Ende der Durststrecke
HOFFNUNGEN UND PERSPEKTIVEN FÜR DAS ENDE DER DURSTSTRECKE DER JAHRE 2003 BIS 2011
Für seinen Leitartikel im Septemberheft „Das Gymnasium in Bayern“ hat der Vorsitzende des Bayer. Philologenverbandes Max Schmidt in seiner Vorschau auf das laufende Schuljahr den Titel „Ein knackiges Jahr liegt vor uns!“ gewählt. Inzwischen liegen dazu auch amtliche Zahlen vor, die die Einschätzungen und Vorhersagen zum Teil bestätigen, ergänzen und übertreffen.
Kultusminister Dr. Spaenle: „Individuelle Förderung statt Einheitsschule“
In der Pressekonferenz vom 10. September 2010 hat der verantwortliche Minister der Koalitionsregierung Herr Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle (MdL) Zahlen und Fakten auf den Tisch gelegt, die zu einigen Hoffnungen Anlass geben, aber nicht alle Befürchtungen zerstreuen können. „Bayern setze auf individuelle Förderung statt auf Einheitsschulen“ ist ein hehres Ziel und eine klare Aussage. Einheitsschulen werden der Individualität der Schülerinnen und Schüler nicht gerecht, Einheitsschulen verkennen die unterschiedlichen Begabungen und Neigungen der Kinder, Einheitsschulen können das breite Spektrum unseres vielfältigen differenzierten Schulwesens mit den unterschiedlichsten Lehrplänen und Inhalten nicht ersetzen. Individualität ist gefordert – eine Gesellschaft braucht für die unterschiedlichen Aufgaben unterschiedliche Qualifikationen.
Einheitsschule kein Vorbild für freie Gesellschaft
Ralf Schuler, Politikchef der „Märkischen Allgemeinen“ in Potsdam, schreibt am 15.8.10 in faz.net u. a.: „Selbst wenn man die durchgreifende Indoktrinierung der Honeckerschen Schule – Margot Honecker war von 1963 bis 1989 (!) Bildungsministerin der DDR – beiseite lässt, taugt die Ostschule nicht als Vorbild, ja sie ist nicht einmal Indiz dafür, dass gemeinsames Lernen fruchtbarer ist als frühe „Selektion“ – ein Begriff, der gerade wegen seines diskreditierenden Untertons in die heftig geführte Bildungsdebatte eingeführt worden sein dürfte.“
Wer Schule in der DDR erlebt habe, dem werde die gegenwärtige Debatte über Schulformen als vertane Zeit erscheinen. Jahrgangsübergreifendes Lernen in der Grundschule und zwischen siebter und zehnter Klasse löst die Schüler-Gemeinschaften ohnehin teilweise auf. Gemeinschaftliches Lernen ohne differenzierte Begleitung für Begabte und Lernschwache sei sinnlos. Schule stehe und falle mit den Lehrern, nicht mit den Namen der Schule.
Alte Leier der OECD mit falschen Akkorden
Berichte über den Facharbeitermangel waren in letzter Zeit nahezu überall zu lesen. Die Steigerung der Abiturientenquote löst dieses Problem nicht. Wenn die OECD wie alle Jahre wieder Deutschland wegen einer zu geringen Akademikerquote alljährlich an den Pranger zu stellen versucht, beweist sie damit nur, dass sie das deutsche Bildungssystem (was ist das eigentlich angesichts der Ländervielfalt?) immer noch nicht durchschaut hat. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Sepp Kraus schreibt dazu: „Völlig widersprüchlich zu ihrer eigenen Klage über eine angeblich zu geringe Studierquote in Deutschland ist das Lob der OECD für die berufliche Bildung in Deutschland. Hier sollte die OECD endlich einmal genauer hinschauen, dann würde sie feststellen, dass viele berufliche Abschlüsse in Deutschland mindestens das gleiche Niveau haben wie in anderen Staaten Abschlüsse mit Hochschulstempel.“
Doppelabitur und keine Wehrpflicht mehr ab 2011?
Wie werden die Abiturienten 2011 darauf reagieren – werden sie sich in den Hochschulen und Universitäten in Bayern und Umgebung einschreiben oder sich für eine berufliche Ausbildung entscheiden? Das Problem des doppelten Abiturjahrganges 2011 könnte ja durch die Abschaffung bzw. Aussetzung des Grundwehrdienstes und des Ersatzdienstes noch weiter verschärft werden, da die Bundeswehr bzw. die Ersatzdienststellen 2011 voraussichtlich keine Abiturienten mehr in großer Zahl aufnehmen werden. Da werden also noch mal ein paar Tausend Studienplätze von Nöten sein – in allen Bundesländern! Außerdem sieht man, wie problematisch Planungen sind, wenn von irgendwoher plötzlich unerwartete Entscheidungen kommen.
Ein fatales zeitliches Zusammentreffen sind die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit und die Entscheidungen zum Wehr- und Ersatzdienst. Von langer Hand war dies sicher nicht so geplant. Von langfristiger Planung zeugt schon eher das Projekt der TU München, in einem „Schnupper-Jahr“ den Abiturientinnen und Abiturienten Grundlagen in den Naturwissenschaften zu vermitteln – nicht erst während, sondern schon vor Aufnahme des regulären Studiums. Das war früher mal unsere Aufgabe – aber wenn man die Schulzeit verkürzt, kann man ja das Studium verlängern: Mit 6 Jahren in die Grundschule, mit 10 aufs Gymnasium, nach 9 Jahren Abitur, dann 10 Semester Studium und wenn ich mich nicht verrechnet habe, ist damit mit 24 Jahren der Universitätsabschluss erreicht – bei Abschlussfeiern der Universitäten und Technischen Hochschulen kann man sich vom jugendlichen Alter der Diplomanden, Magister usw. überzeugen. Da nun die gymnasiale Schulzeit verkürzt ist, Grundwehr- und Ersatzdienst künftig entfallen werden, kann man dann länger studieren …
Am G8 gibt es weniger Wiederholungsschüler – was besagen Statistiken
„Das deutsche Bildungssystem raubt den Jugendlichen im europäischen Vergleich wertvolle Zeit, die sie für Familiengründung, Beruf und den Aufbau ihrer Altersversorgung nutzen könnten. Wenn deutsche Akademiker im Durchschnitt erst mit 28 Jahren ins Berufsleben eintreten, ist das eine Vergeudung von Ressourcen für die Sozialversicherungssysteme und letztendlich für das gesamte Gemeinwesen. Deshalb muss gelten: früher in die Schule und früher in den Beruf.“ (S. 38 der Regierungserklärung des damaligen Ministerpräsidenten Dr. Edmund Stoiber vom 6.11.2003)
Damit begann 2003 die Schulzeitverkürzung am bayerischen Gymnasium, die damaligen 5.-Klässler waren als Erste betroffen und stehen nun vor dem Abitur, der Jahrgang davor ist der letzte G9- Jahrgang und wird in einem komprimierten Schuljahr mit diversen Lehrplankürzungen und Sonderregelungen ebenfalls sein Abitur bauen. Interessant sind die Schülerzahlen dieser Jahrgänge, die zu diversen Überlegungen Anlass geben (s. Aussagen von Herrn Dr. Heiszler, Uni Augsburg in der Rubrik Leserbriefe dieser Ausgabe).
Aus meiner Sicht sei auf Folgendes hingewiesen. Der letzte G9-Jahrgang startete 2002 mit 39.713 Schülern in der 5. Klasse, in der 10. Klasse waren noch 35.061 am Gymnasium registriert, der erste G8-Jahrgang startete mit 38.834 und in der 10. Jahrgangsstufe zählte man noch 30.074 – diesem Jahrgang fehlen die Repetenten, die nicht nur zahlenmäßig von Bedeutung sind, auch bezüglich Alter, Reife und Verhalten wirken sich Repetenten auf die Klassengemeinschaft aus, zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten können auf Ehrenrunden verweisen, bei den älteren Jahrgängen gab es hohe Quoten an Schülern, die erst nach der 5. Klasse aufs Gymnasium wechselten und trotzdem oder gerade deswegen zu guten schulischen Ergebnissen kamen.
Kurs- und Klassenstärken in der Oberstufe des G8 und an der Grundschule vergleichbar
Interessant wird sein, wie sich die „flexible Grundschule“ auswirken wird – gemeinsam mit der Stiftung Bildungspakt Bayern wird dazu ein Modellversuch an 20 Grundschulen durchgeführt. Mit den jahrgangsgemischten Klassen aus den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts ist dies vermutlich nicht mehr zu vergleichen. Schon bedeutender ist die weitere Senkung der durchschnittlichen Schülerzahlen an den Grundschulen von 22,2 auf 21,9! An der Haupt- bzw. Mittelschule beträgt der Durchschnitt nach Angaben des KM sogar nur 20,2. Davon können wir am Gymnasium nur träumen. Bei uns liegt der Durchschnitt für die Klassen 5 – 10 bei voraussichtlich 27,0 (Vorjahr 27,3).
Erfreulich, aber auch dringend notwendig ist die Beibehaltung der günstigen Kursstärken in der Oberstufe des G8. Durch entsprechende Personalzuweisungen war es bereits im vergangenen Schuljahr gelungen, dass die durchschnittliche Schülerzahl bei Kursen der Oberstufe bei etwa 20, die der Projektseminare (P-Seminare) und wissenschaftspropädeutischen Seminare (W-Seminare) bei rund 13 lag und so eine günstige Betreuungsrelation geschaffen worden war.
Lehrersituation an Gymnasien
Zum Schuljahr 2010/2011 wurden an den staatlichen Gymnasien insgesamt 958 Lehrkräfte eingestellt. In Mathematik, Physik, Biologie und Chemie sowie Latein gibt es bundesweit eine zu geringe Zahl von Lehramtsanwärtern, Bayern hätte in diesem Schuljahr noch mehr Lehrkräfte dieser Fächer einstellen können. Trotz des Mangels an ausgebildeten gymnasialen Lehrkräften scheint die Unterrichtsversorgung durch Aushilfskräfte im Umfang von rund 1.200 Vollzeitstellen gedeckt zu sein.
Darüber hinaus erhielten die Schulen weitere Mittel. Ist dies der Einstieg in die eigenverantwortliche, selbstständige bzw. autonome Schule? Hier besteht noch großer Diskussionsbedarf, um nicht den Vorstellungen der Wirtschaft und anderer schulfremder Kreise auf den Leim zu gehen und das Niveau der Schulen abzusenken. Ein Blick in die anderen Bundesländer würde die Augen öffnen. Sind Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen hier wirklich geeignete Vorbilder für Bayern? Sicher kann man von denen einiges anschauen und mit Überlegung bei uns einbauen. Aber man sollte auch nicht blind sein gegenüber den Schwächen der autonomen Modelle.
Eigenverantwortliche Schule nicht ungeprüft übernehmen
In NRW sprach man vom „Haus des Lernens“, frei von staatlicher Bevormundung. In Niedersachsen war es das Modell der „Selbstständigen Schule“. Nun berät Niedersachsen ein Gesetz zur Weiterentwicklung der berufsbildenden Schulen: Demnach solle der Schulträger nur noch den Schulleiter und seinen Stellvertreter einstellen, alle anderen Personal- und Sachmittelentscheidungen treffe die Schule allein. Die Schulen erhalten vom Land dafür ein eigenes Budget, die Kommunen und Kreise können ihnen noch ein zusätzliches Budget zur Verfügung stellen, etwa für Computer oder Mobiliar. Die Schulen werden zudem mit einer zusätzlichen Stelle zur Leitung der Verwaltung ausgestattet. Laut Gesetzentwurf soll der Schulvorstand paritätisch zu jeweils einem Viertel mit Vertretern der Schulleitung, Lehrerschaft, Schüler und Eltern sowie der örtlichen Wirtschaft besetzt werden.
Inwieweit hat die Wirtschaft das Sagen in der Bildungspolitik? Was soll es bedeuten, wenn der vbw (Verband der bayerischen Wirtschaft) ein eigenes Zimmer im Kultusministerium besetzt? Warum bekommen die Lehrerverbände nicht auch einen Raum im hohen Hause?
Ohne Pensionisten geht‘s nicht
Angesichts fehlender Lehrkräfte und Planstellen kann die Unterrichtsversorgung nur durch die zahlreichen Aushilfskräfte sichergestellt werden. Man muss diesen dankbar sein, dass sie sich auch unter schwierigen Bedingungen und zum Teil schlechter Bezahlung zur Verfügung stellen. Dank gebührt auch unseren bereits pensionierten Kolleginnen und Kollegen, die sich, soweit es ihre Gesundheit erlaubt, bereit erklären, ihre Schülerinnen und Schüler noch zum Abitur zu führen und somit das Stammpersonal, das vorwiegend in der Oberstufe eingesetzt ist, zu unterstützen.
Unerträglich ist es, wenn von Pensions“lasten“ gesprochen wird – auch die Beamten haben wie die Rentner ihre Ruhestandsbezüge nach jahrelanger Arbeit wohlverdient. Bei Klassentreffen der älteren Jahrgänge sind wir Lehrkräfte manchmal nur noch die einzigen aus unseren Abiturklassen, die noch im Berufsleben stehen. In vielen Fällen ermöglicht die Altersteilzeit einen früheren Berufsausstieg. Sie ist nicht nur eine Brücke in den Ruhestand, sondern auch erforderlich zur Vereinbarkeit von Job und Betreuung hilfs- und pflegebedürftiger Angehöriger. Daher wäre es auch hilfreich, wenn bei der Altersteilzeit die Möglichkeit, das Blockmodell mit dem Antragsruhestand zu kombinieren, wieder ermöglicht würde.
Dienstrechtsreform macht Lehrerberuf attraktiver?
Die zahlreichen Beförderungsstellen im Grund- und Hauptschulbereich und an den Realschulen machen den Lehrerberuf attraktiver – vor allem aber an diesen Schularten. An den Gymnasien gab es nur wenige zusätzliche Beförderungsmöglichkeiten. Das Dienstrechtsreformgesetz reklamiert für sich, dass Leistung nun besser honoriert werden könne. Im Gegensatz dazu steht aber die derzeitige aktuelle Realität. Die beste Form der Anerkennung ist die Beförderung. Die Verschiebung der Beförderungen zur Finanzierung des „Strukturprogramms Nürnberg – Fürth“ (Quelle) hat bereits zu Verzögerungen geführt. Eine weitere Verzögerung durch eine wie auch immer geartete Wiederbesetzungssperre und Pläne, die Zahl der Beförderungstermine zu reduzieren, sind kontraproduktiv. Die Anhebung der Lebensarbeitszeit (siehe HPR-Bericht) ist ein weiteres Sonderopfer der Lehrkräfte, deren Pensionierungszeitpunkt ja nicht nur schrittweise um einen Monat, sondern in nächster Zeit bereits je nach Geburtsdatum um ein halbes, ein ganzes oder eineinhalb Jahre hinausgeschoben wird, bis es am Ende zu Verschiebungen um bis zu drei Jahre kommt!
Klassenstärken nach diesem Schuljahr weiter reduzieren
Die Gesamtzahl an Gymnasien erhöhte sich in Bayern im Vergleich zum Vorjahr von 410 auf 413, bei den staatlichen Gymnasien von 309 auf 310. Die Schülerzahlen stiegen um 3.002 auf nunmehr 387.700, an den staatlichen Gymnasien um 2.526 auf nunmehr 321.800! Für die Klassen 5 – 10 werden 232.300 Schülerinnen und Schüler angegeben (ein Zuwachs um 2.351).
Erfreulich ist die Reduzierung der Klassenstärken, wenn auch nur in geringem Maße, aber 0,3 Schüler weniger pro Klasse sind ein Ansporn, im nächsten Schuljahr, wenn ein ganzer Schülerjahrgang weniger zu unterrichten ist, die Reduzierung der Klassenstärken fortzusetzen – wie im Koalitionsvertrag vereinbart. Die Lehrkräfte an den Gymnasien, die seit 2003 Erhebliches geleistet haben – Erhöhung der Unterrichtspflichtzeit, Arbeitszeitkonto, neue Lehrpläne, neue Oberstufe bis zur Arbeitsverdichtung in diesem Schuljahr mit etwa 68.000 Abiturienten – haben es verdient, mit einer deutlichen Reduzierung der Klassenstärken endlich entlastet zu werden, die von Herrn Staatsminister zu Beginn des Schuljahres proklamierte individuelle Förderung kann dann auch besser umgesetzt werden.
Auch nach 2011 zusätzliche Planstellen für die Gymnasien dringend erforderlich
Unerlässlich ist, dass keine Planstellen vom Gymnasium abgezogen werden, Superverträge und Aushilfsmittel in Planstellen umgewandelt werden: Kleinere Klassen, Rückzahlung des Arbeitszeitkontos, Reduzierung der Arbeitszeiterhöhung für die Einführung der Schulzeitverkürzung, Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung im Referendariat, Rücknahme der Kürzungen bei den Anrechnungsstunden und vor allem der Aufbau einer integrierten Lehrerreserve sind ab 2011 möglich und geboten! Jetzt sind in vielen Fächern die ausgebildeten Lehrkräfte vorhanden, die man auf „Vorrat“ einstellen kann. Mit der Ausweitung von Teilzeit kann die Anzahl der eingestellten Personen erhöht werden, die man in ein paar Jahren wieder dringend benötigen wird.
Das ist eine Perspektive, die es den Lehrkräften ermöglicht, das Licht am Ende des Tunnels zu erblicken und dem doppelten Abiturjahrgang eine vorzügliche Ausbildung auf deren Lebensweg mitzugeben. Motivieren wir die Lehrkräfte (auch in der Beurteilung 2010), dann geben sie dies den Schülerinnen und Schülern tausendfach zurück.
Walter Bertl
Stellvertretender Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbandes
Oktober 2010
