Gymnasiales Lehramt - Ausbildung für die Zukunft
GYMNASIALES LEHRAMT – EINE AUSBILDUNG FÜR DIE ZUKUNFT
Das Gymnasium im steten Wandel
Unbeschadet der landesweit aufgekommenen Bildungsdebatte hat sich das bayerische Gymnasium nach einer unruhigen, hektischen Zeit vor Ort wieder neu gefestigt. Hinter der Fassade parteitaktischer Pressemitteilungen verbirgt sich eine gymnasiale Schulwirklichkeit, die von den Bürgerinnen und Bürgern mehr und mehr als Schule der Zukunft verstanden wird. In den bayerischen Gymnasien werden künftige Leistungsträgerinnen und Leistungsträger der Gesellschaft ausgebildet, von denen wir heute noch nicht wissen, welche Aufgaben sie in ihren wechselnden Berufsfeldern lösen müssen. Die Zeiten, in denen Abiturienten auf ihrem erworbenen breiten Allgemeinwissen ganze Berufslaufbahnen aufbauen konnten, sind vorbei. Die Explosion des Wissens, die rasante Entwicklung der Informationstechnologien und der damit verbundene gesellschaftliche Wandel sind die entscheidenden Parameter für den Zukunftsmotor Gymnasium.
Schulartbezogene Lehrerausbildung
Der Bildungsstandort Deutschland hat trotz der geringen Mittel, die in das Bildungssystem investiert werden (siehe OECD-Studien), verhältnismäßig große Erfolge zu verzeichnen. Dies ist insbesondere auf die Tatsache zurückzuführen, dass in den Gymnasien Akademiker unterrichten, die mindestens in zwei Fachwissenschaften und den Berufswissenschaften den höchsten universitären Standards genügen, wie dies im Lehrerbildungsgesetz festgelegt ist.
Das heutige Wiederaufkeimen stufenbezogener Ausbildungsmodelle ist ein Anachronismus, der möglicherweise von Nützlichkeitserwägungen aus der Universitätsorganisation herrührt oder vom (Alp)Traumbild eines universal einsetzbaren Einheitslehrers stammt.
Die Weiterentwicklung und Reform der Lehrerausbildung muss die Spezifika der einzelnen Lehrämter wieder stärker berücksichtigen. Die Anforderungen an den Beruf des Gymnasiallehrers sind hochspezifisch und nicht vergleichbar mit den Herausforderungen in den anderen Lehrämtern. So sind am Gymnasium die fachlichen Anforderungen in der Oberstufe, das wissenschaftspropädeutische Arbeiten, aber auch spezifische gymnasialpädagogische Probleme wie die Begleitung der Adoleszenz und der Übergang zu Methoden der Erwachsenenbildung in der Oberstufe des Gymnasiums wichtige Ausbildungsbereiche, die diese Schulart charakterisieren.
Philologen unterrichten Schülerinnen und Schüler, die eine besondere Begabung und Neugierde mitbringen. Die gymnasiale Ausbildung hat ein klares Ziel: die Studierfähigkeit der jungen Menschen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist der einheitliche achtjährige Bildungsgang unerlässlich. Schon der Unterricht in der Unterstufe und besonders der in der Mittelstufe stellen besondere Anforderungen an die Gymnasiallehrkräfte, die in den anderen Schularten so nicht gegeben sind.
Die grundlegende Offenheit des Unterrichtes, die durchgehende Akzeptanz individueller Lösungswege, die Förderung kreativer und alternativer Lösungsansätze muss in der fünften Jahrgangsstufe beginnen und gilt als durchgängiges Unterrichtsprinzip bis zum Abitur. Gymnasialer Unterricht ist keine einfache Ansammlung von Wissen, sondern vor allem die Entwicklung und Ausbildung von Denk- und Problemlösungsstrategien. Dazu gehört die Vermittlung aller Kulturtechniken, die den jungen Menschen befähigen, an der internationalen (Fremdsprachen!) und fachlichen Diskussion (Fachunterricht) auf der Grundlage einer umfassenden Allgemeinbildung teilzunehmen.
Die drei Säulen der gymnasialen Lehrerausbildung
Prof. Dr. Werner Wiater von der Universität Augsburg hat drei Säulen der gymnasialen Lehrerbildung durch drei Fragen charakterisiert, die sich jede Lehrkraft stellen muss:
1. Wo will ich hin?
Die Frage nach den fachwissenschaftlichen Inhalten.
2. Wie komme ich dahin?
Die Auswahl der fachdidaktischen Methoden.
3. Wie wirke ich dabei?
Das Verständnis für die pädagogisch-psychologischen Aspekte.
Für das gymnasiale Lehramt bedeutet dies die Notwendigkeit
• der fachwissenschaftlichen Ausbildung in (mindestens) zwei gleichberechtigten Studienfächern.
Sie ist eine unverzichtbare Voraussetzung für die professionelle Arbeit der Lehrkräfte an den Gymnasien. Sie ermöglicht den souveränen Umgang mit neuen Erkenntnissen der Fachwissenschaften. Sie ist die Grundlage für die wissenschaftspropädeutische Arbeit vom Anfang der Unterstufe bis zum Ende der Oberstufe. Sie ist die Grundlage für die ständige individuelle Fort- und Weiterbildung, um den sich ständig wandelnden Anforderungen während der gesamten Berufslaufbahn gerecht zu werden.
• der fachdidaktischen Ausbildung unter Einschluss diverser Praktika.
Sie setzt erst dann ein, wenn hinreichende fachwissenschaftliche Grundlegungen erfolgt sind und Ergebnisse fachdidaktischer Lehrveranstaltungen sinnvoll in fachdidaktischen Praktika erprobt werden können. Die fachdidaktischen Praktika müssen professionell durch Gymnasiallehrkräfte betreut werden. In der gesamten Ausbildung ist auf eine enge Verzahnung von Schule und universitärer Fachdidaktik zu achten.
• der gymnasialpädagogischen und pädagogisch-psychologischen Ausbildung.
Die gymnasialpädagogische Ausbildung setzt Lehrstühle für Gymnasialpädagogik an den einzelnen Universitäten voraus. Sie bietet im 1. Ausbildungsabschnitt zunächst eine Beruforientierung. Dabei muss sichergestellt sein, dass die begleitenden Veranstaltungen gymnasialspezifisch ausgerichtet sind. Die pädagogischen Praktika erfüllen ihre Aufgabe am Gymnasium nur dann, wenn eine umfassende Betreuung durch erfahrene Fachkollegen in beiden Studienfächern sichergestellt ist, die in enger Verzahnung mit den betreuenden Dozenten der Universität arbeiten. Am Ende stünde ein gemeinsames Fachgespräch, das den Studierenden hinsichtlich seiner Eignung für das gymnasiale Lehramt berät. Diese Betreuung kann in der notwendigen Tiefe nur dann gewährleistet werden, wenn die betreuenden Philologen für diese Tätigkeit fortgebildet und entsprechend dem tatsächlichen Aufwand für diese Beratungs- und Betreuungstätigkeit von anderen Aufgaben freigestellt werden.
Staatsexamina sind unersetzliche Eingangsprüfungen
Das Erste Staatsexamen als akademischer Abschluss muss als staatliche Eingangsprüfung erhalten bleiben, es kann nicht durch universitäre Prüfungen ersetzt werden. Nur durch die Verbindung von vorgegebenen Prüfungsinhalten und staatlichen Prüfungen ist die Chancengleichheit der Anwärter auf das Lehramt an Gymnasien über alle bayerischen Universitäten hinweg gegeben. Das Erste Staatsexamen muss vom Niveau her dem Master, Magister bzw. dem Diplomstudiengang in jedem der beiden studierten Fächer entsprechen und als vollwertiger akademischer Abschluss zum Promotionsrecht in jedem studierten Fach einschließlich der Erziehungswissenschaften führen.
Die drei Phasen der gymnasialen Lehrerbildung
Bayerische Gymnasiallehrkräfte werden in einem bewährten dreiphasigen Modell aus- und weitergebildet. Dabei ist der größte Modernisierungsbedarf in der konsequenten Verzahnung und Verschränkung der drei Phasen zu sehen.
– Berufswissenschaftliche Grundlagen – die Stärke der Universität
Die universitäre Phase sichert die grundlegende fachwissenschaftliche Qualität und zielt somit auch auf eine Polyvalenz in Richtung der fachwissenschaftlichen Profession hin. Sie ermöglicht eine schulartbezogene gymnasialpädagogische Berufsorientierung und legt durch Seminare und Praktika die Grundlagen für das spätere fachdidaktische Handeln.
– Die Umsetzung in die Praxis – das Referendariat
Das zweijährige Referendariat schließt die berufswissenschaftliche Ausbildung ab. Die Ausbildung erfolgt in Kleingruppenseminaren. Nur so kann die Betreuung durch die Seminarlehrer in der nötigen Intensität, mit dem notwendigen Praxisbezug und schulartspezifisch fundiert erfolgen. Im einjährigen Zweigschuleinsatz gewinnen die Referendare Sicherheit im eigenständigen Unterrichten, erhalten aber gleichzeitig von Seiten ihrer Betreuungs- und Seminarlehrer die notwendige Förderung. Die Betreuungslehrer werden dazu ihrer Aufgabe entsprechend weitergebildet und entlastet.
– Professionalisierung stärken – die dritte Phase
Die Berufseingangsphase muss als Professionalisierungsphase neu verstanden werden und zu einer entscheidenden Qualitätsverbesserung beitragen. Eine erstmalige bewusste Gestaltung der Berufseingangsphase ist zu fordern, damit junge Kolleginnen und Kollegen ihre Erfahrungen wissenschaftlich reflektieren und ihr eigenes erzieherisches Handeln optimieren können.
Die jungen Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer werden dadurch in die Lage versetzt, die Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern bzw. notwendige Unterstützungs- und Fördermaßnahmen einzuleiten. Durch entsprechende Fortbildungsmaßnahmen wird ein Netzwerk zwischen Universitäten, Beratungsstellen jedweder Art und der einzelnen Lehrkraft geknüpft, das dem einzelnen Schüler in seiner individuellen Art zu Gute kommt. Die dritte Phase der Gymnasiallehrerausbildung wird schulintern von den hochqualifizierten Beratungslehrern und Oberstudiendirektoren geleitet.
Zusammenarbeit zwischen den Institutionen
Universitäten, Seminarschulen und Fortbildungsinstitutionen haben ihren eigenen unersetzlichen Auftrag in der Lehrerbildung. Der notwendige Innovationsschub muss durch eine verstärkte Zusammenarbeit dieser Institutionen erreicht werden.
Die Koordination der regionalen fachlichen Weiterqualifizierung erfolgt durch die MB-Dienststellen in enger Abstimmung mit den Universitäten der Region. Die Zusammenarbeit der Institutionen im Bereich der zentralen Lehrerfortbildung wird von der Führungsakademie in Dillingen organisiert. Hier sollte vor allem die Qualifizierung der Lehrkräfte für konkrete Aufgaben bzw. Funktionen im Mittelpunkt stehen.
Eine besondere Herausforderung ist die Verzahnung zwischen der ersten und zweiten Phase der Lehrerausbildung. Hier sind die Zentren für Lehrerausbildung an den einzelnen Universitäten aufgefordert, geeignete Kooperationen anzubieten.
Differenzierung ist notwendig
Der bayerische Staat war immer bereit, jungen Menschen die Förderung zu bieten, die ein vielgliedriges, individualisiertes Bildungssystem ermöglicht. Diese Differenzierung muss auch weiterhin so erfolgen, dass sie dem Individuum gerecht wird und für die Gesellschaft transparent und finanzierbar bleibt. Es wäre verhängnisvoll, das bewährte, nach Schularten differenzierte Ausbildungsangebot aufzugeben und Lehramtsstudiengänge additiv zu konstruieren. Damit würde die fachwissenschaftliche Kompetenz ebenso wie die erziehungswissenschaftliche und didaktische Ausrichtung auf die spezifische Zielgruppe in unverantwortlicher Weise geopfert.
Das Gymnasium hat hier die schwierigste Aufgabe von allen Schularten. Nur das richtige Verhältnis von Fordern und Fördern bringt die junge Generation von kreativen Persönlichkeiten hervor, die Wirtschaft und Wissenschaft mit immer kürzeren Innovationszyklen braucht.
Die hohe fachwissenschaftliche Ausbildung der Philologinnen und Philologen ist eine unabdingbare Voraussetzung für die permanente Innovation des Gymnasiums.
Die gelungene Einführung der neuen Oberstufe ist hier nur ein Beispiel, das die hohe Professionalität der bayerischen Gymnasiallehrer zeigt.
Eine so ausgebildete Philologenschaft ist durchaus in der Lage, notwendige Anpassungen aufgrund neuer Forschungsergebnisse oder gesellschaftlicher Veränderungen eigenverantwortlich im Rahmen ihres Freiraumes vorzunehmen.
Walter Fronczek
Stellvertretender Vorsitzender und
Schulpolitischer Referent des Bayerischen Philologenverbandes
Dezember 2009
