Bezirk Oberpfalz
Theo Emmer, OStR
Bezirksfachgruppenleiter
Regensburger Kontaktstudium für Geschichtslehrer
dienstl.:
Gymnasium Parsberg
Aschenbrennerstraße 10
92331 Parsberg
Tel. 09492/273
Fax 09492/6885
privat:
Unterlichtenberger Straße 1
93164 Laaber GT Anger
E-Mail: theo.emmer@t-online.de
10. Kontaktstudium
Regensburger Jubiläumskontaktstudium für Geschichts-/Sozialkundelehrer: „Migration Kulturtransfer, Nationenbildung“
90 Geschichts-/Sozialkundelehrer vorwiegend oberpfälzischer und niederbayerischer Gymnasien, Berufs-/ Fachober-, Real- und Mittelschulen folgten der Einladung des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus und des Instituts für Anglistik und Amerikanistik an der Universität Regensburg, die in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Geschichtslehrerverband, der Bezirksfachgruppe Geschichte/Sozialkunde Oberpfalz im Bayerischen Philologenverband und dem Regensburg European American Forum (REAF) das zehnte Regensburger Kontaktstudium ausrichteten.
In ihren Eröffnungsansprachen gingen der Rektor der Universität Regensburg, Prof. Dr. Thomas Strothotte, REAF-Direktor Dr. Udo Hebel sowie der Ministerialbeauftragte für die Gymnasien in der Oberpfalz, Ltd. OStD Paul Lippert, auf die wesentlichen Anliegen dieser Fortbildungsveranstaltung zum Thema „Migration, Kulturtransfer, Nationenbildung“ ein. OStR Theo Emmer, der das Fortbildungsreihe mit iniitiert hat und seither mit organisiert, gab einen kurzen Überblick über die Geschichte des Kontaktstudiums und den besonderen Regensburger Weg: Veranstaltungen mit fachwissenschaftlichem historischen Schwerpunkt, abwechselnd mit kulturwissenschaftlichen mit geschichtlichen und sozialkundlichen Inhalten, Blick über den Tellerrand der Fächer hinaus durch Einbeziehung anderer Fachwissenschaften, schulartübergreifende Angebote. Er dankte den Veranstaltern, vor allem dem wissenschaftlichen Leiter Prof. Dr. Volker Depkat (Professor für Amerikanistik an der Universität Regensburg und Historiker).
Für den Eröffnungsvortrag „Migration als historisches Phänomen: Bedingungen, Formen, Folgen“ konnte der Osnabrücker Experte Prof. Dr. Jochen Oltmer gewonnen werden. Er wies darauf hin, dass Migrationsbewegungen nicht nur durch die Binnensituation im Herkunftsland, sondern auch durch Pull-Faktoren im Zielland und Kommunikation mit Emigranten beeinflusst werden. Die hohen Migrationsströme Ende des 19. Jahrhunderts beschleunigten die Europäisierung der Zielstaaten, ebbten aber nach dem Ersten Weltkrieg ab, da die Städte im Binnenraum wuchsen sowie neue Transportmöglichkeiten Pendeln ermöglichten, sich die weltwirtschaftliche Dynamik abschwächte und Staaten in Migrationsbewegungen eingriffen, z. B. durch Grenzkontrollen, Visumspolitik, Einwanderungskontingente und bilaterale Verträge.
Prof. Dr. Ulf Brunnbauer (Lehrstuhl für Geschichte Südost- und Osteuropas) machte in seinem Vortrag „Nationenbildungsprozesse auf dem Balkan“ deutlich, dass es ein Trugschluss sei, Nationen und Nationalstaaten als gegebene historische Tatsache zu sehen.
Vielmehr sind sie Konstrukte der Moderne. Dies wurde am Beispiel des jungen Staates Makedoniens gezeigt. Da es sich viele kulturelle Merkmale mit den Nachbarländern Serbien, Bulgarien und Griechenland teilt, war man beim Nation Building gezwungen, mit Hilfe von nationalen Institutionen einzigartig makedonische Merkmale (z. B. Sprache, Nationalgeschichte) gezielt zu erfinden, die Konstruktion nationaler Identität ist zudem ein fortlaufender Prozess.
Der Vortrag „Migration, Kulturtransfer und nationale Identität in den USA der Gegenwart“ von Prof. Dr. Volker Depkat beschäftigte sich mit der Bedeutung der Immigration für die US-amerikanische Identität und die Selbstdefinition der USA als Einwanderungsland. Ausgehend von der doppelten Realität der Gesellschaft – einerseits als objektives Faktum, andererseits als Konstrukt ihrer Teilnehmer – zeichnete er zunächst die zentralen Phasen der Einwanderungsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert nach: „old immigration“ und „new immigration“ sowie allmähliche Ablösung des euro-atlantischen Migrationssystems durch das pazifische und das hemisphärische nach 1945. Parallel gab es Debatten um die sich wandelnde amerikanische Identität, die sich in restriktiver Gesetzgebung wie dem National Origins Act von 1924 niederschlugen. Gleichzeitig wandelte sich die Selbstbeschreibung der USA allmählich vom „Schmelztiegel“ zur „Transnationalen Nation“ – weil dieses Selbstbild auch immer den tatsächlichen Erfahrungen mit kultureller Assimilation angepasst werden musste. Es herrscht ein Wettbewerb zwischen kultureller und verstärkt wertebasierter Assimilation von Einwanderern, der längst nicht beendet ist.
Den Workshop „Bilder als Quelle der Geschichtswissenschaft“ leitete M.A. Susanne Leikam (Lehrbeauftragte am Lehrstuhl für Amerikanistik). Im Gegensatz zur Kunstgeschichte behandeln die Bildwissenschaften, die heute an vielen britischen und amerikanischen Universitäten als eigener Forschungszweig etabliert sind, Bilder umfassender: Sie weiten den Begriff von Gemälden und Fotos aus auf Werbematerial, Filme, Metaphern, Erinnerungen u. v. m. (Differenzierung zwischen „picture“ - durch ein Medium materialisiert und fassbar - und „image“ - mental und immateriell!), kontextualisieren Bilder mehr und beschäftigen sich verstärkt mit Verbreitung und Rezeption des Mediums an sich. Die Bildwissenschaften beleuchten des Weiteren das Verhältnis von Ideologie, Macht, Politik und Wissen eines Bildes, z. B. mit den „unsichtbaren Sichtbarkeiten“ eines Bildes, das bestimmte Elemente bewusst auslässt. Bilder sind, auch wenn etwa ein Foto suggeriert, es sei ein Spiegel der Realität, nur scheinbar real: kulturelle Konstrukte und ideologisch angehaucht, automatisch auch oft wertbehaftet, weswegen das kritische Hinterfragen u. a. von Werbung in der heutigen Gesellschaft erlernt werden muss.
Unter dem Titel „Krankenakten als Quelle der Geschichtswissenschaft“ behandelte Dr. Heike Karge (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Geschichte Südost- und Osteuropas) die Quellenart psychiatrische Akten und spürte dem Umgang der Gesellschaft mit psychischen Erkrankungen nach. Nach einem kurzen Abriss über die Geschichte der Psychiatrie seit dem 18. Jahrhundert stellte die Referentin ihre Feldstudien in einem Sanatorium bei Zagreb vor: Patientenbögen aus dem 19. Jahrhundert ermöglichten Aussagen oder zumindest Annahmen über die einer Diagnose zugrunde liegenden medizinischen und gesellschaftlichen Überzeugungen. Ein weiterer Punkt war die geographische Verteilung von als psychisch krank diagnostizierten Menschen im Vergleich zur Verfügbarkeit von psychiatrischen Einrichtungen – ebenfalls am Beispiel der Balkanregion. Auch wenn die Zahl der Variablen kaum generelle Schlussfolgerungen zulässt, wurde zumindest eines klar: Diagnosen psychischer Krankheiten sind mit Vorsicht zu behandeln, denn sie sind nicht objektiv, sondern immer kulturell bedingt.
Prof. Dr. Volker Depkat stellte „Egodokumente als Quelle der Geschichtswissenschaft“ vor: Darunter werden alle diejenigen historischen Quellen gefasst, in denen sich ein historisches Individuum als „Ich“ selbst thematisiert und zum Gegenstand von Darstellung und Kommunikation erhebt. Dargestellt wurden terminologische und quellensystematische Grundprobleme von Selbstthematisierungen im Spannungsfeld von Ego-Dokumenten und Selbstzeugnissen, Akten und persönlichen Quellen. Der Schwerpunkt lag dann auf der quellengesättigten Erörterung einer kommunikationspragmatisch und narratologisch erweiterten Quellenkritik von Egodokumenten am Beispiel der Autobiographien von Arnold Brecht und Max Seydewitz. Dabei wurde deutlich, dass das Was der biographischen Selbstthematisierung stets in Abhängigkeit vom Wie, Wann und Warum zu analysieren ist.
Das Regensburger Jubiläumskontaktstudium für Geschichts- und Sozialkundelehrer unterstrich einmal mehr die Bedeutung der Vernetzung von Universität und Schule über das Angebot der Lehramtsstudiengänge hinaus. Die nächsten beiden Runden sind schon in Planung.
Theo Emmer
9. Kontaktstudium
Neuntes Regensburger Kontaktstudium für Geschichtslehrer: „Vor- und Frühgeschichte im Geschichtsunterricht an höheren Schulen: Standardthema und ‚Stiefkind’ zugleich“
Rund 50 Geschichtslehrer oberpfälzischer sowie niederbayerischer Gymnasien und Realschulen folgten der Einladung des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus und der Universität Regensburg, die in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Geschichtslehrerverband und der Landesfachgruppe Geschichte / Sozialkunde im Bayerischen Philologenverband das neunte Regensburger Kontaktstudium ausrichteten. Mit dem Archäologischen Museum der Stadt Kelheim war der Veranstaltungsort passend zum Thema gewählt.
In einer hervorragenden Ausstellung werden bedeutende archäologische Funde aus der Region präsentiert, und der stellvertretende Museumsleiter, Dr. Bernd Sorcan, lud die Lehrer in seiner Begrüßung dazu ein, das Museum zu Exkursionen mit ihren Schulklassen zu nutzen. Der Rektor der Universität Regensburg, Prof. Dr. Thomas Strothotte, unterstrich in seinem Grußwort die Bedeutung des Kontaktstudiums als „Brücke zwischen Theorie und Praxis“ und ermunterte die Geschichtslehrer, ihre Schüler aus der Reserve zu locken, damit diese ihrer eigenen Wissensgier nachgingen. Studiendirektor Albert Freier in Vertretung des Ministerialbeauftragten für die Gymnasien in der Oberpfalz, Oberstudienrat Theo Emmer als Vertreter des Bayerischen Geschichtslehrerverband und des Bayerischen Philologenverband - Bezirksfachgruppe Geschichte/Sozialkunde Oberpfalz dankten den Veranstaltern für ihr Engagement und hoben die Bedeutung der Archäologie hervor: „Sie deckt den größten Teil der Menschheit ab und kann wichtige Schlüsselqualifikationen vermitteln.“ Dr. Josef Memminger, Akademischer Oberrat für Didaktik der Geschichte an der Universität Regensburg, der zusammen mit Dr. Ruth Sandner die wissenschaftliche Leitung innehatte, führte in die Fortbildungsveranstaltung „Vor- und Frühgeschichte im Geschichtsunterricht an höheren Schulen: Standardthema und ‚Stiefkind’ zugleich“ ein.
Er hielt auch den ersten Vortrag zum Thema „Vor- und Frühgeschichte als ‚Stiefkind’ im Schulalltag – Diagnose, Potenziale, Darbietung“. Ausgehend von den berühmten Höhlenmalereien von Lascaux in Frankreich sensibilisierte er die Teilnehmer dafür, wie geschichtliche Quellen interpretiert werden können, ging auf fachliche Unschärfen und Simplifizierungen ein und gab den Teilnehmern zahlreiche Literaturtipps. Außerdem ermunterte er sie zu manuellem Tun im Unterricht, auch in Kooperation mit Kollegen der Fächer Kunst oder Werken.
Unter dem Titel „Lucy, Ötzi, Asterix und Co.“ beleuchtete Prof. Dr. Ursula Putz, Archäologisches Institut der Universität Graz, Schlaglichter der Vor- und Frühgeschichtsforschung. Anschaulich erklärte sie, wie sich der Mensch aus Afrika heraus verbreitet hat und welche Kunstgegenstände die ersten Menschen hervorgebracht haben. Faszinierend waren ihre Ausführungen über detaillierte Erkenntnisse zu Lebensumständen, Ernährung, Tätowierungen und Todesursache des berühmten Ötzi.
Am Nachmittag stellten Dr. Josef Memminger und Christoph Schröder, Lehrbeauftragter für Geschichte an der Universität Regensburg), in einem Workshop verschiedene Techniken für manuelles Tun im Unterricht zur Vor- und Frühgeschichte vor: Vom Feuermachen mit Feuerstein, Pyrit und Zunder über Höhlenzeichnungen (hier auf Tapeten) bis hin zum Pinselbasteln und Muschelschleifen konnten die Geschichtslehrer zahlreiche Anregungen mit in ihre Schulen nehmen.
Im Anschluss präsentierte Dr. Ruth Sandner, Kreisarchäologin des Landkreises Kelheim, den „Archäologiepark Altmühltal - ein lohnendes Exkursionsziel“. Dabei ging sie zunächst auf die Grabungen zum Main-Donau-Kanal ein, die größten Flächengrabungen Bayerns von 1976 bis 1989, dann auf die bedeutenden Funde und die Idee, die Befunde in einem archäologischen Park zu rekonstruieren. Besonders betonte die Referentin das erfolgreiche Konzept, das den entstandenen größten Archäologiepark Europas durch ein umfangreiches Jahresprogramm mit zahlreichen Aktionen und speziellen Programmen für Schulklassen belebt.
Den Abschluss des Tages stellte die Exkursion der Teilnehmer zum rekonstruierten Keltentor nach Kelheim-Gronsdorf dar. Dr. Sandner erläuterte hier den Fund bei den Ausgrabungen sowie die heute begehbare Rekonstruktion in beeindruckenden Ausmaßen. Spätestens damit war der Anstoß gegeben, Stationen des Archäologieparks mit Schulklassen zu besuchen, und das Thema „Vor- und Frühgeschichte“ an höheren Schulen weniger „stiefkindlich“ zu behandeln. Zwar ist der zeitliche Rahmen im Geschichtsunterricht durch die Lehrpläne eng, jedoch ergeben sich Synergieeffekte vor allem mit Kunst/Werken sowie Natur und Technik; zudem bietet sich der Archäologiepark Altmühltal für Projekte und Seminare in der neuen gymnasialen Oberstufe an.
Theo Emmer und Monika Grassinger (Archäologieerlebnis Unteres Altmühltal)
8. Kontaktstudium
Achtes Regensburger Kontaktstudium für Geschichts-/Sozialkundelehrer: „Die amerikanische Demokratie. Geschichte und Struktur des U.S.-Regierungssystems“
60 Geschichts-/Sozialkundelehrer oberpfälzischer und niederbayerischer Gymnasien, Berufs-/ Fachoberschulen und Realschulen folgten der Einladung des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus und des Instituts für Anglistik und Amerikanistik an der Universität Regensburg, die in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Geschichtslehrerverband, vertreten durch den Bezirksfachgruppenleiter Geschichte/Sozialkunde Oberpfalz im Bayerischen Philologenverband, und der Bayerischen Amerika-Akademie das achte Regensburger Kontaktstudium ausrichteten.
In ihren Eröffnungsansprachen gingen der Ministerialbeauftragte für die Gymnasien in der Oberpfalz, Ltd. OStD Paul Lippert, OStR Emmer als Verbandsvertreter und der wissenschaftliche Leiter Prof. Dr. Volker Depkat (Professor für Amerikanistik an der Universität Regensburg) auf die wesentlichen Anliegen dieser Fortbildungsveranstaltung zum Thema „Die amerikanische Demokratie. Geschichte und Struktur des U.S.-Regierungssystems“ ein.
In seinem Vortrag „Die Amerikanische Revolution und die Begründung der U.S.-Demokratie“ definierte Prof. Dr. Depkat die Amerikanische Revolution als erste moderne Revolution, stellte die Entwicklung der kolonialen Argumentation von den „Rights of Englishmen“ zu den „Rights of Man“ dar, die 1776 in der Unabhängigkeitserklärung ihren Höhepunkt fand, und ging auf die Gründung des föderalen Bundesstaates als Revolution in der Revolution ein, wobei die Verfassungsgebung, die über die „Articles of Confederation“ (1777/81) in die Verfassung von 1787 mündete, als Absicherung der Revolution und Institutionalisierung der Prinzipien von 1776 bewertet wurde.
„Das amerikanische Wahlsystem am Beispiel der Präsidentschaftswahlen 2008“ beleuchtete Prof. Dr. Stephan Bierling (Professor für Internationale Politik mit Schwerpunkt Transatlantische Beziehungen an der Universität Regensburg). Während die Wahlberechtigten in Deutschland von Amts wegen in Wählerverzeichnissen vermerkt sind, müssen sich in den USA die Wähler registrieren lassen. Auch die hohen und zum Großteil von Privatleuten finanzierten Wahlkampfkosten unterscheiden die amerikanische von deutschen Wahlen. Bei den letzten US-Präsidentschaftswahlen gingen rund zehn Prozent weniger zur Wahlurne als bei der Bundestagswahl 2009, dafür gibt es in „den Staaten“ eine Vielzahl plebiszitärer Elemente auf regionaler oder bundesstaatlicher Ebene. Das Datum des Wahltages, der erste Dienstag nach dem ersten Montag im November, lässt sich historisch erklären aus der agrarwirtschaftlichen Tradition und den schwierigen Reiseverhältnissen im Amerika des 18. Jahrhunderts. Abschließend stellte Prof. Bierling eine der Lochkarten-Wahlmaschinen vor, die während der Präsidentschaftswahl 2000 für einen nationalen Skandal gesorgt hatte.
Prof. Dr. Karsten Fitz (Professor für Amerikanistik an der Universität Passau) beleuchtete in seinem Vortrag „Die visuelle Kultur der Amerikanischen Demokratie" verschiedene Aspekte der Inszenierung amerikanischer Zivilregion am Beispiel der visuellen Repräsentationen von George Washington und Barack Obama. Nach George Washington, „Urmodell“ des „republican citizen“, kam Obamas Verhältnis zur visuellen Kultur der US-Demokratie allgemein und speziell zu seinen drei präsidialen Vorbildern Abraham Lincoln, Franklin D. Roosevelt und John F. Kennedy zur Sprache. Der Bezug auf Obamas Medieninszenierungen ermöglicht es, die Schüler in der Gegenwart „abzuholen“ und davon ausgehend mit ihnen tiefer in die Analyse der amerikanischen Zivilreligion vorzudringen; Aspekte dabei sind z. B. die Ideen der Zivilreligion und des Gesellschaftsvertrages und ihre Umsetzung in der National Mall in Washington, D.C. oder zentrale Texte wie Abraham Lincolns Gettysburg Address. Der Vergleich zwischen Bildern Obamas mit denen seiner drei wichtigsten Vorbilder bietet sich dagegen nicht nur für Rückschlüsse auf Obamas Selbstverständnis an, sondern auch für eine Diskussion über die Entstehung und den zeitlichen Wandel solcher Inszenierungen, wie gerade im Gegensatz zwischen Kennedys fragiler Gesundheit und seinem jugendlichen „Image“ oder der hauptsächlich durch die Medien hergestellten Analogie Obamas - Roosevelt ersichtlich wird.
Eva Maria Viertlböcks Workshop „Textdokumente zur Amerikanischen Revolution“ befasste sich mit der quellenkundlichen Analyse von Texten nach Schlüsselfragen. Im Bericht über die Stamp Act Riots in Boston wurden Aspekte wie die Loyalität des Autors General Francis Bernard zur britischen Krone, die zentral wichtige Rolle der amerikanischen Zeitungen, aber auch die Unentschlossenheit im Umgang mit Protesten auf Seiten der in ihrer Loyalität ohnehin bröckelnden Exekutive deutlich. Die Dokumente „Declaration of the Stamp Act Congress“ und „Declaration of Independence“ veranschaulichten den argumentativen Wandel in den Unabhängigkeitsbestrebungen: Während die an das britische Parlament adressierte erste Quelle noch keine grundsätzlichen Zweifel am Kolonialsystem äußerte, versuchte sie dennoch mit der Berufung auf die „Rights of Englishmen“ und dem Anspruch „No taxation without representation!“ die Rücknahme der als ungerecht empfundenen Stamp Acts zu erreichen. Im Gegensatz zu dieser eher rückwärts gewandten Argumentation ist die an die gesamte Weltöffentlichkeit gerichtete „Declaration of Independence“ mit ihrem Bezug auf die Naturrechte und den Gleichheitsgrundsatz konsequent nach vorne gewandt – und damit in Richtung der völligen Ablösung von der Kolonialmacht England. Das Dokument „Toasts to the New Nation“ zum einjährigen Unabhängigkeitsfeiertag feiert die demokratischen Prinzipien, zeugt jedoch in seiner Verehrung des Militärs unter der Führung von General Washington auch davon, dass eben diese Prinzipien gegen den als Tyrannen dargestellten britischen König erst noch zu verteidigen sind.
Um neue Perspektiven durch visuelle Herangehensweisen in der amerikanischen Geschichts-, Literatur- und Kulturwissenschaft ging es in Klara Stephanie Szlezáks Workshop „Einwanderung und Identität in der U.S.-Demokratie: Untersuchungen zur Bildrhetorik in Photographien des frühen 20. Jahrhunderts“. Zunächst wurden der visual turn und die Grundlagen der Bildtheorie mit besondere Bezugnahme auf Entwicklung und Methodik dargestellt. Nicht nur Texte, sondern auch Bilder sind narrativ, intentional und bewusst kodiert und können als Kommunikationsmittel und Untersuchungsgrundlage dienen. Das trifft besonders auf die amerikanische Einwanderungsgeschichte um 1900 zu. Das Bild „Climbing into America - Ellis Island“ (1905) von Lewis W. Hine etwa verbreitet die zentrale Ideologie des „American Dream“. Hingegen betont „Cossack immigrants“ (ca. 1905) von Augut F. Shermann das Fremde und Exotische, welches zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowohl mit Faszination als auch mit Abneigung verbunden sein konnte.
Auf der Basis ausgewählter Quellen erörterte Prof. Dr. Volker Depkat im Workshop „Demokratischer Internationalismus in der Außenpolitik der USA im 20. Jahrhundert“ den „Demokratischen Internationalismus“ als programmatischen Leitbegriff für die amerikanische Außenpolitik des 20. und 21. Jahrhunderts. Demnach begriffen es die USA über alle Zäsuren hinweg als ihre Aufgabe, eine aktive, interventionistische Politik zum Schutz und zur Verbreitung von Demokratie überall in der Welt zu verfolgen. Dem demokratischen Internationalismus liegen folgende Prämissen zugrunde: Erstens werden Demokratien als inhärent friedlich verstanden; dabei gelten Demokratien als die zuverlässigeren Verhandlungspartner im außenpolitischen Bereich, da sie als allgemein kompromissbereit empfunden werden. Zweitens werden Demokratie und freie Marktwirtschaft eng verknüpft; letztere wird als Stütze und Sicherung der Demokratie gesehen. Drittens wird im Konzept des demokratischen Internationalismus die industriell-moderne Welt als interdependente wahrgenommen, in der es keinerlei geographisch definierte Sicherheit für die USA mehr geben kann. Viertens stellen Demokratien eine Wertgemeinschaft dar, denen ein gemeinsamer Wertekanon, mit dem Hauptziel, die Demokratie als solche zu erhalten, zugrunde liegt. Die letzte Prämisse bildet die Ideologie “Wilsonianism“, die die USA als einen Teil in der multilateralen Zusammenarbeit integriert.
In seinem Abschlussvortrag beschäftigte sich Prof. Dr. Hartmut Keil (emeritierter Professor für amerikanische Kultur und Geschichte an der Universität Leipzig) mit der „Präsidentschaft Barack Obamas und den Traditionen des Rassismus in den USA“. Die Präsidentschaft Obamas löste weltweit eine Euphorie aus, die in der Verleihung des Friedensnobelpreises Ende 2009 ihren Höhepunkt fand. Dennoch ist diese anfänglich übersteigerte Euphorie nach einem Jahr „afroamerikanischer“ Präsidentschaft in Ernüchterung umgeschlagen, was zum einen an den enttäuschten Erwartungen bezüglich Guantanamos und zum anderen an der Verteufelung der beabsichtigten Einführung der Krankenversicherung als „nationalsozialistisch“ und „kommunistisch“ liegt. Nichtsdestotrotz stellt die Präsidentschaft des dunkelhäutigen Obama ein Meilenstein in der Beendigung der Tradition des Rassismus in den USA dar. Dieser Präsident profitiert maßgeblich von den Erfolgen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, die unter anderem auf die Aktivitäten der „National Association for the Advancement of Colored People“ und „National Urban League“ zurückzuführen sind und zur politischen Partizipation der Afroamerikaner geführt hat. Dabei muss Obama allerdings als neuer Typ afroamerikanischer Politik verstanden werden, da er zwar einerseits über die familiären Wurzeln an der schwarzen Tradition als Geschichte der Unterdrückung teilnimmt, andererseits aber der Opferrolle der Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft den Rücken zuwendet und keine dezidiert „schwarze“ Interessenspolitik verfolgt.
Im Namen der bayerischen Geschichts-/Sozialkundelehrer dankte OStR Emmer den Veranstaltern, der zuständigen MB-Dienststelle für die Gymnasien in der Oberpfalz, der Universität Regensburg und insbesondere Prof. Depkat, vor allem auch für das umfangreiche zur Verfügung gestellte Material.
Theo Emmer
Fachvortrag zur US-Außenpolitik in Regensburg
7. Kontaktstudium
7. Kontaktstudium für Geschichtslehrer an der Universität Regensburg
Bericht [14 KB]
6. Kontaktstudium
6. Kontaktstudium für Geschichts-/Sozialkundelehrer an der Universität Regensburg
„Geschichtsunterricht und Amerikastudien" [22 KB]
Breit, Gotthard / Peter Massing (Hrsg.):
Soziale Milieus. Politische und gesellschaftliche Lebenswelten in Deutschland. Eine Einführung. Schwalbach/Ts., Wochenschau-Verlag, 2011 (uni studien politik Bd. 41). 112 S., ISBN 978-3-89974645-7, 9.80 €
In den Sozialwissenschaften hat sich neben traditionellen Konzepten wie „Klasse“, „Schicht“, „Gruppe“ das der „sozialen Milieus“ etabliert, um gesellschaftliche Ungleichheiten zu beschreiben und Veränderungsprozesse transparent zu machen. Vorliegende Neuerscheinung führt in dieses Konzept ein.
Einleitend untersuchen die Herausgeber Gotthard Breit, emeritierter Professor für Politikwissenschaften und deren Didaktik, und Peter Massing, Professor für Politikdidaktik, den Begriff „soziale Milieus“ und stellen die einzelnen Kapitel vor. Ausgehend vom Begriff „politische Milieus“ zeigt Oscar W. Gabriel, Professor für Politikwissenschaften, anhand der Milieu- und Parteienentwicklung den gesellschaftlichen Wandel in Deutschland vom Kaiserreich über Weimarer Republik und alte Bundesrepublik bis zum wiedervereinigten Deutschland auf und stellt fest, dass sich soziale Milieus heute nicht mehr eindeutig den großen politischen Lagern zuordnen lassen. Klaus Detterbeck, Lehrstuhlvertreter für Politikwissenschaften, beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit dem Zusammenhang zwischen den Veränderungen der sozialen Milieus in Deutschland und der Krise der Volksparteien. Mit Hilfe der sozialen Milieus analysiert der Soziologieprofessor Michael Hofmann Sozialstruktur und Strukturwandel in der ehemaligen DDR sowie die Veränderungen seit der Wende, mit der eine Angleichung der sozialen Milieus in Ost- und Westdeutschland begann, aber noch lange nicht abgeschlossen ist. Anhand der Politikfelder „nachhaltige Familienpolitik", Pflegereform und wohlfahrtsstaatliche Aktivierung der „neuen Alten" (rüstige Rentnerinnen mit erheblichen Kompetenzen und viel Zeit) geht Diana Auth, wissenschaftliche Assistentin für Politikwissenschaft, den Auswirkungen demografischer Wohlfahrtsstaatspolitik auf soziale Milieus nach: Nicht die Unterschichten-, sondern die Mittel- und Oberschichtenmilieus werden begünstigt. Peter Massing stellt im Schlusskapitel die politische und gesellschaftliche Lage von MigrantInnen in Deutschland vor und kommt zu der Feststellung, dass (zumindest nach deren Selbsteinschätzung) die Integration weitgehend gelungen ist - anders als viele Medien den Eindruck erwecken; andererseits ist die Lage von Menschen mit Migrationshintergrund erheblich schlechter als die der einheimischen Bevölkerung.
Zahlreiche Schaubilder, die teilweise etwas größer sein dürften, veranschaulichen die Beiträge. An jeden Aufsatz schließen sich Literaturangaben an. Dem eiligen Leser nützen die Abstracts. Das Bändchen ist besonders für den Sozialkundeunterricht in der 11. Jahrgangsstufe hilfreich - sowohl für die Vorbereitung des Lehrers, als auch als Materialfundus für Referate und Prüfungen.
Theo Emmer
Autoritäre Regime
Buchtipp für den Geschichts-/Sozialkundelehrer
Albrecht, Holger / Rolf Frankenberger / Siegfried Frech (Hrsg.): Autoritäre Regime. Herrschaftsmechanismen, Legitimationsstrategien, Persistenz und Wandel, Schwalbach/Ts., Wochenschau-Verlag, 2011 (= Basisthemen Politik Bd. 12), 336 S., ISBN 978-3-89974642-6, 16.80 €
Entgegen den Normen westlicher Demokratieforschung werden in unserem Jahrhundert mindestens 25 Prozent aller Staaten autoritär regiert, hinzu kommen Länder, die zwar einen Transformationsprozess weg vom Autoritarismus durchlaufen, aber noch Defizite hinsichtlich der Etablierung einer liberalen Demokratie aufweisen; so haben mehrere postsowjetische Staaten formal demokratische Institutionen auf, sind jedoch von autokratischen Machtstrukturen geprägt. Vorliegender neuer Band der Reihe „Basisthemen Politik“ liefert eine breit gestreute Studie exemplarischer autoritärer Regime außerhalb der OECD-Welt in Südostasien, Afrika, Lateinamerika, den Golfstaaten und Osteuropa. Im Vordergrund stehen das politische Institutionengefüge und politische Legitimationsstrategien sowie Elitenmuster oder Wandlungsprozesse autoritärer Regime, wie z. B. die aktuelle Debatte um die Pressefreiheit in Belarus widerspiegelt.
Einleitend betrachten die Herausgeber „Autoritäre Regime nach der ‚Dritten Welle’ der Demokratisierung“, die Anfang der 1980er Jahre begann und mit dem Zusammenbruch des osteuropäischen Sozialismus ihren Höhepunkt fand, und führen die einzelnen Beiträge ein. Dr. Holger Albrecht, Assistenzprofessor für Politikwissenschaft an der American University in Kairo, und Dr. Rolf Frankenberger, Akademischer Rat am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen, geben in dem Kapitel „Die ‚dunkle Seite’ der Macht: Stabilität und Wandel autoritärer Regime“ einen Überblick über das Phänomen und die reale Entwicklung autoritärer Systeme. Prof. Dr. Petra Stykow vom Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München fokussiert in ihrem Aufsatz „Autoritäre Systeme in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion“ die dortigen Präsidentschaftswahlen in den letzten zwei Dekaden. Unter der Überschrift „Institutioneller Wandel in Russland – Die Konsolidierung der Autokratie“ illustriert Rolf Frankenberger am Beispiel Russlands, dass den politischen Institutionen und deren zielgerichteter Veränderung eine wichtige Funktion bei der Sicherung politischer Herrschaft in einer Autokratie zukommt. Prof. Christoph H. Stefes, Inhaber des Lehrstuhls für Vergleichende und Postsowjetische Studien an der University of Colorado, versucht unter dem Titel „Regimebeständigkeit und ‚Revolution’: Armenien und Georgien im Vergleich“ (In-)Stabilitätsfaktoren dieser Regime herauszufinden. „Die Finanzkrise in China: Auswirkungen auf die Legitimität der Parteiherrschaft“ untersucht Dr. Heike Holbig, Wissenschaftliche Referentin für die Politik Chinas am German Institute of Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg und Mitherausgeberin der Vierteljahreszeitschrift Journal of Current Chinese Affairs. Im folgenden Aufsatz „Autoritäre Regime in Südostasien: Persistenz und Wandel von Militärregimen“ analysiert Dr. Marco Bünte, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am GIGA-Institut für Asienstudien, in exemplarischen Länderstudien die unterschiedlichen Formen, Funktionen und Entwicklungsdynamiken militärischer Herrschaft in Südostasien. „Autoritäre Regime im Vorderen Orient: Herrschaftssicherung trotz Herrscherwechsel“ ist der Text der Politik-, Islam- und Rechtswissenschaftlerin Maria Josua, Wissenschaftliche Angestellte am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen, überschrieben; sie erörtert den typischen Ablauf solcher Prozesse und analysiert die Phasen einer dynastischen Nachfolge. Dr. Thomas Demmelhuber, Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Politische Wissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, beschäftigt sich mit dem „Familienunternehmen Ägypten“. „Die Modernisierung des Autoritarismus in den arabischen Golfstaaten“ untersucht Dr. Michael Schmidmayr, der am in Nancy befindlichen deutsch-französischen Campus von Sciences Po lehrt. In seinem Beitrag „Strukturelemente autoritärer Regime in Afrika“ klassifiziert Dr. Jörg Kemmerzell, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Technischen Universität Darmstadt, diese Regime zunächst, analysiert den historischen Kontext des postkolonialen Staates und dessen nachwirkendes Erbe, stellt Erklärungsmodelle der Persistenz autoritärer Herrschaft vor und diskutiert sie am Beispiel afrikanischer Staaten. Dr. Beatrice Schlee, Senior Researcher am Arnold-Bergstraesser-Institut in Freiburg, zeichnet unter der Überschrift „Politische Apathie als Antwort auf die Krise in Simbabwe“ ein Stimmungsbild der dortigen Bevölkerung, das das Ausmaß politischer Ohnmacht und den Grad an Demütigungen zeigt, den der wirtschaftliche Verfall des einstigen Musterlandes herbeigeführt hat. In seinem Kapitel „Autoritarismus und Demokratie in Lateinamerika“ sieht Dr. Peter Thiery, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Centrum für angewandte Politikforschung der Universität München sowie am Institut für Politikwissenschaft der Universität Würzburg, als größte Gefahr für die Handlungsfähigkeit lateinamerikanischer Demokratien das Problem der organisierten Kriminalität, das wesentlich zur Erosion des staatlichen Gewaltmonopols und letztlich zur Gewöhnung an defekte Demokratien beitrage. Franziska Stehnken, die derzeit ihre Magisterarbeit schreibt, geht in ihrem abschließenden Aufsatz „Kuba – Im Herbst der Patriarchen“ der Frage nach, wie Kubas autoritäres Systems bisher überleben konnte.
Viele der Beiträge beinhalten grafische Visualisierungen, alle umfangreiche Anmerkungen, fast alle schließen mit einem Literaturverzeichnis an, Abstracts und Informationen zu den AutorInnen runden das Werk ab.
Insbesondere für den Sozialkundeunterricht in der neuen gymnasialen Oberstufe in Bayern (G/Sk Q 12) liefert die Neuerscheinungen wertvolle Hintergrundinformationen, Textauszüge und Grafiken eignen sich hervorragend für Unterrichts- und Prüfungszwecke.
Theo Emmer
Stephan Bierling: Geschichte des Irakkriegs
Der Sturz Saddams und Amerikas Albtraum im Mittleren Osten. München, C.H.Beck-Verlag, 2010 (= Beck`sche Reihe 1890), 253 S. mit 11 Abbildungen und 5 Grafiken, ISBN 978-3-406-60606-9, 12,95 €
Anlässlich einer Präsentation seines neuen Buches wurde Stephan Bierling, Professor für Internationale Politik und Transatlantische Beziehungen an der Universität Regensburg, von einem Kollegen aus der Amerikanistik, der sich in Neuerer und Neuester Geschichte habilitiert hat, gefragt, warum er sich getraut habe, eine Geschichte des Irakkriegs schon zu einem Zeitpunkt vorzulegen, zu dem der „Pulverdampf kaum verraucht“ sei. Der Autor verwies auf die exzellente Quellenlage (vgl. Umfang von Anmerkungen, Literaturverzeichnis und Bildnachweis S. 224 – 249), die es ihm ermöglichte, die erste Gesamtschau des Krieges von seiner dramatischen Vorgeschichte über den Sturz Saddams und die katastrophale Nachkriegsplanung bis hin zur aktuellen Lage zu liefern: „So intransparent die Kriegsgründe der Bush-Regierung waren, so ausgezeichnet wissen wir heute über die internen Debatten, die Nachkriegsplanung und den Kriegsverlauf Bescheid.“ Bierling bezeichnete es als wichtigste Aufgabe der Zeitgeschichte, Fakten zu sammeln, auszuwerten und schlüssig zu interpretieren, um einer Legendenbildung entgegenzuwirken. In diesem Zusammenhang ist seine Antwort auf eine Frage aus dem Auditorium zu sehen, die einen „Krieg ums Öl“ konstruierte. Dafür gibt es, so Bierling, keine Belege: Öl spielte in den internen Debatten der US-Regierung vor dem Krieg keine Rolle, eine Besetzung des Irak und der Ölquellen war nie geplant (vgl. Buch S. 131 ff.), die USA bezogen so gut wie kein Öl aus dem Irak, allenfalls könne man von einer Hoffnung auf stabile Öllieferungen nach einem Regimewechsel sprechen.
Warum haben sich die USA in das Abenteuer Irakkrieg gestürzt? „Unter dem Schock der Terroranschläge vom 11. September 2001 trieb sich die Bush-Regierung in einer Mischung aus Alarmismus, Selbsttäuschung und Allmachtsphantasien in das Projekt der Entmachtung ihrer langjährigen Nemesis Saddam Hussein. Der Präsident und seine engsten Berater waren besessen von der Angst, die Attacken auf das Word Trade Center und das Pentagon bildeten nur den Auftakt für einen Dauerangriff internationaler Terroristen gegen Amerika. Der zentrale Grund für den Krieg bestand im Wunsch von Bush Co., durch eine Demonstration der eigenen Macht ein Exempel zu statuieren … Nach der Erniedrigung durch 9/11 brauchte Washington einen Akt imperialer Selbstbestätigung. … Der Irak wurde deshalb zur Zielscheibe, weil er der einfachste Gegner in der „Achse des Bösen“ war. Es lagen 16 Resolutionen des Sicherheitsrats gegen ihn vor, und er schien im Gegensatz zu Iran und Nordkorea leicht besiegbar“ (S. 8 f.).
Bush entschied laut Bierling oft aus dem Bauch heraus, für Beratung war er nicht offen bzw. waren seine Berater so ausgewählt, dass sie ihn in seiner vorgefassten Meinung stützten. „Es war … Vizepräsident Cheney, dessen Lageanalyse den Präsidenten … am stärksten beeinflusste. Er wurde getrieben von der Sorge, Al Khaida könne sich Massenvernichtungswaffen beschaffen, um sie gegen die USA einzusetzen. Wenn es für ein solches Szenario nur eine „einprozentige Chance“ gebe, … „müssen wir es als sicher annehmen und darauf antworten“ (S. 33 f.). Warnungen etwa von Außenminister Powell etwa vor den mit einem Militärschlag gegen der Irak verbundenen Risiken (S. 44 und 49 f.) blieben wirkungslos, und zu einem „Tun-Sie-es-nicht!“ konnte er sich nicht durchringen (S. 50).
Der dreiwöchige Krieg war zweifellos ein militärischer Erfolg. Aber es stellte sich heraus, dass die beiden wichtigsten Rechtfertigungen für den Angriff – die vermeintliche Produktion von Massenvernichtungswaffen und die Konspiration Saddams mit Al Khaida – jeder konkreten Grundlage entbehrten. Geradezu beklemmend schildert Bierling das Ausmaß der amerikanischen Inkompetenz auch auf höchster Ebene – und den gewaltigen Blutzoll, den der Konflikt bis heute vor allem der irakischen Zivilbevölkerung abverlangt hat und auch nach dem von Präsident Obama initiierten Abzug der US-Truppen abverlangen wird.
„Niemand beginnt einen Krieg - oder vielmehr sollte vernünftigerweise einen Krieg beginnen -, ohne sich zunächst darüber klar zu werden, was er mit diesem Krieg erreichen will und wie er ihn führen will.“ Diese rationalen Clausewitz-Worte hat Bierling seiner „Geschichte des Irakkriegs“ vorangestellt – eine pazifistische Grundhaltung wird man weder dem preußischen General und Militärtheoretiker noch Bierling zuschreiben: Die Genese seines Buches, die der Rezensent partiell miterleben durfte, spiegelt das ganz deutlich wider. Aber „Entscheidend ist, was hinten herauskommt“, sagte der ehemalige Bundeskanzler Kohl einmal – sehr frei nach Äsop (um 600 v. Chr.) und Jesus Sirach (um 180 v. Chr.): „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem“.
Bierling Buch schließt dennoch mit dem Kapitel „Lichtblicke“ (S. 221 f.), in dem er die These aufstellt, dass „der Irakkrieg die USA moralisch und machtpolitisch nicht irreparabel beschädigt hat“ (S. 221). „Vermutlich wird sich der Irakkrieg im historischen Rückblick nicht als das erweisen, als was ihn seine Kritiker und seine Verteidiger darstellen: weder als das weltpolitische Fiasko noch als der Schlüssel zur Lösung der Probleme im Mittleren Osten und zur Demokratisierung der arabischen Welt“ (S. 223). Wer Amerikas Außenpolitik und seine Rolle im Mittleren Osten verstehen will, wird an Bierlings dichter und packend geschriebener Analyse nicht vorbeikommen; für den Unterricht in der neuen gymnasialen Oberstufe in Bayern (G/Sk Q 12) liefert es wertvolle Hintergrundinformationen, Textauszüge eignen sich hervorragend für Unterrichts- und Prüfungszwecke.
Vielleicht wird sich eines der nächsten Bierling-Bücher mit der Demokratisierung der arabischen Welt beschäftigen, von (un)tauglichen Versuche berichten uns ja täglich die Medien.
Theo Emmer
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Buchtipp für den Geschichtslehrer
Buchtipp für den Geschichtslehrer
Rambach, Günther: Hakenkreuz und Martinskirche. Schicksalsjahre in der Oberpfalz 1933 - 1959, o. O. [Amberg], Selbstverlag, 2010, 264 S., gebunden, ISBN 978-3-00-031635-7, 19.80 € [zu beziehen über das Kontaktformular auf der Homepage des Autors: www.g-rambach.de, über Amazon und engagierte Buchhändler]
Die Neuerscheinung handelt vom Leben des Josef R., von dessen Ehefrau und dem kleinen, ohne Vater aufwachsenden Sohn. Josef R. schloss sich 1933 als 18-jähriger Musikbegeisterter den Spielmannszügen von SA und SS an und war stolz darauf, in Uniform aufzutreten. Dies legte sich aber mehr und mehr, als er dieses Gewand gegen eine Wehrmachtsuniform eintauschen und je länger er im Zweiten Weltkrieg Dienst an der Ostfront leisten musste. Von dort schrieb er unzählige Briefe an seine Lieben in der Heimat. Wenige herausgegriffene Sätze spiegeln seine Haltung wider: „Ich denke mir bloß immer, wie schrecklich es wäre, wenn es euch zu Hause so ginge wie den Russen hier“ (Sommer 1942), „Glaubst nicht, wie einem [!] das Leben hier … ankotzt. […] Das Denken darf man ja gar nicht anfangen“ (April 1944), „Dieser verdammte Krieg müsste halt bald aus sein (in Variationen immer wieder)“; diese ehrlichen Worte waren riskant, denn wären die Briefe von der Zensur gelesen worden, wäre er strengstens bestraft worden. Zu Hause hatte ihm seine Frau einen Sohn Günter geboren, den er nur bei zwei Heimaturlauben sehen sollte. Mitte 1944 fiel Josef R. an der „Ostfront“. Das Buch endet aber nicht damit, sondern erzählt weiter: vom Kriegsende in Amberg, vom Leben der jungen Witwe mit dem kleinen Kind, von Entbehrungen der unmittelbaren Nachkriegszeit, von der Entnazifizierung, von der Kindergarten- und Schulzeit des kleinen Günter R.
Dass es sich dabei trotz des fehlenden h im Vornamen und des abgekürzten Nachnamens um den Autor handelt, ist offensichtlich; aber die Publikation ist keine rührselige Familiensaga, sondern geht weit über das Persönliche hinaus und erzählt den Alltag in der kleinen Stadt Amberg (das austauschbar ist) im Nazi-Deutschland und in den Nachkriegsjahren, über mutige Oberpfälzer, die sich den Nazis widersetzten, von („)Vergangenheitsbewältigung(“) bis 1959: hier wenigstens vom Ansatz her ernsthafte Versuche, dort aber auch ein Oberbürgermeister, der sowohl in der NS-Zeit – hier natürlich für die NSDAP – amtierte als auch in den 1950er Jahren als Parteiloser für eine rechtsextreme Splitterpartei.
Das Buch basiert auf jahrelanger akribischer Recherchearbeit in mehreren Archiven, alten Zeitungen und der wissenschaftlichen Literatur, mehr als 500 Feldpostbriefe wurden ausgewertet. Über 500 Anmerkungen und ein umfangreiches Literaturverzeichnis belegen das, ferner hat der Autor zahlreiche Fotos und Auszüge aus Feldpostbriefen aus seinem Privatarchiv abgedruckt – eine reiche Fundgrube bisher unveröffentlichten Materials für den Unterricht. Rambach hat somit eine verdienstvolle wissenschaftliche Arbeit zu einem bislang nur rudimentär erforschten regionalen Schwerpunktthema vorgelegt, die aber durchaus kein trockenes Geschichtswerk ist. „Geschichte muss sich dem Leser einprägen. Und dazu bedarf es dramatischer Geschichten und Situationen. Deshalb stehen spannende Konstellationen mit tätigen und leidenden Menschen im Mittelpunkt von ‚Hakenkreuz und Martinskirche’. Eine bewusste Emotionalisierung soll … erreicht werden“, so der ehemalige Lehrer für Deutsch, Geschichte und Sozialkunde am Max-Reger-Gymnasium Amberg. Seine wissenschaftlich fundierte „Geschichtserzählung“ ist folglich auch für einen größeren Kreis außerhalb der Expertenszene gut lesbar, insbesondere für Jugendliche, und eignet sich auch von daher bestens für einen Unterricht „gegen das Vergessen“.
Theo Emmer
Materialtipp für den Sozialkundelehrer
Internationale Politik I: Sicherheit und Frieden. Schwalbach/Ts., Wochenschau-Verlag, (= Wochenschau Sek. I Nr. 1/2-2010). ISBN 978-3-89974594-8. 104 S. € 27,00 bzw. € 15,00 (Klassensatz)
und
Das politische System Deutschlands. Schwalbach/Ts., Wochenschau-Verlag,
(= Wochenschau Sek. II Nr. 1/2-2010). ISBN 978-3-89974599-3. 116 S. € 27,00 bzw. € 15,00 (Klassensatz)
Die „Wochenschau“-Hefte liefern Schülern aktuelle Materialien für den Politikunterricht.
Vorliegende Ausgaben präsentieren sich neu: Das Layout ist schülergerechter und für Jugendliche ansprechender geworden. Inhaltlich sind sie wie bisher aktuell, kontrovers und
problemorientiert; Arbeitsblätter, Unterrichtstipps, Erwartungshorizonte für die Aufgaben, Grafiken und Kurzinformationen sollen den praktischen Nutzen für den Einsatz im Sozialkundeunterricht erhöhen.
Das Basisheft „Internationale Politik: Sicherheit und Frieden“ führt die SchülerInnen anhand aktueller internationaler Konflikte wie dem Krieg in Afghanistan oder dem Atomstreit mit dem Iran in Probleme und Perspektiven der Friedenssicherung und Sicherheitspolitik ein. Es beinhaltet folgende Kapitel: Raus aus Afghanistan?, Frieden – was ist das?, Kriege und gewaltsame Konflikte heute, Sicherheit: Für wen? Wovor? Wodurch?, Akteure: Wer kann und will Frieden und Sicherheit gewährleisten? (UNO, NATO, OSZE, EU, zivilgesellschaftliche Akteure), „Global Governance“ – wer löst die Weltprobleme? Es liefert trotz der verlagsseitigen Zuordnung zur Sekundarstufe I reichlich Material für den Sozialkundeunterricht in der Q 12,
Wie stellen sich Initiativen wie „Mehr Demokratie“ im Kontext der parlamentarischen und repräsentativen Demokratie praktisch dar? Führen Wähler- und Mitgliederschwund zu einem Verschwinden der großen Volksparteien? Welche Rolle spielt das Bundesverfassungsgericht bei der Hartz-IV-Gesetzgebung? Das Basisheft „Das politische System Deutschlands rollt sein klassisches Thema nicht nur neu auf, sondern erklärt SchülerInnen zentral politische Kontoversen, Grundprinzipen, Prozesse, Institutionen und Akteure des politischen Systems der BRD. Es ist in folgende Kapitel unterteilt: Das Grundgesetz und das politische System, Die Verfassungsprinzipien der Bundesrepublik, Institutionen im Gesetzgebungsprozess: Das Beispiel Zuwanderungsgesetz, Akteure im politischen System (Wähler, Parteien, Medien, Verbände). Es eignet sich somit für den Einsatz im Sozialkundeunterricht der 10. Jahrgangsstufe und Q 11.
Beide Publikationen liefern bei Verwendung nur durch den Lehrer auch Material für Arbeitsaufträge und andere Leistungsnachweise.
Leseproben und kostenlose Zusatzmaterialien über www.wochenschau-online.de
Theo Emmer
Prüfungs- und Basiswissen
Buchtipp für den Geschichtslehrer
Wilms, Eberhard: Deutschland nach 1945. Prüfungs- und Basiswissen für Schülerinnen und Schüler. Schwalbach/Ts., Wochenschau-Verlag, 2010 (= Grundwissen kontrovers). ISBN 978-3-89974404-0. 240 S. € 14,80
Laut Klappentext soll die neue Reihe „Grundwissen kontrovers“ Wissen wiederholen bzw. festigen und insbesondere auf Vergleichsarbeiten, Klausuren und Abiturprüfungen vorbereiten, enthält sie das Wissen, über das die SchülerInnen den Lehrplänen entsprechend verfügen müssen, deckt sie die zentralen Themen der gymnasialen Oberstufe ab, hilft sie bei der Lösung von Darstellungs-, Interpretations- und Erörterungsaufgaben, enthält sie einen Erörterungsteil, in dem fachwissenschaftliche Deutungskontroversen vorgestellt werden und der den SchülerInnen eine eigene Stellungnahme ermöglicht.
Vorliegende Neuerscheinung ist der erste Band dieser derart konzipierten Reihe, Autor ist Eberhard Wilms, Studiendirektor i. R. Er eröffnet SchülerInnen einen neuen Zugang zur Geschichte, indem er nicht nur in die deutsche Nachkriegsgeschichte einführt (Kapitel: Kriegsende und erste Besatzungszeit; Der Weg zur Teilung Deutschlands: erste Etappe 1946 – 1949; Die Teilung Deutschlands: die fünfziger Jahre; Bau der Berliner Mauer; Ausgrenzung und Annäherung 1961 – 1989: Zwei Staaten – eine Nation oder zwei Nationen und zwei Staaten?; Privates Leben 1961 – 1989; Von der „Wende“ zur Einheit; Ausblick), sondern am Ende jedes Kapitels in einem Erörterungsteil fachwissenschaftliche Kontroversen beleuchtet. Dabei legt er großen Wert auf eine gesamtdeutsche Betrachtung und behält die DDR- und die deutsch-deutsche Geschichte stets im Blick.
Das Buch wendet sich in erster Linie an SchülerInnen, kann jedoch auch Studierenden und Lehrenden nützen. Sehr benutzerfreundlich sind Kopfzeile und Marginalspalte, weil sie schnelles Nachschlagen und rasches Orientieren innerhalb der Kapitel ermöglichen. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis, ein Register sowie zwei schematische Überblicksdoppelseiten runden das gelungene Werk ab.Aus der Sicht eines bayerischen Gymnasiallehrers wäre es wünschenswert, wenn sich der Verlag bei der Konzeption weiterer Bände der Reihe auch etwas stärker an den Lehrplanthemen der neuen bayerischen gymnasialen Oberstufe orientieren bzw. diese bei den Kapitelgliederungen berücksichtigen könnte, denn die vorzügliche Vorstellung wissenschaftlicher Kontroversen könnte die Unterrichtspraxis bereichern.
Theo Emmer
Sexuelle Gewalt und intime Beziehungen...
Buchtipp (nicht nur) für den Geschichts- und Sozialkundelehrer
Mühlhäuser, Regina: Eroberungen. Sexuelle Gewalt und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion 1941 - 1945. Hamburg (Hamburger Edition) 2010, 416 Seiten, ISBN 978-3-86854-220-2, 32,- €
Die Bedeutung von Sexualität im Krieg ist in den letzten Jahren stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt - sei es durch Medienberichte von Massenvergewaltigungen z. B. im Kongo oder durch die UN-Resolution, die die Ausübung sexueller Gewalt erstmals als Kriegstaktik bezeichnet. Es gibt auch eine Reihe geschichtswissenschaftlicher Publikationen zu diesem Rahmenthema, von denen aber nur sehr wenige Ausmaß und Bedeutung sexueller Kontakte deutscher Soldaten in den besetzten Gebieten der Sowjetunion untersuchen. Vorliegende Neuerscheinung trägt dazu bei, die Lücke zu schließen; sie basiert auf der Dissertation der Historikerin Regina Mühlhäuser, die heute wissenschaftliche Mitarbeiterin in Reemtsmas Hamburger Stiftung zur Forderung von Wissenschaft und Kultur ist.
Sie weist nach, dass deutsche Truppenangehörige in der UdSSR (konkret: Estland, Lettland, Litauen, Ukraine, Weißrussland, Russland) sexuelle Verbrechen begingen - Frauen zu Opfern sexueller Folter machten und vergewaltigten; darüber hinaus betrachtet sie aber auch das gesamte Spektrum heterosexueller Aktivitäten von Wehrmachts- und SS-Angehörigen im Kontext der damaligen Vorstellungen von Männlichkeit und Sexualität, untersucht Kontakte mit „geheimen“ Prostituierten und in Militärbordellen, Sex gegen Schutz oder Lebensmittel sowie einvernehmliche Beziehungen, z. T. mit der Folge von Schwangerschaften und Heiratsgesuchen der Männer. Die Autorin begreift sexuelle Vorstellungen und Praktiken als Form von Macht / Wissen: Vergewaltigungen im Krieg z. B. sind einerseits brutaler Lustgewinn an wehrlosen Opfern, andererseits sollen sie den feindlichen Soldaten demonstrieren, dass sie ihre Frauen und Töchter nicht schützen können.
Die Publikation widerlegt die verbreitete Vorstellung, die deutsche Militärführung hätte angesichts der offiziellen nationalsozialistischen Ablehnung sexueller Kontakte deutscher Männer zu „fremdvölkischen“ Frauen vor den Hintergrund der NS-Ideologie sexuelle Aktivitäten von Soldaten in Osteuropa konsequent bestraft. Die Führungen von Wehrmacht und SS versuchten auch nicht, heterosexuelle Kontakte strikt zu unterbinden, denn die sexuelle Befriedigung galt als probates Mittel, um den Kampfeinsatz der Männer zu optimieren. Es gab jedoch institutionelle Bemühungen, die Sexualität der Soldaten zu kontrollieren: Insbesondere die Wehrmacht hielt ihre Soldaten zu sexueller Mäßigung an, verpflichtete sie zu hygienischer Vorsorge und errichtete Militärbordelle. Letztere begünstigten andererseits sexuelle Aktivitäten der Soldaten. NS-Behörden entwarfen auch Pläne zum Umgang mit Soldatenkindern. Anhand der Auswertung von zahlreichen Militärdokumenten, persönlichen Berichten und Interviews ergründet die Autorin das komplexe Zusammenspiel zwischen dem Verhalten von Soldaten und den Reaktionen der NS-Militärführung.
Die vorliegenden Besprechungen diskutieren das Buch kontrovers: Sogar von einer „Wiederholung der Reemtsma-Ausstellung ‚Verbrechen der Wehrmacht’ in Klein“ ist die Rede mit ihrer Verallgemeinerung von „Einzeltaten“ – in Verkennung der Tatsache, dass es das Verdienst der überarbeiteten Fassung der Ausstellung mit dem plakativen Titel war, die Legende von der „sauberen Wehrmacht“ öffentlichkeitswirksam zu beenden, wobei sie „kein pauschales Urteil über eine ganze Generation ehemaliger Soldaten fällen“ wollte (Zitat aus dem Ausstellungskatalog von 1996), in Verkennung des ganz anderen Fokus der Neuerscheinung und der Einbeziehung ‚Einvernehmlicher Verhältnisse’. Angesichts dieses Kapitels geht auch am Titelbild (das keine sexuelle Gewalttat zeigt, sondern eher eine Zärtlichkeit) festgemachte Kritik ins Leere, denn es ist wohl dem Buchtitel „Eroberungen“ geschuldet. Vorliegende akribische (das gegliederte Literaturverzeichnis hat über 30 Seiten) Studie stellt das Phänomen sexueller Gewalt deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg systematisch, methodisch sicher und seriös dar, verzichtet auf moralisierende Kommentare und analysiert präzise am Einzelfall - dies spricht für sich und ist sehr ergiebig; so vermisst der Verfasser dieser Zeilen auch nicht die von anderen Rezensenten monierten fehlenden Synthesen, zumal gerade so die Gefahr, in die Nähe von Pauschalurteilen zu gelangen, vermieden wird. Es gelingt der Autorin, die Vielschichtigkeit des Zusammentreffens von Militär- und Zivilgesellschaft aufzuzeigen – vor allem aus der Sicht der Eroberer/Besatzer, also deutscher Soldaten, Militär- und Zivilbehörden. Sie bezieht auch die Perspektive der Frauen ein, was bei Gewaltopfern ergiebiger ist als im Kontext von Bordell- und einvernehmlichen Beziehungen, weil diese Betroffenen nach dem Krieg schweigen mussten, um in der Sowjetunion nicht in den Verdacht der Kollaboration zu geraten. Man mag Regina Mühlhäuser vorwerfen, das Thema zu wenig in den Kontext der Sexualität unter der Bedingung eines Eroberungsfeldzuges eingeordnet zu haben, muss ihr jedoch andere Schwerpunktsetzungen zugestehen.
Vorliegende Untersuchung erweitert und vertieft die bisherige Forschungsergebnisse zur sexuellen Politik von Wehrmacht und SS und fördert das Verständnis für die Verwobenheit von Männlichkeit, Gewalt und Sexualität in Kriegszeiten.
„Auch Deutschland hat sich noch nicht zu den Vergewaltigungen bekannt, die … Soldaten während des Krieges begangen haben. Dieses heikle Thema müsste anhand der Gerichtsurteile gegen Soldaten aufgearbeitet werden, die durchaus existieren. Es gab Rügen, Strafversetzungen, Verurteilungen. … Statt dessen prägt das Bild vom ‚frauenschändenden Iwan’ immer noch die Gedanken der älteren Generation. Trotz aller Greueltaten, die … Soldaten der Roten Armee ohne Frage begangen haben, als sie in Deutschland vorrückten: Die Deutschen haben den Krieg begonnen – auch den Krieg gegen die Frauen (Stefan Maiwald / Gerd Mischler: Sexualität unter den Hakenkreuz. München 2002. S. 156 f.).
Theo Emmer
Leitfaden zur Seminararbeit.
Buchtipp für Leiter von W-Seminaren
Punktlandung. Leitfaden zur Seminararbeit. W-Seminar, Schroedel-Verlag, 2009, 64 S., ISBN 978-3-507-10878-3, 5.95 €
Vorliegendes Büchlein von Christian Raps und Florian Hartleb mit Beiträgen von Sigrid Raps ist als Schülermaterial für W-Seminare konzipiert. Im Unterschied zu den viel dickeren Publikationen anderer Verlage, die umfassend in wissenschaftliches Arbeiten einführen und somit Material für den Seminarunterricht bereitstellen, will die schlanke Schroedel-Publikation SchülerInnen einen Leitfaden für die Seminararbeit liefern. Dies tut sie prinzipiell unabhängig von Fach und Rahmenthema mit dem Fokus auf Arbeitsweisen bei politischen, geschichtlichen und geografischen Aufgabenstellungen.
Der chronologische Aufbau (Vorbereitung einer Seminararbeit, Stoffsammlung, Arbeitstechniken, äußere Form und Gestaltung, Präsentation) kann auch den SeminarleiterInnen als Übersicht über die zu vermittelnden inhaltlichen, methodischen und sozialen Kompetenzen dienen. Da auf Doppelseiten thematisch geschlossene Themenblöcke präsentiert werden, sind sie theoretisch in beliebiger Reihenfolge nutzbar.
Strategien zur Themenfindung und Tipps zur Eigenorganisation im ersten Kapitel helfen bei der strukturierten Vorbereitung der Seminararbeit. Der folgende Abschnitt unterstützt durch viele methodische Anleitungen, etwa zur Literatur- und Internetrecherche oder Expertenbefragung, die eigenverantwortliche Stoffsammlung. Das dritte Kapitel vermittelt eine breite Palette mit Arbeitstechniken, z. B. Lese- und Auswertungsstrategien, Exzerpieren, Analysieren, Protokollieren, um wissenschaftliches Arbeiten zu ermöglichen und dazu anzuregen. Detaillierte Anregungen zu äußerer Form und Gestaltung der Arbeit, etwa zu Aufbau, Bibliografie und Zitation, enthält der folgende Abschnitt. Im Hinblick auf die Präsentation der Seminararbeit zeigt das letzte Kapitel schülernahe Zugänge zu rhetorischen und visualisierenden Darstellungsformen auf.
Ein Pluspunkt des knappen Leitfadens ist der günstige Preis, der eine Anschaffung durch die SchülerInnen ermöglicht, die dann in ihrem persönlichen Exemplar anstreichen und Notizen machen können.
Theo Emmer
Hier ist verborgen
Buchtipp nicht nur für den Geschichtslehrer
Pielmeier, Edgar / Heide Inhetveen: Hier ist verborgen. Impressionen vom Jüdischen Friedhof Sulzbürg. Neumarkt/OPf. 2009, 87 S., ISBN 978-3-00-029257-6, 15 € + Versandkosten
Vorliegender Fotoband wäre nicht entstanden, wenn der Regensburger Hobbyfotograf Edgar Pielmeier nicht einer Zeitungsmeldung entnommen hätte, dass der Sulzbürger Friedhof saniert werden soll, wenn er nicht das zur Gemeinde Mühlhausen im Landkreis Neumarkt/OPf. gehörende Dorf auf der Landkarte gesucht hätte, wenn er nicht den Friedhof wiederholt aufgesucht hätte, um seinen ursprünglichen Zustand in einer Fotoserie festzuhalten, und wenn er dabei nicht Heide Inhetveen getroffen hätte, die bis 2005 als Professorin an der Universität Göttingen Land- und Agrarsoziologie und Soziologie der Geschlechter gelehrt, zudem das Leben der Sulzbürger Juden erforscht hat und Führungen auf dem nur nach Anmeldung zugänglichen Friedhof veranstaltet.
Pielmeier hat mit zahlreichen Bildern die Stimmung des historisch-kulturell und landschaftlich interessanten Ortes zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten eingefangen, mehr und mehr hat er ihn dabei in seinen Bann gezogen. Schließlich haben Pielmeier und Inhetveen die Idee einer Ausstellung geboren und sind bei deren Umsetzung – Ende 2008 in der Jüdischen Gemeinde Regensburg, Ende 2009 zunächst in der Galerie Insinger in Pielenhofen-Distelhausen im westlichen Landkreis Regensburg und im Anschluss bis Ende Januar 2010 im Stadtmuseum Neumarkt/OPf. – auf breites Interesse (auch des Verfassers dieser Zeilen) gestoßen. Dank der Unterstützung verschiedener Einzelpersönlichkeiten wurde aus den Ausstellungen vorliegender Fotoband entwickelt.
Pielmeier waren bei der Komposition seiner Fotos folgende drei Aspekte wichtig: die Jahrhunderte alte Geschichte des Friedhofes, zum Ausdruck kommend in verschieden gestalteten und in unterschiedlichem Maße verwitterten Grabsteinen; die Vorstellung, dass ein Friedhof einerseits Ort von Schmerz und Vergänglichkeit, andererseits der Hoffnung auf Auferstehung und Weiterleben in der Erinnerung ist; die Romantik des Ortes durch Bäume, Hügel und Steine, die teils in Reihe stehen, teils im Boden versinken, teils ungeordnet zwischen Bäumen zu finden sind. Ihm ging es nicht darum, jeden Grabstein zu dokumentieren - das besorgt eine andere Arbeit.
Laut Heide Inhetveen ist die Geschichte des Dorfes Sulzbürg geformt von der mehr als 600 Jahre währenden Anwesenheit jüdischer Familien, ihrer Kultur und Lebensweise. Ihre wirtschaftlichen Aktivitäten verhalfen dem kleinen Ort einst zu Wohlstand und überregionaler Bekanntheit, Stiftungen sorgten für das Überleben nicht nur der jüdischen Armen. Die jüdische Vergangenheit lebt heute noch in Gebäude und Erinnerungen älterer Dorfbewohner weiter.
Inhetveen konstatiert Pielmeiers Fotos: „Bilder können auch ohne Texte bestehen“, Pielmeier aber ist überzeugt: „[Die Grab-]steine werden durch die Texte erst lebendig.“ Folglich ist dem ersten Foto vom Eingangsportal eine kurze Chronik des Friedhofs gegenübergestellt, zu den weiteren Bildern gehören z. B. Erklärungen jüdischer Kultur, Übersetzungen von hebräischen Grabinschriften (der sprachlich merkwürdige Buchtitel entpuppt sich als deren standardisierter Anfang), Zitate aus Fachbüchern und Gedichte.
Vorliegende Neuerscheinung ist eine reiche Fundquelle jüdischer Kultur und christlich-jüdischer Koexistenz, über viele Jahrhunderte gelebt in einem Dorf in oder irgendwo in unserer Heimat, bis zur abrupt-gewaltsamen Beendigung durch das NS-Terrorregime. Sie auch will auch Ausgangspunkt sein zum Nachdenken über ein historisches Thema, das nach wie vor aktuell ist: dass es Menschen unterschiedlicher Kultur und Religion schafften, ihr Zusammenleben gedeihlich zu organisieren.
Erhältlich ist der Fotoband im Stadtmuseum Neumarkt, in der Buchhandlung Pustet in Regensburg sowie beim Fotografen per E-Mail direktor@st-emmeram.de
Theo Emmer
Seminar Wissenschaftspropädeutisches Arbeiten
Buchtipp für Leiter von W-Seminaren
Seminar Wissenschaftspropädeutisches Arbeiten. 11/12, Donauwörth, Auer-Verlag, 1. Auflage 2009, 192 S., ISBN 978-3-403-06133-5, 17.90 €
Vorliegende, von Angelika Gassner, Carmen E. Kühnl, Peter Riedner, Nicole Sacher und Jens Willhardt bearbeitete Neuerscheinung ist als Schulbuch zugelassen und will den Schülern dabei helfen, Kompetenzen kennen zu lernen und zu erwerben, Methoden zielgerichtet anzuwenden, wissenschaftlich relevante Informationen zu recherchieren, auszuwerten, zu bewerten, zu strukturieren und aufzubereiten, die Ergebnisse in geeigneter Weise zu präsentieren und die Seminararbeit anzufertigen. Sein Aufbau orientiert sich am Entstehungsprozess einer Seminararbeit, durch das Bausteinprinzip kann er in allen W-Seminaren nutzbringend eingesetzt werden - ein Buch erscheint für die Schülerhand wertvoller als eine Vielzahl „fliegender“ Kopien.
Nach grundlegenden Informationen zu Zielsetzungen eines W-Seminars, wissenschaftlichem Arbeiten und Kontakten zu Hochschulen in den Kapiteln 1 mit 3 gibt das Buch Tipps zu Themenfindung und Zeitplanung bei einer Seminararbeit. Kapitel 4 stellt die Informationsbeschaffung vor: zunächst verschiedene Quellenarten, dann die Methoden Internetrecherche, Bibliotheksarbeit, Archiv-/ Museumsnutzung, Hörfunk- und Fernsehrecherche sowie Interviews und Umfragen, gefolgt von praktischen Hinweisen zum Bibliografieren für eine Seminararbeit. In den Kapiteln 5 mit 7 geht es um die Aufbereitung beschaffter Informationen: ums Auswerten von Texten, Interviews und Umfragen, Statistiken und Diagrammen und Archivierung von Informationen, um die Auseinandersetzung mit diesen Informationen (aufgezeigt an den Methoden Moderation, Pro-Kontra-Diskussion und Rollenspiel) sowie um das Ordnen des Materials, es schließen sich Hilfestellungen zu Aufbau (Anordnen, Gliedern, Argumentieren, Zitieren und Urheberrecht) und Fertigstellung (Layout, Schlussredaktion) der Seminararbeit an. Kapitel 8 beinhaltet das Präsentieren von Ergebnissen - Präsentationsarten, inhaltliche Auswahl und Aufbau, Medieneinsatz- und –arten, Redemanuskript und Handout sowie Vortrag - und schließt mit einer auf die Seminararbeit bezogenen Zusammenfassung.
Der Textteil wird veranschaulicht durch zahlreiche nützliche Grafiken, Schaubilder und Checklisten, ergänzt durch Materialien, Arbeitsanweisungen und Hinweise zum selbstständigen Beschaffen weiterer Informationen, abgerundet wird er durch Listen gängiger Suchmaschinen, Online-Lexika, weiterführender Literatur und Links sowie durch ein Stichwortverzeichnis und Quellenangaben.
Im Netz finden sich unter www.auer-verlag.de à Suche à „W-Seminar“ eingeben à Seminar Wissenschaftpropädeutisches Arbeiten à mehr wertvolle Zusatzmaterialien zum kostenlosen Herunterladen. Bleibt zu hoffen, dass sich hier künftig auch Aktualisierungen des Zahlenmaterials im Buch finden werden.
Theo Emmer
P-Seminar zur Studien- und Berufsorientierung
Das P-Seminar zur Studien- und Berufsorientierung. Bamberg, Buchners Verlag, 1. Auflage 2009, 192 S., ISBN 978-3-7661-4433-1, 15.80 €
Vorliegende, von Rainer Denkler, Rudolf Wagner-Jakob, Bettina Mordstein, Bernhard Hof, Anette Frey und Steffen Fritsche bearbeitete Neuerscheinung ist als Schulbuch zugelassen und kann in allen Seminaren nutzbringend eingesetzt werden kann, da es teilweise aktuelleres Material enthält als die BuS-Ordner und da ein Buch für die Schülerhand meist wertvoller erscheint als eine Vielzahl „fliegender“ Kopien.
Teil I des Buches beschreibt wichtige Entscheidungsfaktoren für die Studien- und Berufswahl; er ist unterteilt in die Kapitel Selbsterkundung, Testverfahren und Diagnoseinstrumente, Ausbildung oder Studium? Wege nach dem Abitur, Die Bewerbung, Exkurs: Zwischen Schule und Beruf, Informationsbeschaffung und Beratungsmöglichkeiten sowie Wandel der Arbeitswelt. Eingefügte Übungen und Arbeitsaufträge dienen der Reflexion über das im Seminar Gelernte. Am Ende der Kapitel finden sich Hinweise auf weitere Informationsquellen. Im zweiten Teil des Buches geht es um die Arbeit an einem konkreten Projekt; er gliedert sich in die Kapitel Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Viele Methoden führen zum Ziel, Last but not least (Präsentation, Abschlussgespräch, Evaluation) sowie Notfallkoffer (Zeitmanagement, Gruppenkonflikte, Stressbewältigung). Ein Sachregister rundet das Werk ab.
Interessierte finden weitere Informationen samt Musterseiten unter www.ccbuchner.de à Suche à „P-Seminar“ eingeben.
Theo Emmer
„Der Krieg hat uns geprägt"
Dörr, Margarete: „Der Krieg hat uns geprägt.“ Wie Kinder den Zweiten Weltkrieg erlebten. Frankfurt a. M. / New York, Campus-Verlag, 2007, 2 Bände im Schmuckschuber, 1085 S., ISBN 978-3-593-38447-4, 49.90 €
Margarete Dörr war Gymnasiallehrerin und Fachleiterin für Geschichte am Seminar für Studienreferendare in Stuttgart und Heilbronn. Zusätzlich hatte sie einen Lehrauftrag für Fachdidaktik an der Universität Stuttgart. Seit ihrer Pensionierung – so schreibt sie dem Verfasser dieser Zeilen – habe sie sich intensiv mit Zeitzeugenarbeit befasst, woraus zwei Dokumentationen hervorgegangen sind: 1998 die ebenfalls bei Campus erschienene dreibändige: „Wer die Zeit nicht miterlebt hat ...“ Frauenerfahrungen im Zweiten Weltkrieg und in den Jahren danach, sowie 2007 die vorliegende.
Die Kriegskinder, worunter M. Dörr die Generation der zwischen 1930 und 1945 Geborenen versteht – sie selbst ist 1928 geboren -, gingen durch die Schrecken des Krieges und die Belastungen der Nachkriegszeit mit Bomben, Flucht, Vertreibung, Hunger, dem Verlust von Angehörigen etc., halfen das Überleben zu organisieren und trugen zum Wiederaufbau bei.
Für ihre Dokumentation der Kriegserlebnisse von Kindern hat die Autorin mehr als 500 Lebensgeschichten in mündlicher und schriftlicher Form gesammelt, hinzu kommen Tagebücher, Briefe, Fotos und andere persönliche Dokumente. In 22 Kapiteln stellt sie die vielfältigen Aspekte des Lebens von Kindern im und nach dem Zweiten Weltkrieg mit deren eigenen Worten dar. Dabei interpretiert und kommentiert sie - unter Auswertung der umfangreichen Primär- und Sekundärliteratur (siehe 20-seitiges Literaturverzeichnis) - die Geschichten vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse. Die Schrecken des Krieges sind ebenso Thema wie die nationalsozialistische Erziehung, die Verbrechen des Regimes und der Übergang in eine neue Diktatur in der sowjetisch besetzten Zone. Erstmals kommen auch donauschwäbische und russlanddeutsche Kinder zu Wort. Zum Abschluss reflektieren die Zeitzeugen, wie der Krieg ihr Leben und ihr Weltbild geprägt hat. „Die Welt“ vom 2.2.2008 stellt fest: „Meisterhaft beherrscht sie [M. Dörr] die geschichtswissenschaftliche ‚Thick description’, die verdichtete Beschreibung, aber auch die Erinnerungsforschung: So wird das Subjektive zwar zum Ausgangspunkt ihrer Generationen-Chronik, doch legt sie die Einzelschicksale dar, um sie möglichst in Beziehung zueinander zu setzen und die höchst persönlichen Schilderungen mit der angemessenen Behutsamkeit zu interpretieren.“ Das Buch ist ein Beitrag zum Verständnis nicht nur der Generation der Kriegskinder selbst, deutlich wird auch, was deren Prägung für die kulturelle und politische Wirklichkeit unseres Landes bis heute bedeutet. In der „Zeit“ vom 6.12.2007 wurde das Buch folglich „ein beklemmendes Manifest wider Krieg und Totalitarismus, das jedes pazifistische Mahnmal ersetzt“, genannt.
Die sehr verdienstvolle Arbeit ist schon aufgrund der vielen verwendeten Quellen für jede weitere Beschäftigung mit dem Thema unerlässlich und eignet sich vorzüglich zum Einsatz im Geschichtsunterricht, zumal es immer schwerer wird, direkt auf Zeugen dieser Zeit zurückzugreifen. Der am Ende des Buches im Wortlaut abgedruckte Fragebrief an die Zeitzeugen liefert Anregungen für Oralhistory im Rahmen von Facharbeiten in W-Seminaren oder Projektarbeit in P-Seminaren mit Leitfach Geschichte. Deshalb sollte jeder bayrische Geschichtslehrer das Werk kennen – es gehört in jede Schulbibliothek.
Theo Emmer
Projekt-Seminar
PROJEKT-SEMINAR ZUR STUDIEN- UND BERUFSORIENTIERUNG
Kühnl, Carmen E. / Riedner, Peter / Sacher, Nicole / Voit, Simone (Hrsg.): Projekt-Seminar zur Studien- und Berufsorientierung. 11/12, Donauwörth, Auer-Verlag, 1. Auflage 2009, 152 S., ISBN 978-3-403-06134-2, 17.90 €
Über vorliegende, als Schulbuch zugelassene Neuerscheinung dürften sich vor allem die eher „autodidaktischen“ P-Seminar-Leiter freuen (also jene, die nicht der Fachschaft Wirtschaft/Recht angehören). Es könnte aber in allen Seminaren nutzbringend eingesetzt werden, da es teilweise aktuelleres Material enthält als die BuS-Ordner und da ein Buch für die Schülerhand meist wertvoller erscheint als eine Vielzahl „fliegender“ Kopien.
Der Schwerpunkt des Buches liegt natürlich im Bereich Studien- und Berufsorientierung, der von Kompetenzen für das Seminar über Arbeitsmarktprognosen und Entscheidungshilfen bis hin zu Ausbildungsmöglichkeiten und Bewerbungsverfahren reicht (Teil 1). Zum Projekt selbst werden grundlegende Informationen etwa zu Definition, Planung, Durchführung und Abschluss geliefert (Teil 2) und durch eine Vorstellung möglicher Methoden ergänzt (Teil 3). Ein Adressen- und Literaturverzeichnis zum Recherchieren rundet das Werk ab.
Im Netz finden sich wertvolle Zusatzmaterialien zum kostenlosen Herunterladen. Bleibt zu hoffen, dass sich hier künftig auch Aktualisierungen des Zahlenmaterials finden werden – der Verlag zeigte sich hierfür auf Nachfrage des Rezensenten zugänglich.
Interessierte finden ein detailliertes Inhaltsverzeichnis des Buches sowie Links zu den Downloads unter www.auer-verlag.de à Suche à „P-Seminar“ eingeben à Projekt-Seminar zur Studien- und Berufsorientierung à mehr.
Theo Emmer
Wörterbuch Geschichtsdidaktik
Mayer, Ulrich / Pandel, Hans-Jürgen / Schneider, Gerhard / Schönemann, Bernd (Hrsg.): Wörterbuch Geschichtsdidaktik, Schwalbach/Ts., Wochenschau-Verlag, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage 2009, 208 S., ISBN 978-3-89974257-2, 13.80 €
Mit vorliegender Publikation ist erstmals ein Übersichtswerk erschienen, das die Fachbegriffe der Wissenschaftsdisziplin Geschichtsdidaktik – prägnant erklärt – in einem Band zusammenfasst. Die zweite Auflage ist überarbeitet und um einige Stichwort erweitert, das relativ junge Forschungsfeld der „Geschichtskultur“ einbezogen. Renommierte Geschichtsdidaktiker haben die Fachterminologie unter Herausarbeitung ihres geschichtsdidaktischen Gehalts vorgestellt und somit allen mit der Vermittlung von Geschichte Befassten ein Nachschlagewerk von A – Z für einen sicheren Umgang mit den Fachbegriffen zur Verfügung gestellt. Eine Auflistung der Begriffe würde hier den Rahmen sprengen: Interessierte finden sie unter www.wochenschau-verlag.de à Publikationen à Autoren à M à Mayer à Titel: Wörterbuch Geschichtsdidaktik à Details.
Theo Emmer
Wir haben sie nie wieder gesehen
Grams, Damian / Thom, Micha: Wir haben sie nie wieder gesehen. Erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus. Hg. vom Internationalen Bund, Schwalbach/Ts., Wochenschau-Verlag, 2009, 96 S., ISBN 978-3-89974526-9, 19.80 €
„Erinnern kann man nicht delegieren, man kann es nur selbst tun. Es ist eine Holschuld und eine Bringschuld zugleich: Eine Holschuld, die wir unserer Elterngeneration abverlangen müssen, eine Bringschuld, da wir sie weitereichen sollten an unsere Kinder und Enkel“, konstatiert der Publizist Richard David Precht im Vorwort dieser Neuerscheinung. Doch wie können Jugendliche ihre Form der Erinnerung und Aufarbeitung von Geschichte der NS-Zeit finden?
Die Autoren – der Designer Damian Grams und Micha Thom, im Jugendmigrationsdienst des Internationalen Bundes Solingen tätig als Sozialberater, interkultureller Trainer und Deutschlehrer, - haben sich, angeregt durch eine mehrjährige Beschäftigung mit dem Thema in Solingen sowie durch wiederholten Jugendaustausch mit Krakau, zusammen mit Jugendlichen auf Spurensuche begeben: Sachinformationen eingeholt, Zeitzeugen befragt, Schauplätze von NS-Terror aufgesucht und das so erlebte Geschehen in Fotografien eingefangen.
So ist ein Bildband entstanden, der vor allem für junge Menschen einen neuen Zugang zur Erinnerung an die Opfer der Hitler-Diktatur eröffnet, indem Zeitzeugenberichte, Hintergrundinformationen, Zitate und Eindrücke (die kurzen Textkapitel streifen die wesentlichen Aspekte der Thematik) mit Fotos emotional verknüpft und die Rezipienten so auch auf ästhetischer Ebene angesprochen werden.
Das Buch eignet sich insbesondere für Geschichte und Kunst verbindende Unterrichtsprojekte, vorzüglich aber auch als Geschenk an Vertreter dieser Fächer oder Menschen mit einem „Draht“ dazu.
Theo Emmer
Geschichtskultur
Oswalt, Vadim / Pandel, Hans-Jürgen (Hrsg.): Geschichtskultur. Die Anwesenheit von Vergangenheit in der Gegenwart, Schwalbach/Ts., Wochenschau-Verlag, 2009 (= Forum Historisches Lernen), 237 S., ISBN 978-3-89974408-8, 22.80 €
In der Reihe Forum Historisches Lernen erscheinen grundlegende theoretische und praxisorientierte Beiträge zu Fragen historischen Lernens und historisch-politischer Bildung, die neue Mittel und Wege im Geschichtsunterricht begründen sollen. Der vorliegende Band vereint Beiträge, die sich damit beschäftigen, wie Geschichtskultur erkennbar wird, und das an konkreten Beispielen aufzeigen. Die 16 Autoren, darunter die Herausgeber, der Gießener Professor für Geschichtsdidaktik Vadim Oswalt und sein emeritierter Kollege Hans-Jürgen Pandel, gehen davon aus, dass Geschichtskultur fürs historische Lernen immer bedeutsamer wird und dass der Nachweis von Verfälschungen, Banalisierungen oder Geschichtsklitterungen nicht mehr ausreicht, weil mediale Aufbereitungen von Geschichte vielfach nachhaltiger wirken als die im Unterricht gelieferten Entmythologisierungen. Deshalb sei ein vertieftes Verständnis des Umgangs mit Geschichte in der Öffentlichkeit notwendig, wofür der Band Grundlagen schaffen will.
Inhaltlich ist das Buch in 7 Themenkreise gegliedert: Geschichtskultur und Erinnerungs-kulturen als Lernfeld, Film und Fernsehen als Leitmedien der Geschichtskultur (hier sei der Beitrag „Stichwortgeber. Die Rolle der ‚Zeitzeugen’ in G. Knopps Fernseh-dokumentationen“ besonders hervorgehoben), fiktionale Texte, legale Grenzen und Tabus im „öffentlichen Gebrauch der Historie“ (Komödien zum Thema Drittes Reich, Holocaustleugnung), Museum und Musealisierung zwischen Bildung und Kommerz, Medien und das kommunikative Gedächtnis, Anwesenheit „ferner“ Vergangenheit in der Gegenwart. Die Beiträge sind teilweise durch Abbildungen veranschaulicht und verweisen fast alle auf weiterführende Literatur und Medien.
Lehrerinnen und Lehrern liefert die Neuerscheinung einen Umriss des Forschungsfeldes Geschichtskultur auch in zentralen interdisziplinären Bezugspunkten.
Theo Emmer
Bildinterpretation praktisch
Land, Kristin / Pandel, Hans-Jürgen [Hrsg.]: Bildinterpretation praktisch. Bildgeschichten und verfilmte Bilder. Bildinterpetation II, Schwalbach/Ts., Wochenschau-Verlag, 2009 (= Methoden Historischen Lernens), 205 S. plus CD-ROM, ISBN 978-3-89974405-7, 19.80 €
„Kompetenzen“ sind in der gegenwärtigen Bildungsdebatte in aller Munde. Doch wie kann Kompetenzorientierung ganz praktisch im Unterricht umgesetzt werden?
In ihrem neuen Band Bildinterpretation praktisch (Band „Bildinterpretation I“ von 2008 stellte ein 4-Ebenen-Modell der Bildinterpretation vor: Erscheinungs-, Bedeutungs-, Dokumenten- und Erzählsinn) bieten Kristin Land, die an der Universität Halle-Wittenberg u. a. Geschichte fürs Lehramt studiert, und Hans-Jürgen Pandel, der dort als Professor Geschichtsdidaktik gelehrt hat, zwei kompetenzorientierte Aufgabenformate für den direkten Einsatz im Unterricht an: das Konstruieren von Bildgeschichten und die Verfilmung von Bildern. Mit den vorgestellten Methoden der narrativen Erschließung von Bildgeschichten und der interpretierenden Verfilmung ermöglicht der Band, die entsprechenden Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler ganz praktisch im Geschichtsunterricht zu fördern.
Die Bildgeschichten und Bildverfilmungen des Buches finden sich auch auf der zugehörigen CD-ROM. Für nicht so versierte „User“: CD einlegen und öffnen (z. B. über Arbeitsplatz), bei Klicken z. B. auf Bilder erscheint der Dateiordner, beginnend mit einer dreistelligen Ziffer, die die entsprechende Buchseite angibt). Die Materialien können heruntergeladen, die Bilder direkt ausgedruckt und so als Unterrichtsmaterialien verwendet werden.
Das Buch gliedert sich in 4 Abschnitte: Einführung, Bildergeschichten (Einzelbilder - Chronologien – Geschichten, Trajanssäule, Teppich von Bayeux, Legende vom Hostienfrevel, Ketzerprozess gegen Hus und Konzil von Konstanz, Sklavenhandel, Heirat im 18 . Jh., Antialkoholbewegung 19 . Jh., Amerikaauswanderung 19. Jh., Bildsequenz zum Ausprobieren), Bilder verfilmen, verfilmte Bilder (Totengericht des Hunefer 13. Jh., Narrenschiff von Bosch, Kinderspiele von Brueghel d. Ä., Zähnezieher von Stehen 1651, Jüdische Kinder in Ghettos und Vernichtungslagern).
Theo Emmer
Vandalismus als Alltagsphänomen
Lorenz, Maren: Vandalismus als Alltagsphänomen. Hamburg (Hamburger Edition) 2009, 126 Textseiten, 158 S. mit Anmerkungen, ISBN 978-3-86854-204-2, 12,- €
Vandalismus in Form eingeworfenen Schaufenstern, aufgeschlitzten U-Bahn-Sitzen, zerstochenen Autoreifen oder herausgerissenen Telefonkabeln, die Autorin subsumiert hier auch Graffiti, ist nahezu alltäglich geworden. Definieren lässt sich Vandalismus als anonyme Beschädigung oder gar Zerstörung öffentlichen oder privaten Eigentums, als bewusste Normverletzung ohne erkennbares Motiv. Maren Lorenz, studierte Historikern, Politikwissenschaftlerin und Psychologin, derzeit Privatdozentin am Department Geschichtswissenschaften der Universität Hamburg, gibt in vorliegendem Bändchen einen Überblick über den Wandel von Deutungen und Erklärungen des „Alltagsphänomens“ Vandalismus sowie dessen Sanktionierung - mit Schwerpunkt auf der deutschen Geschichte seit dem 17. Jahrhundert.
Beschädigte Gegenstände berühren die meisten Menschen unangenehm, manche verspüren sogar eine zumindest latente Bedrohung. Immer wieder wird die Meinung artikuliert, die Zerstörungswut sei „typisch für die heutige Jugend“. Doch schon in der Einleitung des Büchleins wird klar, dass es Vandalismus auch durch Erwachsene schon in der Antike gab, z. B. in Form von Statuenverstümmelung. Im Kapitel „Nomen atque Omen“ wird die wechselvolle Bedeutungsgeschichte des heute allgemein verwendeten Vandalismus-Begriffs beleuchtet, jede Benennung impliziert Vorannahmen über die Motive der unbekannten Täter. Die folgenden Abschnitte beleuchten das „Alltagsphänomen“ in früher Neuzeit, Aufklärung, Industrialisierung, Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Zeit und Nachkriegsgeschichte beider deutscher Staaten bis zur Wiedervereinigung.
Wirtschaftliche Not, Bildungsarmut und Zerfall tradierter Familienstrukturen wurden schon seit langem als Ursachen von Vandalismus eher erwachsener Täter benannt. Später kamen Thesen wie Zerstörung der bürgerlichen Kleinfamilie, Verrohung und allgemeiner Werteverfall hinzu, Defizite bei Erziehung und Ausbildung besonders der Jugend des städtischen Proletariats wurden erkannt und wurde so Vandalismus als jugendliches Protest-verhalten angesehen.
In ihrer Schlusszusammenfassung macht Maren Lorenz nochmals klar, dass sie Vandalismus als spezifische Variante deutscher Gesellschaftsgeschichte untersucht hat. „Die Untersuchung solch anonym begangener Akte der Sachbeschädigung ist vor allem interessant, weil die Schuldzuschreibungen der öffentlichen Meinungsbildner Rückschlüsse auf die aktuellen Probleme der jeweiligen Gesellschaften zulassen … Der anonyme Vandalismus, verübt durch Individuen oder Gruppen, wurde nach Ansicht aller, die sich im Laufe verschiedener Jahrhunderte damit beschäftigten, durchaus als politisch wahrgenommen. ‚Politisch’ wird hier verstanden als Ausdruck mehr oder weniger reflektierender Kritik an bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen“ (S. 119). „… vandalistische Taten [wurden] stets allein männlichen Jugendlichen oder Erwachsenen zugeschrieben …“ (S. 122). „Mädchencliquen … gerieten einfach nicht in Verdacht … Wurden Mädchen mit Jungen zusammen ertappt, galten die Mädchen automatisch als Mitläuferinnen“ (S. 123). „Politik und Wirtschaft haben es derzeit aufgegeben, nach komplexen Ursachenzusammenhängen zu suchen. Ökonomisch scheint es sich … eher auszuzahlen, erhebliche Summen in vandalismusresistente Baumaterialien, Schutzzäune und Wachdienste zu investieren …“ (S. 126).
Theo Emmer
Der Nationalsozialismus
Lange, Thomas / Steffens, Gerd [Hrsg.]: Der Nationalsozialismus. Band 1: Staatsterror und Volksgemeinschaft 1933 - 1939, Schwalbach/Ts., Wochenschau-Verlag, 2009 (= Fundus Quellen für den Geschichtsunterricht), 238 S., ISBN 978-3-89974399-9, 19.80 €
Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist nach wie vor grundlegende Aufgabe historischer und politischer Bildung in Deutschland. Doch bleiben weder die Zeitumstände gleich, unter denen Heranwachsende mit der NS-Geschichte konfrontiert werden, noch die Wissensbestände, die die historische Forschung bereitstellt. Hier hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten ein Paradigmenwechsel vollzogen: vom Nationalsozialismus als Herrschafts- hin zum Nationalsozialismus als Gesellschafts-system. Fragen nach Ausmaß, Formen und Motivation von Einverständnis und Beteiligung der deutschen Bevölkerung wurden verstärkt in den Blick genommen.
Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung bietet der neue Quellenband zahlreiche Schlüsselquellen zur Politik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte aus der Periode von 1933 -1939. Aufbau und Auswahl der Sammlung orientieren sich an der Doppelstruktur von Führerstaat und Volksgemeinschaft bzw. Terrorherrschaft und Einverständnis. So finden sich zentrale Quellen zur Funktionsweise des Nationalsozialismus als diktatorisches und terroristisches Herrschaftssystem. Das Hauptaugenmerk jedoch liegt auf jenen Quellen, die die gesellschaftliche Dimension des Nationalsozialismus als „Volksgemeinschaft" fassbar und die Wechselwirkungen von terroristischer Herrschaft und Zuarbeit, von NS-Zielen und kollektiven Mentalitäten, von Einschluss und Ausschluss deutlich machen.
Laut Verlagsmitteilung wurden die Quellen, darunter zahlreiche bisher unveröffentlichte (!!), gezielt für den Geschichtsunterricht zusammengestellt. Die Durchsicht durch den Verfasser dieser Zeilen bestätigt dies: Viele Quellen wurden in Archiven oder nicht problemlos zugänglichen Schriften (Dr. Thomas Lange, einer der beiden Herausgeber, war Gymnasiallehrer und Archivpädagoge) aufgestöbert und sind hervorragend für einen Einsatz im Unterricht in der Mittelstufe und der neuen Oberstufe geeignet, natürlich liefern sie auch einen Fundus für neue Prüfungsaufgaben. Für einen Geschichtsunterricht, der den Anschluss an die jüngere Nationalsozialismus-Forschung nicht verlieren soll, ist der Band eine unverzichtbare Quellensammlung.
Man darf darauf gespannt sein, ob der geplante Band 2, der sich schwerpunktmäßig mit der Zeit von 1939 – 1945 und der NS-Außenpolitik beschäftigen soll, ebensoviel neues Materialien bereitstellen wird.
Theo Emmer
Fenster zur Vergangenheit
Buntz, Herwig / Elisabeth Erdmann: Fenster zur Vergangenheit. Bilder im Geschichtsunterricht Bd. 2: Von der Frühen Neuzeit bis zur Zeitgeschichte, Bamberg, Buchners Verlag, 2009, 224 S., ISBN 978-3-7661-4607-6, 24.80 €
GiB 03/09
PastFinder-Reihen
PastFinder-Reihen (detaillierter Überblick unter www.pastfinder.de)
GiB 02/09
Ortstermine
Grillmeyer, Siegfried / Peter Wirtz (Hg.): Ortstermine. Politisches Lernen an historischen Orten. Bd. 1, Schwalbach/Ts., Wochenschau-Verlag, 2006 (= Veröffentlichungen der CPH Jugendakademie Bd. 6), 200 S., ISBN 978-3-87920-088-7, 14.80 €;
GiB 01/09
Ortstermine
Grillmeyer, Siegfried / Peter Wirtz (Hg.): Ortstermine. Politisches Lernen am historischen Ort. Bd. 2, Schwalbach/Ts., Wochenschau-Verlag, 2008 (= Veröffentlichungen der Akademie CPH Bd. 9), 304 S. ISBN 978-3-89974237-4, 16.80 €
GiB 01/09
Vorsicht Politik
Schiele, Siegfried / Gotthard Breit: Vorsicht Politik. Wochenschau-Verlag, 2008, 168 S. (= Politische Analysen) ISBN 978-3-89974252-7, 14.80 €
GiB 12/08
Praxishandbuch
Feldmann-Wojtachnia, Eva (Hrsg.): Praxishandbuch. Aktiv eintreten gegen Fremdenfeindlichkeit. Seminarbausteine zur bewussten Auseinandersetzung mit Identität und Toleranz, Schwalbach/Ts., Wochenschau-Verlag, 2008, 108 S., ISBN 978-3-89974439-2, 14.80 €
GiB 12/08
Nation und Exklusion
Ahlheim, Klaus / Bardo Heger: Nation und Exklusion. Der Stolz der Deutschen und seine Nebenwirkungen, Schwalbach/Ts., Wochenschau-Verlag, 2008, 128 S. (= Politische Analysen) ISBN 978-3-89974391-3, 12.80 €
GiB 12/08
Politische Bildung
Politische Bildung. Beiträge zur wissenschaftlichen Grundlegung und zur Unterrichtspraxis. Heft 3/2007: Rückblick 1967-2007. 40 Jahre politische Bildung. Schwalbach/Ts., Wochenschau-Verlag. ISBN 978-3-89974-328-9. 174 Seiten. € 19,80
GiB 07/08
Pauken oder Lernen?
Kneile-Klenk, Karin: Pauken oder Lernen? Abwechslungsreich Wiederholen und Festigen [!] im Geschichtsunterricht. Schwalbach/Ts., Wochenschau-Verlag, 2008 (= Methoden Historischen Lernens). ISBN 978-3-89974472-2. 208 S. € 14,80
GiB 05/08
Migration und Weltgeschichte
Liebig, Sabine (Hrsg.): Migration und Weltgeschichte, Schwalbach/Ts., Wochenschau-Verlag, 2007 (= Studien zur Weltgeschichte), 127 S., ISBN 978-3-89974240-4, 9.80 €
GiB 06/08
Regensburger Kontaktstudien
Berichtsbände zu den bisherigen Regensburger Kontaktstudien
Beilner, Helmut (Hg.): Geschichtsdidaktische und fachliche Perspektiven in der Diskussion. Neuried (ars una) 2001 (= Regensburger Beiträge zur Geschichtslehrerfort-bildung Bd. 1) ISBN 3-89391-150-2
Beilner, Helmut (Hg.): Europäische Perspektiven im Geschichtsunterricht. Neuried (ars una) 2003 (= Regensburger Beiträge zur Geschichtslehrerfortbildung Bd. 2) ISBN 3-89391-152-9
Beilner, Helmut / Martina Langer-Plän (Hg.): Quellen in Geschichtswissenschaft und Geschichtsunterricht. Neuried (ars una) 2004 (= Regensburger Beiträge zur Geschichts-lehrerfortbildung Bd. 3) ISBN 3-89391-153-7
Langer-Plän, Martina / Beilner, Helmut (Hg.): Außerschulische Lernorte im Geschicht-sunterricht. Neuried (ars una) 2005 (= Regensburger Beiträge zur Geschichtslehrerfort-bildung Bd. 4) ISBN 3-89391-156-1
(Die beiliegende CD-Rom beinhaltet Abbildungen zu den Beiträgen von Prof. Waldherr und M.A. Wolters.)
Druckfassungen des 5. Regensburger Kontaktstudiums für Geschichtslehrer am 25./26.11. 2004 zum Thema „Gestaltete Geschichte“ sowie des 6. Regensburger Kontaktstudiums für Geschichts-/Sozialkundelehrer am 06.07.2006 zum Thema "Geschichtsunterricht und Amerikastudium" sind vorläufig nicht in Sicht.
Schüler schreiben Geschichte
Memminger, Josef: Schüler schreiben Geschichte. Kreatives Schreiben im Geschichtsunterricht zwischen Fiktionalität und Faktizität.
GiB 12/2007

