Doppelter Abiturientenjahrgang

NACH DEM HAMBURGER VOLKSENTSCHEID UND VOR DEM DOPPELTEN ABITURIENTENJAHRGANG

Volksentscheid gegen Verlängerung der Grundschulzeit
Hamburgs Bürger haben in eindrucksvoller Weise den Angriff auf das Gymnasium zurückgewiesen und einer Verlängerung der Grundschulzeit eine Absage erteilt! Dies ist angesichts einer lange mit breiter Unterstützung vieler Medien erfolgten Kampagne für eine längere gemeinsame Schulzeit ein deutliches Signal an die Politik. Mit Ausnahme der FDP hatten sich in Hamburg alle in der dortigen Bürgerschaft vertretenen Parteien für eine längere Grundschulzeit und die damit verbundene nochmalige Kappung des Gymnasiums eingesetzt und der Hansestadt eine ideologisch fundierte Schulpolitik vom „grünen Tisch“ aus überstülpen wollen.

„Bayern würden genauso reagieren“
Ich bin mir sicher, auch die Bürger im Süden würden sich einen solch unvernünftigen Angriff auf unsere bewährte und höchst erfolgreiche Schulstruktur nicht gefallen lassen. Der Aussage des Bayerischen Kultusministers und KMK-Präsidenten Dr. Ludwig Spaenle ist zuzustimmen, wenn er formuliert, dass es sinnvoller ist, noch vorhandene Mittel in konkrete Maßnahmen zur Verbesserung des Unterrichts und der Rahmenbedingungen des Lernens zu investieren als es für Strukturreformen sinnlos zu verpulvern. Er kann unserer Unterstützung sicher sein, wenn es darum geht, diese Erkenntnis im Saarland, in Nordrhein-Westfalen und in Thüringen umzusetzen, wo man dabei ist, die Grundschulzeit zu verlängern und Gymnasien zu schwächen und zu benachteiligen.

Bildungspolitik braucht Verlässlichkeit
Die große Schwester der CSU, die CDU, hat in den letzten Jahren, wohl aus Angst vor der Verantwortung, in fast allen Koalitionsregierungen in den Ländern das Bildungsressort abgegeben. Das war ein Fehler! In Zeiten einer sich rasch ändernden Welt und wachsender Unsicherheit wächst bei der Bevölkerung das Bedürfnis nach klaren Aussagen und Verlässlichkeit! Zunächst gilt dies natürlich für die wirtschaftliche Entwicklung und die soziale Sicherheit, aber mittlerweile ist wohl auch dem Letzten klar geworden, dass in einem nahezu rohstofflosen Land die Bildungspolitik entscheidend für unsere Zukunft sein wird. Die Politiker landauf, landab werden nicht daran gemessen werden, wie oft sie gesagt haben, dass in Bildung investiert werden muss, sondern daran, in welchen Umfang dies dann auch geschieht.

Unsere Warnungen haben nicht gefruchtet
Der Erfolg der Elterninitiative in Hamburg kann nicht hoch genug eingeschätzt werden; dennoch darf dabei nicht vergessen werden, dass dadurch „nur“ eine weitere Kappung des achtjährigen Gymnasiums verhindert wurde. Die Verlängerung der Grundschulzeit wird nun, wie die Politik in Nordrhein-Westfalen zeigt, nunmehr (wieder) vorsichtiger und längerfristig verfolgt. Ein Weg zu einer Allgemeinen Hochschulreife nach neun Jahren wird über Gemeinschaftsschulen oder alternative Wege, ähnlich wie in Bayern, über Fachober- oder Berufsoberschule realisiert. Die Probleme für Lernende und Lehrende infolge höherer zeitlicher Belastung, durch die Notwendigkeit, Lernstoff in kürzerer Zeit zu bewältigen und durch die Vorverlegung von Inhalten in Lebensabschnitte, in denen die zum Verständnis nötige Reife noch nicht erreicht ist, haben wir geradezu gebetsmühlenartig angeprangert und belegt. Leider mussten wir feststellen, dass von unseren diesbezüglichen Veröffentlichungen und Presseerklärungen nicht immer auch entsprechend Notiz genommen wurde. Nun stellen diese Überforderung auch Personen und Verbände fest, die uns zu den Zeiten, zu denen eine Verkürzung des Gymnasiums vielleicht noch zu verhindern gewesen wäre, nicht unterstützt haben.

Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium?
„Das Turbo-Abitur überfordert die Kinder“, so beispielsweise die Schlagzeile in der Zeitung „Die Welt“ vom 10. August. Die Autorin Brigitta von Lehn sagt darin zu Recht eine Qualitätsdebatte für das achtjährige Gymnasium voraus, hebt die Möglichkeiten der Ganztagsbetreuung in Internaten hervor und analysiert zutreffend den Unterschied zwischen Studierfähigkeit und Studienberechtigung. Sie warnt vor einem Vorbereitungsjahr an den Universitäten oder einem Entspannungsjahr vor dem Wechsel dorthin. Ihr Plädoyer für ein neunjähriges Gymnasium setzt auf die Kraft aller Eltern.
Manche (Eltern-)Verbände setzen derzeit noch auf eine Reduzierung des Lehrstoffs und auf eine Aufweichung bei Leistungserhebungen, um letztendlich die Zuerkennung des Abiturs zu erleichtern. Letzteres ist zu kurzfristig gedacht und führt in die Irre! Auf jeden Fall sollte man im Hinblick auf den späteren Lebensweg die mit einem Schulabschluss erworbenen Befähigungen über die damit erworbenen, oft nur theoretisch erwarteten Berechtigungen stellen.
Der Philologenverband Baden-Württemberg hat bei seiner Hauptversammlung im Juli erste Erfahrungen mit seiner Forderung gesammelt, neben dem achtjährigen auch wieder neunjährige gymnasiale Bildungsgänge zu ermöglichen: Kultusministerin Prof. Schick, die frühere Präsidentin der Universität für angewandte Wissenschaft in München, stellte die hohe Leistungsfähigkeit der Gymnasien und des bewährten gegliederten Schulwesens heraus, forderte ein Ende der Schulstrukturdebatte, erteilte aber einer Wiedereinführung von neunjährigen Zügen eine Absage. Auch in Bayern gibt es derzeit keine im Landtag vertretene Partei, die sich für eine Verlängerung der gymnasialen Schulzeit aussprechen würde - und auch keine Elternverbände, die dies tun. Gleichzeitig reißen aber die Klagen über zu hohe zeitliche Belastung, zu volle Lehrpläne und die Qualität des G8 insgesamt nicht ab! Will man die bisher in nationalen und internationalen Untersuchungen erreichte Spitzenposition Bayerns innerhalb Deutschlands halten, ist es Zeit, zu handeln!
Die politisch gewollte hohe Übertrittsquote und die Gestaltung der Einführung des achtjährigen Gymnasiums haben dazu beigetragen, dass zwar sehr viele Schüler ein Gymnasium besuchen, aber zu viele Geeignete eine andere schulische Laufbahn gewählt haben. Es ist durchaus wünschenswert, besonders guten Schülerinnen und Schülern neben dem Übergang nach der vierten Klasse auch nach der fünften einen solchen aufzuzeigen. Zwar haben diese sonst nach dem mittleren Bildungsabschluss die Möglichkeit, über die Beruflichen Oberschulen eine allgemeine Hochschulreife zu erreichen, am Gymnasium erhalten sie aber ein breiteres Bildungsangebot.
Problematisch und derzeit oft unbefriedigend stellt sich die Situation derjenigen dar, die in der 9. und 10. Jahrgangsstufe der Breite des Angebots und dem Niveau der Anforderungen am Gymnasium nicht mehr gewachsen sind. Ein nicht oder kaum begleiteter Wechsel an eine Real- oder Haupt-/Mittelschule ist in der Regel sehr schwierig. Manchen würde es auch helfen, wenn ihnen die Möglichkeit gegeben würde, entstandene Lücken zu schließen oder auch einfach die Zeit, etwas reifer zu werden.

Vorschlag des Bayerischen Philologenverbandes: Schaffung eines Brückenjahres
Der Bayerische Philologenverband schlägt deshalb zur Flexibilisierung des individuellen Bildungsweges zusätzliche Unterrichtsangebote ab dem Schuljahr 2011/12 vor, die einerseits Schüler mit unterschiedlichen Bildungsbiographien integrieren, also eine Brückenfunktion zwischen den Schularten bilden, und andererseits Mittel- und Oberstufe flexibel miteinander vernetzen und damit eine weitere Brückenfunktion innerhalb des Gymnasiums bilden. Mit einem solchen Zeitfenster, einem Brückenjahr, wären vielfältige Angebote und eine Flexibilisierung der Dauer der Oberstufe des Gymnasiums kombinierbar:

  • Vermeiden des Wiederholens einer Jahrgangsstufe durch Förder- und Übungskurse in den Kernfächern, um die Oberstufenreife abzusichern bzw. schwache Leistungen der Jahrgangsstufe 9 in einzelnen Fächern auszugleichen
  • Vorbereitung auf die Besondere Prüfung zum Erwerb des mittleren Bildungsabschlusses für Schülerinnen und Schüler, die Schwierigkeiten mit dem gymnasialen Bildungsweg haben
  • Zusatzangebote für besonders leistungsfähige Schülerinnen und Schüler
  • Anschluss- und Übergangsprogramme bzw. -klassen für Schüler aus Real-, Mittel- und Wirtschaftsschulen
  • Möglichkeit zu mehrmonatigen Auslandsaufenthalten und mehrwöchigen Betriebspraktika
  • Integration von Gastschülern aus dem Ausland
  • Erheblich größere Möglichkeiten, Kompetenzen wie Selbstständigkeit, eigenverantwortliches Lernen und Teamfähigkeit zu entwickeln und zu fördern
  • Die von den Schülern derzeit zusätzlich während der Unter- und Mittelstufe zu belegenden fünf Zusatzangebote können im Rahmen dieser flexiblen Oberstufe abgedeckt werden.

Die zweijährige Qualifikationsphase bleibt dabei unverändert. Ähnlich wie bei der flexiblen Grundschule wird die Möglichkeit eröffnet, die Oberstufe den eigenen Vorstellungen und Fähigkeiten entsprechend zu gestalten und in unterschiedlicher Zeit zu durchlaufen. Zudem können Schüler, die sonst die Schulart wechseln müssten, einen mittleren Bildungsabschluss an der bisher besuchten Schule erreichen. Zudem kann die Option eines Brückenjahres zur Sicherung der Qualität des bayerischen Abiturs beitragen und auch die Studierfähigkeit erhöhen.
Die zu beobachtenden Angebote, die Studierfähigkeit im Rahmen von Zusatzsemestern zu Beginn des Studiums zu „verbessern“, wie das beispielsweise in St. Gallen oder an der TU München geschieht, ist dagegen sicherlich aufwändiger und teurer. Das Gymnasium ist seit jeher genau für diese Aufgabe prädestiniert und dafür der geeignete Ort! Nur muss es dafür auch entsprechend ausgestattet sein!

Qualitätssicherung durch Förderung
Zur besseren pädagogischen Förderung unserer Kinder gilt es, die versprochenen Investitionen in die Bildung einzufordern. Wir brauchen sie, um die notwendige Sach- und Personalausstattung zu finanzieren, damit wir kleinere Klassen bekommen und mit mehr Lehr- und sonstigem Personal stärker auf die individuellen Bedürfnisse eingehen können. Kennzeichen eines guten Gymnasiums waren immer Zusatzangebote nicht nur im künstlerischen, musischen und sportlichen Bereich, sondern auch differenzierte Lernangebote in einer Vielzahl von Fächern in Form von Wahlunterricht und Arbeitsgemeinschaften. Um diese Situation wieder zu erreichen, braucht das Gymnasium weiterhin jede Planstelle und jede für das Lehramt am Gymnasium gut qualifizierte Lehrkraft. Unser Ziel ist die Zuweisung von Budgetstunden in Form von Köpfen und nicht in Form von Mitteln! Zudem gilt es, in einem zweiten Schritt das Budget zu erhöhen, denn wir brauchen eine integrierte Lehrerreserve zur Vermeidung von Unterrichtsausfall. In der Industrie hat man erkannt, dass für einen reibungslosen Produktionsverlauf eine Personalversorgungsquote von 110 % nötig ist! An Schulen ist das ganz ähnlich! Die Situation in diesem Schuljahr sieht allerdings spektakulär anders aus. Anstelle angeforderter Lehrkräfte erhielten viele Schulen wieder Mittel, um sich Personal selbst zu besorgen. Manche Schulleitungen sahen sich vor die Aufgabe gestellt, so zehn Prozent des Unterrichts abdecken zu müssen. An den Beruflichen Oberschulen ist der Lehrermangel – auch in Fächern, in denen angeblich ein Überangebot herrscht – weiterhin unakzeptabel groß.
Nun dringen Hinweise an die Öffentlichkeit, dass die bayerische Koalitionsregierung entgegen ihrer ursprünglichen Zusagen jetzt doch im Bildungsbereich einsparen will! Sie sei an ihre Koalitionsvereinbarung erinnert, in der eine Absenkung der Klassenstärken vereinbart ist. Dafür sind Planstellen und Einstellungen an den Schulen ebenso notwendig wie mehr Lehrpersonal an den Hochschulen und Universitäten zur Bewältigung des doppelten Abiturientenjahrgangs.

Unser Verband fordert die Einhaltung des Versprechens „An der Bildung wird nicht gespart“!

Max Schmidt
Erster Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbandes
November 2010