Brücken statt Lücken -
FLEXIBLE VERKNÜPFUNG VON MITTEL- UND OBERSTUFE
Opposition gegen das „Turbo-Abitur“ besteht fort
Das sogenannte „Turboabitur“ kommt nicht aus den Schlagzeilen. Beklagt werden neben einer vor allem in der Oberstufe zu hohen Arbeitsbelastung unter anderem auch stofflich überfrachtete Lehrpläne und fehlende Zeit für Wahlunterricht, für sportliche, künstlerische und musische Aktivitäten sowie für Auslandsaufenthalte. Ursache für diese Klagen sind wohl hauptsächlich die Art und Weise, wie das neunjährige Gymnasium demontiert und das achtjährige Gymnasium eingeführt wurde sowie das damit verbundene Gefühl, einer nicht umfassend durchgeplanten Veränderung ausgesetzt zu sein, die als überragende Reform gepriesen wurde.
Lehrer arbeiten für erfolgreiche Umsetzung des neuen Gymnasiums – Änderungen im Endspurt kontraproduktiv
Wir Gymnasiallehrkräfte haben uns im Unterricht in den Schulklassen sehr darum bemüht, die Umsetzung des neuen bayerischen Gymnasiums für Schüler und Eltern gleichermaßen „verträglich“ zu gestalten. Wir sind uns sicher, dass das erste Abitur für Schülerinnen und Schüler des achtjährigen Gymnasiums im nächsten Jahr 2011 für (fast) alle Beteiligten „glatt“ über die Bühne gehen wird – vorausgesetzt, die bestehenden Rahmenbedingungen bleiben und sind verlässlich und weitere Ad-hoc-Veränderungen sind ausgeschlossen.
Ehrliche „Bauabnahme“ fürs achtjährige Gymnasium nach dem Abitur 2011 nötig
Anschließend wird es darum gehen, diesen ersten kompletten Durchlauf durch das achtjährige Gymnasium ehrlich zu evaluieren und die Ergebnisse umfassend und so weit wie möglich detailliert zu analysieren. Die Ergebnisse müssten in die Bildungsbegleitung eingespeist werden und dort gilt es dann korrigierend nachzusteuern, wo dies nötig ist.
Veränderte Schülerpopulationen am Gymnasium erhöhen auch den individuellen Förderungsbedarf
Bislang zu wenig beachtet wurde, dass die Schülerinnen und Schüler des achtjährigen Gymnasiums, die in die Qualifizierungsphase für das Abitur eintreten, ein Jahr jünger sind als Kollegiatinnen und Kollegiaten der auslaufenden Kollegstufe. Der in aller Regel mit dem Lebensalter verbundene individuelle Reifegrad ist geringer, die Jugendlichen sind oftmals weniger selbstständig, sie brauchen deutlich mehr Beratung und Betreuung.
Zudem haben ständig steigende Übertrittsquoten an weiterführende Schularten in den letzten Jahren zwar dazu geführt, dass die Schülerzahl gerade am Gymnasium weiter deutlich zugenommen hat; zugleich ist aber der Anteil derer an den Realschulen keineswegs kleiner geworden, die gerade für das Gymnasium geeignet wären. Zugleich betreuen wir immer mehr Schülerinnen und Schüler an unserer Schulart, die sichtbar Schwierigkeiten beim Durchlaufen des von ihnen gewählten Bildungsweges haben.
Brücken statt Lücken – Vorschlag zur Flexibilisierung des Übergangs zwischen Mittel- und Oberstufe am Gymnasium
In unserem Entwurf für eine Flexibilisierung des Übergangs zwischen Mittel- und Oberstufe hat sich der Hauptvorstand des Bayerischen Philologenverbandes das Ziel gesetzt, die (vielfach kritisierten) Probleme des achtjährigen Gymnasiums so zu lösen, dass die Qualität unserer Schulart nicht beschädigt, sondern auf Dauer gestärkt wird. Diese Übergangsangebote, bisher sozusagen eine Bauplanergänzung fürs achtjährige Gymnasium, sollen eine Flexibilisierung der Schülerbildungsbiografien zwischen Mittel- und Oberstufe nach deren jeweiligen Erfordernissen begünstigen. Es stellt übrigens eine Fortentwicklung unseres von der Hauptversammlung 2007 in Augsburg beschlossenen Konzepts ‚Flexibilität und Verantwortung‘ dar. Naturgemäß bedarf der „Erweiterungsbau“ der präzisierenden Ausarbeitung. Nur so viel an dieser Stelle zu möglichen Details: Ähnlich wie die Intensivierungsstunden sollen zukünftig am Ende der Mittelstufe verschiedene schulische Angebote fester Bestandteil des Gymnasiums sein. Diese sollen schülerorientiert je nach individueller Bedarfslage gestaltbar sein, sie sind nicht obligatorisch gedacht und damit nicht von allen Schülern wahrzunehmen. Für manche Schüler könnte das aber heißen, ein zusätzliches Jahr als ‚Brückenjahr‘ in Anspruch zu nehmen, um auf den Stand der Dinge zu kommen, ohne dass dieses als Wiederholung zählte.
Erweiterung der Förderungsmöglichkeiten
Eine solche flexible Vernetzung von Mittel- und Oberstufe würde viele Spielräume für ein Mehr an Förderung schaffen; Spielräume, um ganz gezielt auf die persönlichen Bedürfnisse je nach dem Entwicklungsstand von Schülerinnen und Schülern einzugehen, um Kompetenzen zu stärken und Wissen zu festigen. An der Schnittstelle zur Oberstufe würde dies zur Flexibilisierung individueller Bildungskarrieren beitragen. Sie ist eine pädagogische Antwort auf die Herausforderungen des achtjährigen Gymnasiums und würde helfen, den Anforderungen dieser Schulart gerecht werden zu können. Zudem könnte man Schülerinnen und Schülern, für die am Ende der neunten Jahrgangsstufe abzusehen ist, dass diese die Oberstufe wohl nicht erfolgreich durchlaufen werden, und die bisher nur unter großen Schwierigkeiten an die Real- oder Hauptschule wechseln konnten, chancengerechte Zusatzangebote eröffnen – z. B. ähnlich denen der bereits bestehenden Übergangsklassen für die sehr guten Schüler aus Realschulen. Dafür wären aber keine eigenen Klassen nötig, ein Zusatzbudget für ein Angebot in den für die Besondere Prüfung ausschlaggebenden Fächern würde in manchen Fällen ausreichen. Für solche Schüler wäre dann ein Wechsel in die Berufsausbildung oder an die Fachoberschule möglich.
Bessere Brücken bauen für die Übergänge zwischen den Schularten
Der vorgelegte Entwurf soll für mehr Durchlässigkeit zwischen den Schularten sorgen: Die vorgesehene Flexibilisierung kann schwächeren Schülern zu einem (mittleren) Bildungsabschluss und -anschluss verhelfen und begabten Schülern die Möglichkeit bieten, ihre Stärken noch besser zu entwickeln; sie kann die Annahme von Zusatzangeboten erleichtern, das sind z. B. Sprachkompetenz und interkulturelle Kompetenz fördernde Auslandsaufenthalte und Berufsfindung durch Berufsorientierung. Zudem würden durch diese Zeitfenster Forderungen etwa nach einer Erhöhung des Migrantenanteils unter den Abiturienten oder besseren Möglichkeiten der Integration von Austauschprogrammen in den Schulalltag erfüllbar.
Ein ‚Brückenjahr‘ kann also die Inanspruchnahme von zusätzlichen Angeboten meinen, für einige Schülerinnen und Schüler aber auch ein zusätzliches Jahr vor dem Eintritt in die Qualifikationsphase der Oberstufe darstellen, ohne als Wiederholungsschülerin/-schüler zu gelten.
Gymnasiallehrkräften gymnasiale Arbeit sichern
Neben der pädagogischen und Qualitätsverbesserung des achtjährigen Gymnasiums hat der Vorschlag sehr wichtige berufspolitische Aspekte für die Gymnasiallehrkräfte: Durch Zusatzangebote könnte auch ein Teil der durch das Ende des neunjährigen Gymnasiums scheinbar obsoleten Stellen dort weiterhin sinnvoll, effektiv und kreativ genutzt und dauerhaft erhalten werden.
In ersten, ermutigenden Reaktionen deutet sich an, dass der Bayerische Philologenverband mit diesem Grundkonzept wieder über ein zukunftsweisendes und realisierbares Modell verfügt; ein Modell, dem Politik und Medien im Grundsatz gleich aufgeschlossen und positiv gegenüberstehen; ein Modell, mit dem wir die öffentliche und politische Debatte um die Zukunft des bayerischen Gymnasiums wieder aktiv in Richtung größerer Qualität und echter pädagogischer Verbesserungen für Schüler- und Lehrerschaft lenken wollen.
Max Schmidt
Erster Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbandes
Mai 2010
