulleitungen und Mitbestimmung bei der Einstellung von Lehrkräften. Dies kann nur funktionieren, wenn es gelungen ist, eine Vertrauenskultur zu schaffen.

Plädoyer gegen Mammutschulen
Diese Vertrauenskultur ist auch wichtig für die Arbeit innerhalb eines Kollegiums und einer Schule. Beurteilungen und Mitarbeitergespräche müssen von Zutrauen und Achtsamkeit geprägt werden. Kollegialität ist ein wichtiges Erfolgsprinzip am Gymnasium, wenn nicht sogar dessen Erfolgsgeheimnis. Die Einführung von mittleren Führungsebenen mag an großen Einheiten zu einschneidenden Änderungen verführen – aber warum geht man nicht daran, diese großen Einheiten erst gar nicht entstehen zu lassen?

Der behauptete Erfolg der Verkürzung des Gymnasiums wird mit gestiegenen und steigenden Schülerzahlen begründet. Ist es aber wirklich ein Erfolg, wenn Schulen so viele Schüler anziehen, dass man als Lehrer viele Schüler der eigenen Schule gar nicht mehr kennt und man auch im Lehrerzimmer mit den Kolleginnen und Kollegen nur noch selten ins Gespräch kommt? Die Mitglieder von Schule können sich mit ihr identifizieren, und zwar nicht nur über papierene Schulverfassungen und Schulprofile, sondern ganz persönlich in einem echten Miteinander. Anonymität der Individuen in einer zur Massenveranstaltung werdenden Schule kann nicht Sinn und Aufgabe dieser unserer Einrichtungen sein. Die Größe von Schulen stößt daher allein schon von der Zahl ihrer Mitglieder her an ihre natürlichen Grenzen, möchte man meinen. Mammutschulen verfehlen ihren Zweck.

Walter Bertl
Stellvertretender Vorsitzender
des Bayerischen Philologenverbandes
April 2010