Angespannte Personalsituation an den Gymnasien

UNVERÄNDERT ANGESPANNTE PERSONALSITUATION AN DEN GYMNASIEN
WER ZWISCHEN PARTEIEN WÄHLEN KANN, SOLL AUCH ZWISCHEN SCHULARTEN WÄHLEN KÖNNEN

Natürlich spielt trotz Föderalismus bei der Bundestagswahl Ende dieses Monats auch die Bildungspolitik eine wichtige Rolle. Ein Blick in die Parteiprogramme ist durchaus lohnenswert! Einig ist man sich allenfalls beim Ausbau von Ganztagsschulangeboten, der Schaffung von mehr Krippenplätzen und stärkerer individueller Förderung. Hier beginnen aber schon die Unterschiede. Manchmal hat man das Gefühl, diese Förderung soll nur nach Wunsch und Neigung, nicht aber nach Eignung und Befähigung erfolgen. Zudem fällt auf, dass einige Parteien, die bei Wahlen sehr wohl auf demokratische Prinzipien und Parteienvielfalt setzen, in der Schul- und Bildungspolitik Alternativen abschaffen und eher Einheitssysteme anschaffen wollen. Leistungsfähigkeit und Anstrengungsbereitschaft werden nicht thematisiert, häufig wird so getan, als ob in einer Schule für alle am Ende auch alle die gleichen Abschlüsse bekommen würden.
Wer sich solche Schulen allerdings genauer anschaut, wird sehr schnell feststellen, dass auch dort immer nach Leistung differenziert wird und sehr wohl unterschiedliche Abschlüsse erreicht werden. Die Entscheidungen darüber treffen allerdings allein die Lehrkräfte. Der Elternwille bleibt dort unberücksichtigt.
Fordern im vielgliedrigen Schulsystem hingegen manche gar in der Hoffnung die Freigabe des Elternwillens, und zwar ohne Rücksicht auf die Talente des Kindes, dass alle Erziehungsberechtigten nur die eine attraktive Schulart wählen, um mit diesem Trick zu einem Einheitsschulsystem zu kommen?

Wahlmöglichkeiten setzen alternative Angebote voraus

Bayern setzt zu Recht auf ein vielgliedriges Schulsystem. Ein solches kann nur funktionieren, wenn seine Angebote jeweils klare Profile und damit Ziele haben und außerdem horizontal und vertikal Übergänge zwischen den Schulartangeboten die erwünschte Durchlässigkeit für die verschiedenen Qualifikationsgrade sichern. Weiterführende Schularten nach der 4. Grundschulklasse, also ab der Jahrgangsstufe 5 an der jeweils weiterführenden Schulart, dem Gymnasium, der sechsstufigen Realschule und künftig der Mittelschule, bilden dafür die Basis.
Im Koalitionsvertrag mit der FDP hat die CSU den Übergang an weiterführende Schularten nach der vierten Jahrgangsstufe und zugleich neue Formen der Kooperation zwischen Haupt- und Realschulen vereinbart. Die Weiterentwicklung der Hauptschule zur Mittelschule wurde mittlerweile präzisiert und der Öffentlichkeit vorgestellt. In bisher einmaliger Beteiligung vor Ort werden in regionalen Dialogforen Umsetzungsmöglichkeiten diskutiert. Der Bayerische Philologenverband begrüßt und unterstützt diese Entwicklung aus voller Überzeugung, da unser vielgliedriges bayerisches Bildungssystem in Zukunft nur bestehen kann, wenn alle Angebote ihren spezifischen Auftrag innerhalb des Systems erfüllen, klar widerspiegeln und von der Bevölkerung erfasst und angenommen werden.
Dazu gehört neben der Realschule künftig die Mittelschule, die neben dem Einstieg in klassische Ausbildungsberufe auch einen Weg zu Hochschulen über die BOS oder über einen mittleren Bildungsabschluss zur Oberstufe des Gymnasiums oder zur Beruflichen Oberschule bietet.
Die Realschule findet ihre spezifische Aufgabe zwischen Gymnasium und Mittelschule in einem qualitativ hochwertigen Bildungsgang, der zu einem mittleren Bildungsabschluss führt, zum Realschulabschluss. Bedeutsam ist auch die Möglichkeit, dass besonders Begabte nach der Jahrgangsstufe 5 aus der Mittelschule dort ihren Platz finden können und entwicklungsbedingt von der Realschule dann noch ein Wechsel an das Gymnasium erfolgen kann.
Der Bayerische Philologenverband misst der Schnittstelle des Übergangs von der Realschule in die weitere berufliche oder schulische Ausbildung nicht nur im individuellen Bildungsgang der Absolventinnen und Absolventen höchste Bedeutung bei.
Der Erfolg unseres vielgliedrigen bayerischen Bildungssystems liegt auch und ganz besonders in der spezifischen Ausprägung der unterschiedlichen schulischen Angebote in Verbindung mit guten Anschlussmöglichkeiten und hoher Durchlässigkeit. Aus diesen Überlegungen heraus begrüßt unser Verband die Ausweitung von Zugangsberechtigungen zu den Hochschulen im bestehenden System, wenn diese hochwertige Qualifikationen voraussetzen.
Dafür wird der Ausbau zusätzlicher Unterstützungsangebote für Absolventinnen und Absolventen mit mittleren Bildungsabschlüssen an Beruflichen Oberschulen und Gymnasien etwa in der Form von Übergangsklassen und Vorkursen sicherlich unverzichtbar sein.
Abzulehnen ist aus unserer Sicht aber ein Ausbau von Angeboten für eine Fachhochschulreife an den Realschulen in besonderen Klassen, quasi als deren Real-Oberstufe. Dadurch würde diese Schulart ihre spezifische Ausrichtung verlieren und aus der Mitte des vielgliedrigen bayerischen Schulsystems sich hinaus- und wegschieben. Solche Überlegungen heizen die bildungspolitische Debatte in einer Richtung an, dass trotz der Verteidigung der vielgliedrigen Schulstruktur scheinbar nur noch die Wahl zwischen einer Entwicklung von Zweigliedrigkeit oder letztlich gar nur noch die Schaffung einer Schule für alle möglich wäre.

Wahlmöglichkeiten nach Eignung und Befähigung auch für Studierende

Lehrkräfte an Gymnasien erziehen und unterrichten Kinder ab dem 10. Lebensjahr, bis sie erwachsen sind. Neben einer sehr umfassenden Allgemeinbildung sowie erheblichen pädagogischen und didaktischen Kenntnissen müssen sie eine profunde fachwissenschaftliche akademische Ausbildung, in der Regel in zwei Fächern, erworben haben. Ohne diese Grundvoraussetzungen, die deutlich über die Anforderungen für die Lehrämter in anderen weiterführenden Schularten hinausgehen, kann das bisherige Niveau der bayerischen Gymnasien, das insbesondere in internationalen Vergleichen glänzt, künftig nicht aufrecht erhalten werden.

Die oben genannten Qualifikationen brauchen die Gymnasiallehrer für ihren Beruf, für ihren Dienst: Zu Recht wird von ihnen ständig gefordert, dass sie in der Lage sein müssen, Schülerinnen und Schüler so zu qualifizieren, dass sie den Übergang vom Gymnasium zur Universität nach dem Abitur selbstständig gehen können. Ein Gymnasiallehrer weiß, was an der Universität gefordert wird. Er richtet seinen Unterricht und die wissenschaftspropädeutischen W-Seminare darauf aus, legt bei Kompetenzprüfungen weiterführende Maßstäbe an und kann Abituraufgaben nicht nur selber lösen, sondern auch selber entwerfen.
Die für Ende Oktober geplante Anhörung zur Lehrerbildung im Bayerischen Landtag und die Entwicklung der TUM School of Education werden wir daran messen, wie sie der Qualität des bayerischen Gymnasiums nützen.

Die Umsetzung des Bolognaprozesses an den Hochschulen hat zu einer deutlichen Diversifizierung der Studiengänge geführt und wird künftige universitäre Studiengänge prägen. Von Studienbeginn an werden in Einzelprüfungen Leistungspunkte gesammelt, die beim Abschluss zusammengezählt und mit den Ergebnissen der Abschlussprüfung aufaddiert werden. Geben die Resultate ständigen kleinschrittigen Prüfens am Ende des Studiums wirklich zureichend darüber Auskunft, in welchem Umfang das absolvierte Studium einen Überblick über das gesamte Fachgebiet gesichert hat, so, wie es in den bisherigen Abschussprüfungen der Fall ist? Diese Studienreform birgt meines Erachtens für Lehramtsstudiengänge und besonders für das Lehramt an Gymnasien erhebliche Nachteile, wenn von den Inhabern überfachliche Qualifikationen, fächerübergreifendes Darstellen von Zusammenhängen und fächerverbindendes Unterrichten verlangt werden wird.
Das Festhalten des skizzierten Anforderungsprofils des Gymnasiallehrerberufs ist für jetzige und künftige Schülergenerationen wichtiger als das, was Medien und Parteien trocken in Zahlen und Statistiken über die Personalversorgung mitteilen. Zudem schärft der Blick in die Lehrerbedarfsprognose für die verschiedenen Schularten das Urteil über Berufschancen in diesen Arbeitsfeldern.

Schülerinnen und Schüler haben gewählt

Das neue Schuljahr beginnt mit zwei unterschiedlich organisierten Oberstufen. Zum letzten Mal wurden Grund- und Leistungskurse der Kollegstufe gewählt und zum ersten Mal W- und P-Seminare sowie die Fächer des Profilbereiches des achtjährigen Gymnasiums. Nach 2011 werden die zu erwerbende Studierfähigkeit in allen Fächern und eine breite Allgemeinbildung am Gymnasium durch verpflichtende Abiturprüfungen in Deutsch, Mathematik und einer Fremdsprache sowie in zwei weiteren Fächern nachzuweisen sein. Erwartet wird, dass Studien- und Berufsorientierung derjenigen besser sein wird, die dann unsere Gymnasien mit der allgemeinen Hochschulreife verlassen. Zudem sollen sie mit Grundformen wissenschaftlichen Arbeitens vertraut sein, um trotz überlasteter Universitäten und überfüllter Lehrveranstaltungen erfolgreich studieren zu können.
Unser Ziel muss sein, dass weder die letzten Jahrgänge des neunjährigen Gymnasiums noch die ersten des achtjährigen Gymnasiums Nachteile haben. Je mehr unterschiedliche Wege zu einem Studium an Universitäten und Universitäten für angewandte Wissenschaften eröffnet werden, umso deutlicher werden wir herausstellen und beweisen müssen, dass ein erfolgreiches Absolvieren des Gymnasiums die bestmöglichen Voraussetzungen für ein effektives und erfolgreiches Studium bzw. ein erfolgreiches Wirken an den politischen und ökonomischen Schaltstellen unserer Gesellschaft bietet.
Der Bayerische Philologenverband hat in den vergangenen Wochen bei den entscheidenden Weichenstellungen maßgeblich mitgewirkt. Allein dem Einsatz unseres Verbandes ist es zu verdanken, dass es zu Nachbesserungen der Ausgangsvoraussetzungen gekommen ist!
Mit Unterstützung des Kultusministeriums ist es gelungen, Mittel für 300 zusätzliche Planstellen für die künftige neue Oberstufe zu bekommen, um die Kursgrößen in vertretbarem Rahmen zu halten, 300.- € für jedes Seminar und zusätzliche Anrechnungsstunden für die Oberstufenkoordinatorinnen und Oberstufenkoordinatoren wurden zudem bereitgestellt. Das Ziel, Seminare mit maximal 15 Teilnehmern zu haben, wurde erreicht; in den verpflichtenden Abiturfächern wird es unser Ziel bleiben, diese auf maximal 20 zu begrenzen.
Wir haben keine Wahl! Personalversorgung weiterhin unbefriedigend

Unabhängig davon bleibt die berufliche Belastung für uns Gymnasiallehrkräfte extrem hoch. Weiterhin fehlen Lehrkräfte am Gymnasium, vor allem in Mathematik und den Naturwissenschaften. Die Personalversorgung hat sich gegenüber dem Beginn des letzten Schuljahres praktisch nicht verändert und auch die beiden folgenden Schuljahre werden bei hohen Schülerzahlen und vielen Pensionierungen schwierig zu organisieren sein. Zwar steigt in den kommenden Jahren die Zahl der Referendare, allerdings nicht immer mit den Fächerkombinationen, die vor Ort stark nachgefragt werden. Betrachtet man die neuesten Einstellungszahlen (s. Bericht aus dem HPR), so sieht man, dass bei einigen Fächern die Zeit der Volleinstellung schon vorbei zu sein scheint.
Dabei gibt es Gründe genug, zusätzliche Einstellungen vorzunehmen, wo immer qualifizierte Lehrkräfte zur Verfügung stehen!
Kleinere Klassen und mehr Ganztagsangebote können nur mit zusätzlichem Personal realisiert werden, die Rückzahlungsphase des „Arbeitszeitkontos“ steht an. Wird die Arbeitszeiterhöhung von 42 auf 40 Wochenstunden wieder abgebaut werden, müssen die Lehrer in vollem Umfang von Anfang an mit einbezogen werden. Vorausschauende Personalplanung muss für die Zeit im Jahr 2011 und danach einen Einstellungskorridor offen halten, und zwar nach Möglichkeit nicht nur für die Allerbesten. Eine Möglichkeit wäre die Schaffung einer integrierten Lehrerreserve an jedem Gymnasium zur Vermeidung von Unterrichtsausfall. Jedes erfolgreiche Wirtschaftsunternehmen leistet sich in der Produktion eine Personalreserve von 5 %, um auf Probleme flexibel reagieren zu können – für Gymnasien ist sie langfristig unverzichtbar!

Wir haben gut gewählt

Dies ist eine besondere Ausgabe unserer Verbandszeitschrift „Das Gymnasium in Bayern.“ Es ist die erste Nummer, die entstanden ist, nachdem unser Chefredakteur StD Dr. Klaus Neumaier in den Ruhestand versetzt worden ist. Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich für sein tolles Engagement bedanken. Ohne viel Aufheben hat er Monat für Monat seit 1999, nun schon eine ganze Dekade, unsere Zeitschrift (um-)gestaltet und eine immense Arbeit für unseren Verband geleistet. Nahezu selbstverständlich haben wir das Resultat seiner Anstrengungen Monat für Monat in die Hand genommen, ohne an die darin steckende Arbeit zu denken – geschweige denn sie zu würdigen.

Lieber Klaus, ich freue mich, dass Du unsere Zeitschrift bis zum Ablauf der Wahlperiode noch gestalten wirst, danke Dir nochmals ganz herzlich dafür und wünsche Dir alles Gute und irgendwann auch mal etwas mehr Ruhe!


Max Schmidt
Erster Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbandes

August / September 2009