Eigenverantwortung an Schulen
EIGENVERANTWORTUNG AN SCHULEN – SELBSTZWECK ODER REFORMANSATZ?
Ein neuer Reformansatz durchzieht die politische Rhetorik in Bayern. Jede Partei und jeder Laie sieht in der eigenverantwortlichen Schule ein positives, erstrebenswertes Ziel. Dabei wird im bunten Sprachenchaos von Selbständigkeit, Autonomie und Eigenverantwortung gesprochen ohne jeweils konkret zu benennen, was denn nun damit gemeint sei und selbstverständlich ist alles positiv und besser.
Dabei werden in erster Linie neue Steuerungselemente und neue Formen der Hierarchie diskutiert, in der irrigen Annahme, dass dies zu einem besseren Unterricht im Klassenzimmer führen würde.
Und hier liegt der falsche Grundansatz.
Jede Reform im Bildungssystem muss konsequent von den Schülerinnen und Schülern her gedacht werden, d.h. was bei der einzelnen Schülerin und beim einzelnen Schüler ankommt, ist entscheidend.
Eine Stärkung der Eigenverantwortung an den bayerischen Gymnasien muss also bei den Schülerinnen und Schülern beginnen, daraus die notwendigen Konsequenzen für die Lehrerschaft ziehen und erst im letzten Schritt die Ausgestaltung der notwendigen begleitenden Verwaltungs- und Führungsstrukturen definieren.
Gymnasiasten sind zunehmend selbständige Schülerinnen und Schüler
Eigenverantwortung in den bayerischen Gymnasien bedeutet demnach zunächst einmal, dass die Schülerinnen und Schüler zunehmend für ihren eigenen Lernprozess Verantwortung übernehmen.
Gymnasien haben dabei im bayerischen Schulsystem eine besondere Verantwortung. Sie bilden die jungen Menschen, die später nach Studium und Berufsausbildung besondere Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen sollen. Selbständige Gymnasiasten müssen erfahren, dass Lernen mit Anstrengung verbunden ist, dass Fleiß eine unabdingbare Voraussetzung für den schulischen Erfolg ist, und das sich dieser Erfolg einstellt, wenn persönliche Eignung und Anstrengung sich harmonisch mit schulischem Bildungsangebot und Förderung verbinden. Der Mensch ist als lernendes Wesen geboren und die Gymnasien sollen den jungen Menschen das optimale Umfeld dazu bieten.
Philologen sind Lernbegleiter
Altersgemäß werden sie dabei von den Philologinnen und Philologen unterstützt und begleitet.
Dabei steht am Gymnasium von Anfang an die Faszination des Faches mit seinen Themen im Mittelpunkt. In eigener Verantwortung gestalten die Physik-, Latein- oder Sportlehrer den Unterricht so, dass die Lehrpläne erfüllt werden und der größtmögliche Lernfortschritt erreicht wird. Während in der Unterstufe die Lehrkräfte die Gymnasiasten mit klarer Anforderungen zum neugierigen Durchdenken des Stoffes anleiten und den Lernfortschritt planen und überprüfen, wird mit zunehmenden Alter der Schülerschaft die Aufgabe komplexer. So gilt es z.B. in der Mittelstufe die gymnasialgeeigneten pubertierenden Jugendlichen immer wieder neu zu motivieren und zu faszinieren und die Grundlage für eine umfassende Allgemeinbildung zu legen. Ziel der Oberstufe des Gymnasiums ist es die - von der Lehrperson unabhängige - Studierfähigkeit der zukünftigen Studentinnen und Studenten zu sichern. Der Einsatz von akademischen Fachlehrkräften ist die unabdingbare Voraussetzung für den einheitlichen gymnasiale Bildungsgang von der
5. Jahrgangsstufe bis zum Abitur. Sie entscheiden selbständig und situationsgerecht über die Gestaltung ihres Unterrichtes mit Blick auf den einzelnen Schüler und die Klassengemeinschaft.
Ihre Lehr-Lern-Arrangements sichern damit Qualität und Abwechslung des Unterrichtes.
Selbständige Lehrer brauchen klare Rahmenbedingungen
Dieses selbständiges Handeln und Entscheiden braucht auf der anderen Seite feste Rahmenbedingungen. Der Qualitätsstandard wird dabei durch Stundentafeln, detaillierte Lehrpläne und klare Vorgaben für das Prüfungsniveau landesweit gesichert. Dies garantiert die notwendige Mobilität der Bevölkerung im Freistaat und sichert die Vergleichbarkeit der Schulen untereinander im Flächenstaat Bayern im Sinne der Chancengerechtigkeit.
Klare Rahmenbedingungen geben Lernenden und Lehrenden Sicherheit und Klarheit bei der Gestaltung des Bildungsalltags. Sie entlasten von unnötigen Dauerdiskussionen und definieren die Erwartungen der Gesellschaft an das Bildungssystem. Die zentrale Aufgabe der Gymnasien ist es einen guten Unterricht anzubieten. Die Zeit dafür darf nicht durch endlose Konferenzen, unnötige atomisierte Konzeptarbeiten und eine ausufernde Kontroll- und Überprüfungsmaschinerie eingeschränkt werden. Die Gestaltung der Rahmenbedingungen ist die Aufgabe der Kultusbürokratie.
Unterstützung erhält sie dabei von den einschlägigen Instituten und den Universitäten des Landes. Die Rahmenbedingungen bestimmt letztendlich die Politik über finanzielle und strukturelle Vorgaben an die Bildungsverwaltung. Die Versuche mancher irregeleiteter Politiker diese Rahmenbedingungen oder Teile davon in die Entscheidung der einzelnen Gymnasien zu verlagern müssen als Flucht aus der Verantwortung entlarvt werden, denn die wesentlichen Kosten einer solchen „Reform“ fallen dann nicht auf Länderebene an, sondern manifestieren sich als zusätzlicher Zeitaufwand in den einzelnen Schulen.
Eigenverantwortliche Lehrkräfte brauchen Ressourcen
Gymnasialer Unterricht ist umso effektiver und erfolgreicher je mehr er die Spezifität des Faches und die Individualität der Schüler zusammenbringt. Besonders deutlich wird dies im experimentellen Unterricht der Naturwissenschaften. Zeit ist die wichtigste Ressource, die Lehrkräfte brauchen. Sie brauchen in erster Linie Zeit für die Vorbereitung und Nachbereitung des Unterrichtes. Das historisch hohe Pflichtstundenmaß für die gymnasialen Lehrkräfte ist hier eine große Belastung. Philologen brauchen aber auch Zeit für den einzelnen Schüler. Hier ist die Größe der Lerngruppe der entscheidende Parameter. Ein moderner fremdsprachlicher Unterricht, der neben der schriftlichen Ausdrucksfähigkeit und der literarischen Bildung die Kommunikationsfähigkeit als zentrales Anliegen formuliert, ist auf überschaubare Klassen- und Kursgrößen angewiesen.
Ein zweiter entscheidender Parameter für die Qualität des Unterrichtes ist die Freiheit der Lehrkraft in der Ausgestaltung des Unterrichtes. Die in den Lehrplänen ausgewiesenen Freiräume können nur dann gewinnbringend genutzt werden, wenn die entsprechenden finanziellen und räumlichen Voraussetzungen gegeben sind. Nicht die theoretische Möglichkeit von Exkursionen sichert Unterrichtsqualität, sondern eher das konkrete Vorhandensein von Reisekosten. Moderne Unterrichtsmethoden dürfen nicht nur in den Lehrplänen stehen, sondern sie müssen auch ihre konkrete Grundlage in Form von Computerräumen, Laboren, Gruppenarbeitsräumen und Bibliotheken haben.
Selbständige Lehrkräfte brauchen Führung und keine Kontrolle
Die Ausbildung der Philologen ist zu Recht eine der längsten und hochwertigsten die in unserer Gesellschaft verlangt werden. Die Führung dieses akademischen Fachpersonals erfolgt über Kommunikation und Kooperation. Eine klare, flache und effiziente Hierarchie verhindert Reibungsverluste und bietet eine klare Struktur.
Die Schulleitung hat hier auch eine Dienstleistungsaufgabe. Die Entlastung der einzelnen Lehrkraft von möglichst vielen unterrichtsfremden und damit sekundären Aufgaben ist dabei oberstes Ziel. Daneben ist die fachliche Beratung und Betreuung durch die Fachbetreuer an den Gymnasien die entscheidende Qualität sichernde Struktur.
Die zentrale Aufgabe der engeren Schulleitung ist die Personalentwicklung. Personalführung in einem akademischen Betrieb ist auf die stete Kommunikation angewiesen. Dafür muss ausreichend Zeit vorhanden sein. Informelle und strukturierte Mitarbeitergespräche motivieren über die Wahrnehmung und Anerkennung der geleisteten Arbeit. Sie zeigen Perspektiven auf und münden in eine Beurteilung, die die Personalentwicklung als ihr zentrales Ziel ansieht. Dies kann nur dann effektiv geleistet werden, wenn die Führungsspannen in einem vernünftigen Verhältnis stehen. Deshalb ist in erster Linie darauf zu achten, dass sich einzelne Gymnasien nicht zu anonymen Massenbetrieben entwickeln. Die frühzeitige Neugründung bzw. Teilung zu großer Institutionen ist eine wichtige Entscheidung, die zu mehr Qualität führt.
Bayerns Gymnasien sind weitgehend selbständig
Vergleicht man die bayerischen Gymnasien mit den entsprechenden Institutionen anderer Bundesländer, so fällt sofort auf, dass in Bayern der Weg zur selbständigen Schule weit fortgeschritten ist. EUG, Lehrerdienstordnung und GSO bieten umfassende Rahmenbedingungen für die eigenverantwortliche Führung der Gymnasien. Im Vergleich zu anderen Bundesländern hat die neue GSO hier vorbildliche Rahmenbedingungen geschaffen und ist in den nächsten Jahren mit Leben zu erfüllen.
Die konkrete Umsetzung findet ihre Begrenzung vor allem in den fehlenden Ressourcen. Mehr Zeit für die einzelne Lehrkraft durch eine Senkung der Unterrichtspflichtzeit, mehr Leitungszeit für die engere Schulleitung und eine bessere Finanz- und Raumausstattung, sowie Ruhe und Verlässlichkeit in der Bildungspolitik sind die wichtigsten Forderungen. Die bayerischen Gymnasien sind auf dem richtigen Weg. Stetige und nachhaltige Schulentwicklungsprozesse haben die Gymnasien zu selbständigen Schulen werden lassen. Es ist die Aufgabe des Landtages hier durch entsprechende Mittelzuweisungen eine weitere kontinuierliche Entwicklung zu ermöglichen.
Der Bayerische Philologenverband wird diese Mittel einfordern.
Wir lehnen dagegen jeden Versuch, diesen Reformansatz für die Ausweitung des externen Einflusses von Laien und die Verschiebung der Verantwortung für fehlende Ressourcen auf die Einzelschule zu nutzen, ab.
Die Entwicklung in Bayern
In der Koalitionsvereinbarung wird in einem eigenen Kapitel mehr Freiheit und Eigenverantwortung für die Schulen angekündigt. Dabei werden die Erstellung eigener pädagogischer Konzepte, mehr Mitsprache bei Personalentscheidungen, die Entlastung von Verwaltungsaufgaben und die Budgetproblematik angesprochen. Kultusminister Dr. Spaenle verfolgt bei der Umsetzung einen sachorientierten Kurs. Wir teilen einige grundsätzliche Überlegungen, wie „Eigenverantwortliche Schule ist kein Sparmdoell“; „Eigenverantwortung ….. muss vordringlich der Unterrichts- und Personalentwicklung dienen“ ; „Keine Belastung mit unnötigen Verwaltungsaufgaben“ und auch seine Überlegungen zur Ablehnung eines reinen Direktbewerbungsverfahrens (das Instrument der namentlichen Anforderung ist allerdings auszubauen).
Weiteren Diskussionsbedarf sehen wir bei der Gestaltung der Lehrpläne. Hier lehnt der Bayerische Philologenverband Kerncurricula ab. Wir werden auch bei der Umsetzung der Dienstrechtsreform und der angekündigten Neugestaltung des Funktionenkatalogs klare Positionen beziehen. Hier müssen für die vielfältigen neuen Aufgaben zusätzliche Mitarbeiterstellen geschaffen werden, ohne bestehende Strukturen zu gefährden.
Der Bayerische Philologenverband hat in einem Positionspapier in neun Thesen zum Reformansatz „Selbständige Schule“ Stellung bezogen.
Walter Fronczek
Stellvertretender Vorsitzender und
Schulpolitischer Referent des Bayerischen Philologenverbandes
März 2010
