Aspekte einer modernen Dialektpflege

Seit einigen Jahren wird in Bayern ein ideologisch gefärbter dialektaler „Glaubenskrieg“ am Köcheln gehalten, der in bestimmten Abständen immer wieder heftig aufflackert und geradezu apokalyptische Züge trägt. Die Frage, um die er sich dreht, lautet: Darf ein Bayer bzw. ein bayerisches Kind die Grußformeln „Tschüss“ und „Hallo“ verwenden? Ihren vorläufigen Höhepunkt und damit eine neue Qualität erreichte die Diskussion, die 1997 ihren Anfang genommen hatte, im Frühjahr 2012 mit dem Verdikt einer Realschuldirektorin, die den Gebrauch der beiden Begrüßungsfloskeln an ihrer Schule schlichtweg untersagte.

Was in unserem aufgeklärten und weltoffenen Freistaat mit seiner Liberalitas Bavariae vielen wie eine Provinzposse anmutet und nicht selten für entsprechende Heiterkeit sorgt, hat durchaus einen ernsten und nachdenkenswerten Hintergrund. Im Zuge des Wandels und der Aufwertung der Mundarten zu Beginn des 21. Jahrhunderts gewinnt nämlich auch die Dialektpflege zunehmend an Bedeutung.

Die Gründe, warum Dialekte gerade jetzt mehr denn je gefördert und aktiv gepflegt werden sollten, sind vielfältig und in folgenden unterschiedlichen Bereichen angesiedelt:

1. Durch den sich immer rascher vollziehenden Abbau bzw. Umbau der Mundarten ist es wichtig, auf die Bedeutung des Dialekts als gleichwertige und gleichberechtigte Varietät des Deutschen mit einem eigenständigen, in sich geschlossenen Sprachsystem mit spezifischen Gesetzmäßigkeiten aufmerksam zu machen.

2. Aufgrund von Erkenntnissen der Spracherwerbs- und Hirnforschung gilt es inzwischen als weitgehend gesichert, dass Dialektkompetenz im Rahmen und als Bestandteil einer „mehrsprachigen“ Erziehung zusammen mit der Hochsprache zu einem erhöhten Sprachbewusstsein beiträgt und für das Erlernen von Fremdsprachen von Nutzen ist.

3. Durch ihre jeweilige Individualität, ihre Lebendigkeit, ihre Affekthaltigkeit, ihren lexikalischen Reichtum, ihre Bildhaftigkeit, ihre Expressivität und ihre Klangfülle sind Dialekte in bestimmten situativen Kontexten ein zusätzliches Plus an sprachlicher Ausdrucksfähigkeit.

4. Darüber hinaus vermitteln sie ihren Sprechern emotionale Nähe, Vertrautheit, Authentizität und Identifikation, schlagen die Brücke zur Historie und den Traditionen eines Raumes, spiegeln dessen Kultur wider und geben Zeugnis von der sprachlichen und kulturellen Vielfalt einer Region und eines Landes.

5. Nach wie vor ist der Dialekt in vielen Bereichen vor allem des ländlichen Raumes eine lebendige Sprachvarietät.

6. In den letzten Jahren ist in unserer Gesellschaft eine zunehmend positive Einstellung und Akzeptanz dem Dialekt als Kommunikationsmittel gegenüber zu verzeichnen, auch und gerade unter der jungen Generation sowie von Seiten der Politik.

7. Diese geht einher mit einer Haltung, die man als „bewusste Regionalität“ bezeichnen kann. Diese hat sich als „Gegenbewegung“ zu der immer stärker um sich greifenden Globalisierung mit ihrer Rasanz und ihren sprachlichen Nivellierungstendenzen entwickelt, und zwar als eine Art „Entschleunigungsprozess“ im Sinne der Rückbesinnung auf das Traditionelle und Vertraute.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Dialekt einen Wert an sich darstellt, der jede Gemeinschaft kennzeichnet und ihr etwas Unverwechselbares verleiht. Von daher ist es – unter der Prämisse, im Sinne eines kulturellen Gedächtnisses lokale bzw. regionale Spezifika und Eigenheiten so lange wie möglich bewahren zu wollen – eine logische Schlussfolgerung, sich der Mundarten besonders anzunehmen, um sie in ihren mannigfaltigen Ausprägungen zu erhalten.

Hinsichtlich der Art der Dialektpflege spielen folgende sprachliche Faktoren eine elementare Rolle:

- Basisdialekte originärer Prägung in ihrer puristischen Reinform existieren nur mehr äußerst selten.
- Vielmehr vollzieht sich zunehmend ein Wandel hin zu großräumigeren Ausgleichssprachen, so genannten Regiolekten.
- Dies gilt vor allem für die dialektale Lexik, von der viele Bereiche nicht mehr aktiv in Gebrauch sind, weil die damit bezeichneten Gegenstände, Verhaltensmuster, Denkweisen usw. obsolet geworden bzw. verschwunden sind. Dies betrifft in erster Linie die junge Generation.
- Vor allem in den Metropolen bzw. Ballungszentren spricht deshalb nur mehr ein bestimmter Teil der Bevölkerung Dialekt.
- Dazu kommt, dass das Zeitalter der Globalisierung zu immer mehr Internationalisierung, Vereinheitlichung und damit auch sprachlicher Nivellierung führt.

Trotz der offensichtlichen Notwendigkeit von Dialektpflege wird jedoch ein jeder, der sich sowohl theoretisch als auch praktisch näher damit beschäftigt, alsbald erkennen, dass das, was man darunter subsumiert, einer gewissen Ambivalenz nicht entbehrt.

So heterogen sich die polyseme Begriffskomponente „-pflege“ bzw. das Verb „pflegen“ präsentieren, so vielschichtig erweisen sich auch die Aktivitäten, die auf dem Gebiet der Dialektpflege durchgeführt werden. Die semantische Bandbreite des Begriffs reicht laut Duden von „sorgendes Bemühen um einen Kranken“ über „Erhalt eines guten Zustands“ bis hin zu „Förderung oder Aufrechterhaltung von etwas Geistigem“. Je nach Selbstverständnis, Standpunkt und Perspektive ergibt sich daraus jeweils eine bestimmte Zielsetzung, die in entsprechende Maßnahmen mündet.

Von den aufgeführten Bedeutungsvarianten wird jedoch keine dem, was Dialektpflege heutzutage in einem gesellschaftlichen und schulischen Rahmen intendieren sollte, in umfassender Weise gerecht. Deshalb bedarf es einer übergreifenden und erweiterten Definition von „Pflege“, und zwar einer Definition, die zum einen die Aspekte der „Sorge“, des „Erhalts“ und der „Förderung“ vereint und zum anderen jene des „Stärkens“ und „Aufwertens“ hinzufügt. Dadurch soll zum Ausdruck gebracht werden, dass es nicht nur darum geht, den Dialekt zu bewahren, sondern vor allem auch darum, ihm in der Wahrnehmung der Menschen nachhaltig die Bedeutung einer der Hochsprache in manchen Bereichen ebenbürtigen Sprachvarietät des Deutschen zuzuweisen.

Dies ist jedoch nur erreichbar, wenn bezüglich der Vorstellung von zeitgemäßer Dialektpflege sowohl wissenschaftstheoretisch und programmatisch als auch praxisbezogen und pragmatisch eine Plattform gegeben ist, die es einerseits ermöglicht, die bestehenden Ausprägungen und Strömungen einzuordnen, und andererseits das Fundament für eine Neuorientierung bietet.

Prinzipiell ist festzuhalten, dass Dialektpflege – als Ganzes betrachtet – heutzutage auf gesellschaftlichem und schulischem Gebiet mit der Absicht betrieben wird, a) den Dialekt zu erhalten, b) auf ihn aufmerksam zu machen, c) ihn im Bewusstsein der Menschen zu verankern, d) seinen Stellenwert zu stärken und e) ihn für bestimmte Zwecke zu nutzen.

Das Bestreben, sich der Mundarten in besonderer Form anzunehmen, ist jedoch nicht neu; die ersten Anfänge gehen bis in das 18. Jahrhundert zurück. Von einer gezielten Dialekt-Pflege im ureigensten Sinn des Wortes konnte jedoch damals nicht die Rede sein. Diese setzte erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit der Gründung von Vereinigungen ein, die sich die Pflege der Dialekte dezidiert auf ihre Fahnen schrieben. Deren konservative Zielsetzung bestand und besteht in vielen Fällen darin, die Mundarten in ihrer tradierten Reinform zu erhalten. Es dauerte jedoch bis zum Ende der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts, bis auch die Sprachwissenschaft erstmals die Veranlassung sah, sich mit Dialektpflege eingehender zu befassen, und zwar in der Person von Prof. Dr. Albrecht Greule von der Universität Regensburg. Die erste explizite Definition von „Dialektpflege“ wiederum datiert aus dem Jahr 1984 von Daniel Erich Weber und lautet: „Mundartpflege kann begriffen werden als ein Versuch, eine bedauerte Abweichung der Mundartwirklichkeit von einem Mundartideal zu beseitigen.“

Diese Art der Dialektpflege wird gemeinhin als „Basisdialektpflege“ oder als „alte Dialektpflege“ bezeichnet. In ihrer extremen Form zielt sie einzig und allein darauf ab, ein überkommenes Mundartideal am Leben zu erhalten.

Die sich nicht selten daraus ergebende eher nostalgisch-folkloristische Dialektpflege findet zwar stets ihr Publikum, sie wirkt aber unter dem Aspekt einer dialektpragmatisch orientierten Neuausrichtung kontraproduktiv: Erstens wird sie dem dialektalen Status quo nicht gerecht; zweitens trägt sie dazu bei, die negativen Klischees, die dem Dialekt seit jeher anhaften, am Leben zu erhalten; darüber hinaus ist sie damit den Bestrebungen abträglich, den Dialekt als gleichberechtigte Sprachvarietät des Deutschen und als Wert an sich öffentlich breit angelegt zu vermitteln; und schließlich ist sie nicht dazu angetan, die eigentlichen Adressaten einer neuzeitlichen bzw. fortschrittlichen Dialektpflege, nämlich die junge Generation, die sich vor allem lexikalisch von den Basisdialekten herkömmlichen Zuschnitts weit entfernt hat, zu motivieren, sich mit ihrer Mundart in der intendierten Form auseinanderzusetzen.

Der Anspruch einer Neuausrichtung, die diesem Traditionalismus entgegensteht, bedingt eine neue Sichtweise der Dialekte und, als Konsequenz, eine neue Sichtweise von Dialektpflege.

Dort, wo dies nicht der Fall ist, führt diese sich selbst ad absurdum, denn eine Pflege, die sich allein dem Ideal des basisdialektalen Bewahrens verschreibt, macht den Dialekt zum musealen Exponat, der im öffentlichen Bewusstsein nur mehr als Relikt vergangener Zeit wahrgenommen wird und nicht als lebendige Sprachvarietät des Deutschen. Dazu kommt, dass die entsprechenden Aktivitäten nicht selten auf die Ebene der Tümelei, der Pseudofolklore und des Klamauks abgleiten, auf der der Dialekt zwangsläufig mit dem Image der heilen Welt, des Altbackenen, der meist sehr diffus wahrgenommenen „guten alten Zeit“ und der Derbheit identifiziert wird.

Weder der Erhalt des Dialekts und schon gar nicht seine Revitalisierung lassen sich durch eine solche Vorgehensweise verwirklichen. Eher wird man das Gegenteil davon erreichen. Wessen es vielmehr bedarf, ist eine neue, eine zeitgemäße Dialektpflege, die folgende Eckpfeiler aufweist: a) als sprachliche Plattform den gegenwärtigen Zustand des Dialekts und nicht einen idealisierten Basisdialekt und b) als Ziel die Erkenntnis bezüglich des Werts und Stellenwerts des Dialekts als eigenständige Sprachvarietät mit einem in sich geschlossenen Sprachsystem und nicht ausschließlich nur dessen Erhalt in einer wie immer gearteten Reinform.
Dialektpflege kann man eben heutzutage nun einmal nicht mehr mit Begriffen wie „Reinheit“ und „Schutz“ bzw. „Bewahren“ besetzen, denn diese implizieren etwas Absolutes, Unverrückbares und Unveränderliches. Damit stehen sie diametral genau jenem Prozess entgegen, dem der Dialekt, genauso wie andere Varietäten und Sprachen auch, unterworfen ist, nämlich einem steten Wandel, ausgelöst durch Faktoren wie Mobilität und Heterogenität der Gesellschaft, soziale Verwerfungen nach oben und unten, Schulbildung, Steigerung des kulturellen Niveaus, Urbanisation, Einfluss der Massenmedien und Sprachprestige.

Dieser Prozess ist kein Sprachverfall und grundsätzlich auch nichts Bedrohliches, wie manche Sprachfundamentalisten glauben machen, sondern etwas Natürliches und Zwangsläufiges. Deshalb führt sich eine Dialektpflege, die ihn ignoriert, selbst ad absurdum, indem sie sich der Realität entzieht und einem Ideal verschreibt, das den Charakter eines sprachlichen „Biotops“ oder einer sprachlichen „Insel“ besitzt. Erst wenn sie Veränderungen akzeptiert und dadurch eine andere Sichtweise und Position einnimmt, wird sie flexibler und offen für neue Formen und Aktivitäten und hat die Chance, eine größere Aufmerksamkeit, Resonanz und Breitenwirkung zu erzielen. Grundlage dafür sind das entsprechende Bewusstsein sowie die Kenntnis der Veränderungen, und die Basis dieser Grundlage liefert die Dialektologie durch ihre Forschungen.

Aus diesem Verständnis heraus hat sich im Kontext des vom Verfasser gegründeten und geleiteten „Oberviechtacher Dialektprojekts“ eine Definition von zeitgemäßer Dialektpflege entwickelt, deren Kernaussagen folgendermaßen lauten:

1. Dialekt und Standardsprache sind eigenständige gleichwertige und gleichberechtigte in sich geschlossene Varietäten des Deutschen.

2. Dieses Bewusstsein bezüglich des Eigen- und Stellenwerts der Mundart soll in einem gesellschaftlichen und schulischen Umfeld auf ernsthafte und sinnvolle Art und Weise vermittelt werden.

3. Diese Vermittlung erfolgt durch vielfältige zielgerichtete und abwechslungsreiche Maßnahmen.

4. Grundlage dieser Dialektpflege ist das Wissen um und über den Dialekt.

5. Im Mittelpunkt der Bemühungen steht der Adressat, d. h. der Dialektsprecher, und nicht in erster Linie (ausschließlich) seine Sprache, d. h. der Dialekt.

6. Gegenstand der „Fürsorge“ ist der dialektale Status quo in seiner jeweiligen und individuellen Ausprägung und nicht ein antiquiertes überkommenes Mundartideal.

7. Ziel von Dialektpflege ist Dialektloyalität, d. h. die positive Einstellung zu und der (reflexive) unbefangene und selbstbewusste Umgang mit dem eigenen Idiom.

8. Die Vermittlung dieser Haltung darf keineswegs apodiktisch-normativ erfolgen, sondern unter Berücksichtigung der individuellen sprachlichen Situation des Adressaten.

9. Im Idealfall führt dies zu einem Verständnis, den Dialekt als eine weitere Möglichkeit sprachlicher Ausdrucksfähigkeit in entsprechenden Situationen zu sehen.

10. In diesem Sinne stellt er eine Bereicherung dar und sollte keineswegs mehr mit dem Ruch des Altmodischen, Derben und Minderwertigen, kurzum einer „Abart des Deutschen“, behaftet sein, der ihm zu Zeiten der von dem Engländer Basil Bernstein ausgelösten unseligen Sprachbarrieren-Diskussion übergestülpt wurde.

11. Damit könnte und sollte – im Idealfall – eine möglichst flächendeckende Förderung, Stärkung und Aufwertung des Dialekts allgemein erreicht werden.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Dialektpflege zu Beginn des 21. Jahrhunderts darauf abzielen sollte, den Dialektsprechern ein Gefühl des Selbstbewusstseins ihrem Idiom gegenüber zu vermitteln und damit die Position des Dialekts insgesamt zu stärken. Eine solche Dialektpflege kann jedoch nur dann Erfolg haben, wenn sie von realistischen, moderaten und pragmatischen Kriterien geprägt ist.

Der wesentliche Unterschied dieses Ansatzes im Vergleich zur Basisdialektpflege besteht – kurz gesagt – darin, dass nicht mehr nur und zwar ausschließlich der Dialekt im Mittelpunkt der Bemühungen steht, sondern auch und vor allem der Dialektsprecher. Diesem das Gefühl zu vermitteln, dass seine Mundart als Sprachvarietät in bestimmten Situationen denselben Stellenwert besitzt wie die Hochsprache, dass sie dadurch ein Plus an sprachlicher Ausdrucksfähigkeit sowie eine Bereicherung und keinesfalls einen Makel darstellt und dass er sie mit selbstbewusster Überzeugung verwenden sollte, ist das Ziel dieser neuen Dialektpflege. Diese Neuausrichtung kann man als „sprecherorientierte Dialektpflege“ bezeichnen.

Jedoch kann eine solche Dialektpflege nur dann Erfolg haben, wenn man den Wandel als ein konstituierendes Merkmal gegenwärtiger Dialektlandschaften akzeptiert, denn eine Dialektpflege, die sich am Sprecher orientiert, muss sich auch an dem Status quo seiner Sprache orientieren. Alles andere wäre antiquierter Sprachpurismus. Eine weitere Prämisse lautet, dass eine solche Dialektpflege nur mehr dort Sinn macht, wo es die grundsätzlichen sprachlichen Gegebenheiten zulassen, d. h. in Regionen, in denen die dialektalen Verhältnisse noch relativ stabil sind und der Anteil der Dialektsprecher noch relativ hoch ist. In den kosmopolitischen Metropolen erweist sie sich – zugegebenermaßen – wohl als Kampf gegen Windmühlen.

Unterstützt und flankiert wird dieser Ansatz einer zeitgemäßen Dialektpflege von den Erkenntnissen der Varietätenlinguistik und der Gehirnforschung. Diese liefern – vor allem im schulischen Bereich – sowohl die Rechtfertigung als auch die wissenschaftlichen Grundlagen für entsprechende zielgerichtete Aktivitäten. Das in diesem Zusammenhang entscheidende Schlagwort ist die so genannte innere Mehrsprachigkeit, d. h. die Fähigkeit des Wechsels zwischen verschiedenen Varietäten einer überdachenden Sprache, auch unter dem Schlagwort „Code-switching“ bekannt. Die auf diesem Gebiet gewonnenen Forschungsergebnisse – Stichwort: neuronales Netz – bilden vor dem Hintergrund einer Neubewertung und Aufwertung des Dialekts die Basis eines Perspektivenwechsels weg von der traditionellen Dialektpflege konservativer Prägung hin zu einer, die in die Zukunft weist.

Die Palette der positiven Beispiele einer zeitgemäßen Dialektpflege in Bayern ist so umfangreich wie vielfältig. Sie reichen von gesellschaftlichen und schulischen Einzelmaßnahmen bis hin zu groß angelegten Projekten wie dem „Unterfränkischen Dialektinstitut“ mit Sitz in Würzburg, das in seiner Zielsetzung und seiner Vielgestaltigkeit weit und breit seinesgleichen sucht. Arbeitskreise und Vereine sind genauso vertreten wie Kindergärten, alle Schularten und einige Universitäten. Die durchgeführten Aktivitäten sind so facettenreich wie originell, und inzwischen existieren auch auf dem publizistischen Sektor entsprechende Werke, wie etwa vom Verfasser (zusammen mit Siegfried Bräuer) der Leitfaden Dialektpflege in Bayern. Ein Handbuch zu Theorie und Praxis (2012), das Lesebuch zum Bayernbund-Projekt Freude an der Mundart (2014) sowie die Neuauflage der Handreichung Dialekte in Bayern des Kultusministeriums (2015).

Trotzdem bleibt – insgesamt gesehen – festzustellen, dass Dialektpflege bezüglich der zukünftigen lexikalischen, phonologischen, morphologischen und syntaktischen Entwicklung der Mundarten wohl nur sehr bedingt, d. h. allenfalls in einem beschränkten geographischen bzw. sozialen Umkreis, Einfluss nehmen kann. Diese hängt nämlich von Faktoren ab, die sich durch diesbezügliches Engagement und entsprechende Maßnahmen kaum steuern lassen.

Was hier nach resignativem Kulturpessimismus aussieht, ist mitnichten ein solcher, denn er würde ja die dargelegten Neuansätze und verheißungsvollen Aktivitäten völlig konterkarieren. Um dem Bereich der Dialektpflege in seiner vollen Tragweite gerecht zu werden, muss jedoch ein klarer Trennstrich gezogen werden zwischen den Gebieten, die sich ihrem Einfluss zwangsläufig entziehen, und jenen, in denen sie tätig werden und Erfolge erzielen kann. Alles andere wäre entweder Unkenntnis bzw. Verkennung der Sachlage oder Zweckoptimismus.

Deshalb muss einer praxisbezogenen Dialektpflege vor allem die Einsicht zugrunde liegen, dass keine auch als noch so wertvoll empfundene Form von Sprache künstlich in einem bestimmten Erscheinungsstadium konserviert werden kann, wenn sie in der alltäglichen zwischenmenschlichen Kommunikation nicht in der Lage ist zu überleben. Wie in anderen Teilbereichen der Heimatpflege hat man es hier nämlich nicht mit etwas Statischem zu tun, sondern mit einem Element von individuell-persönlicher Natur, das aufgrund seiner Lebendigkeit und Kreativität vielfältigen Einflussbereichen ausgesetzt ist und dadurch nur bedingt aktiv beeinflussbar ist.

Worin eine moderne Dialektpflege jedoch ihre zentrale Aufgabe sehen muss, ist, die Sprachvarietät „Dialekt“ allgemein als zusätzliches sprachliches Register, als Kulturgut, als Identitätsfaktor mit einer zeitlosen Wertigkeit und als Bereicherung stärker in den Fokus der Menschen zu rücken, um ihr in der Öffentlichkeit zu mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu verhelfen.

Deshalb ist in diesem Zusammenhang die Betonung des Attributs „modern“ so wichtig, um die Mundart von ihrem Image des Altbackenen, Verstaubten und Hinterwäldlerischen zu befreien und sie als Sprachvarietät, die man in situativen kommunikativen Kontexten anlass- und adressatenbezogen einsetzt, „fit“ für das 21. Jahrhundert zu machen.

Um die angesprochenen Ziele zu realisieren, müsste sich allerdings in Bezug auf die momentane Dialektpflege-Praxis noch einiges ändern, und zwar im Sinne des Netzwerkgedankens in Richtung einer verstärkten Kooperation zwischen Dialektforschung und Dialektpflege sowie zwischen den dialektpflegerischen Einrichtungen, z. B. in Form einer regelmäßig abgehaltenen Tagung der bayerischen Dialektpfleger. Im Idealfall könnte sich daraus eine eigene wissenschaftliche Teildisziplin mit einer stringenten programmatischen Ausrichtung und entsprechenden Publikationen entwickeln.

Dialektpflege zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat nämlich nur dann den gewünschten Erfolg und macht deshalb nur dann wirklich Sinn, wenn sie nicht „im stillen Kämmerlein“ von einer kleinen Schar von Idealisten betrieben wird, sondern wenn sie breit angelegt ist, einen entsprechenden institutionalisierten Status besitzt, im Rahmen einer konzertierten Aktion flächendeckend und wissenschaftlich fundiert erfolgt sowie auf eine entsprechende Resonanz und Nachhaltigkeit ausgerichtet ist. Den dafür erforderlichen Reflexionsprozess und Perspektivenwechsel in Form entsprechender Maßnahmen und „Leuchtturmprojekte“ zu befördern und zu unterstützen, muss Aufgabe und Inhalt einer modernen Dialektpflege sein. Das exponierteste Beispiel dafür, das zurzeit auf gesamtbayerischer Ebene durchgeführt wird, stellt die Sparte „MundART WERTvoll“ im Rahmen der Initiative „Wertebündnis Bayern“ dar.

Dr. Ludwig Schießl, Oberviechtach