Qualität gibt es nicht zum Nulltarif
WEICHENSTELLUNG – QUALITÄT GIBT ES NICHT ZUM NULLTARIF
Multum facit, qui rem bene facit.
Zur Lage
Nach den Bundestagswahlen und den Landtagswahlen in einigen Bundesländern werden in diesen Tagen Koalitionsverhandlungen geführt, wird in Hamburg die heftig umstrittene Schulreform umgesetzt, beschäftigt sich die KMK mit der Lehrerbildung. In Bayern findet dazu eine Anhörung im Landtag statt, an der Umsetzung der geplanten Dienstrechtsreform wird eifrig gewerkelt, der Ausbau der Ganztagsangebote wird vorangetrieben und der Umbau der Hauptschule zur Mittelschule geplant. An den Gymnasien arbeiten wir unter extrem schwierigen Rahmenbedingungen daran, das achtjährige Gymnasium umzusetzen und zwei unterschiedliche Oberstufen zum Abitur zu führen.
Die GEW erhebt im Bund für die angestellten Lehrkräfte die Forderung nach gleicher Bezahlung aller Lehrkräfte (auf dem Niveau von A 14), der BLLV in Bayern die nach A 13 für alle Unterrichtenden. Parallel dazu fordern Linke, SPD und Grüne im Bund und in den Ländern eine längere gemeinsame Schulzeit in Form einer Schule für alle möglichst bis zum Alter von 15 oder 16 Jahren. In etlichen Ländern ermöglicht man in der Kombination mit Mittel- und Realschulen einen Weg zu einer allgemeinen Hochschulreife in neun Jahren und betont die vielfältig möglichen Wege zu einem Studium, während die Klagen der Hochschulen über Wissen und Fertigkeiten der Studienanfänger größer werden und die dort Studierenden über die Folgen der „Bolognareform“ und schlechte Rahmenbedingungen klagen.
Die Beschreibung der Situation des deutschen Schul- und Hochschulwesens, unseres Bildungssystems, erfolgt am besten im Bild eines Jahrmarktes, bei dem mit vielfältigen Angeboten für jeden etwas dabei sein soll, es im bunten Treiben nette Gespräche gibt, vielfältige Unterhaltungsangebote die Zeit vertreiben und natürlich auch die Wirtschaft wieder mehr floriert, bei durchaus eingeschränktem Angebot. – Aber nur die cleversten können am Ende sagen, dass sie von dem Treiben profitiert und sich dabei auch noch gut unterhalten haben.
Ausgerechnet der Deutsche Gewerkschaftsbund warnt Mitte Oktober, dass gerade Abiturienten von der aktuellen Wirtschaftskrise besonders hart getroffen würden. Den Angaben einer von ihm initiierten Studie zufolge stieg die Arbeitslosigkeit bei Menschen mit Fach- und Hochschulreife innerhalb eines Jahres um ein Viertel. Der Leiter der Abteilung Arbeitsmarktpolitik beim DGB-Bundesvorstand, Adamy, stellt dazu fest, dass auch eine gute schulische Ausbildung längst nicht mehr vor Arbeitslosigkeit schütze. Die Gefahr zu verarmen, nähme bei Menschen mit Abitur demnach deutlich zu.
Dies liegt sicherlich nicht daran, dass sich höhere Bildungsabschlüsse generell nicht mehr lohnen. Ich bin im Gegenteil der festen Überzeugung, dass es beim Abitur in erster Linie auf dessen Qualität ankommt. Dazu muss aber der Glaube, dass es für den späteren beruflichen und persönlichen Erfolg genüge, irgendwie ein Abitur bestanden zu haben, erschüttert werden; der stellt sich nämlich letztendlich als Chimäre dar.
Wenn die Ankündigungen der Bildungspolitiker aus dem Bund und den Ländern, trotz leerer Kassen an der Bildungspolitik nicht (!) zu sparen, keine reinen Lippenbekenntnisse sind, muss das heißen, in Qualität zu investieren!
Voraussetzungen für individuelle Förderung
Es gilt ernst zu machen mit der Realisierung kleiner Klassen an allen Schulen. Jede einzelne Schülerin, jeden einzelnen Schüler wahrzunehmen, seiner bzw. ihrer Persönlichkeit gerecht zu werden, das Lernverhalten zu beobachten und zu steuern, gelingt unter den herrschenden Rahmenbedingungen nicht. Genauere Diagnostik und spezifische Fördermaßnahmen können nicht allein von einer einzelnen Person im Klassenzimmer geleistet werden. Wir brauchen dafür zusätzliches Personal und mehr Zeit, ergo mehr Geld. Zudem sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass Fördern immer zum Ziel hat, dass man anschließend mehr fordern kann und daher nicht nur für schwächere Schülerinnen und Schüler ein Förderkonzept bestehen muss, sondern gerade auch für leistungsfähigere.
In öffentlichen Erklärungen hat sich mittlerweile die Einsicht schon durchgesetzt, dass Frühförderung extrem wichtig ist und unter dem Strich sogar Geld sparen kann. Bei der Umsetzung bleiben aber immer noch viele Wünsche offen.
Begleitete Übergänge auf dem Weg zum Erwachsensein
Professor Fthenakis betont in seiner Transitionstheorie die Bedeutung von Übergängen und erläutert, dass Versäumnisse bei frühen Übergängen massive negative Auswirkungen auf spätere haben. Der Fokus liegt derzeit auf der Einschulung und der Wahl einer weiterführenden Schulart, wohingegen wir die Vorbereitung auf die Geburt auf medizinische Betreuung reduzieren, den Übergang zur Kindertagesstätte oder den Kindergarten kaum begleiten und ein Austausch zwischen Grundschullehrerinnen und Erzieherinnen eher die Ausnahme ist. Erst im Anschluss daran gibt es mit Veranstaltungen zum Übertritt und z. B. Tagen der offenen Türe sowie an Gymnasien tätigen Grundschullehrkräften erkennbare Formen der Zusammenarbeit. Mit den W- und P-Seminaren wird in der neuen gymnasialen Oberstufe der Übergang vom Gymnasium zur Hochschule begleitet und verbessert. Dass solche Übergänge nach Neigung und Begabung, immer aber auch nach Befähigung erfolgen (müssen), ist keine neue Erkenntnis: Aufnahmeprüfungen für ein Studium von Kunst, Musik, Sport oder Notengrenzen für besonders häufig gewählte Fächer wie Medizin sind dafür ebenso ein Beleg wie die immer öfter zu beobachtenden zusätzlichen Eignungsprüfungen an Hochschulen oder Assessmentverfahren in der Industrie. Insbesondere für Lehramtsstudiengänge werden derzeit Verfahren gefordert und entwickelt, die die Eignung für diesen Beruf vorweg bescheinigen sollen und Persönlichkeiten, die „nur den großen Wunsch haben“, Lehrer zu werden, davon abhalten sollen.
Aus Sicht des Bayerischen Philologenverbandes verdienen alle Übergänge vom Kleinkind hin zum Erwachsenen hohe Aufmerksamkeit und erfordern Begleitung. Erste positive Ansätze sind zu erkennen und müssen weiter ausgebaut werden. Die Vorschulzeit muss genutzt werden, um ein möglichst gleiches Niveau an Sprachkompetenz bei allen Kindern zu erreichen. Diese ist Voraussetzung für den Abbau sozialer Disparitäten und die Wahl einer weiterführenden Schulart auf der Basis der individuellen kognitiven Fähigkeiten und der persönlichen Neigung. Die Weichen werden früh gestellt und Qualität kostet Geld!
Neben verbindlichen Lehrplänen müssen Bildungsstandards für Lernende und Lehrende zu erreichende Ziele klar beschreiben. Die Wahl der weiterführenden Schule erfolgt dann nach Begabung, Neigung, aber eben besonders nach Befähigung. Dabei zu befolgende Vorgaben sollten klar, einfach und nachvollziehbar sein, was aus Sicht des Bayerischen Philologenverbandes für das derzeitige Übertrittsverfahren durchaus zutrifft. Eine unaufgeforderte Übertrittsempfehlung für jedes Kind begrüßen wir in diesem Zusammenhang ebenfalls. Für die aufnehmende Schule sind besonders die in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch erreichten Fertigkeiten sowie das Lernverhalten wichtig. Hier beobachten wir derzeit noch sehr große Varietäten, wobei es für die Zukunft nicht um eine Verbreiterung von Inhalten, sondern um einen Kanon geht, der verlässlich zur Verfügung steht. An Gymnasien hat man, im Gegensatz zu Grundschulen, relativ genaue Vorgaben für Zahl, Art und Umfang von Leistungserhebungen. Ältere Kinder sind eben durchaus in der Lage, sich auf Schulaufgaben vorzubereiten, dafür zu lernen. Ob dies künftig an Grundschulen ähnlich geregelt werden soll, gilt es zu erproben. Unser Verband hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er dem Urteil der in der Grundschule Unterrichtenden sehr hohe Bedeutung beimisst.
Schularten brauchen passgenaue Lehrerbildung
Der Aufbau von Zentren für Lehrerbildung (ZLL) an den Universitäten und die Gründung der TUM School of Education zusammen mit dem Bolognaprozess und der größeren Autonomie der Hochschulen verändert auch die Lehrerbildung in Bayern, wobei durch das Beibehalten des Staatsexamens ein wichtiger qualitätssichernder Baustein erhalten geblieben ist. An den Universitäten hat man erkannt, dass man die Lehrerbildung ernster nehmen muss, weil deren Qualität unmittelbare Rückwirkung auf die der künftig Studierenden hat. Auch hier geht es wiederum um die Gestaltung von Übergängen. Auch hier werden Weichen gestellt, und gute Lösungen sind nicht zum Nulltarif zu haben!
Die vorgeschriebenen Praktika (mittlerweile insgesamt fast ein Semester) können ihre Wirksamkeit nur ausspielen, wenn zur Zusammenarbeit genügend Zeitkontingente zur Verfügung stehen. Die TUM School of Education macht dabei erste Erfahrungen im Zusammenwirken mit Partnergymnasien. Interessant ist auch das Erproben einer stärkeren Zusammenarbeit von Seminarlehrkräften mit Professoren an der Katholischen Universität Eichstätt in einem Modellversuch.
Die Erfahrungen der letzten Jahre durch den Einsatz von Lehrpersonal, das nicht für das Unterrichten am Gymnasium ausgebildet ist, haben uns gezeigt, wie wichtig eine schulartspezifische Lehrerausbildung ist. Sehr vereinfacht und plakativ könnte man formulieren: „Am Gymnasium darf niemand unterrichten, der nicht in der Lage ist, eine Abituraufgabe zu lösen, zu korrigieren und auch zu entwerfen“!
Der aus unserer Sicht unverzichtbare hohe fachliche Anspruch für das Lehramt an Gymnasien in Bayern im Rahmen der universitären Lehrerbildung durch das vertiefte Studium in zwei Fächern ist sehr anspruchsvoll. Das Studium muss zudem Ergebnisse der modernen Lehr- und Lernforschung sowie Kenntnisse neuerer didaktischer und pädagogischer Entwicklungen umfassen. Dafür gilt es künftig auch die Berufseingangsphase zu nutzen. Eine auf den Abschluss der jeweiligen Schulart bezogene Beschreibung der Lehrerbildung und der späteren beruflichen Aufgaben muss auch auf die damit verbundenen Belastungen eingehen. So sind z. B. Vor- und Nachbereitung sowie Umfang und Art der Korrekturen sowohl vom Anspruch als von der zeitlichen Belastung her deutlich unterschiedlich und rechtfertigen unterschiedliche Zeiten der Unterrichtsverpflichtung ebenso wie unterschiedliche Bezahlung.
Daran gilt es im Interesse aller Kolleginnen und Kollegen und vor allem auch im Interesse der Zukunft unserer Schülerinnen und Schüler festzuhalten, die wiederum die Zukunft von uns allen durch und mit ihrer Bildung und Ausbildung zu gestalten haben.
Max Schmidt
Erster Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbandes
November 2009
