Ein knackiges Jahr liegt vor uns!
Wenn Sie diese Zeilen lesen, liegen die „großen Ferien“ hinter Ihnen, aber neben den üblichen, jedes Jahr vor Beginn des regulären Unterrichts zu leistenden Vorarbeiten gab es zusätzliche Aufgaben zu erledigen, die dem doppelten Abiturientenjahrgang geschuldet sind.
Enormer Termindruck
Der gewohnte Ablauf in der Kollegstufe – 13. Jahrgangsstufe „K 13“ mit der Abgabe der Facharbeit Ende Januar, dem Beginn von 13/2 Anfang Februar und den Abiturprüfungen um Pfingsten herum ist außer Kraft gesetzt. Die Facharbeit ist schon im Dezember fällig und Zeugnisse für eine Bewerbung um Studienplätze sind schon vor Weihnachten zu erstellen. Nach den Osterferien werden die letzten Abiturientinnen und Abiturienten des neunjährigen Gymnasiums entlassen und das erste Abitur des achtjährigen Gymnasiums steht dann an. Zwei Abiturtermine in einem Jahr mit unterschiedlichen Abläufen stellen nicht nur für die Organisatoren eine große Herausforderung dar, auch die Lernenden und Lehrenden bekommen das zu spüren. Im verkürzten Ausbildungsabschnitt 13/1 ist der Termindruck besonders groß! Zwar wurde der Lehrstoff etwas reduziert und in den Leistungskursen wird nur eine Klausur geschrieben, aber durch den Zeugnistermin vor Weihnachten müssen die Schulaufgaben schon im November geschrieben sein, damit noch Zeit für die umfangreichen Korrekturen bleibt. Der Zeitablauf bleibt natürlich auch in 13/2 gedrängt und daneben gibt es ja auch noch Q11 und Q12 mit Schulaufgaben, Seminaren und zusätzlichen neuen Prüfungsformen und die Vorbereitung auf das erste Abitur mit neuer, noch ungewohnter Struktur sowie Deutsch, Mathematik und einer Fremdsprache als verbindlichen Abiturfächern für jeden G8-Oberstufenschüler, wobei auch noch mindestens zwei mündliche Prüfungen abzulegen respektive zu planen und abzunehmen sind.
Von den Auswirkungen, die die Bewältigung dieser Aufgabenballung hervorrufen wird, werden auch die anderen Jahrgangsstufen nicht verschont bleiben. Im Gegensatz zu „normalen“ Jahren werden wohl einige der üblichen und gewohnten Aktivitäten zurückgefahren werden müssen. Für eine Teilnahme an Theater-, Chor- oder Orchesterwochen beispielsweise werden die Prüfungspläne der Oberstufe(n) kaum Zeit lassen.
Personalversorgung weiter angespannt
Die enormen Belastungen und Herausforderungen für alle Beteiligten wären dann etwas leichter zu bewältigen, wenn Sach- und Personalausstattung optimal wären! Wenn für den Unterricht in allen Fächern und Stunden genügend ausgebildete Gymnasiallehrkräfte an den Schulen zur Verfügung stünden, Klassengrößen wie an Hauptschulen (durchschnittlich weniger als 21 Schüler in einer Klasse) erreicht wären und zur Vermeidung von Unterrichtsausfall z. B. bei Krankheit oder besonderen unterrichtlichen Aktivitäten eine integrierte Lehrerreserve zur Verfügung stünde.
Die Situation in diesem Schuljahr sieht allerdings spektakulär anders aus. Anstelle aller angeforderten Lehrkräfte erhielten viele Schulen wieder Mittel, um sich Personal selbst zu besorgen. Manche sahen sich vor die Aufgabe gestellt, auf diesem Weg zehn Prozent des Unterrichts abdecken zu müssen. An den Beruflichen Oberschulen ist der Lehrermangel – auch in Fächern, in denen angeblich ein Überangebot herrscht – weiterhin unakzeptabel groß. In den letzten 15 Jahren hat sich dort die Schülerzahl verdoppelt, aber es gab nur 65 % mehr Lehrer – mehr als 500 Lehrkräfte fehlen! Dabei geht auch noch völlig unter, dass an den Fachober- und Berufsoberschulen sehr viele Schüler mit Migrationshintergrund erfolgreich sind. Ihr Anteil an dieser Schulart entspricht dem an Grundschulen und ist doppelt so hoch wie an Gymnasien. Hier müssen zusätzliche Planstellen geschaffen werden, die Budgetlücke darf nicht zum Markenzeichen der Beruflichen Oberschulen werden!
Das Kultusministerium hat reagiert – weitere Anstrengungen nötig!
Die im vergangenen Jahr zusätzlich für die Gymnasien zugewiesenen rund 300 Planstellen, die auch in diesem Schuljahr erhalten bleiben, waren ein wichtiger Beitrag zur Absicherung der Personalversorgung. Ebenso war die Bereitstellung von Mitteln für die Seminare und von zusätzlichen Zeitkontingenten für die Oberstufenkoordinatoren ein Signal, dass man die Belastungen vor Ort sehr wohl sieht. Die durchschnittliche Kursgröße in Q11 lag im Schuljahr 2009/10, über alle Fächer hinweg gemittelt, an allen staatlichen und nicht-staatlichen Gymnasien bei knapp 21 Schülerinnen und Schülern. Trotzdem gab es in einigen Fällen auch Kurse in den verpflichtenden Abiturfächern mit 30 Teilnehmern. Dies ist für die Zukunft nicht hinnehmbar! Gerade in diesen Fächern ist die von unserem Verband geforderte Obergrenze von maximal 20 Schülern nicht verhandelbar. Solange dieses Ziel nicht erreicht ist, kann keine Planstelle an die Universitäten wandern!
Auch die vorgesehene Kooperation mit außerschulischen Partnern aus Wirtschaft und Universitäten ist grundsätzlich sinnvoll und läuft gut. Doch diese Zusammenarbeit ist mit einem höheren zeitlichen und finanziellen Aufwand verbunden. Aus den ersten Erfahrungen des letzten Schuljahres ergibt sich für mich die Notwendigkeit, die Ausstattung der W- und P-Fächer auf 300.- Euro pro Seminar und Semester anzuheben. Auch gilt es den Verwaltungsaufwand im Zusammenhang mit der geplanten größeren Eigenständigkeit der Schulen deutlich zu reduzieren.
Vielfältige Neuerungen
Nicht nur wegen der Umsetzung der Verkürzung der gymnasialen Schulzeit gab es zahlreiche Neuerungen, die in den letzten Jahren etabliert wurden: Die größere Bedeutung der Mündlichkeit, mehr Schüler aktivierende Unterrichts- und Prüfungsformen sowie die neuen Seminarfächer beschleunigten den Modernitätsschub an den Gymnasien. Die Unterscheidung von schriftlichen und mündlichen Noten wich einer Aufteilung in kleine und große Leistungserhebungen. Im Gegensatz zur bisherigen Praxis können kleine Leistungsnachweise auch angekündigt werden und sind nicht nur auf den Stoff der letzten Stunde beschränkt. In den modernen Fremdsprachen sind mündliche Schulaufgaben verpflichtend und auch die Wahl als schriftliches Abiturfach beinhaltet eine zusätzliche mündliche Prüfung. Zudem werden im W- und P-Seminar in der Unter- und Mittelstufe erworbene Erfahrungen aus Referaten, Praktika und Projekten gebündelt und in die Qualifikationsphase der Oberstufe eingebracht. Diese Weiterentwicklungen hatten auch Konsequenzen für die Notengebung in der neuen Qualifikationsphase. In jedem Ausbildungsabschnitt wird je Fach künftig ein großer Leistungsnachweis verlangt und mit den kleinen Leistungsnachweisen im Verhältnis 1:1 verrechnet. Fünf Abiturfächer (Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache verpflichtend), von denen drei schriftlich und zwei mündlich geprüft werden, kennzeichnen die Abiturprüfung im achtjährigen Gymnasium.
Neuerungen erfordern mehr zeitliche und finanzielle Ressourcen
Die stärkere Betonung der Mündlichkeit, mehr Referate und Präsentationen sowie sehr große Jahrgänge in der Oberstufe bedingen mehr Zeitaufwand bei der Vorbereitung des Unterrichts und dessen Auswertung. Gleiches gilt für die Seminare, bei denen zusätzlich noch zu bedenken ist, dass Kontakte mit externen Partnern gepflegt sein wollen und z. B. Exkursionen nicht zum Nulltarif zu organisieren sind. Hier gilt es noch nachzusteuern und die bisher vorgesehenen Etats anzuheben und deren Verwaltung zu vereinfachen. Unsere Forderung nach maximal 20 Schülern in Kursen der verpflichtenden Abiturfächer ist durch diese geänderten Anforderungen begründet und wird weiter verfolgt!
Mündliche Prüfungen und Kolloquien in bisher noch nicht gegebenem und bewältigtem Umfang liegen vor uns. Zum Kolloquium in der 13. Jahrgangsstufe der Kollegstufe (K13) kommen zwei mündliche Prüfungen in Q12 (= 12. Jahrgangsstufe Qualifikationsphase des achtjährigen Gymnasiums) und, falls eine moderne Fremdsprache als schriftliches Abiturfach gewählt wurde, eine weitere mündliche Prüfung. Für die letzten G9-er müssen, wenn sie Hürden gerissen haben, die ein Bestehen des Abiturs verhindern, zusätzliche Prüfungen durchgeführt werden. Deutsch als verpflichtendes schriftliches Abiturfach führt zu einer enormen Vermehrung des Korrekturaufwands, der von den betroffenen Kolleginnen und Kollegen unter Zeitdruck bewältigt werden muss, der auch dadurch nicht ausgeglichen wird, dass man vorher in einem vierstündigen Fach nur eine Schulaufgabe zu schreiben hatte. Hoch ist die Belastung aufgrund des gedrängten Terminplans während des ganzen Jahres für alle, besonders natürlich für Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen Unterrichtende, weil alle Oberstufenschüler des achtjährigen Gymnasiums in diesen Fächern Abitur machen werden.
Der vorgesehene Zeitrahmen für die Korrekturen und die mündlichen Prüfungen wird sich wohl nur einhalten lassen, wenn für andere Jahrgangsstufen in diesen Wochen Nachmittagsunterricht entfällt und für besonders hoch belastete Kolleginnen und Kollegen unterrichtsfreie Korrekturtage organisiert werden. Angesichts der schon genannten angespannten Personalversorgung, die im letzten Schuljahr nur durch die Beschäftigung von mehr als 3000 Aushilfskräften zu lindern war, bleibt auch dies eine Herkulesaufgabe für unseren Dienstherrn, um Lehrergesundheit mit nicht absehbaren Folgen zu gefährden.
Verlässlichkeit und Gerechtigkeit für die Betroffenen
Lehrkräfte und Abiturienten brauchen für die kommenden Monate Verlässlichkeit, was die Geltung der Lehrpläne, der Prüfungsbedingungen und der Rahmenbedingungen angeht. Nach der gerade angekündigten 1:1-Wertung von Klausur und kleinen Leistungsnachweisen in den Leistungskursen der Kollegstufe muss endgültig Schluss sein mit immer neuen Veränderungen, die letztlich nur verunsichern. Das ständige Schielen auf vermutete Vor- oder Nachteile des anstehenden G8- bzw. G9-Abiturs lässt völlig außer acht, dass wir auch an die Abiturientinnen und Abiturienten der vergangenen Jahre denken müssen, die ihr Studium noch nicht begonnen haben. Der Systemwechsel vom neun- zum achtjährigen Gymnasium hatte massive Veränderungen zur Folge, die Unterschiede kann man nicht durch formale „Gleichbehandlung“ wegwischen. Die in der Qualifizierungsphase Befindlichen brauchen ebenfalls Verlässlichkeit, damit sie sich gerecht behandelt fühlen können. Jeder Autofahrer würde massiv protestieren, wenn sich auf dem Weg zur TÜV-Untersuchung die Vorschriften dafür ändern würden!
Versprechungen einhalten – in Bildung investieren!
Die enormen Belastungen und Herausforderungen sind für alle Beteiligten nur dann zu bewältigen, wenn ausreichende personelle und sächliche Ressourcen zur Verfügung stehen! Die Lehrkräfte an Gymnasien haben ihre Leistungsfähigkeit und Anstrengungsbereitschaft in den vergangenen Jahren gezeigt! Nun muss die Politik ihre Versprechen einhalten und so in Bildung investieren, dass alle Lehrkräfte und die Schülerinnen und Schüler davon etwas haben, was ihnen weiterhilft. Dazu gehört, Stellen an den Gymnasien zu belassen, wenn dieses Schuljahr 2010/2011 geschafft ist, um Klassen und Kursgrößen zu normalisieren. Dafür lassen sich Gymnasiallehrkräfte befristet in den Hochschuldienst ohne Einbußen abordnen, um mit Innovationsgewinn für die Gymnasien in diese Schulart zurückkehren zu können. Dafür braucht es ein Moratorium, in diesem Schuljahr Evaluationen nur auf freiwilliger Basis durchzuführen, was auch geschehen soll, und Fortbildung nicht in einem Ausmaß zu verlangen, so wichtig sie auch ist, das in dieser verdichteten Schulzeit nicht zu verantworten wäre.
Max Schmidt
Erster Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbandes
August/September 2010
