Die Mär vom altmodischen Gymnasium
Der BLLV-Vorsitzende hat den Kampf gegen das Gymnasium und gegen das gegliederte Schulwesen zu seiner Lebensaufgabe erklärt.
Schon immer war das Verhältnis zwischen den Lehrerverbänden in Bayern nicht ganz spannungsfrei. Darüber brauchte sich auch niemand zu wundern. Es war klar, dass man beim regelmäßigen Kampf um neue Planstellen, um Beförderungsmöglichkeiten für die eigene Lehrerklientel miteinander oder auch gegeneinander konkurrierte, – dies hinderte aber die Verbände nicht, in vielen anderen Bereichen gut miteinander zusammenzuarbeiten, etwa im Rahmen des Beamtenbundes. Eine wesentliche Abkühlung in den Beziehungen der Lehrerverbände der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Lehrerverbände (abl), in der sich Philologenverband, Katholische Erziehergemeinschaft, Realschullehrerver- band und der Verband der Berufsschullehrer organisieren, und dem BLLV ergab sich im Zusammenhang mit dem BLLV-Volksbegehren vor neun Jahren, als der Versuch des BLLV kläglich scheiterte, durch Forderung nach Einführung einer zweijährigen Aufbaustufe nach vier Jahren Grundschule die sechsstufige Realschule zu verhindern. Das Volksbegehren, maßgeblich vorbereitet durch den damaligen stellvertretenden Vorsitzenden Klaus Wenzel, erreichte lediglich die Hälfte der erforderlichen Stimmen.
Heute ist Klaus Wenzel Vorsitzender des BLLV und gibt sich mit den Zielen des seinerzeitigen BLLV-Volksbegehrens, das ausdrücklich einen Übertritt nach der 4. Klasse auf das Gymnasium weiter vorgesehen hat, nicht mehr ab.
BLLV für Einheitsschule und Stufenlehrer
Liest man heute die Verlautbarungen des BLLV, dann hat man nicht nur stellenweise, sondern generell den Eindruck, Verlautbarungen der GEW zu lesen. Abgesehen vielleicht von der Beibehaltung des Beamtenstatus passt inzwischen kein Blatt mehr zwischen die Ansichten der beiden Verbände. Innerhalb nur eines Jahres hat sich die Verbandsspitze des BLLV eindeutig positioniert, gegen das gegliederte Schulwesen, gegen das Gymnasium, für einen Einheitsstufenlehrer bis Klasse 10, gegen Noten generell, gegen das Sitzenbleiben, für eine Einheitsschule bis mindestens Klasse 8, besser noch aber bis Klasse 9 oder 10. Vor kurzem hat der Vorsitzende dies – übrigens unabhängig von der bestehenden Beschlusslage des Verbandes, die anders aussieht – ausdrücklich nochmals betont: „Die Kinder sollten mindestens acht Jahre zusammen lernen und sich erst danach für einen beruflichen und akademischen Bildungsweg entscheiden.“ (Altmühlbote 05.02.2009).
In fast jeder BLLV-Presseerklärung finden sich überdies folgende Versatzstücke: Der unerträgliche Auslesedruck im bayerischen Schulsystem müsse abgeschafft werden. Der Notendruck mache die Schüler und Eltern kaputt. Die Schulen würden zu Aussortieranstalten degradiert. Das bayerische Schulsystem sei rückständig und gehöre abgeschafft.
Dabei gelingt es dem BLLV immer wieder, mit einzelnen Presseerklärungen in der Öffentlichkeit zu landen, in Medien, die einfache Thesen und Patentrezepte schon immer lieber abdruckten als differenzierte Analysen.
Was sagt das einzelne BLLV-Mitglied dazu?
Noten und Zeugnisse abschaffen, weg mit dem Sitzenbleiben, achtjährige Gemeinschaftsschule, Auflösung von Hauptschulen, – was sagt dazu eigentlich das BLLV-Mitglied vor Ort? Es ist bezeichnend, dass es die heutige BLLV-Spitze bis dato nicht gewagt hat, einmal eine Meinungsbefragung der eigenen Mitgliederschaft zu diesen Fragen durchzuführen. Der große Erfolg zusätzlicher Beförderungsstellen, die dem heutigen BLLV-Vorsitzenden ohne großes eigenes Zutun in den Schoß gefallen sind, verdeckt bislang, dass es in den eigenen Reihen unüberhörbar rumort. Die Proteste und Austritte häufen sich von Kolleginnen und Kollegen, die diesen radikalen Kurswechsel so nicht mitmachen wollen. Hinter den Kulissen gebe es bereits einen Machtkampf im BLLV, insbesondere um die Frage, welche Personen nach dem in diesem Jahr 60 Jahre alt werdenden BLLV-Vorsitzenden die Geschicke des Verbandes bestimmen würden, heißt es beispielsweise.
Permanente Hetze gegen das Gymnasium
Besonders auffallend ist, wie stark sich der BLLV in den letzten Jahren in die Belange des Gymnasiums einzumischen versucht. Da wurde eine Fachgruppe Gymnasium aus der Taufe gehoben, die zwar nur ganz wenige aktive Gymnasialkollegen zählt, die aber durch kostenlose Mitgliedschaft an Universitäten unter den Studenten aggressiv wirbt. Zwar treten die meisten nach Beginn ihres Referendariats, wenn sie erkennen, dass sie in einem Volksschullehrerverband gelandet sind, wieder aus, aber die Aktivitäten sind doch auffällig.
Über die Gründe dieser aggressiven Werbung kann man nur spekulieren. Versucht der BLLV dadurch Mitgliederverluste in seiner bisherigen Kernklientel, den Grund- und Hauptschullehrern, auszugleichen, deren Gesamtzahl wegen sinkender Schülerzahlen abnimmt? Es ist überhaupt eigenartig, dass der Verband seit rund 20 Jahren immer mit der gleichen Gesamtmitgliederzahl – 55 000 – nach außen operiert, – einer Mitgliederzahl, die sich im Übrigen meilenweit (nach oben) von dem unterscheidet, was verschiedenen Dachverbänden wie etwa dem VBE und dem Beamtenbund vom BLLV gemeldet wird. Es spielt aber sicher das Motiv auch eine Rolle, bei dem Kampf um eine Einheitsschule bis einschließlich der Mittelstufe, formal auch auf eigene Mitglieder aus anderen Schularten verweisen zu können.
Wer sich als Gymnasiallehrer dem BLLV anschließt, sollte allerdings wissen, wie dieser Verband zum Gymnasium steht. Und da steht offensichtlich eine Strategie im Hintergrund, die man schon im Hinblick auf die eigene Schulart Hauptschule mit Erfolg angewendet hat, und diese lautet: „Rede solange schlecht über eine Schulart, bis deren Ruf so ruiniert ist, dass immer weniger Eltern ihre Kinder dorthin schicken! Danach ist es einfacher, Schulstrukturänderungen durchzusetzen!“
Auf einer Fachtagung zum Gymnasium vor wenigen Wochen kritisierte Wenzel laut Frankenpost: „Das Gymnasium ist bezüglich Strukturen und Methoden die altmodischste Schulart“ in Bayern. Den Lehrern am Gymnasium warf er vor, in einem System zu arbeiten, das „sich eher am 19. als am 21. Jahrhundert orientiert!“ Oder einige Monate vorher: „Gymnasien sind Schulen, in denen Lehrer gezwungen sind, Schüler auszusortieren.“ Sie könnten deshalb nicht auf die individuellen Probleme der Kinder Rücksicht nehmen.“ Gleichzeitig redet er die Arbeitsbelastung der Gymnasiallehrer herunter, wenn er etwa bei br-alpha vor Jahreswende kritisierte, dass Gymnasiallehrer weniger arbeiteten, aber mehr verdienten als Grundschullehrer.
Dabei verwendet der BLLV-Präsident das beliebte Verwechselspiel von Unterrichtsdeputat und Gesamtarbeitsbelastung. Jede seriöse Arbeitszeituntersuchung von Knight-Wegenstein bis Müller-Limmroth und hin zu Mummert und Partner hat eindeutig festgestellt, dass die Wochenarbeitszeit von Gymnasiallehrern und Berufsschullehrern mit rund 46 Stunden an der Spitze liegt, gefolgt von den Kolleginnen und Kollegen an Gesamt-, Real-, Haupt- und zuletzt Grundschulen.
Als Gegenbild zum scheinbar unpädagogischen, unmenschlichen und gnadenlos aussiebenden Gymnasium propagiert Klaus Wenzel die Grundschule: „Die Grundschule ist die beste Schule, die wir haben. Ich verstehe nicht, warum wir damit nach vier Jahren aufhören und Kinder in ein Korsett zwingen, das den meisten von ihnen nicht passt.“
Dass der bayerische Freistaat mit seinem vom BLLV als völlig rückständig gekennzeichneten System sich bei der letzten PISA-Untersuchung sowohl was Leistung als auch was Chancengerechtigkeit angeht, ganz vorne platzieren konnte, kommentiert der BLLV dann so: Die guten bayerischen Ergebnisse seien Ergebnis der hervorragenden Arbeit der Lehrer an Grundschulen und nicht das Ergebnis einer kindgerechten Schulpolitik in Bayern.
Wer als Gymnasiallehrer sich mit dem BLLV befasst, sollte wissen, dass zumindest deren jetzige Verbandsspitze ein „Gymnasium“ will, das nur mehr zwei oder drei Jahre dauert, einen „Gymnasiallehrer“, der im Unterrichtsdeputat mit Grundschullehrern gleich gestellt wird und eine Lehrerausbildung forciert, die hinsichtlich fachlicher und pädagogischer Ausbildungsanteile alle Schularten in gleicher Weise platt walzen möchte.
Negatives Zerrbild des Gymnasiums hat mit Realität nichts zu tun!
Was der BLLV in seinen derzeitigen Publikationen über das Gymnasium verbreitet, ist das negative Zerrbild einer Schulart, das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat.
Wenn der BLLV-Vorsitzende ein Mitglied seiner umfangreichen Geschäftsstelle einmal mit der Auswertung von Wiederholerquoten an verschiedenen Schularten beauftragen würde, würde er feststellen, dass bei den weiterführenden Schularten die höchsten Wiederholerquoten an Haupt- und Realschulen und die geringsten an Gymnasien zu finden sind.
Natürlich gibt es auch an bayerischen Gymnasien Reformbedarf. Den Gymnasien in Bayern aber pädagogische Rückständigkeit vorzuwerfen, ist ein starkes Stück angesichts der führenden Rolle, die gerade die Gymnasien bei den MODUS-Maßnahmen einnehmen, bei der Ausweitung der Selbstständigkeit von Schule, beim Angebot von pädagogischen Intensivierungs- und Förderstunden, bei gebundenen und ungebundenen Ganztagesangeboten.
Kein Wort des BLLV über die im Vergleich zu Grund- und Hauptschulen exorbitant hohen Klassenstärken an Realschulen und Gymnasien, lieber ergeht man sich in der Klage über angeblich zu hohe Abbrecherquoten.
Kurzum, jede Gymnasiallehrerin, jeder Gymnasiallehrer, welcher sich ernsthaft mit der programmatischen Linie der gegenwärtigen BLLV-Spitze auseinandersetzt, wird schnell erkennen: Da ist kein Interessenswalter des bayerischen Gymnasiums, da ist eher sein Totengräber am Werk.
Der beste Beweis für die Attraktivität und die Zukunftsorientierung unserer bayerischen Gymnasien ist die tagtägliche erfolgreiche Arbeit unserer Kolleginnen und Kollegen vor Ort, die große Akzeptanz unserer Schulart bei Eltern und Kindern. 90 Prozent der Viertklässler freuen sich laut einer jüngsten Universitätsstudie auf den Übertritt auf das Gymnasium und bei über 80 Prozent hält diese Freude auch im zweiten Jahr nach dem Übertritt unvermindert an. Freude an der Schule und Leistung gehören zusammen.
Daran wird auch die Tatsache nichts ändern, dass alle zwei Wochen wieder eine neue Miesmacher-Presseerklärung des BLLV an die Medien wandert.
Heinz-Peter Meidinger
Mitglied des Geschäftsführenden Vorstandes
des Bayerischen Philologenverbandes
März 2009
