DEFIZITE BEI SCHULANFÄNGERN

Gestern war Einschreibung an den Grundschulen:

LEHRER STELLEN IMMER MEHR DEFIZITE BEI SCHULANFÄNGERN FEST

Philologenverband appelliert an elterliche Erziehungsverantwortung und plädiert für noch stärkeren Ausbau von Förderangeboten an Kindergärten und GrundschulenEine zunehmende Zahl von Kindern beginnt ihre Schullaufbahn mit deutlichen Defiziten im motorischen und sprachlichen Bereich; immer häufiger beobachten Grundschullehrkräfte auch Konzentrationsschwierigkeiten. Diese sich seit Jahren bundesweit zeigende Entwicklung hat sich auch bei der gestrigen Einschreibung zur Einschulung an den bayerischen Grundschulen bestätigt. Wortschatz und Ausdrucksfähigkeit der Kinder seien über die Jahre hinweg schlechter geworden, berichten erfahrene Grundschullehrkräfte, und es sei auch keine Selbstverständlichkeit mehr, dass alle Kinder auf einem Bein stehen oder rückwärts gehen können. – Defizite, die sich nach Beobachtung des Vorsitzenden des Bayerischen Philologenverbandes (bpv) Max Schmidt bis in die weiterführenden Schularten durchziehen, wenn Kindergarten und Grundschule nicht massiv gegenzusteuern vermögen.

Fachleute einig: Je später, desto schwieriger ist die Förderung
Wie viele andere Fachleute sieht daher der Leiter des Fachbereichs Pädagogische Psychologie der Universität Würzburg, Prof. Dr. Wolfgang Schneider, vor allen Dingen die frühe Kindheit als die entscheidende Phase zur Intervention an. „Da macht Förderung wirklich großen Sinn. Wenn man überhaupt grundlegende Defizite beheben will, etwa im Spracherwerb oder motorisch, dann muss das mit drei, vier oder fünf Jahren passieren. Je später man einsetzt, desto schwieriger wird eine Therapie“, betonte Schneider in einem Interview. „Sehr früh“, so Prof. Dr. Schneider, „ zeigen sich (...) die positiven Folgen der Kinder durch Beschäftigung und Spielen oder Mängel durch zu wenig Förderung. Bis zum vierten Lebensjahr wird anscheinend das meiste schon angelegt.“

Idee: Erstes statt letztes Kindergartenjahr kostenlos
Für den bpv-Vorsitzenden Schmidt ergeben sich daraus vor allen Dingen zwei Schlussfolgerungen: „Eltern sind die für die Kindesentwicklung entscheidenden, unersetzbaren Personen. Durch ihren spezifischen Umgang mit dem Kind von Geburt an bestimmen sie dessen weiteren Lebensweg ganz entscheidend mit – im Guten wie im Schlechten. Zu ihren grundlegenden Aufgaben gehört es, ihrem Kind emotionale Stabilität und grundlegende Fähigkeiten zu vermitteln. Dies kann nur durch persönliche Beschäftigung und Ansprache und liebevollen Umgang seitens der Eltern geschehen. Fernsehen und Computer sind dafür ungeeignet. Auch Kindergarten und Schule sind kein Ersatz-Elternhaus, Erzieher und Lehrer kein wirklicher Elternersatz. Dennoch gilt: Insbesondere in Kindergarten und Grundschule muss alles dafür getan werden, benachteiligte Kinder zu fördern und festgestellte Defizite zu beheben. Um möglichst früh schon alle Kinder begutachten und gegebenenfalls gezielt fördern zu können, sollten die Regierungsparteien darüber nachdenken, das erste statt des letzten Kindergartenjahres kostenlos zu stellen. Und die Staatsregierung sollte sich überlegen, an allen Kindergärten und Grundschulen nachmittägliche, qualifizierte Förderangebote anzubieten und deren Besuch für Kinder mit festgestelltem Förderbedarf obligatorisch zu machen. Machbar ist das natürlich nur mit genügend qualifiziertem Personal, das man angemessen bezahlen muss.“